Been spending most their lives, living in the gangsta’s paradise …

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© Ullstein

„Die wichtigste Kriminalgeschichte der nächsten zehn Jahre“, schreibt die Zeitung „Scottish Mail“ über Gavin Knights Erstlingswerk „The Hood“, für das der Journalist (u.a. tätig für „Guardian“ und „The Times“), dessen Hauptinteresse der Bandenkriminalität in Großbritannien gilt, hunderte Stunden von Interviewmaterial ausgewertet und die polizeilichen Schilderungen realer Verbrechen in literarische Form verarbeitet hat.

Auch wenn diese Beurteilung dann doch die Bedeutung des Werks etwas überhöht – Knights Mischung aus Journalismus und Gangsterroman-Genre darf durchaus als Augenöffner für die Thematik des jugendlichen Terrors sein, der mitunter ganze Stadtteile betrifft und mancherorts inzwischen gar zu kriegsähnlichen Zuständen führt. Unterteilt ist der Erzählungsband dabei in drei Prosastücke, welche sich jeweils auf die Brennpunkte London, Manchester und Glasgow konzentrieren, in denen aus der Bekämpfung von Verbrechen eine Eindämmung seitens der Justizapparate geworden ist, die sich fast nur noch darauf konzentrieren, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die „Hoods“ sind zu einem rechtsfreien Ort verkommen. Und Knight schickt den Leser direkt in das Herz der Szene.

Den Anfang macht East London. Hier, auf den Straßen der Themse-Metropole, herrscht ein vierzehnjähriger ehemaliger Kindersoldat aus Somali namens Troll. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Teenagern, die durch Gewalt und Drogen durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, abgedrängt in eine Parallelwelt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, die Familie die Gang ist, die Vaterfigur ein Killer oder Mafiosi. Jugendliche werden rekrutiert, für den Drogen-Verteilungskampf auf die Straße geschickt oder bei Rache-Feldzügen gegen rivalisierende Banden an vorderster Front verheizt. Selbst Pilgrim – früher ein gefürchteter Gangleader und nun nach einigen Jahren Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – zeigt sich von dieser neuen Qualität an zügelloser Gewalt erschüttert. Ehemals heilige Regeln, sie gelten nicht mehr…

In Manchester begleitet der Leser Detective Anders Svensson. Eine Figur, die auf einem Undercover-Ermittler basiert, den Knight bei seinen Recherchen längere Zeit begleitete und mit dem er inzwischen gut befreundet ist. Das ist insofern bemerkenswert, da sie die Tragik des Protagonisten unterstreicht, der über fast zwölf Jahre den Drogenbaron Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Auftragskiller Flow, verfolgt und für diese Manie sein Privatleben sowie die eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat…

Im letzten Handlungsstrang steht die Polizeianalystin Katryn McClusky im Mittelpunkt, welche die Gewaltspirale in Europas gefährlichster Stadt mithilfe eines Präventionssystems namens „Face-to-Face-Call“, das bereits in Boston erfolgreich eingeführt wurde, durchbrechen will. Hier werden die Täter mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen ihrer Opfer konfrontiert und müssen sich in persönlichen Gesprächen deren Leid und Kummer stellen. Und es zeigt sich: Die Methode hat tatsächlich Erfolg. Aber auch nachhaltig?

