Et ceux qui n’ont pas de larmes …

© Edition Nautilus

Fast vier Jahre hatte es gedauert bis ich nach Beendigung der Lektüre von „Nebel am Montmartre“ den zweiten Band der Trilogie über das „populäre“ Paris zwischen den Weltkriegen in Angriff genommen habe. Und dies ist weniger der Qualität des (grandiosen) Vorgängers als vielmehr der üppigen Auswahl in meinem Bücherregal geschuldet.

So oder so – am Ende war es jedenfalls keine gute Idee soviel Zeit verstreichen zu lassen, sind doch die beiden Bücher inhaltlich – obwohl zeitlich knapp zwölf Jahre zwischen „Nebel am Montmartre“ und „Belleville – Barcelona“ liegen – in nicht geringem Maße miteinander verzahnt. Etwaigen Quereinsteigern macht es das natürlich umso schwerer, zumal Pécherots Kriminalromane als Hommage auf den großen französischen Krimi-Schriftsteller Léo Malet zu verstehen sind. Und wem der bzw. dessen Erfindung Nestor Burma nichts sagt, dürfte vielleicht ohnehin schon seine Probleme mit dem Buch zwischen seinen Händen und den vielen darin befindlichen Anspielungen haben. Damit dieses Hindernis aber nicht Interessenten vom Kauf dieser lohnenswerten Lektüre abhält, an dieser Stelle ein paar Zeilen zur Aufklärung:

Nestor Burma, der seinen ersten Auftritt in „Hundertzwanzig, rue de la Gare“ aus dem Jahre 1943 hatte, war über drei Jahrzehnte lang der Hauptprotagonist in Malets Romanen über die „Neuen Geheimnisse von Paris“, welche, angesiedelt in 15 der 18 Pariser Arrondissements und etwa zwanzig weiteren Geschichten, das französische Gegenstück zu den „Hardboileds“ auf der anderen Seite des Atlantiks darstellten bzw. immer noch darstellen. Wie Marlowe und Spade ist Burma Privatdetektiv und ein Produkt des so genannten „Noir“, dem Vorläufer vieler heutiger Kriminalromane, die man in Frankreich heute schlicht „Polar“ nennt. Wer also zufällig über „Bretonische Verhältnisse“ auf den Geschmack gekommen ist und weitere Spannungsromane aus dem Nachbarland sucht, dem sei gleich gesagt: Malet – und damit auch Pécherot – sind weit düsterer, eckiger, frecher und letztlich schärfer, als diese auf die Masse abgestimmten „Bestseller“. Vielleicht ein Grund warum Malet nur noch Kennern ein Begriff ist und auch die vom „Edition Nautilus-Verlag“ mit viel Liebe übersetzten Romane von Pécherot, trotz vieler guter Kritiken, nicht übermäßig großen Anklang gefunden haben. Wer aber immer schon wissen wollte, was Nestor Burma im Paris vor der deutschen Besatzung getrieben hat, dem bietet sich jetzt durch die vorliegende Trilogie eine äußerst lesenswerte Gelegenheit.

Nun kurz zum Inhalt von Band zwei – „Belleville – Barcelona“: Paris, 1938. Zwölf Jahre sind vergangen, seit der „Pipette“ (dt. Pfeifchen) genannte Nestor als Mitglied einer Bande von Illegalisten an Einbrüchen teilgenommen hatte und sich nach Beendigung eines Raubzugs einer aus dem Safe purzelnden Leiche entledigen musste. Inzwischen verdient er sich auf der anderen Seite des Gesetzes sein Gehalt. Unter falschen Papieren bei der renommierten Detektei Bohman beschäftigt, kümmert er sich vorwiegend um Ehebrüche und andere häusliche Streitigkeiten, während rings um ihn herum das alte Europa zu zerfallen droht:

