Der Kreislauf der Scheiße

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© Fischer

“Rocco, wolltest du der Lady die Birne einschlagen? Vor zwanzig Jahren, als sie ein kleines Mädchen war, hab ich ihren Vater verhaftet, weil der ihren kleinen Bruder zu Tode geprügelt hat. Der Vater war ein echtes Stück Scheiße. Und jetzt ist sie erwachsen und ebenfalls ein echtes Stück Scheiße. Das Kind, das du heute Abend gerettet hast. Wenn es lange genug lebt, wird es genauso ein echtes Stück Scheiße sein. Rocco, das ist der Kreislauf der Scheiße und du kannst nichts dagegen unternehmen. Also nimm die Sache nicht so schwer und mach deine Arbeit.”

Treffender als mit diesem Zitat lässt sich Richard Price‘ episches Werk „Clockers“, das im Jahr 1992 bereits unter dem wenig passenden Titel „Söhne der Nacht“ relativ unbeachtet auf Deutsch erstveröffentlicht wurde, kaum beschreiben bzw. wiedergeben. Und hoffentlich macht es gleichzeitig auch Appetit auf dieses große Stück Literatur, welches, von Peter Torberg hervorragend übersetzt, die üblichen Genre-Grenzen hinter sich lässt und irgendwo zwischen Gangsterroman und Milieustudie anzusiedeln ist.

Fakt ist jedenfalls: Schon lange nicht mehr hat ein Autor derart eindringlich und authentisch das Leben auf der Straße zu Papier gebracht, die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Verlierer der Gesellschaft so präzise in Worte gefasst. Schauplatz der 798 Seiten umfassenden Handlung ist dabei Dempsey, ein fiktiver Ort am Rande des Molochs New York Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre, in dem zwischen heruntergekommenen Sozialbausiedlungen die „Clockers“ ihrer Arbeit nachgehen – vorwiegend schwarze Dealer, die rund um die Uhr, ihre Kunden mit Stoff versorgen. Stets beobachtet von der „Fury“, einer Gruppe Cops, benannt nach ihrem Dienstwagen, welche nur darauf warten, dass jemand den Fehler macht sich mit Drogen erwischen zu lassen.

Kurzum: Das klang von vorneherein nach einem Roman, der mir nur liegen konnte. Umso überraschter war ich dann darüber, dass ich anfangs so gar nicht in die Story und den Rhythmus hineinfand. Letztlich war dies aber weder ersterem noch letzterem geschuldet, sondern vielmehr der Tatsache, dass in „Clockers“, besonders zu Beginn, unheimlich viel „The Wire“ steckt. Kein Wunder, hat doch Price die preisgekrönte TV-Serie von HBO maßgeblich geprägt und mitgestaltet, wobei dieser Roman, vor allem was die Zeichnung der Barksdale-Brüder betrifft, schon fast als erster Drehbuchentwurf zu verstehen ist. Das alles stand meinem Lesevergnügen etwas im Weg, zumal „The Wire“ zum Besten gehört, was ich bisher auf der heimischen Mattscheibe bewundern dürfte und die Parallelen oftmals in solchem Maße augenscheinlich sind, dass sich ein gewisses „Kenn-ich-doch-schon-alles“-Gefühl nicht gänzlich verdrängen lässt. Zu meinem Glück nimmt „Clockers“ aber alsbald eine ganz andere Richtung, ohne dabei auf den „Wire“-typischen Realismus zu verzichten.

Price, der seine Jugend selbst in der Bronx verbracht hat, greift mit einem präzisen Ohr für Dialoge auf eigene Erinnerungen zurück, weckt den Puls der damaligen Zeit perfekt getimt zum Leben. „Damalig“ muss hierbei hervorgehoben werden, merkt man den Roman doch aufgrund einiger Schilderungen (u.a. die Benutzung von Piepern zur Verständigung unter den Dealern) das Alter deutlich an. Aber auch wenn sich einiges geändert hat, hat die grundsätzlich beschriebene Situation nichts von seiner Aktualität verloren. Das Leben auf den Straßen ist genauso hart, der Drogenfluss derselbe, die Hilflosigkeit der Justiz die Gleiche geblieben. Das Wort Hilflosigkeit ist im Zusammenhang mit dem von Price erfahrenen New York jedoch mit Vorsicht zu genießen, da nur wenige Justizbeamte das Problem des Drogenhandels unter diesem Aspekt angehen. Die meisten haben die Illusion vom Freund und Helfer längst hinter sich gelassen, sind mehr oder weniger selbst korrupt oder haben sich zumindest so mit der Situation arrangiert, das sie nachts beruhigt die Decke über den Kopf ziehen können.