Drogen-Kämpfe, Rachemorde, Polizeispitzel. Allein die Lektüre des Klappentexts legt nahe, Gavin Knights „The Hood“ in der Kategorie von David Simons epischen „Homicide“ einzuordnen, welches letztendlich als Blaupause für die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „The Wire“ diente. Und in der Tat: Knight und Simon ähneln sich in ihrer Herangehensweise an das Sujet, verzichten beide auf künstliche Ausschmückungen und Zuspitzungen, um stattdessen den gesellschaftlichen Verfall eins zu eins, und von einer gewissen sachlichen Distanz geprägt, abzubilden. Das hat Vor- und Nachteile, da man zwar als Leser einen ungetrübten Einblick in eine Welt bekommt, welche einem sonst (glücklicherweise) verschlossen bleibt, aber auf der anderen Seite vergeblich nach eine richtiger Bezugsperson sucht, die es uns ermöglicht, auf einer persönlicheren Ebene mitzufühlen. Während da Simon mit seiner detaillierteren Ausarbeitung der einzelnen Personen seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt Knights Werk dies vermissen. Detective Svensson aus Manchester mag so zwar in Wirklichkeit existieren, die Präsenz eines McNulty oder Wallander, mit denen „The Sunday Times“ einen Vergleich herstellen will, erreicht er aber nicht annähernd. Als Folge dessen hat mich dann auch dieser Erzählstrang am wenigsten beeindrucken können, nimmt man nur wenig Anteil an Svenssons Absturz.

Dafür ist der Einblick in die „Hoods“ selbst umso faszinierender, weil erschütternder. Knights Beschreibungen sprengen selbst schlimmste Vorstellungen, führen zu beunruhigenden Gedankengängen und werden wohl besonders die Einwohner in den nicht betroffenen Teilen der hier vorgestellten Städte ihr Zuhause mit anderen Augen betrachten lassen. Die moralische Wucht, mit der der Autor uns das Elend der Betroffenen nahe bringt, uns verdeutlicht, dass das der Alltag ist, lässt sich schwer schlucken und noch schwerer verdauen. Allen voran die Geschichte der zwei Sikhs, welche, auf ein besseres Leben hoffend, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um dann drogenabhängig in den Straßenschluchten zu landen, ist genauso ironisch wie tragisch. Vom Regen in die Traufe. Oder „ein Kreislauf der Scheiße“, wie Richard Price es in seinem Milieuroman „Clockers“ beschreibt. Die Unausweichlichkeit der Schicksale, sie ist es, die hier eindringlich und nachträglich beim Leser haften bleibt. Kleine Geschichten, wie die einer Ärztin, welche täglich Kinder und Jugendliche mit schwersten Wunden von Hieb -und Stichwaffen versorgen muss. Oder Eltern, die zwar eine Ahnung von der Gewalttätigkeit ihrer Kinder bekommen, dennoch aber einfach nicht mehr nachfragen wollen, da sie die Wahrheit nicht ertragen können.

Krieg direkt vor der Haustür. Das ist das Stichwort. Und Gavin Knight nutzt jedes Mittel aus, um diesen realistisch und unzensiert auf Papier zu bringen. Ein Unterfangen, was ihm gelingt, wenngleich sich „The Hood“ äußerst holprig liest und nie zum „Pageturner“ wird – was ich, in Unkenntnis der originalen Ausgabe, jetzt einfach mal der Übersetzung anlasten würde, wenn Jürgen Bürger nicht sonst immer so eine sichere Bank wäre. Auch wenn ein Buch mit dieser Thematik in in erster Linie enthüllen und nicht unterhalten will – der sperrige Stil  erweist „The Hood“ leider in diesem Fall einen Bärendienst.

So ist „The Hood“ am Ende eben nicht die „wichtigste Kriminalgeschichte“, aber in jedem Fall ein wichtiges Buch, welches ein noch wichtigeres Thema solide, sachlich und gebührend beleuchtet. Und das allein ist wohl zumindest dem deutschen Leser zu wenig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum dieses im März des Jahres 2012 hierzulande erschienene Werk nicht mal ganze drei Jahre später schon vergriffen war und nicht mehr gedruckt wird.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Gavin Knight
  • Titel: The Hood
  • Originaltitel: Hood Rat
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2012
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 297 Seiten
  • ISBN: 978-3550088988

 

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Early draft of evil

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(c) Ullstein

Die Figur Dudley Smith übt seit meiner ersten Lektüre von James Ellroys „L.A.-Quartett“ eine schon fast unheimliche Faszination auf mich aus und hat mich nachhaltig wie kaum ein anderer Antagonist (sofern man ihn denn grundsätzlich als solchen bezeichnen will) im Genre des Kriminalromans geprägt. Sein erster Auftritt ward bis dato jedoch von mir ungelesen, hat er diesen doch im bereits 1982 erschienenen Krimi „Heimlich“. Ein guter Grund, sich dieses Frühwerk aus der Feder des „Demon Dog of Crime Fiction“ mal näher anzuschauen.