„Das Meer war schon aufgewühlt, aber der richtige Sturm stand noch bevor. Tag für Tag kündigten die Zeitungen die Sturmflut an. Nachdem Hitler sich Österreich einverleibt hatte, bereitete er sich nun darauf vor, die Tschechoslowakei zu verschlingen. Und Mussolini stand ihm in nichts nach, hatte er doch gerade den englischen Segen für seine Annektierung Äthiopiens erhalten. Im Gegenzug garantierte er, die Interessen Englands in Saudi-Arabien nicht anzutasten. In dieser Kloake, in der widernatürliche Bündnisse niemanden mehr in Erstaunen versetzten, hatte ich mit meinem eigenen verwirrten Fall zu kämpfen. Meiner Größe entsprechend, betraf er nur das Fußvolk, das vom Sturm der Geschichte fortgerissen wurde.“

Als Nestor eines Tages einen neuen Auftrag erhält, scheint auch er Opfer dieser „Sturmflut“ zu werden: Ein Mann, der als Fabrikant Beaupréau bei ihm vorstellig wird, bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach seiner Tochter Aude, die aufgrund der Liebe zu einem Hilfsarbeiter Hals über Kopf von zu Hause verschwunden ist. Nestor soll sie ausfindig machen, ihr den Mann ausreden und wenn möglich auch zur Rückkehr bewegen. Und das am Besten schon gestern. „Pipette“ überhört die arrogante Art seines Auftraggebers und freut sich über das vermeintlich leicht zu verdienende Geld. Jemanden in Paris ausfindig machen? Für ihn nichts als Routine.

Erst nach und nach begreift Nestor, dass es dieser Auftrag wahrlich in sich hat, denn der richtige Vater ist längst tot und sein Klient unter falschem Namen bei ihm aufgetreten. Und diesem scheint der Aufenthaltsort von Aude gänzlich egal zu sein. Ihn interessiert viel mehr der Verbleib ihres Liebhabers Pietro Lema, einem überzeugten Kommunisten, der sich mit den falschen Leuten angelegt hat und nun von Freunden und Feinden gleichermaßen gesucht wird. Nestors Ermittlungen führen ihn bald bis in die dunkelsten Ecken von Paris und auf eine Spur, welche direkt von Belleville nach Barcelona führt …

André Breton, Jean Gabin, Edith Piaf. Auch im zweiten Band seiner Trilogie geben gleich eine ganze Reihe von historischen Persönlichkeiten ihr Stelldichein. Eingebettet in einer Handlung, die noch mehr als ihr Vorgänger mit den politischen Ereignissen dieser Zeit verflochten ist und sich derart verzweigt, dass es eines scharfen Auges bedarf, um den Überblick zu behalten. Trotzkisten, Anarchisten, Faschisten, Stalinisten, Anarchosyndikalisten und ein Haufen französischer Namen und Bezeichnungen. Das Gewirr von Beziehungen, politischen Verbindungen und Feindschaften ist äußerst komplex. Und auch der rote Faden ist hier mehr ein Knäuel, das sich mal hierhin und mal dorthin bewegt und, entgegen dem üblichen Krimi-Schema, keinerlei klassischen Spannungsbogen aufweist. Das hat zur Folge das „Nestors“ Ermittlungen ungewohnt hektisch daherkommen. Ein Flackern und Aufblitzen von bunten Eindrücken, die gerade halbwegs verarbeitet, sogleich von weiteren Bildern ersetzt werden. Auch wenn das letztlich dem Flair und Zeitgeist dieser Geschichte dienlich ist und eine unheimlich eindringliche, weil dichte Atmosphäre voller Chanson-Klänge und Boulevard-Gerüche kreiert – mir war das vor allem im letzten Drittel einfach zu wenig homogen, zu wenig Krimi und zu viel gewollt.

