Die Spottdrossel singt ihr Lied …

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© Moewig

Es gibt wohl nur wenige Science-Fiction-Autoren, welche das Genre im Nachhinein derart geprägt haben, wie Philip K. Dick, wobei hier auch tatsächlich das Wort „nachhinein“ betont werden muss, wurde ihm doch die Ehre und die Anerkennung für sein Werk erst relativ spät in seiner fast 30-jährigen Karriere zuteil. Mehr noch: Von Anfang der 50er bis in die späten 60er Jahre schrieb Dick zwar ebenso besessen Bücher, wie er sie selbst las (vorwiegend über Philosophie und Gnostizismus, aber auch über Religion), konnte aber in dieser Zeit keinen seiner Romane bei einem Verlag unterbringen.

Mit „Eine Bande von Verrückten“ (orig. „Confessions of a Crap Artist“), den er 1959 zu Papier brachte, wurde nur eins dieser Frühwerke zu seinen Lebzeiten, nämlich im Jahr 1975, veröffentlicht. Von den wenigen Kurzgeschichten, die er verkaufen konnte, blieb nicht viel Geld zum Leben übrig, weswegen Dick in verhältnismäßig ärmlichen Verhältnissen leben musste. Durch die linken Aktivitäten seiner ersten Frau Kleo kam er zudem erstmals in Kontakt mit dem Inlandsgeheimdienst FBI, gegenüber dem er über die Jahre eine regelrechte Paranoia entwickeln sollte. Gut möglich, dass sein Gefühl beobachtet zu werden auch in die vorliegende Lektüre eingeflossen ist, in welcher Überwachung ein zentrales Thema der Handlung ist. Diese sei kurz angerissen:

Nach einem verheerenden Atomkrieg mit dem japanischen Kaiserreich im Jahr 1972 hat sich das Antlitz unserer Welt verändert. Während die Inseln Japans weitestgehend radioaktiv verseucht sind, ist auf dem amerikanischen Festland zwar wieder Leben möglich, doch der Konflikt hat auch hier tiefgreifende Spuren hinterlassen. Die Vereinigten Staaten existieren nicht mehr, stattdessen kam es 1987 zu der sogenannten Moralischen Restauration, in dessen Zuge, angeführt durch Major Jules Streiter, alle Volksgenossen unter der „MoRes“ gleichgeschaltet wurden. Kontrolliert wird die Gesellschaft durch den militärischen Arm des Staatsapparats, den „Kohorten“, deren „Pimpfe“, mechanische Spionagerobotor, die Einhaltung der allgemein gültigen Regeln von Frieden und Wohlstand überwachen. Die Indoktrinierung der Bevölkerung übernimmt derweil Telemedia (T-M), das Propagandainstrument des Ministeriums, welches allgegenwärtig seine Botschaften an Mann und Frau bringt. Eine Rechnung, welche im Jahr 2114 aufgegangen zu sein scheint.

Zumindest für Allen Purcell, Agenturchef und einer der wichtigsten Kunden von Telemedia, dessen Konzepte für Sendungen allenthalben Beachtung gefunden haben und ihn nun ins Blickfeld als Nachfolger des bestehenden Chefs der T-M, Myron Mavis, rücken. Auch wenn seine neueste Idee den ideologischen Grundsätzen der MoRes zuwiderläuft – sein Aufstieg scheint, dank vielfacher Unterstützung, nur eine Frage der Zeit. Bis eines Tages die Statue von Jules Streiter im Park von Newer York geschändet wird. Als Purcell mit roter Farbe und Gras an seinen Schuhen nach Hause zurückkehrt, ahnt er, dass er dafür verantwortlich ist. Doch warum kann er sich nicht daran erinnern? Wenn er unterbewusst gehandelt hat, was war der Grund dafür? Und droht ihm dasselbe Schicksal wie den anderen Systemfeinden – eine psychiatrische Behandlung weit entfernt auf dem Planeten, der nur „Die Zuflucht“ genannt wird? Purcell versucht den Status Quo weitestgehend aufrecht zu erhalten, doch mit Gretchen Malparto tritt bald eine Frau in sein Leben, die in ihm eine waghalsige Idee reifen lässt …

Das Wesen der Realität oder besser gesagt die Loslösung der eigenen individuellen Existenz vom Realen – sie stehen insbesondere in der frühen Schaffensphase Philip K. Dicks immer wieder im Zentrum seiner Geschichten und stellen dabei sein Publikum nicht selten vor eine gewisse Hürde, seinen transzendenten Gedankengängen folgen zu können (Bekanntestes Beispiel ist vielleicht die Verfilmung „Total Recall“). Wo die Wirklichkeit endet und die Einbildung beginnt, diese Grenze ist fließend, auch in „Der heimliche Rebell“. Und das ist, und das sei vorangestellt, mit Sicherheit keins seiner besten Werke, kommt es doch besonders zu Anfang nur äußerst zäh in Fahrt.