James Ellroy – ein Name, der inzwischen wie ein unverrückbarer Fels im Genre des Kriminalromans steht, vielen Autoren der jüngeren Generation als Vorbild dient und doch auch eine exzentrische Gestalt, an der sich oft die Geister scheiden. Während seinem legendären „L.A. Quartett“ selbst in akademischeren Literaturzirkeln größtmöglicher Respekt gezollt wird, erfährt sein Frühwerk – auch von ihm selbst – nicht immer die gleiche wohlwollende Betrachtung. Der klassische Ellroy, welcher mit Gewitter-artigen Sätzen durch die Reihen seiner Figuren peitscht, einem Sturmhagel gleich im Dauerstakkato seelische Abgründe und menschliche Verkommenheit über den Leser ergießt – er befand sich Anfang der 80er noch in einer Findungsphase.

Heimlich“ (orig. „Clandestine“) erschienen im Jahr 1982, merkt man diesen Testlauf-Charakter für kommende Werke zuweilen an, wenngleich jedoch – wie schon im Debütwerk „Browns Grabgesang“ – zwischen den Zeilen bereits allzu deutlich wird, wohin die düstere Reise gehen soll. So wird im vorliegenden Werk mit Dudley Smith DER Prototyp des bösen Bullen schlechthin eingeführt. Und auch das berüchtigte Victory Motel, das später noch eine weit größere Rolle spielen soll, feiert hier seinen Einstand. Das ist insofern erwähnenswert, weil es helfen soll, „Heimlich“ im Kontext des Gesamtwerks (es spielt chronologisch während bzw. zwischen „Stadt der Teufel“ und „White Jazz„) richtig einordnen zu können, stellt es meines Erachtens doch den elementaren Scheideweg in Ellroys Wirken dar (man könnte es auch als „Boden bereiten“ bezeichnen), an dem er anschließend erst einmal nur aus kommerziellen Gründen für seine „Hopkins“-Trilogie die „falsche“ Abzweigung nahm, um ihn später als Ausgangspunkt für sein „L.A. Quartet“ und die „Underworld“-Trilogie wieder aufzugreifen. Doch nun mehr zum Buch selbst:

Ein dunkler, kalter Winter im Los Angeles des Jahres 1951. Hier begegnen wir dem erst 26-jährigen Officer Fred Underhill, Streifenpolizist auf der Station Wilshire des LAPD, der auch in seiner Dienstzeit lieber Frauen als verdächtigen Kriminellen hinterherjagt und nach Feierabend das Gras der hiesigen Golfplätze beackert. In beiderlei Hinsicht erfolgreich, könnte das Leben eigentlich nicht sorgloser sein, doch Underhill will Karriere machen. Und diese Chance bietet sich, als er gemeinsam mit seinem Partner den verstümmelten und erdrosselten Leichnam einer erst kürzlich Verflossenen auffindet. Unzufrieden mit den üblichen Routineuntersuchungen, die den Fall kurz und knapp unter Raubmord verbuchen wollen, geht er nach Dienstschluss selbst auf Spurensuche, welche ihn zu einer Reihe anderer älterer und neuerer Morde führt – und in die Gesellschaft der hübschen, am Stock gehenden Bezirksstaatsanwältin Lorna Weinberg. Nach und nach gewinnt er ihr Vertrauen und sie als wichtige Verbündete. Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten, denn mit ihm kommen Neider und unerwünschte Aufmerksamkeit. Für Underhill in Form des neuen Vorgesetzten, dem sadistischen und korrupten Detective Lieutenant Dudley Smith, der seine illegalen Methoden mit dem Euphemismus „heimlich“ verharmlost … und der nebenbei seinen ganz eigenen nachtschwarzen Dämonen hinterherjagt.