Im Gegensatz zum rundum gelungenen „Nebel am Montmartre“ will Patrick Pécherot hier meiner Ansicht nach einfach etwas zu viel auf einmal, woran selbst die lyrische und wieder mal erfrischend flapsig-heitere Sprache nichts zu ändern vermag. Das macht „Belleville – Barcelona“ am Ende aber natürlich nicht zu einem schlechten Buch. Im Gegenteil: Freunden lebendig und vor allem gekonnt erzählter Geschichte (im Stile Volker Kutschers, Jan Zweyers oder Robert Hültners) mit Herz und Köpfchen sei auch Band zwei unbedingt empfohlen. Die durch den Vorgänger äußerst hoch gelegte Latte kann der mittlere Teil der Trilogie jedoch nicht erneut überspringen.

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Patrick Pécherot
  • Titel: Belleville – Barcelona
  • Originaltitel: Belleville-Barcelone
  • Übersetzer: Cornelia Wend
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 03.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 224
  • ISBN: 978-3894017354
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Der alte Mann und das Mädchen

© Liebeskind

Pendragon, Arche, Ariadne/Argument, Liebeskind – im Meer der großen deutschsprachigen Verleger sind es oftmals die vermeintlich Kleinen, welche mit einem zwar übersichtlichen, aber stets erlesenen Programm zu überzeugen wissen. Und besonders letztgenannter hat sich in den vergangenen Jahren zu einer sicheren Bank für mich gemausert. Was bei Liebeskind erscheint, das kann, so zumindest meine Erfahrung, nicht nur bedenkenlos gekauft, sondern auch stets mit Vergnügen gelesen werden.

Dennoch hat es lange gedauert, bis Yōko Ogawa in mein Bücherregal gewandert ist. Geschuldet ist diese Zurückhaltung einer allgemeinen Skepsis was japanische Literatur angeht. Das Land der aufgehenden Sonne und des Lächelns ist mir seit jeher etwas suspekt, seine Kultur so sehr und auf eine gewöhnungsbedürftige Art und Weise von der unseren verschieden, dass sich mein Interesse an ihm in Grenzen hält. Der lieben Frau Susanne Fink, Verantwortliche für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei Liebeskind, ist es zu verdanken, dass ich dennoch einen Versuch gestartet habe: „Hotel Iris“ war ihre Empfehlung, meine erste Ogawa und, auch wenn das Leseerlebnis aufgrund der Thematik doch irgendwie zwiespältig ausfällt, wohl nicht meine letzte.

Kurz zur Handlung: Zusammen mit ihrer Mutter führt die 17-jährige Mari das titelgebende „Hotel Iris“ in einem kleinen Badeort an der japanischen Küste. Ein wenig einträglicher und zuweilen eintöniger Job. Zumindest bis zu dem Abend, wo sie Zeugin eines lautstarken Streits zwischen zwei Gästen wird. Ein älterer Herr und eine offensichtlich zutiefst schockierte Prostituierte, die vor seinen sexuellen Neigungen Reißaus nehmen will. Gegen ihren Willen ist Mari beeindruckt von diesem mysteriösen Mann, der trotz seiner abartigen Wünsche Würde und Eleganz ausstrahlt. Und damit genau das verkörpert, was „Hotel Iris“ seit langer Zeit verloren hat. Als sie ihn wenige Tage später in der Stadt wiedersieht, spricht sie ihn an und folgt ihm kurzerhand mit einer Fähre auf eine kleine Insel. Hier, zurückgezogen von den Menschen, arbeitet der Mann an der Übersetzung eines russischen Romans, an dessen Ende die Heldin der Geschichte ein gewaltsames Ende findet. Genau wie seine eigene Frau Jahre zuvor.

Mari ist gleichermaßen abgestoßen und fasziniert. Hat der Mann seine Frau gar selbst getötet? Wäre er zu so etwas fähig? Von der Neugier getrieben, verbringt sie immer mehr Zeit mit ihm. Stets eingeladen durch einen liebevollen Brief, dem in seinem Haus auf der Insel die Demütigung folgt. Gefesselt und unfähig zur Flucht, lässt sich Mari auf dieses Spiel aus Bestrafung und Lust ein, bis sie eines Tages hinter sein Geheimnis kommt… und aus dem Spiel ernst wird.

