Noir endlich

© Polar

Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn sich unausgesprochene Wünsche erfüllen. So geschehen im Januar 2015, als der zum damaligen Zeitpunkt noch relative junge Polar Verlag Ray Banks‚ Standalone „Dead Money“ auf den deutschen Buchmarkt warf – wo dieses, wie leider so viele andere Titel aus Wolfgang Franßens erlesenen Ensemble, trotz vielfacher, guter Feuilletonkritiken keinen größeren Eindruck hinterlassen konnte.

Mir war es letztlich gleich, hatten doch Schriftsteller-Kollegen wie z.B. Ian Rankin ihn in Interviews zu oft und zu sehr gelobt, um ihn links lassen zu können. Mehr noch: Banks, wie Rankin ein echter Fifer und damit auf dem Edinburgh gegenüberliegenden Ufer des Firth of Forth aufgewachsen, gilt in Schottland bereits seit längerer Zeit als absoluter Kult-Autor. Eine Übersetzung war also mehr als überfällig, wiewohl es wenig verwundert, dass auch dieses literarische Produkt aus dem Land des Whisky erst mit einiger Verzögerung den Weg zu uns gefunden hat. Ein Schicksal, das sich Banks ebenfalls mit Rankin teilt. Wenngleich wir schnell dabei sind, noch den x-ten Bretagne-Krimi zeitnah zu veröffentlichen und in Massen auf den Buchhandlungstischen zu platzieren – den Norden des Vereinigten Königreichs rückt man hierzulande im Bereich der Spannungsliteratur seit jeher weit weniger intensiv in den Fokus. Beste Gelegenheit also, diesen losen Faden hier aufzugreifen und Ray Banks die dringend benötigte und vor allem verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Ja, verdient, denn „Dead Money“, bereits schon mal im Jahr 2000 als Manuskript unter dem Namen „The Big Blind“ verlegt, gehört genau in die Kategorie Erstlingswerk, der man ihren Debütcharakter mal so rein gar nicht anmerkt. Stattdessen erwartet den Leser ein Parforce-Ritt in bester Noir-Tradition, welcher zwar sichtlich von Banks großen Vorbildern beeinflusst ist und doch in seinem ganz eigenen Stil daherkommt. Worum geht es:

Gute Miene zum bösen Spiel – das ist Alan Slaters Lebenseinstellung. Während er am Tage mit steinhartem Grinsen Doppelglasfenster an widerwillige Kunden vertickt, flüchtet er des Nachts vor der ungeliebten Frau in die dreckigsten und dunkelsten Spielhöllen von Manchester. Stets an seiner Seite: Sein bester, weil auch irgendwie einziger Freund Les Beale. Ein Choleriker der schlimmsten Sorte, welcher bereits in den meisten Pubs und Casinos der Stadt Hausverbot hat, nichtsdestotrotz aber weiter seinen Traum vom großen Jackpot lebt und dafür auch bereit ist, sein Glück zu erzwingen. Zum Leidwesen von Alan, der wegen Les‘ losem Mundwerk immer wieder in Schwierigkeiten gerät und seinem trostlosen Dasein mittels einer Affäre mit der jungen Studentin Judy zu entfliehen versucht. Es bleibt jedoch beim Versuch, denn die gute Judy ist zwar leicht zu haben, aber finanziell anspruchsvoll und die Liaison somit kostspielig. Als Les ihm von einem geheimen Poker-Turnier mit garantiertem Gewinn erzählt, nimmt Alan dennoch Abstand. Die Sache ist ihm zu heiß. Und er soll mit seinem Argwohn Recht behalten.

Die sichere Sache ist in Wirklichkeit ein abgekartetes Spiel. Statt auf einem Pott von Geld sitzt Les am Ende auf einer Leiche. Nur Alan kann noch helfen, der sich tatsächlich dazu überreden lässt, den Körper im Kanal bei Salford zu versenken. Eine folgenschwere Entscheidung, denn die Entsorgung verläuft nicht ohne Probleme – und Les Geldschulden bringen sie ins Blickfeld eines hiesigen Gangsters, zu dessen Stärken Geduld nicht gehört …

Dead Money“ – Das ist in erster Linie ein Roman über Kontrollverlust. Ein Kontrollverlust, den Alan Slater zwar bis zum bitteren Ende leugnet, der ihn aber letztlich unaufhaltsam Richtung Abgrund zieht, beschleunigt doch jede getroffene Entscheidung nur den freien Fall, in dem er sich befindet. Eine Tatsache, die Slater ebenso beharrlich ignoriert, wie jegliche Parallelen zu Les Beale, für den er sich in Kollegenkreisen oder bei seiner Frau immer wieder entschuldigt.