Das gilt auch für Detective Rocco Klein, einem der zwei Hauptprotagonisten in diesem Roman, der mit Mitte 40 schon von der Pension träumt und, stets auf der Suche nach einer Spur Anerkennung, dem Sinn seiner Arbeit oder einem mit Glück verbundenen Erfolgserlebnis, seinen Job gleichermaßen hasst und liebt. Frei nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto macht er sich die Welt wie sie ihm gefällt, biegt er die Moral, um die eigene Besessenheit zu legitimieren, seine „Mission“ zum Abschluss zu bringen. Und diese heißt in Clockers: Ronald „Strike“ Dunham hinter Gitter bringen.

Der ist einer dieser schwarzen Clocker, welcher, von der Lehne einer Bank aus, die Verteilung des Stoffs überwacht und als „Offizier“ seines Bosses Rodney Little gleichzeitig für Botengänge jeglicher Art oder das Verschneiden der jeweiligen Ware zuständig ist. Doch der sensible, stotternde und gerade mal 19-jährige Junge hadert mit seinem Schicksal. Fortwährende Razzien der Cops denen oftmals die Demütigung einer ausgiebigen Leibesvisitation folgt, zerren an den Nerven von Strike, der zudem ein schlimmer werdendes Magengeschwür mit süßen Yoo-Hoos zu kurieren versucht. Immer wieder verliert er sich in Tagträumen, hofft auf eine bessere Zukunft, für die er spart, obwohl ihm tief in seinem Inneren klar ist, dass es kein Entkommen gibt, dass er der Gewalt des Drogenmilieus irgendwann zum Opfer fallen wird. Als ihn Rodney auffordert den konkurrierenden Dealer Darryl aus dem Spiel zu nehmen, muss sich Strike dennoch fügen. Widerwillig setzt er sich in Bewegung, nur um zu erfahren, dass sein Ziel bereits von jemanden anderem ausgeschaltet wurde. Und einen geständigen Täter gibt es bereits ebenfalls: Sein Bruder Victor.

Dessen Geständnis will Rocco aber nicht glauben. Vollkommen darauf fixiert, den seiner Ansicht nach Unschuldigen Victor vor der Verurteilung zu bewahren, etwas Nachhaltiges zu bewirken, setzt er alles daran, um Strike mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn auch Rodney Little fängt an am Wert seines „Offiziers“ zu zweifeln…

Geschmierte, selbstherrliche Cops. Verzweifelte, erbärmliche Drogensüchtige. Gleichgültige Sozialarbeiter. Desillusionierte Mütter und Väter. Richard Price‘ Bild von den Vororten New Yorks ist ein äußerst düsteres. Es zeigt einen Ort, wo die Sonnenstrahlen der Hoffnung niemals den Boden berühren, wo sich die Kreaturen von Hauswand zu Hauswand schleichen, jeder nur darauf bedacht, zu überleben. Price nimmt sich für seine Darstellung viel Zeit, gönnt der Handlung einige Pausen, um den Leser schlucken und verdauen zu lassen, denn gerade die Alltäglichkeit, die Beiläufigkeit des Beschriebenen ist es, die uns ans Herz geht und letztendlich auch in den Magen fährt. In „Clockers“ ist man stets mittendrin, Beteiligter anstatt Beobachter, wenngleich Price immer einen gewissen Abstand hält, um die Grenzen von Schwarz und Weiß nicht zu eindeutig zu ziehen. Und gerade dies ist ihm hervorragend gelungen. Selten waren die Konturen derart verschwommen, greifen Gut und Böse so ineinander über wie hier. Keine der Figuren taugt wirklich als Identifikationsfigur. Stellenweise war mir der dealende Strike, der unter anderem die Zukunft Tyrones nachhaltig beeinflusst, sogar sympathischer, als der Detective Rocco Klein. Beide sind sie auf ihre Art schwache Charaktere, jagen sie einer Fata Morgana hinterher, welche sich immer wieder verflüchtigt. Beide sind sie auf ihre Weise Opfer des Kreislaufs der Scheiße.