Sado-masochistische Praktiken, sexuelle Beziehungen zwischen sehr jung und sehr alt – nein, thematisch wäre „Hotel Iris“ kein Roman gewesen, der mit mir gemeinsam die Buchhandlung meines Vertrauens verlassen hätte. Die Neigung, den eigenen Körper verletzten zu wollen und daraus auch noch Befriedigung zu ziehen, ist mir zutiefst suspekt, wenngleich sie hier äußerst anschaulich und nachvollziehbar geschildert wird. Im Mittelpunkt stehen zwei Charaktere, welche zwar viele Lebensjahre trennen, die aber beide auf ihre Art und Weise einsam, auf der Suche nach einer verwandten Seele sind. Besonders Mari hadert mit der wenig erfüllenden Arbeit im Hotel, lässt sich immer mehr hängen und gibt sich dabei kaum Mühe, ihre Unzufriedenheit zu verbergen. Gerade diese innere Unruhe ist es, welche sie in die Arme des Mannes treibt. Er verkörpert den drastischen Gegensatz zum Hier und Jetzt, holt Mari aus der Tristesse des Alltags. Gleichzeitig ist es eine Rebellion gegen die Zwänge des Hotels und die allgegenwärtige Mutter. Während sie hier lediglich gebraucht wird, will der Übersetzer sie – und alles von ihr. Es ist dieses ihr entgegengebrachte Verlangen, dass den schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens in Gang setzt – aber auch letztlich die Schattenseiten dieser Entwicklung schmerzlich spürbar werden lässt.

Für den Leser ist diese Verwandlung Maris mitunter schwer zu ertragen. Ogawa schreibt zwar nicht obszön, aber doch klar und mitunter eiskalt sachlich. Sie geht weit über die üblichen Andeutungen hinaus und wird selbst in den intimsten Momenten konkret, wobei sich das voyeuristische Potenzial dieser Szenen in Grenzen hält. Letztlich war es aber diese knappe, gefühlskalte Sprache, die „Hotel Iris“ zu einem lohnenden Leseerlebnis gemacht hat. Mit einem anderen thematischen Hintergrund könnte in Zukunft aus dem soliden Vergnügen eventuell sogar Begeisterung werden. Andere Titel der Autorin werden jedenfalls in Bälde auf meinen Merkzettel wandern.

Hotel Iris“ ist ein drastisch-klarer, ungekünstelter „Coming-of-Age“-Roman. Schwer verdaulich, hart, aber auch eindringlich und nachwirkend. Einmal mehr hat der Liebeskind-Verlag hier einen guten Riecher bewiesen.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: Yoko Ogawa
  • Titel: Hotel Iris
  • Originaltitel: Hoteru airisu
  • Übersetzer: Ursula Gräfe, Kimiko Nakayama-Ziegler
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 11/2001
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 224 Seiten
  • ISBN: 978-3935890007

Goin‘ down the only road I’ve ever known …

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© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

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  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890

I’m hearing only sad news from Radio Africa*

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© Rowohlt Polaris

Südafrika hat in den letzten Jahrzehnten einige hervoragende Schriftsteller*innen hervorgebracht, Paul Mendelson gesellt sich mit seinen bislang beiden auf Deutsch erschienen Romanen um den Polizei Colonel Vaughn De Vries erfolgreich hinzu. Geschickt verbindet er die Geschichte eines sich wandelnden Landes mit  einer spannenden Kriminalhandlung.