(…) „Ich war erledigt. Zeit für was Neues: Ich sollte aufhören, so viele verdammt bescheuerte Risiken einzugehen. Ich hatte mich zu lange von Beale runterziehen lassen und dem ganzen Rest. Ich musste Abstand gewinnen und mir meine Prioritäten klarmachen. Wieder Kontrolle über mein Leben kriegen.“ (…)

Doch sein Versuch Abstand zu gewinnen, er ist bestenfalls halbherzig, denn in Wirklichkeit braucht er das Risiko und die Aufregung, sind sie schließlich das Einzige, was Abwechslung in sein eintöniges Leben bringt, das wiederum vollkommen von Materialismus geprägt ist. Gewinn, Umsatz, Zahlen – Alles dreht sich um Geld. Ein Hauen und Stechen, das alle Beteiligten zu dumpfen Automaten abstumpfen lässt. Menschlichkeit ist nur noch eine Fassade, ein Mittel zum Zweck – ein falsches, schales und liebloses Lächeln, hinter dem sich nichts als Leere verbirgt und das Slater selbst zuhause nicht mehr ablegen kann. Ein Ort, den er ohnehin nur so lange wie notwendig aufsucht, um sich möglichst schnell wieder ins dunkle Nachtleben zu stürzen und damit unbewusst seine eigene Demontage voranzutreiben. Banks schildert dies im weiteren Verlauf zunehmend drastischer und drückt das Gaspedal für das Erzähltempo bis aufs Bodenblech, wobei er seinen Protagonisten auf der Strecke in jede noch so kleine Leitplanke knallen lässt.

Es ist dabei mehr als nur offensichtlich, dass in Alan Slater ein gehörige Portion Ray Banks steckt, der selbst eine Zeitlang Doppelglasfenster an den Mann gebracht und sogar als Croupier in einem Casino in Manchester gearbeitet hat – zumindest bis zu dem Moment, als eine Gruppe Männer mit einem Auto durch den Eingang rauschte, um dieses auszurauben. Und auch der exzessive Alkoholgenuss ist mitunter zu plastisch geschildert, als das Banks da nicht selbst seine Erfahrungen mit gehabt hätte. Möglicherweise geprägt durch seine literarischen Vorbilder wie James M. Cain, Jim Thompson, Hubert Selby, Ken Bruen oder Charles Willeford (Banks Carl-Innes-Reihe ist durchaus als Hommage an Willefords Hoke-Moseley-Quartett zu verstehen), welche er in jungen Jahren verschlang und die ihn letztlich auch dazu inspirierten sein Studium von Kunst und Theaterwissenschaft hinzuschmeißen – und von Coventry in die Industrie-Stadt Manchester zu ziehen. Das passende Pflaster für einen Roman wie „Dead Money“, der in der Tat von seinem Schauplatz und von Banks stilsicheren Gespür für Sprache lebt.

Die ist mitunter äußerst dreckig und hart, aber vor allem bar jeglicher künstlicher Ausschmückungen. Banks verzichtet auf größeres Personal oder komplexere Handlungsebenen und treibt stattdessen den Plot geradlinig dem Ende entgegen, dessen Ich-Erzähler als dramaturgische Abrissbirne alles auf seinem Weg zum Einsturz und den Leser damit an seine Grenzen bringt. Banks steht hier in nichts seinen Idolen nach, weiß die Elemente des Noirs zielgenau und vor allem literarisch ansprechend und leidenschaftlich in Szene zu setzen. Die ganze Ausweglosigkeit von Alan Slaters Situation – sie ist nichts geringeres als mitreißend und lässt uns, trotz fehlender Sympathiepunkte des Erzählers, dann am Ende auch ironischerweise mitfühlen. Wenn dieser zum x-ten Mal seine Rennie-Tabletten mit Alk tränkt, kommt man nicht umhin, selbst ein Magengrummeln zu empfinden. Nein, dieser ganze Scheiß, er kann schlicht nicht gut ausgehen. Da helfen auch keine Säureblocker mehr. Doch selbst das sichere Wissen, dass dem so ist, hält nicht davon ab, die Seiten fester zu packen und diese in zunehmender Geschwindigkeit zu verschlingen.