Für den Leser ist das mitunter schwer zu ertragen. Der Roman hat zweifelsfrei einige Längen, die es zu überwinden gilt. Gerade das letzte Drittel entschädigt aber für vieles, wenn nicht gar alles. Stück für Stück setzen sich nun die Puzzleteilchen zusammen, eröffnet sich uns der Sinn der vielen Nebenhandlungen und -figuren. Am Ende bleibt wenig Platz für Hoffnung – nur die Erkenntnis, das es, egal wie der ein oder andere handelt, wohl immer so weitergehen wird in Dempsey.

Clockers“ ist die Sprache der Straße und auch ihr Sprachrohr. Hart, brutal, kantig, schonungslos erzählt es von denen, für die der „American Dream“ auch stets das bleibt: ein Traum. Unbedingte Empfehlung für alle Freunde, für die Literatur mehr ist als nur Unterhaltung und die gerade an komplexen Handlungen ihr Vergnügen finden.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Price
  • Titel: Clockers
  • Originaltitel: Clockers
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 798 Seiten
  • ISBN: 978-3596193912
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Whiskey and blood run together …

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© Arche

Angesichts meiner derzeitigen Lektüre von William Gays „Provinzen der Nacht“ ward ich an sein hervorragendes Debütwerk „Ruhe Nirgends“ (orig. „The Long Home“) erinnert, das, sprachlich in ähnlich poetischen Höhen wie James Lee Burke angesiedelt, zu den Höhepunkten des Sub-Genres „Southern Gothic“ (bzw. auch „Country Noir“) gehört. Grund genug nochmal den Blick zurückschweifen zu lassen und in die archaische Gesellschaft im wilden Tennessee einzutauchen, zumal Gay sich den ganz großen Namen in Deutschland bisher nicht machen konnte und daher meines Erachtens weit mehr Aufmerksamkeit verdient.

Wie No Country for Old Men von Cormac McCarthy – in doppelter Dosis“ wird Stephen King auf der Rückseite der deutschen Ausgabe von William Gays 1999 im Original veröffentlichten Debütwerk zitiert, womit auch der Arche Verlag dem seit einiger Zeit vorherrschenden Trend folgt und den „Grand Master of Horror“ (der, so scheint es, nicht nur selbst viel schreibt, sondern auch Unmengen an Büchern im Jahr zu lesen scheint) die Werbetrommel rühren lässt. So verkaufsfördernd das am Ende dann sein mag, die Allgegenwärtigkeit des Kings auf Buchdeckeln hierzulande hat meinerseits zuletzt eher fürs Skepsis, denn für begeistertes Zugreifen gesorgt, zumal nicht alle der hymnisch gelobten Titel in der Vergangenheit überzeugen konnten. Selbiges gilt übrigens auch für die immer wieder bemühten Vergleiche mit bereits etablierten Autoren, wobei hier besonders oft Raymond Chandler oder James Ellroy herhalten müssen. Nun also „Cormac McCarthy“. Eine hohe Latte, die King gelegt hat, gehört doch der Pulitzer-Preisträger zu den Schwergewichten der modernen amerikanischen Literatur. Doch eins sei gleich vorab gesagt: William Gay überspringt diese Hürde mit unerwarteter Leichtigkeit.