Südafrika, Januar 1994. Kurz vor den ersten Wahlen, die nach dem allgemeinen Wahlrecht durchgeführt wurden, und die faktisch das Ende der Rassentrennung bedeuteten, wird Vaughn de Vries, Captain der South African Police, Zeuge eines Massakers. Begangen von seinem Vorgesetzten und einigen Kollegen. Die Opfer sind dunkelhäutig, von unterschiedlichem Geschlecht und Alter. Ihr einziges Vergehen: Zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.   De Vries ist entsetzt, doch in einer Mischung aus Angst um seine Familie und Existenz sowie Feigheit, Unsicherheit (auch und gerade in seiner Weltanschauung)  und Ohnmachtsgefühl, hängt er den Vorfall nicht an die große Glocke. Ein Skandal bleibt aus. Bei den Wahlen verfehlt Nelson Mandelas ANC knapp die Zweidrittelmehrheit und bildet mit Frederik Willem de Klerks  National Party und der Zulu-Partei Inkatha Freedom Party eine Regierung der Nationalen Einheit.

21 Jahre später ist Vaughn de Vries zum Colonel aufgestiegen, Nelson Mandela ist seit zwei Jahren tot, der ANC besitzt immer noch die absolute Mehrheit im Parlament und wird von Skandalen und internen Machtkämpfen erschüttert. Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus existieren weiterhin in großem Ausmaß.

An der Polizeiarbeit hat sich wenig geändert. De Vries und sein ihm unterstellter Kollege  Don February sollen den Mord an der schwerreichen Industriemagnatin und Kunstmäzenin Taryn Holt aufklären, die in ihrer Villa erschossen wurde. Ein auffällig arrangierter Tatort und Manipulationen an der Leiche lassen die Ermittlungen von Beginn an zu einem schwierigen Unterfangen werden.   Da Holt ein Ausstellung kontroverser Kunst geplant hat, die fundamentalistische Kirchgänger in Rage bringt, ihr Privatleben sich sehr diffus gestaltete und finanzstarke Erbinnen zahlreiche Neider auf den Plan rufen, müssen die beiden Polizisten an verschiedenen Fronten nach Tatverdächtigen suchen. Bis sich ein ebenfalls ermordeter, psychisch labiler Drogenfreak auf dem Silbertablett als Täter anbietet. Doch gerade das macht Colonel De Vries misstrauisch. Und er stößt bald auf eine mörderische politische Gemengelage, die bis in hohe Regierungskreise reicht.   Außerdem löst sich ein Schatten aus dem Jahr 1994, der sämtliche Beteiligte an dem Massaker, dessen Zeuge DeVries wurde, auslöscht. Er selbst steht auch auf der Todesliste.

Mit James McClure, Deon Meyer, Mike Nicol, Richard Kunzmann, Roger Smith  und vor allem Malla Nunn gibt es bereits seit Jahren hochinteressante und spannende Autor*innen aus Südafrika. Paul Mendelson gesellt sich mit seinen beiden Kriminalromanen   zu dieser Riege. Mendelson, der zuvor hauptsächlich als vielbeschäftigter Schöpfer von Büchern über Karten- und Glücksspiele reüssierte, wirft mit „Die Straße ins Dunkel“ einen genauen und ernüchternden Blick auf zwei Jahrzehnte sich wandelndes Südafrika. Explizit auf jene Stellen, an denen sich die geweckten Hoffnungen, die mit dem Ende der Apartheid und der Etablierung eines pluralistischen, demokratischen Systems einhergingen, nicht erfüllten.

Eine exorbitant hohe Kriminalitätsrate, der angstgepaarte Rassismus manch weißer Einwohner, die um Pfründe, Sicherheit, Komfort und  Auskommen bangen, der von Hass über die die jahrhundertlange Unterdrückung geprägte Rassismus in Teilen der schwarzen Bevölkerung sowie die üblichen Probleme wie Korruption, Vetternwirtschaft und Machtgier, machen nicht nur der Justiz zu schaffen. Doch der Mord an Taryn Holt führt Vaughn de Vries und Don February in ein finsteres politisches Geflecht, in dem Verbündete und Gegner kaum auseinanderzuhalten sind.