Dick nimmt sich viele Seiten Zeit für die Exposition seiner Welt und Allen Purcells Platz darin. Ein Mann von zu Beginn nur wenig Charisma, der zwar einen gewissen Scharfsinn mitbringt, aber letztlich trotzdem williger Teil in der Propagandamaschinerie ist und sich zusammen mit seiner Frau der Privilegien dieser Position erfreut. Zwar deutet der Autor die Brüchigkeit des Systems zwischendrin an, aber es bleibt allenfalls bei der vagen Ahnung, dass sich daraus vielleicht irgendwann auch größere Risse bilden könnten, bleibt doch Purcell selbst sehr passiv. Bis sich daran im Verlauf der Geschichte nach und nach etwas ändert, fehlt es an Highlights. Einzige Ausnahme sind die Schauprozesse für die Wohnblockbewohner, in denen in schöner Regelmäßigkeit, weitestgehend anonym und in der Hoffnung auf eigenen Vorteil, der Nachbar angeschwärzt und verunglimpft wird. Ihre entlarvende Scheinheiligkeit verströmt bei der Lektüre tatsächlich eine gewisse gruselige Faszination, bis ab der Mitte des Buches, mit dem Auftritt Gretchens, das Ganze dann auch etwas mehr an Fahrt gewinnt.

Purcell, der psychologische Betreuung in Anspruch nimmt, wechselt plötzlich in eine Traumwelt über (oder doch nicht?), die ein Spiegelbild von Dicks Amerika der 50er Jahre darstellt und wird dadurch nun zum Handeln gezwungen. Wohl wissend, dass seine Taten bald ans Licht kommen werden, nutzt er die verbliebene Zeit als Chef von T-M, um die Propaganda für seine Zwecke wirken zu lassen. Während sein Mietvertrag gekündigt wird – der größtmögliche Fall in der Gesellschaft von MoRes – nutzt er ausgerechnet die Legende um Major Streiter, um zum großen Gegenschlag auszuholen. Wie er das inszeniert und ausführt, das hat in der Tat einen gewissen Charme und Witz, kann aber diesen Titel am Ende genauso wenig aus der Bedeutungslosigkeit hervorholen, wie die erotisch angehauchten Passagen mit Gretchen Malparto. Diese sind für Dick-Kenner nur insofern bedeutsam, als das wir hier zum ersten Mal Bekanntschaft mit einem dunkelhaarigen Mädchen machen, das sich als verführerische Femme Fatale wie ein roter Faden durch sein Lebenswerk zieht.

Dennoch: „Der heimliche Rebell“ ist kein Roman Dicks, dessen Wiederentdeckung wirklich groß lohnt, sieht man mal davon ab, dass die Darstellung eines Totalitarismus der Moral inzwischen in der aktuellen Gesellschaft wieder eine erschreckende Aktualität gewonnen hat. Und so sehr mich gerade die letzten Seiten dann doch unterhalten konnten – die Zeit für diese knapp 200 Seiten hätte man anderer Stelle sicher besser investieren können.

Wertung: 73 von 100 Treffern

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  • Autor: Philip K. Dick
  • Titel: Der heimliche Rebell
  • Originaltitel: The Man Who Japed
  • Übersetzer: Karl-Ulrich Burgdorf
  • Verlag: Moewig
  • Erschienen: 1981
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 191 Seiten
  • ISBN: 978-3811835297

Der Morgen, an dem es über mich kam …

© Heyne

Nach dem für ihn vollkommen unerwarteten Erfolg durch seine Bücher „Carrie“ und „Brennen muss Salem“, den er insbesondere seiner Frau Tabitha zu verdanken hatte (siehe Rezension zu „Carrie“), sah sich Stephen King schon recht bald als Horror-Autor abgestempelt. Eine Kategorisierung, welche er zwar später mit Ehre tragen sollte, ihm zum damaligen Zeitpunkt allerdings die Möglichkeit verwehrte, auch seine bis dato unveröffentlichten Frühwerke an den Verlag – und damit an den Leser zu bringen.