Dead Money“ ist ein lautstarker, nihilistischer Abstieg in den Sündenpfuhl Manchester. Eine Reise ohne Wiederkehr und ein Noir reinsten Wassers, hochklassig in seiner Präsentation und mit genau dem richtigen Maß an anarchistischem Wahnsinn zu Ende gebracht. Ein Ende, welches keinerlei Illusionen mehr übrig lässt und für Alan Slater vor allem eins nochmal eindringlich verdeutlicht:

Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Ray Banks
  • Titel: Dead Money
  • Originaltitel: Dead Money
  • Übersetzer: Antje Maria Greisiger
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 01/2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 220 Seiten
  • ISBN: 978-3945133255

… und dann kommt die Wut.

9783945133064_1439818552000_xl

© Polar

 Für mich ist dieser Verlag eine der Entdeckungen des letzten Jahres – Polar. Und das nicht nur wegen Sonja Hartls grandiosen Beiträgen auf „Polar Noir“ oder der Gazette, sondern vor allem aufgrund des überzeugenden Programms in Form von lang ersehnten Wiederveröffentlichungen – zuletzt geschehen mit „Cutter and Bone“ von Newton Thornburg – sowie  Neuentdeckungen aus „der Literatur der Krise“, wie z.B. der Autor Gene Kerrigan. Mit „In der Sackgasse“ ist inzwischen schon ein weiteres Buch von dem irischen Schriftsteller bei Polar erschienen – Zeit also, sich ihm mal näher zu widmen und dem mit dem „Gold-Dagger“ prämierten Titel „Die Wut“ einer Analyse zu unterziehen.

„„Wolfgang Franßen ist Theaterregisseur und hat das Leiden und die Freuden an der Kritik am eigenen Leib erfahren. Seit ein paar Jahren widmet er sich der Kriminalliteratur und findet viele Parallelen zwischen dem Geschehen auf der Bühne und der Welt des Verbrechens. Vor allem fasziniert ihn das Anarchische am Krimi, der so wild wuchert, dass er nicht in den Griff zu bekommen ist.

Obwohl, wie ich selbst, schon seit einiger Zeit nicht mehr als Redakteur auf der Internetseite www.krimi-couch.de tätig, ist dieser Text – welcher nicht nur meinen ehemaligen Kollegen, sondern auch sein heutiges Wirken treffend beschreibt – noch immer in der Rubrik „Das Team“ nachzulesen. Wie weit Franßens Gedanken, einen eigenen Verlag für Kriminalliteratur aus der Taufe zu heben, schon damals gediehen waren, kann ich persönlich zwar nicht beurteilen – Fakt ist aber: Das wild wuchernde, anarchische Element des Krimis – es könnte gleichzeitig als Leitpfaden für das Programm des Anfang 2013 in Hamburg eingetragenen Polar-Verlags herhalten. „Die Literatur der Krise, die Poesie des letzten Aufschreis, die Gewalt und die Hetze, der Aufbruch und das Sterben“ – sie sind Franßens eigenen Worten zufolge genau das, was den Polar ausmacht. Und Gene Kerrigans Kriminalroman „Die Wut“, mit dem Gold-Dagger-Award 2012 ausgezeichnet, demnach eine mehr als nur folgerichtige Veröffentlichung.