Mendelson lässt sich Zeit für die Entwicklung seines Haupterzählstrangs. Er schickt seine Ermittler auf einen beschwerlichen Weg, auf dem sich falsche Fährten, Stillstand, Widerstände und zähes Ringen um Erkenntnisse ein aufreibendes Stelldichein geben. Es dauert, bis sich die wahren Hintergründe peu a peu offenbaren. Das hätte ein langatmiges Unterfangen werden können, doch Mendelson gelingt es, das Interesse wach zu halten. Die Verästelungen ergeben Sinn, schaffen einen Prüfstand fürs literarische Personal, offenbaren Motivationen, Hintergründe und Konstellationen.

Ob streitbare Pathologin, engagierte und couragierte Künstlerin, loyaler Polizist, gewissenloser Handlanger mit Befugnissen oder bigotte Christenmenschen, Vaughn de Vries ist an vielen Fronten unterwegs. Und ist selbst eine höchst ambivalente Figur. Der Bure nennt sich selbst einen „Rassisten“. Er ist kein gewaltbereiter Radikaler, sondern ein alltäglicher, der halt Namen von dunkelhäutigen Kollegen nicht aussprechen kann und von einer indifferenten Angst heimgesucht wird, dass eine Gesellschaft ohne Rassentrennung seine Existenz gefährdet.  Andererseits ist seine oberste Priorität, Kriminalitätsopfern Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen.  Dabei interessieren ihn weder gesellschaftliche Positionen noch Hautfarbe. Weswegen de Vries auch von seinen farbigen Vorgesetzten geschätzt wird. Trotz aller Vorbehalte.

Vaughn de Vries ist wahrlich kein Sympathieträger, dafür eignet sich eher sein Adlatus Don February, aber eine facettenreiche Figur, die von ihrem Autoren auf eine frustrierende und trotzdem entlarvende Reise in die finstere politische Gegenwart Kapstadts geschickt wird. „Die Straße ins Dunkel“ hält geschickt die Waage zwischen Polizei- und (gesellschafts)politischem Roman. Lediglich der Part, der 1994 seinen Anfang nahm und in der Lynchjustiz 2015 endet, wird etwas unentschlossen in die Handlung eingebunden. Zwischenzeitlich fast gänzlich in den Hintergrund gedrängt, nimmt er erst zum Ende hin an Fahrt auf und wirft Vaughn De Vries auf sich selbst zurück. Das passt inhaltlich sehr gut, hätte aber etwas mehr an Vertiefung und dramatischer Wucht vertragen können.  Abgesehen von dieser kleinen Einschränkung ist der im Präsens verfasste Roman formal wie inhaltlich ein feines Stück Literatur, gewohnt eloquent übersetzt von Jürgen Bürger.

* Aus „Radio Africa“ von Latin Quarter (Album: „Modern Times“, 1985)

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Paul Mendelson

  • Titel: Die Straße ins Dunkel
  • Originaltitel: The Serpentine Road
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Rowohlt Polaris
  • Erschienen: 16.12.2016
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 395
  • ISBN: 978-3-499-27241-7

Blut ist trüber als Wasser

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(c) Antje Kunstmann

Während ich mich derzeit in James Ellroys Erstlingswerk „Browns Grabgesang“ vertiefe und dort nach ersten Spuren des späteren „Demon dog of American crime fiction“ suche, sei hier an dieser Stelle mal ein kleines, schmales Büchlein vorgestellt, dass wohl bei dem ein oder anderen bei der Veröffentlichung hierzulande durchs Raster gefallen sein könnte. Eigentlich die perfekte Winterlektüre für zwischendurch – wobei, wenn ich so durchs Fenster und aufs Thermometer schaue, ist „Bruderliebe“ von Yves Ravey wahrscheinlich auch jetzt gut lesbar.