Zu diesen Titeln gehörte auch „Amok“ (das anfangs noch „Getting it on“ heißen sollte), an dem King bereits seit Mitte der 60er Jahre arbeitete, woher sich auch die vielen inhaltlichen Parallelen zur 1968 verfassten Kurzgeschichte „Kains Aufbegehren“ (später erschienen in der Kurzgeschichtensammlung „Blut“) erklären dürften. Fest entschlossen sich selbst und den Kritikern zu beweisen, auch abseits des schlichten Grusels literarisch Fuß fassen zu können, entschied sich der Autor kurzerhand, „Amok“ unter einem Pseudonym auf den Markt zu bringen. Richard Bachman war geboren.

Und damit gleich eine ganze fiktive Biographie. Bachman wurde im Jahre 1942 in New York geboren, diente angeblich vier Jahre bei der Küstenwache bis er anschließend bei der Handelsmarine anheuerte und in den Vietnam-Krieg zog, um nach seinem Ausscheiden aus der Armee schließlich in New Hamsphire eine Milchfarm zu betreiben. Abends, nach der harten getanen Arbeit, hatte Bachman dann stets zum Stift gegriffen und mit dem Schreiben begonnen. Hier – so Kings Fantasie, der über Jahre viele unwissende Leser glauben schenkten – sollte nun auch „Amok“ schließlich das Licht der Welt erblicken. Ein Roman, der zwar kein klassischer „Horror“ sein will, aber letztlich bei der Lektüre eben doch für diesen sorgt und wohl zum unbequemsten und verstörendsten gehört, was der Meister des feinen Grusels in seiner Karriere auf uns losgelassen hat – nur um es später wieder einzufangen, doch dazu mehr im Verlauf der Rezension. Erstmal kurz zur Handlung:

Ein schöner Morgen im Mai in einer Kleinstadt in Maine. Der 17-jährige Schüler Charles Decker, welcher am Tag zuvor seinen Chemie- und Physiklehrer John Carlson beinahe mit einem Schraubenschlüssel erschlagen hatte, wird während des Unterrichts ausgerufen und zum Direktor der Schule zitiert. Thomas Denver hat es bereits mit einigen Querulanten zu tun gehabt, verliert aber recht schnell die Kontrolle über das Gespräch, welches letztlich eskaliert und dazu führt, dass Decker nach Greenmantle versetzt wird. Dieser gibt sich äußerlich unbeeindruckt, nur um dann schreiend das Büro zu verlassen – eine versuchte Vergewaltigung seitens des Rektors vortäuschend, was aber bei niemandem, der den Jungen näher kennt, Eindruck macht. Daraufhin begibt sich Decker zu seinem Spind, wo er erst all seine Schulbücher zerfetzt, die mitgebrachte Waffe seines Vaters entnimmt und schließlich alles in Brand steckt.

Als er wieder an der Tür zum Raum 16, seinem Klassenzimmer, ankommt, zieht er seelenruhig die Pistole aus seinem Gürtel und schießt seiner Algebra-Lehrerin Mrs Jean Underwood direkt in den Kopf. Während seine Klassenkameraden und -kameradinnen fassungslos die Szene beobachten, geht aufgrund des aus dem Spind quellenden Rauchs der Feueralarm los. Ein weiterer Lehrer, Mr. Vance, betritt den Raum, um nach dem Rechten zu sehen. Zwei Schüsse später liegt auch er, tödlich getroffen, am Boden. Nun beginnt für alle im Klassenzimmer eine mehrstündige Geiselnahme, in der sich Charles Decker nicht nur zum Richter über Leben und Tod aufschwingt, sondern mit jedem Einzelnen seine psychologischen Spielchen treibt.

Während sich außerhalb der Schule neben der Polizei und der Feuerwehr auch immer mehr Angehörige und Schaulustige versammeln, brechen sich in der Klasse zwischen den Schülern und Schülerinnen inzwischen alte Konflikte Bahn. Allein Ted Jones erweist sich lange Zeit als Fels in der Brandung und angewidert von Deckers Taten, der jedoch zunehmend das Gefühl der Macht genießt und in dem sturen Mitschüler einen Stolperstein sieht, den es aus dem Weg zu räumen gilt …