Es fällt mir schwer, an dieser Stelle nicht mehr zu verraten, gibt doch obige Inhaltsbeschreibung nur die erste, und meiner Ansicht nach schwächere Hälfte des Buches wieder, in der sich Ellroy noch relativ konsequent innerhalb der üblichen Genre-Bahnen bewegt, wohingegen sich spätestens mit Dudleys Erscheinen und dessen Obsession für die Schwarze Dahlie der, nennen wir es mal, literarische Aspekt durchsetzt. Zu Beginn noch eindeutig von der Hardboiled-Prosa klassischer Vorbilder geprägt, ändert sich hier plötzlich der Ton, wird sein zuvor hölzerner, formaler Stil so viel mehr abstrakter, ja, zersplitterter, als hätte jemand von jetzt auf gleich seine Art des Schreibens gefunden.

Das ist insofern bemerkenswert, da man diese Rhythmusänderung selbst noch in der deutschen Übersetzung (welche übrigens weit besser ist, als die zu „Browns Grabgesang“) deutlich herauslesen kann. Ellroy ist zwar von der späteren Perfektionierung zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt, setzt sich jedoch schon merklich von Hammett und Chandler ab, in dem er genau die paar Schritte weitergeht, die es braucht, um den ursprünglichen Detektivroman auf eine komplexere, dunklere Ebene und damit in die Sphären ernsthafter Literatur zu heben. Sein Talent Zeit und Raum einzufangen, vielschichtige und vor allem vielzählige Charaktere sinnvoll miteinander zu verweben, verschiedenste Spuren durch Haken und Wendungen immer wieder neu zu ordnen – in „Heimlich“ scheint es zum ersten Mal so richtig durch.

„Jene Zeit sollte ein Ritus des Übergangs werden, bestehend aus Fehlstarts und Trugschlüssen. (…) Als mich mein gieriger Ehrgeiz 1951 in ein furchtbares Labyrinth von Tod, Schande und Verrat hineinzog, war das nur mein Anfang.“

Fred Underhills Worte im Prolog enthalten nicht nur stark autobiographische Züge, sondern können gleichzeitig auch als Blaupause für die nachfolgenden Werke verstanden werden, welche wieder das Szenario eines sex- und karriereversessenen Polizei-Officers aufgreifen, der im Amerika der 1950er Jahre auf die Spur eines psychopathischen Frauenmörders gerät. Wobei die Jagd auf selbigen vor allem der Karriere des Protagonisten dienlich sein soll und der Täter für den letztendlichen Erfolg Jahre persönlicher Rückschläge in Kauf nehmen muss. Schuld und Entwurzelung sind zwei Aspekte, die sowohl „Heimlich“ als auch das „L.A.-Quartett“ maßgeblich bestimmen, weswegen ich Freunden des letzteren auch nachdrücklich zu diesem Frühwerk rate, das zwar streckenweise unter dem „Entwurfcharakter“ leidet, dafür aber faszinierende, detaillierte und sprachlich noch zugänglichere Einblicke in Schauplatz und Figuren der großen Vier gewährt.

Nein, die hohen Erwartungen, welche man heutzutage an jeden neuen James Ellroy stellt – sie kann „Heimlich“ – auch weil der Hauptfigur noch dieses gewisse Extra, diese Portion Schärfe und Dreidimensionalität fehlt – nicht erfüllen. Als lohnender Appetizer oder Teaser für „things to come“ kann dieses Frühwerk, dieser erste „echte Ellroy“, aber durchaus überzeugen.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: James Ellroy
  • Titel: Heimlich
  • Originaltitel: Clandestine
  • Übersetzer: Wolfgang Determann
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 315
  • ISBN: 978-3548247229