Sein Erstling „Ruhe Nirgends“ reiht sich nahtlos zwischen den anderen Größen des „Southern Gothic“ bzw.. „Country-Noir“ wie Daniel Woodrell oder Joe R. Lansdale ein. Ja, selbst mit solchen Kalibern wie John Steinbeck oder William Faulkner kann sich der in Tennessee geborene und 2012 eben da gestorbene Autor durchaus messen. Und was meine persönliche Einordnung betrifft: Seit Breece D’J Pancakes Kurzgeschichten und meinem ewigen Favoriten James Lee Burke hat mich kein Vertreter dieser Genregattung mehr derart sprachlich beeindruckt zurückgelassen. Und nun kurz zur Geschichte:

Sie nimmt ihren Anfang im Tennessee des Jahres 1933. Nahe den Wäldern bei Ackerman’s Field kommt es in einer regengepeitschten Nacht zu einem tödlichen Streit: Der aufrechte Nathan Winer stellt den zwielichtigen Dallas Hardin zur Rede, der auf Winers Grund und Boden illegal Schnaps brennt. Hardin erschießt ihn kurzerhand. Die Leiche wirft er in das riesige, nach Schwefel stinkende Erdloch auf dem Land des schwächlichen Hovington, ebenfalls ein Schwarzbrenner.

Zehn Jahre später. Während in Europa, Afrika und Asien der Zweite Weltkrieg tobt, hat Dallas Hardin Hovingtons Platz komplett eingenommen, all den Besitz des Mannes samt seiner Frau und Tochter an sich gerissen. Während dieser in einer Kammer dem Tode entgegensiecht, baut Hardin das Anwesen zum bestbesuchten Kneipenbordell der Gegend um, wird nach und nach zum einflussreichsten und gefürchtetsten Mann, zum Fixpunkt allen Bösen in Ackerman’s Field. Richter, Anwälte, Sheriffs – sie alle werden geschmiert, Konkurrenten die Häuser abgefackelt oder in „Notwehr“ das Leben genommen. „Sei schön brav, sonst gebe ich dich dem alten Hardin“, drohen die Mütter ihren Kindern. Niemand geht eine Konfrontation mit dem Mann ein, dem selbst noch im höheren Alter ein Blick mit den „gelben Ziegenaugen“ reicht, um jeglichen Widerstand im Keim zu ersticken. All das ändert sich jedoch, als ein junger Mann in die Dienste von Dallas Hardin eintritt. Es ist ausgerechnet Nathan Winers Sohn, der, anders als seine Mutter, nicht glauben will, dass sein Vater die Familie vor zehn Jahren einfach so im Stich gelassen hat. Aber auch er kann nicht ahnen, dass er nun in seiner Anstellung als Zimmermann dem Mörder seines Vater das florierende Bordell erweitert.

Während er in der Sonne schwitzt, wird er unbemerkt von jemanden beobachtet. Und dieser Jemand war einst Zeuge des Mordes an Winer senior und bewahrt ein äußerst makabres Beweisstück auf …

Die Tiefen des amerikanischen Hinterlandes, die Wildheit der Naturgewalten, die Ursprünglichkeit des rohen und rauen Staates Tennessee – William Gay, der sich lange seinen Lebensunterhalt als Maler und Schreiner inmitten der Wälder verdingt hat, kennt sie aus eigener Erfahrung, aus erster Hand. Und genau das spürt man in jeder einzelnen Zeile dieses beeindruckenden Romans, der sich so schroff und kantig liest, als hätte der Autor die Worte wie Holzpflöcke mit einer scharfen Axt bearbeitet. Man mag es kaum glauben, dass hier jemand zum ersten Mal zur Feder gegriffen hat, derart kraftvoll, zielstrebig und vor allem stilsicher kommt diese Geschichte daher, die, mit alttestamentarischer Wucht erzählt, den Leser sogleich gefangen nimmt und mittels bildlicher Vergleiche eine dichte Atmosphäre kreiert, welche sich höchstens mit einem aufziehenden Sturm vergleichen lässt.