Kerrigan, Journalist aus Dublin, der seit den 70er Jahren politische Beiträge mit dem Fokus Irland für Zeitungen wie den Sunday Independent verfasst und mehrere Sachbücher, u.a. über die Polizeiarbeit, schrieb, hat hier all seine früheren Tätigkeiten in einem Noir reinsten Wassers vermischt, der sich schon nach wenigen gelesenen Seiten als große Entdeckung meines diesjährigen Lesejahrs erweist – und deutlich unterstreicht, was das Genre Kriminalliteratur, neben der kurzweiligen und oft vor allem kurz währenden Unterhaltung, noch zu leisten imstande ist, wenn die richtige Hand die Feder führt. Die Handlung sei an dieser Stelle kurz „angeteasert“:

Irland kurz nach der Finanzkrise. Die einst reichlichen Geldvorräte der Stadt Dublin sind erschöpft, Grundstückswerte sind gefallen, tausende neuer Häuser bleiben leer oder unfertig. Jobs sind verschwunden, Fabriken und Unternehmen wurden geschlossen. In diesem Klima enttäuschter Hoffnungen und geplatzter Träume passt der Mord an einem korrupten Banker schon fast ins Bild. Dennoch kommen die Ermittlungen der Polizei nur schleppend voran, bis man plötzlich auf Parallelen mit einem früheren Fall stößt. Die Tatwaffe wurde bereits bei einem anderen Mord benutzt, weshalb man Bob Tidey, Detective Sergeant bei der Dubliner Garda und damals verantwortlich, hinzuzieht. Doch der unangepasste Cop hält nicht viel von Teamwork oder den üblichen Dienstwegen und geht schnell eigene Wege, wobei er ein ums andere Mal seine Kontakte zur kriminellen Unterwelt der Stadt nutzt, um an Informationen zu gelangen, was wiederum seine Vorgesetzten nicht gerne sehen. Überhaupt führen ihnen viel zu viele Spuren in höhere Wirtschafts- und Politikerkreise. Und ein Skandal kann das Land, das allerorten medienwirksam Patriotismus und Zusammenhalt propagiert, derzeit überhaupt nicht gebrauchen, weshalb die Akte kurzum geschlossen, der widerspenstige Tidey in den Zwangsurlaub gesteckt wird.

Zur gleichen Zeit plant der erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassene Vincent Naylor einen raffinierten Raub auf einen Geldtransport, bei dem, neben zwei weiteren Komplizen, auch sein Bruder Noel eine wichtige Rolle spielen soll. Und es scheint, als würde sich die lange Vorarbeit auszahlen, denn die Durchführung läuft reibungslos, bis Noel und sein Partner am Fluchtwagen von einem Spezialkommando der Polizei gestellt und beim Zugriff erschossen werden. Maura Coady, Nonne und in jungen Jahren Erzieherin in einem Waisenhaus der katholischen Kirche, hatte das Auto die letzten Tage beobachtet und schließlich Bob Tidey davon unterrichtet, der, vorläufig suspendiert, nun privat aktiv werden muss, denn der jähzornige Vincent sinnt auf Rache für seinen toten Bruder. Bei seinem systematischen Feldzug gegen alle, die in seinen Augen Schuld am Tod Noels tragen, gerät schließlich auch Maura ins Visier, deren Beteiligung von einem eifrigen Journalisten genauso öffentlich gemacht worden ist, wie ihre einstige Verwicklung im systematischen Missbrauchsskandal ihrer Kirche…

Schuld. Reue. Sühne. Nur ein paar der Eckpfeiler um die Gene Kerrigan seinen Kriminalroman aufgebaut hat, welcher mit den inzwischen üblich gewordenen Trends des Genres gänzlich bricht und stattdessen konsequent in unserer Gegenwart verankert ist. Keine Forensik, Psychologen oder Tatortreiniger – „nur“ eine ehrliche, weil menschliche und nachvollziehbare Geschichte, die uns gerade durch das unmittelbare Element und den ernsten Umgang mit Themen wie grundsätzlicher Moral oder gesellschaftlicher Verantwortung in den Bann zu ziehen weiß. Den belehrenden Fingerzeig, den Enthüllungsjournalisten Kerrigan – ihn sucht man, auch zwischen den Zeilen, vergeblich. „Die Wut“ sieht sich ganz in der Tradition der klassischen „Hardboiled“-Vorbilder, nutzt seine Figuren als Überbringer einer Botschaft, welche ein jeder für sich selbst anders verstehen oder interpretieren wird, in den meisten Fällen aber direkt den Finger in die Wunde legt. Die Grenze zwischen Idealismus und Pragmatismus, zwischen Gerechtigkeit und Verbrechen – sie ist die Grauzone in der sich nicht nur Bill Tidey, Vincent Naylor und auch Maura Coady bewegen.