No man is an island

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(c) Pendragon

Und weiter geht’s mit meiner Würdigung von Robert B. Parker Jesse-Stone-Reihe, deren TV-Umsetzung mit Tom Selleck in der Hauptrolle immer noch weit bekannter ist, als die literarische Vorlage, was wohl auch hier leider wieder an der Tatsache liegen wird, dass der Verlag Pendragon von viel zu vielen Buchhandlungen – und vor allem Buchhandelsketten – konsequent ignoriert wird. Ein Versäumnis, zumal Verlagsleiter Günther Butkus eine beeindruckend hohe Trefferquote aufweist, wenn es darum geht, literarische Perlen, vor allem aus dem Bereich Krimi, für den Leser zu entdecken. (Zuletzt in Gestalt von Wallace Strobys „Kalter Schuss ins Herz„.)

„Nein, zu Begeisterungsstürmen lädt „Terror auf Stiles Island“, der zweite Band aus der Reihe um Polizeichef Jesse Stone, nicht ein – dies liegt allerdings nicht unbedingt an mangelnder Qualität, als vielmehr an der Tatsache, dass Robert B. Parker, dessen lakonisch-unaufgeregter Stil ohnehin charakteristisch ist, hier in Punkto Tempo nochmals einen Gang zurückgeschaltet und dem rahmengebenden „Hardboiled“-Plot zu großen Teilen der Figurenzeichnung geopfert hat. Vom im Titel angekündigten Terror kann somit, trotz einer Reihe finsterer Gegenspieler, über weite Strecken nicht die Rede sein. Das als Info für diejenigen Leser vorangestellt, welche einen guten Spannungsroman in erster Linie an adrenalingeschwängerter Action oder bluttriefenden Folterszenen festmachen. Diese dürften an Parkers klassischer Erzählweise nur wenig Gefallen finden. Vielleicht auch ein Grund, warum der inzwischen verstorbene US-Autor auf dem deutschen Buchmarkt nie so recht Fuß fassen konnte. Parker-Fans wird es egal sein – „Terror auf Stiles Island“ bietet einmal mehr gute, weil altbewährte Kost.

Kurz zur Handlung: Jesse Stone, ehemals Polizist bei der Mordkommission in Downtown LA, hat mit seinem knallharten Durchgreifen gegen die instrumentalisierte Bürgermiliz (siehe „Das dunkle Paradies“) in der beschaulichen Kleinstadt Paradise für klare Verhältnisse gesorgt. Seine Kritiker sind größtenteils verstummt und die Bewohner mit Stones wortkarger Art inzwischen vertraut geworden. Dennoch gibt sein schroffes Verhalten immer noch Fragen auf. Insbesondere Abby Taylor, die attraktive Staatsanwältin, sucht Abstand, was Stone, der seine Beziehung zu der ebenfalls nach Paradise gezogenen Ex-Frau Jenn immer noch nicht geklärt hat, direkt in die Arme der heißblütigen Immobilienmaklerin Marcy Campbell treibt. Und als wären drei Frauen nicht schon Probleme genug, sieht er sich nun auch noch mit einem Fall von Brandstiftung konfrontiert. Die Opfer: Ein schwules Pärchen. Die vermeintlichen Täter: Drei stadtbekannte jugendliche Straftäter, welche dank einflussreicher Eltern dem Zugriff des Gesetzes schon desöfteren entgangen sind.

Unter Stone laufen die Dinge jedoch anders. Entgegen der Empfehlungen seiner Kollegen zerrt er die drei Verdächtigen aufs Revier, um sie in einem geschickten Verhör zu einem Geständnis zu bringen. Und während die Rufe nach seinem Rücktritt plötzlich schon wieder lauter werden, droht von anderer Seite weit größere Gefahr.