Wer sich nun schon auf halbem Weg bereits auf die Suche nach diesem Titel von Richard Bachman/Stephen King aufgemacht hat, wird zu seiner Verblüffung feststellen, dass dieser bereits seit längerem vergriffen ist. Und die Chancen auf eine Neuveröffentlichung sind auch verschwindend gering, denn der Autor höchstpersönlich ließ ihn im Jahr 2000 vom Buchmarkt nehmen. Eine Zeit, in der die Gewalt mit Schusswaffen an US-amerikanischen Schulen einen traurigen Höchststand erreichte und im Zuge der medialen Berichterstattung gleich mehrere der Attentäter mit diesem Roman in Verbindung gebracht werden konnten. Unter ihnen war auch Michael Carneal, welcher am 1. Dezember 1997 drei Mitschüler erschossen und wohl eine Taschenbuchausgabe in seinem Spind aufbewahrt hatte. Ein weiterer, Barry Loukaitis, Mörder von zwei Mitschülern und seiner Algebra-Lehrerin (!), soll angeblich sogar aus dem Roman zitiert haben. All diese Attentate, mit dem schrecklichen Höhepunkt in Littleton, greift King auch in seinem Essay „Guns“ (bisher unübersetzt) auf, in dem er nochmal ausführlich erklärt, warum „Amok“ nicht mehr aufgelegt werden soll.

Bleibt nun die Frage: Lohnt sich denn die antiquarische Suche? Hier tendiere ich eher zu einem „Nein“, denn so interessant es ist, sich mit den stilistischen Mitteln dieses Frühwerks von Stephen King zu beschäftigen, so abstoßend fand ich doch letztlich diese Lektüre. Und das lag tatsächlich nicht allein an dem kaltblütig geschilderten Mord an zwei Lehrkräften, sondern hat auch noch andere Gründe. So ist „Amok“ mit knapp 220 Seiten für einen King-Roman extrem kurz geraten, was manch einer vielleicht als erfrischende Abwechslung mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen wird, aber auch dafür sorgt, dass die meines Erachtens größte Stärke dieses Autors – nämlich seine Figurenzeichnung – überhaupt nicht zur Geltung kommen kann. Falls er wollte, dass uns das Schicksal aller Beteiligten genauso egal ist wie Charles Decker – ja, dann war das ein genialer Kniff. Falls nicht, dann muss ich leider konstatieren, dass ich es schmerzlich vermisst habe, mich wie üblich in die Beteiligten hineinversetzen zu können. Hier sind insbesondere die als Geisel genommenen Schüler gemeint, welche hoffentlich nicht den üblichen Querschnitt einer amerikanischen Klasse darstellen, sind sie doch fast allesamt von erschreckender Künstlichkeit und Oberflächlichkeit.

Natürlich hat sich Stephen King in Vorbereitung auf diesen Roman auch mit dem sogenannten Stockholm-Syndroms auseinandergesetzt, welches die zunehmende Sympathie der Geisel zu ihrem Geiselnehmer oder Kidnapper beschreibt – und diese Erkenntnisse letztlich in den Roman einfließen lassen. Wie schnell aber die Klassengemeinschaft sich hier ihrem Peiniger, der soeben gerade ihre Lehrerin vor ihren Augen erschossen hat, zu Füßen wirft, das hat doch schon mehr als nur ein bisschen ein Geschmäckle. Der kompakten Erzählweise geschuldet, mutet dieses abrupte Zerbrechen jeglicher Bündnisse zwischen den Schülern nicht nur seltsam an – es torpediert auch im gleichen Zug den Aufbau einer gewissen Spannung, da die vermeintlichen Opfer sich nun urplötzlich zu Verbündeten des Täters wandeln. Da die Handlung gerade mal wenige Stunden eines Tages abdeckt, liest sich das nicht annähernd so homogen, wie wir das sonst vom späteren „King of Horror“ gewohnt sind, der zum Beispiel den charakterlichen Verfall des Jack Torrance in „Shining“ (ebenfalls 1977 veröffentlicht) viel mehr Zeit widmet und ihn damit auch umso nachvollziehbarer macht.

Desweiteren verwundert es nicht, dass viele Leser damals nicht bemerkt haben, dass es sich hierbei um King handelt, da auch die sprachlichen Mittel dieses begnadeten Autors nicht mal zur Hälfte ausgeschöpft werden. Ganz im Gegenteil: „Amok“ liest sich äußerst spröde, kahl, kalt und – und das fand ich persönlich am störendsten – äußerst vulgär. Gerade die Beschreibungen der sexuellen Eskapaden von Deckers Mitschülern pendeln sich auf einem knietiefen Niveau ein, welches man sonst nur von einem Richard Laymon kennt.