Kerrigan hat eine düstere Welt gezeichnet. Eine Welt voller Risiken und weniger Skrupel, in der ein Schritt in die falsche Richtung ins Dunkel führen kann, in der das Schicksal grimmig, kalt und unerbittlich, in dem Patriotismus nur ein hohler und schaler Begriff ohne Inhalt ist. Eine Welt, in der Pflichterfüllung mehr mit fehlendem Antrieb oder Ambitionen als mit wirklicher Erfüllung zu tun hat. Oder um präziser zu werden: Unsere Welt. Und das ist der Punkt, in dem sich „Die Wut“ von der austauschbaren Masse des Mainstreams abhebt, an Relevanz gewinnt. Der Plot ist kein „Was-wäre-wenn“-Szenario, keins dieser weiteren, bemühten Werke, in die man der Ablenkung wegen abtaucht, um sie anschließend zufrieden und gesättigt zur Seite zu legen. Stattdessen finden wir uns der Mitte von Personen wieder, dessen Charakterzüge und Fehler wir ebenfalls teilen, wodurch nicht nur das eigentliche kriminalistische Element sein Alleinstellungsmerkmal verliert, sondern auch wir plötzlich von der Lektüre mehr verlangen, mehr erwarten. Und Kerrigan liefert, wenn auch unterschwellig, Antworten und Erklärungen, zeigt mittels seiner Figuren, das die Wut keine gesellschaftlichen Schichten kennt. Ohnmacht, Hilflosigkeit oder persönliche Bürden – sie betreffen alle gleichermaßen. Lediglich die Mittel, um mit ihnen klar zu kommen, sind unterschiedlicher Natur. Was für den einen die Reue, ist für den anderen die Rache. Wo die eine Person resigniert, schreitet die andere zur Tat.

Es ist lange her, dass mich ein Autor so clever und vor allem derart stilsicher zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit gewissen Fragen „gezwungen“, mich ein „Noir“ neben meiner üblichen nostalgischen Liebe zu diesem Genre auch auf gefühlsmäßiger Ebene so angegriffen hat. Und vielleicht gerade weil der „Wohlfühlfaktor“ dieser Lektüre gen Null tendiert, bleibt „Die Wut“ nachhaltig in Erinnerung. Interessant dabei: So verheerend die Auswirkungen der Finanzkrise und der geplatzten Immobilienblase für Irland, und insbesondere für Dublin, sind – Kerrigan widmet sich doch (ich denke, auch zu unserem Vorteil) wenig konkret dieser Thematik, enthält dem Leser eine genauere Erklärung der Ursachen vor und zeigt in erster Linie die Situation danach. Und die scheint sinnbildlich für die Richtigkeit von Gandhis einstigem Zitat zu stehen: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Ehemalige Banker oder andere Geschäftsmänner sind längst wieder an die Futtertröge der Finanzpolitik zurückgekehrt, nehmen Einfluss auf polizeiliche Aktivitäten oder versuchen in der Unterwelt gewinnbringend Fuß zu fassen. Das Rad des Geldes – es dreht sich unvermindert weiter.

Die Wut“ – das ist auch ein klares Statement des Polar-Verlags, wohin die Reise in Zukunft gehen soll. Bleibt man sich dieser Richtung treu, kann ich nur konstatieren: Sie mag zwischen den Buchdeckeln oft düster und kalt daherkommen, für uns Leser ist sie wahrhaft rosig. Großes Kompliment für die gelungene Übersetzung eines in allen Belangen überzeugenden Kriminalromans, den ich mit Freuden weiterempfehlen werde. Auf weitere Werke aus Kerrigans Feder darf gespannt gewartet werden.“

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Gene Kerrigan

  • Titel: Die Wut
  • Originaltitel: The Rage
  • Übersetzer: Antje Maria Greisiger
  • Verlag: Polar
  • Erschienen: 8/2014
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 315
  • ISBN: 978-3-945133-06-4