Eine Bande von Gangstern, angeführt vom gerade aus dem Knast entlassenen Adrenalinjunkie „Jimmy“ Macklin, plant einen gewagten Coup: Stiles Island, Rückzugsort der reichen High Society und nur durch eine Brücke mit dem Festland und der Stadt Paradise verbunden, soll komplett ausgeräumt werden. Doch da haben sie die Rechnung ohne Jesse Stone gemacht…

Man kann ja von Robert B. Parker Geschichten halten was man will – literarisch war, ist und bleibt er eine Klasse für sich. In seinen Romanen ticken die Uhren weiterhin noch wie zu Chandlers Zeiten, sind Handys und Computer die einzigen Zugeständnisse an die Moderne. Unnötiges Beiwerk, zum Beispiel die heutzutage allgegenwärtigen forensische Untersuchungen, spart er sich genauso wie größere Ausschmückungen der emotionalen Befindlichkeiten seiner Protagonisten. Stattdessen lässt er die Figuren sich durch ihre Handlungen selbst erklären, geben kurze, knappe und haargenau getimte Dialoge kurze Einblick in ihre Gefühlswelt. Parker schabt aber lediglich an der Oberfläche, ordnet alles der schnörkellosen Federführung unter, mit der zielgerichtet und beinahe zwangsläufig der Plot vorangetrieben wird. Ohne Abzweigungen, Umwege oder Abkürzungen. Es ist diese „fettfreie“ Art des Schreibens, welche Parker zwar zu einem stilistischen Fossil im Genre des Kriminalromans macht, seinen Werken aber auch stets diese Aura der Souveränität verleiht. Ganz wie bei seinen Kollegen Richard Stark oder Elmore Leonard wird kein scharfkantiger, serpentinenartiger Spannungsbogen in die Handlung gezimmert, sondern stattdessen der Weg zum Ziel erklärt.

Herausgekommen ist ein kühler, lässiger „Hardboiled-Police-Procedural“-Mischling, dessen melancholische Atmosphäre vor allem vom Hauptprotagonisten aufrecht erhalten wird, der hier einmal mehr mit den Dämonen seiner Alkoholsucht und den Verlockungen des weiblichen Geschlechts zu kämpfen hat. Seine unerschütterliche Ruhe, die selbst in Zeiten großer Gefahr nicht ins Wanken gerät, bestimmt das Tempo des Romans, der sich, noch mehr als im Vorgänger, einen ziemlich langen Vorlauf genehmigt, bis es zum im Klappentext angedeuteten Aufeinandertreffen von Gut und Böse kommt. An diesem Punkt muss sich Parker auch etwas Kritik gefallen lassen. Wenngleich die prologartige Einleitung Neueinsteigern entgegen kommen dürfte – Kennern bzw. Viellesern des Genres verlangt es hier vielleicht ein bisschen zu viel der Geduld ab. Und auch das „Femme-Fatale“-Element hat der Autor angesichts der vielen schenkelschwenkenden Schönheiten vielleicht etwas überreizt.

Das man sich trotzdem nicht gähnend den Kiefer ausrenkt, liegt schlichtweg am Rhythmus des Buches, der wie ein gut geschmierter Acht-Zylinder voranschnurrt, ohne unnötig oft das Gas- oder Bremspedal zu treten. Am Ende geschieht dann wenig Überraschendes, bleibt ein Showdown mit Dauerfeuer aus. Stattdessen ein einziger Schuss, ein schneller Tod und ein Boot das sich im Dunkel der Nacht verliert.

Insgesamt ist „Terror auf Stiles Island“ ein typischer Robert B. Parker. Unspektakulär, unaufgeregt und doch seltsamerweise trotz fehlender Highlights fast unmöglich aus der Hand zu legen. Gute, solide, stimmige Unterhaltung und ein erfrischender Kontrast zum modernen Krimi-Angebot. Auch die weiteren Bände werden mit Sicherheit in mein überfülltes Bücherregal wandern.“

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Terror auf Stiles Island
  • Originaltitel: Trouble in Paradise
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 312
  • ISBN: 978-3865323569