Dunkle Wolken ziehen über das Land, prasselnder Regen geht hernieder, Fluten lassen Bäche über die Ufer treten, in der elektrisch aufgeladenen Luft hört man die Rufe der Ziegenmelker. Langsam, zäh, ja schwerfällig der Beginn, in dem Gay immer wieder zwischen Perspektiven wechselt, nur kurze Einblicke in die Leben der Protagonisten gewährt, während in erster Linie die Beschreibungen von Wetter und Licht die Erzählung bestimmen. Hier erkennt man den Maler Gay, dessen feine Augen Gesehenes eins zu eins übernehmen, nur dass in „Ruhe Nirgends“ keine Leinwand den Resonanzkörper bildet, sondern ein zutiefst ursprüngliche Geschichte, die zwischenzeitlich gar märchenhafte Züge zeigt.

Vom schwarzen Ritter in seinem Schloss, über die Jungfrau in Nöten und dem weisen, alten Mann bis hin zum jungen Lehrling. Gay spielt mit der klassischen Mythologie, ohne aber dabei Gefahr zu laufen, ein künstliches Gerüst um die Handlung zu spannen. Ganz im Gegenteil: Trotz der lyrischen Sprache ist „Ruhe Nirgends“ zutiefst authentisch, aufs Wesentliche konzentriert, ohne jede Form des sonst so typisch amerikanischen Pathos. Es ist eine archaische, moralisch verkommene Welt ohne Gesetze, in die Gay uns führt und die für die Schwachen und Zweifelnden keinerlei Hoffnungen bereithält, keinerlei Mitleid hat. Brutale Gewalt, Betrug, Grausamkeit, Mord scheinen Alltag in den Wäldern nahe Ackerman’s Field zu sein. Ein Hort des Bösen und der menschlichen Kälte, der aber trotzdem genauso wenig greifbar scheint, wie die handelnden Charaktere, die uns als Spiegelbild ihrer Umwelt begegnen.

Ruhe Nirgends“ ist keine Lektüre für zwischendurch, kein kurzweiliges Urlaubsbuch für den Sommer, keine schlichte Unterhaltung. Es ist die Rückkehr in längst vergessen geglaubte Züge des Menschlichen, in eine Zeit und eine Gegend fernab der Zivilisation, in der das Recht des Stärkeren herrscht. Das ist mitunter schwer verdaulich, ja bedrückend, lässt uns aber andererseits auch trotz all der Trostlosigkeit und der Distanz innerhalb der Erzählung nicht kalt, zumal es Gay hervorragend gelingt, das anfangs noch so verzettelte Szenario in einem stetig ansteigenden Spannungsbogen zu einem nachdrücklich beeindruckenden Klimax zu führen. Der Weg dorthin ist für Leser wie Hauptfigur Nathan Winer junior gleichermaßen eine Reifeprüfung, die man bestehen muss. Wer daran scheitert, wird wohl kaum ein weiteres Buch dieses Autors in die Hand nehmen.

Insgesamt ein stilistisch und sprachlich beeindruckender erster Wurf eines Schriftstellers, der schon fast folgerichtig in den USA als neuer Star des „Southern Gothic“ gefeiert und vom großartigen Joachim Körber (mal wieder) bis hin zum letzten I-Tüpfelchen perfekt übersetzt worden ist. Ich bin mehr als begeistert. Oder um es mit Bela B.s Worten bei Pulp Master zu sagen: „Hab mich selten so gut schlecht gefühlt.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: William Gay
  • Titel: Ruhe Nirgends
  • Originaltitel: The Long Home
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3716026359

Literarischer Hochgenuss in 11 Akten

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© btb

Mit „Elf Arten der Einsamkeit“ folgt nun das zweite Werk aus meiner kleinen Blog-internen Serie zur Wiederentdeckung des großen amerikanischen Autors Richard Yates, dessen Roman „Eine gute Schule“ ich gerade (und wieder einmal) äußerst begeistert beendet habe und in Zukunft hier ebenfalls besprechen werde.

Nach Easter Parade war die Kurzgeschichtensammlung „Elf Arten der Einsamkeit“ mein zweites Werk von Richard Yates – und spätestens seit diesem Buch kann ich verstehen, warum der bereits 1992 verstorbene Autor vielen amerikanischen Schriftstellern, darunter Richard Ford und Raymond Carver, ein literarischer Vater und prägendes Vorbild gewesen ist.