Yves Raveys „Bruderliebe“ gehört mit knapp 110 Seiten (für die der Kunstmann Verlag auch gern noch, nicht gerade preiswerte, 14,95 € haben möchte) zu der Kategorie von Literatur, welche von Feuilletonisten begeistert besprochen, von der größeren Leserschaft im Anschluss daran aber komplett ignoriert wird. Selbst der gezogene Vergleich mit Hitchcock, der auf der Buchrückseite prangt, ist da eher kontraproduktiv, hat doch heutzutage die psychologisch-ziselierte Spannung den Wettkampf gegen den derben Splatter längst verloren. „Augenschneider“, „Seelenbrecher“, „Todesflüsterer“. Fast-Food-Unterhaltung ist angesagt. Und die soll vor allem schnell verdaulich sein, der Geschmack bleibt nebensächlich. Frei nach dem Motto: Wozu ein Plot, wenn man jemanden über zwanzig Seiten genüsslich ins Nirvana foltern kann? So bleibt „Bruderliebe“ ein Häppchen für diejenigen Leser, die sich literarische Sprache noch auf der Zunge zergehen lassen.

Kurz zur Geschichte: Jerry und Max sind Brüder – und haben sich doch seit knapp zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Nun treffen sie sich inmitten der verschneiten Berglandschaft der Schweizer Alpen wieder. Nicht die Sehnsucht nach Familie, sondern ein perfider Plan hat die zwei ungleichen Brüder zusammengeführt. Max, der von der Tochter seines Chef mehrmals eine Abfuhr kassiert hat, will diese nun kidnappen, um von ihrem Vater eine halbe Million Euro zu erpressen. Jerry, der in Afghanistan sein Geschick im Kampf bewiesen hat, soll helfen, damit die Entführung gelingt. Und es sieht anfangs auch ganz so aus, als sollten sie Erfolg haben. Bis plötzlich die ersten Risse im kriminellen Konstrukt auftauchen.

Jerry scheint sich nicht in allen Belangen an das abgesprochene Vorgehen zu halten und zeigt sich dem Entführungsopfer gar ohne Maske. Hat er vielleicht ganz andere Absichten mit dem Geld als sein Bruder? Und wer von beiden bestimmt was mit der jungen Frau passiert? Was als sorgfältig ausgeklügelte Idee begonnen hat, wird zu einem eiskalten Duell, das letztlich nur einen Ausgang nehmen kann… oder ist doch alles anders, als gedacht?

Nur wenige Seiten und doch ein Spannungsbogen, der es in sich hat. Es ist diese hohe Kunst, die Ravey hier meistert und „Bruderliebe“ zu einem intensiven, weil unheimlich fesselnden Stück Kriminalliteratur macht. Ausschweifungen, Nebenschauplätze, detaillierte Beschreibungen – Fehlanzeige. Raveys Sprache ist so karg, unwirtlich und kalt, wie der Ort, an dem seine Handlung spielt. Und der Plot, wie auch die Figuren, leben von dieser klirrenden Kälte, dieser augenscheinlichen Taubheit, einer Schneedecke gleich, unter der nur langsam die darunter verborgene Wahrheit zutage kommt. Stil und Aufbau der Geschichte erinnern dabei an die frühen Werke James M. Cains. Und wie sein amerikanischer Kollege, so ist auch bei Ravey nicht immer alles wie es scheint. Der Schuss Genialität, diesen Funken mehr Qualität, macht die schnörkellose, und doch tiefgründige Lektüre, zu etwas Besonderem.

Bruderliebe“ ist nur ein kurzer Bissen, aber einer der schmeckt. Ein frostiges und kraftvolles Katz-und-Maus-Spiel für die dunkle Jahreszeit oder einfach nur düstere Abende, das letztlich jeden Cent wert ist.“

Wertung: 82 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Yves Ravey

  • Titel: Bruderliebe
  • Originaltitel: Enlèvement avec rançon
  • Übersetzer: Angela Wicharz-Lindner
  • Verlag: Antje Kunstmann
  • Erschienen: 02.2012
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 112
  • ISBN: 978-3888977503