Seine Erzählungen und Romane handeln stets von der Tyrannei des amerikanischen Traums. Und dem Versprechen, dass jeder alles erreichen kann, wenn er nur will. Diesem Selbstverständnis misstraute Yates, auch aufgrund eigener Erfahrungen, zutiefst, weshalb seine Helden oft die mittelmäßig Begabten sind, welche sich bald in den Selbstbetrug oder noch einen Drink flüchten, weil in der Allgegenwart der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten die eigene Begrenztheit besonders schwer zu ertragen ist. Und so erzählt er auch in „Elf Arten der Einsamkeit“ vom eintönigen Arbeitstag im Großbüro, von desillusionierten Lehrern und perspektivlosen Kriegsveteranen in folgenden Geschichten:

  • Doktor Schleckermaul
  • Alles alles Gute
  • Jody lässt die Würfel rollen
  • Überhaupt keine Schmerzen
  • Der Masochist
  • Der mit Haien kämpft
  • Spaß mit Fremden
  • Der BAR-Mann
  • Ein wirklich guter Jazzpianist
  • Weg mit dem Alten
  • Baumeister

Das Scheitern und die (nicht nur die körperliche) Einsamkeit waren Yates‘ Lieblingsthemen. Bei seinem Tod war er bereits zweimal geschieden und hatte kein enges Verhältnis zu seinen drei Töchtern. Alkoholexzesse gehörten immer wieder zu seinem Leben, und der durchschlagende Erfolg seiner Bücher blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. Insofern ist es kaum verwunderlich, wenn man viel von Yates selbst in seinen Figuren findet und warum diese nur auf Papier existierenden Personen uns menschlich uns so rühren. Nach und nach, und ohne große Sentimentalitäten oder übersteigerte Melancholie, greift hier die Einsamkeit nach dem Leser, nimmt von ihm Besitz. Unmerklich kommt der Stimmungsumschwung, fühlt man sich als Teil der Geschichten, die allesamt auf den Moment zusteuern, wo das Leben des Protagonisten einen Zusammenbruch erfährt, das Ende des Weges erreicht ist, an dem lediglich ein tiefer Abgrund gähnt. Illusionen und Träume von einer besseren Zukunft lösen sich in nichts aus. Das „Es-wird-schon-irgendwie-werden“-Mantra fällt der nüchternen Wahrheit zum Opfer. Wie Yates diese wichtigen Wendepunkte innerhalb seiner Erzählungen einfängt, die Einsamkeit im Feierrausch der 50er Jahre auch im 21. Jahrhundert lebendig erhält, ist beeindruckend, atemberaubend und lange nachwirkend.

Keine der elf Geschichten fällt qualitativ in irgendeiner Art und Weise ab. Im Gegenteil: Jede für sich ist lesenswert, nähert sich aus einem anderen Winkel demselben Thema an. So verfolgt man zum Beispiel in „Alles alles Gute“ ein Paar während des letzten Abends vor deren Hochzeit. Ein wichtiger, glücklicher Tag im Leben eines jeden Menschen, der jedoch hier zum Sinnbild der verfehlten Ziele beider wird, die sich eigentlich schon beim Gedanken an die kommende Ehe winden und lediglich die unerträgliche Endgültigkeit des Termins sehen. Und den Abschluss eines zuvor aufregenden gesellschaftliches Lebens, das sich nun wie alles andere andere unterzuordnen hat. In einer anderen Geschichte verfolgen wir die verzweifelten Versuche einer jungen Lehrerin den Außenseiter Vincent aus der Isolation zu holen und in die Klasse zu integrieren. Die Situation vollkommen verkennend treibt sie durch ihr Gutmenschentum und ihre Naivität den Jungen nur noch weiter ins Abseits, so dass sie schließlich genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie in ihrem Eifer zu erreichen bestrebt gewesen ist. Vincent, der, wie seine Mitschüler die Unausweichlichkeit seines Schicksals längst erkannt hat, wird schließlich zum folgenschweren Handeln gezwungen.

Mein persönliches Highlight innerhalb der Sammlung ist allerdings „Baumeister“. In dieser Geschichte begegnen wir einem jungen Möchtegern-Hemingway, welcher durch einen New Yorker Taxifahrer die Gelegenheit bekommt sich als Ghostwriter zu verdingen und von nun an mit erfundenen Berichten dessen Berühmtheit fördern soll. Die Sinnlosigkeit seines Tuns und die realitätsfernen Vorstellungen des Taxifahrers offenbaren sich ihm erst sehr spät. An diesem Punkt ist die Beziehung zu seiner jungen Frau nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Was nun aber alles tieftraurig klingt ist nie ohne eine Prise Humor, verwehrt sich nie den fröhlichen Momenten des Lebens. Yates beherrscht die große Kunst, seine Helden auf Distanz zu halten, ihr Selbstmitleid und ihren Selbstbetrug genau zu beschreiben, ihnen aber gleichzeitig mit großer Zuneigung beim Scheitern zuzuschauen.

So sind die knapp 300 Seiten von „Elf Arten der Einsamkeit“ ein literarischer Hochgenuss, an deren Ende eine Erkenntnis steht: Es bleibt gleich, mit welchem Werk man die Lektüre von Yates beginnt. Sie lohnen wohl alle. Und es ist schon manchmal erschreckend, wie aktuell sie geblieben sind.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Richard Yates

  • Titel: Elf Arten der Einsamkeit
  • Originaltitel: Eleven Kinds of Loneliness – The Collected Stories of Richard Yates
  • Übersetzer: Hans Wolf, Anette Grube
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288
  • ISBN: 978-3442737307

Morde made by Müller

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(c) Ariadne

Während Joachim Körbers Facebook-Reihe über „zu Unrecht missachtete Bücher“ in Formvollendung das humoristische Element bedient, so ist in diesem Fall die Bezeichnung durchaus ernst zu verstehen, fliegt doch Monika Geier weiterhin unter dem Radar vieler Leser. Ein Zustand, der vor allem dann meinerseits für einen dicken Hals sorgt, wenn ich beim Besuch einer Buchhandlung mal wieder einen Blick auf die Bestseller-Liste geworfen habe und zur Kenntnis nehmen muss, zu welch sprachlichen „Höhenflügen“ en Masse gegriffen wird. Und weil auf dieser wenig aussagekräftigen Liste in Zukunft Bücher von Frau Geier (oder überhaupt vom Ariadne/Argument Verlag) wohl leider nicht zu erwarten sind, macht es gerade im Kreis der Literatur-Blogger umso mehr Spaß, solchen entdeckungswürdigen Titeln eine Plattform zu bieten.

Monika Geier ist, über die Grenzen von Rheinland-Pfalz hinaus, immer noch wenigen Krimi-Freunden in Deutschland ein Begriff. Eine Schande, sind doch ihre sprachlich raffinierten und herrlich leichtfüßigen Werke eine Wohltat inmitten der platten Genre-Konkurrenz. Gerade diese Alteingesessenen machen es neuen Talenten (zu denen Geier, welche bereits seit Ende der 90er als Krimischriftstellerin tätig ist, eigentlich gar nicht mehr gehört) ungewollt schwer, auf dem von Regio-Titeln überschwemmten Krimi-Buchmarkt Fuß zu fassen. Es scheint so, als würde der Griff nach der x-ten Neuhaus oder der gefühlten hundertsten Franz-Retorte für den Leser immer noch am einfachsten sein. Selbst wenn eine Serie schon vier Bände zuvor zu Tode geritten worden ist, bleibt man standhaft auf dem Pferd, in der Hoffnung es möge sich doch vielleicht irgendwann mal wieder erheben. Das Risiko abseits plakatierter Top-Titel und Bestsellerlisten sein Glück zu suchen, mögen viele erst gar nicht eingehen. Entgehen tun dem Krimi-Freund dabei Werke wie „Müllers Morde“, dem ersten Stand-Alone Geiers seit ihrer Reihe um Kommissarin Böll, welche allerdings auch ein kleinen, wenn auch für die Handlung nicht relevanten, Auftritt hat.

In deren Mittelpunkt stehen in erster Linie vor allem zwei Personen: Eine davon ist der titelgebende Mörder Müller, dem wir gleich zu Beginn bei seinem ersten Mord über die Schulter schauen dürfen. Dieser muss natürlich vertuscht werden, weshalb die Leiche kurzerhand zum Totenmaar verschafft wird. Ein kleiner See, in dessen Tiefe erloschene Vulkane Kohlendioxid ausdünsten, das sich nicht selten als schweren Gas in den Bodensenken der umliegenden Felder sammelt. So lautet dann auch die Todesursache des Opfers, ein Manager der ENERGIE namens Dr. Steenbergen, auf Kohlendioxidvergiftung. Weitere Ermittlungen werden erst gar nicht angestellt. Allein Steenbergens Freund, der Anwalt Peter Welsch-Ruinart, will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben und engagiert Richard Romanoff, um der Sache näher auf den Grund zu gehen. Romanoff, seines Zeichens Historiker, Antiquitätenhändler und Atlantis-Mythologe, sieht sich als Detektiv wenig geeignet, kann das Geld aber dringend gebrauchen und nimmt missmutig den Auftrag an.

Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem gewitzten Täter und dem unkonventionellen Ermittler, das schließlich bis in höchste Wirtschaftskreise führt und für beide Duellanten einige Überraschungen bereithält …

Jenseits von schablonenhaften Tatort-Klonen und konstruierten Allgäu-Klamauk erfrischt Monika Geier uns in „Müllers Morde“ mit einer scheinbar beiläufig erzählten Geschichte, welche sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss liest und in Punkto Humor genau die Balance bewahrt, an der Klüpfel, Kobr, Falk und Co. zumeist so kläglich scheitern. Trotz aller Leichtigkeit gleitet die Handlung nie in die Trivialität ab, bleibt Geier in der Ausarbeitung des stringenten und herrlich verwobenen roten Fadens überraschend kompromisslos. Hier greift flüssig jedes Rädchen ins andere, ist jedes Wort von Bedeutung und Aussagekraft. Trotzdem verschwendet Geier derer nicht viele. Kurz, knapp, knackig, präsentiert sich ihre scharf geschliffene Sprache, die eindrucksvoll die Möglichkeiten des Kriminalromans auslotet und zeigt, dass man mit wenig richtig viel unterhalten kann. Und unterhalten tut „Müllers Morde“, besonders hinsichtlich Stil und Sprache, auf allerhöchstem Niveau.

Von Müller über Romanoff bis hin zu den Nebenfiguren. Allesamt zeichnet Geier mit detailgetreuer und doch feinfühliger Akribie, wodurch man sich sofort als Teil des Getümmels fühlt, das mit Kehren und Wendungen stets aufs Neue für Überraschungen gut ist. Der typische Reißblatt-Ermittler glänzt ebenso wie der überzeichnete Dialekt-Provinzler mit Abwesenheit. Stattdessen Charaktere wie du und ich, glaubhaft, lebensecht und den rechts und links von uns wohnenden Nachbarn auch irgendwie nicht unähnlich. Die große Bühne, den riesigen Aha-Effekt – all das braucht Monika Geier nicht, um den Leser bei Laune zu halten. Es ist die Alltäglichkeit des Verbrechens, dessen Versuchung überall lauert, welche das Fundament der Geschichte bildet, die zwar unkonventionell erzählt wird, dadurch aber nichts an Wirkung einbüßt.

Wie die Autorin die hochaktuelle Realität nimmt und benutzt, ohne sie großartig zu formen, das beeindruckt. Monika Geier ist ein Buch gelungen, das in Form und Inhalt weit über vielen ihrer Bestseller-Kollegen thront. Möge diese Rezension zumindest ein bisschen zu größerer Bekanntheit beitragen. Geier hat diese, nicht nur aufgrund von „Müllers Morde“, mehr als redlich verdient.“

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Monika Geier

  • Titel: Müllers Morde
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Argument/Ariadne
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3867542005