Warum der Roman am Ende nicht komplett durch den Qualitätsrost fällt, hat folgende Gründe: Immer dann wenn Bachman/King seinen Scheinwerfer auf Charles Decker richtet, seine Hinter- und Beweggründe beleuchtet, nimmt diese Lektüre Fahrt auf, erkennen wir den Versuch des Autors zu schildern, wie wenig es bedarf, um einen Menschen über die moralische Klippe stürzen und eine so entsetzliche Tat begehen zu lassen. Und gerade zum Schluss, den man wohl am besten mit „bittersüß“ beschreiben dürfte, schimmert etwas von der Genialität durch, die seine weiteren Werke allerdings über die ganze Distanz tragen konnten. So bleibt festzuhalten: Für King-Liebhaber sicher einen Blick wert – allen anderen verpassen hier tatsächlich nichts.

Wertung: 73 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Bachman 
  • Titel: Amok
  • Originaltitel: Rage
  • Übersetzer: Joachim Honnef
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 11.1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 220 Seiten
  • ISBN: 978-3453025547

Eine weitere, meines Erachtens sehr lesenswerte Besprechung von meinem Bloggerkollegen Marc Richter von „Lesen macht glücklich“ findet ihr hier.

Here I am after so many years Hounded by hatred and trapped by fear *

James Lee Burke-Strasse der gewalt

© Pendragon

„Straße der Gewalt“, im Original unter dem poetischeren Titel „Last Car To Elysian Fields“ erschienen, ist der dreizehnte Roman der Dave Robicheaux-Reihe. 2003 erschienen, markierte er seinerzeit das Ende der deutschen Übersetzungen der Romane James Lee Burkes. Vierzehn  Jahre später beendet Pendragon, beziehungsweise der verlässliche Übersetzer Jürgen Bürger,  diesen Zustand. 

Über Langeweile kann Dave Robicheaux nicht klagen. „Straße der Gewalt“ zeigt ihn wieder an mehreren Fronten ermittelnd. Zum einen muss er sich um seinen Freund Father Dolan kümmern, der zusammengeschlagen wurde und der augenscheinlich Ziel eines Mordauftrags ist, den der ehemalige IRA-Ver Max Coll ausführen soll. Coll erweist sich nicht nur als Soziopath reinsten Wassers, sondern auch als Robicheaux‘ Nemesis und gelegentlicher Retter.

Gleichzeitig versucht der rührige Polizist herauszufinden, was dem dunkelhäutigen Blues-Musiker Junior Crudup zugestoßen ist, der vor über einem halben Jahrhundert als Insasse der berüchtigten Angola-Justizvollzugsanstalt spurlos verschwand.

Dave gelingt es wieder spielend, sich mit der Mafia, konkurrierenden Gangstern und einer vermögenden Südstaatensippe anzulegen. Wie gewohnt tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Clete Purcell, verwandelt er Louisiana in einen Porzellanladen, in dem so lange Geschirr zerbrochen wird, bis sich aufgedeckte (Familien)-Geheimnisse und Leichen in der Auslage stapeln.

Am Ende gibt es so eine Art Mexican Standoff, bei dem jeder auf jeden zielt und man nach der Schießerei abzählt, wer noch stehengeblieben ist.

Vieles an „Straße der Gewalt“ ist großartig. James Lee Burke erzählt eindrücklich vom alltäglichen Rassismus in den USA, der sich durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart zieht und eine feste Größe ist. Er lässt die Grenzen zwischen Kriminalität und mitleidlosem Geschäftsgebaren verschwimmen. Der Roman taugt durchaus als finsterer Vermerk zu den Verfehlungen einer Gesellschaft, die Profit und Machtstreben als hohes  Gut ansieht.

Poetische Inklusionen von Meteorologie und Geographie gibt es zuhauf, James Lee Burke ist ein Meister darin, die Gemengelage seiner Bücher anhand von Wetterphänomenen und topographischen Gegebenheiten  höchst atmosphärisch kommentierend zu begleiten.  Vielleicht ein wenig zu häufig.

Zeigt sich hier doch eine Crux des Romans und liefert eine mögliche Erklärung, warum seinerzeit die Serie aus den deutschen Buchhandlungen verschwand.  Betrachtet man  „Straße der Gewalt“ unabhängig von den anderen Romanen der Serie, vom chaotischen „Chinatown“-Schluss und den gelegentlich ausufernden Landschaftsbeschreibungen abgesehen, ist es ein hervorragender Kriminalroman. Vielschichtig, spannend, die emotionale Klaviatur von Trauer, Liebe sarkastischem Witz bis zu tödlichem Hass virtuos spielend.

Doch das Gesetz der Serie fordert seine Opfer. Wieder einmal wird Robicheaux während seiner Ermittlungen, unaufmerksam und kaum sinnfällig, entführt und hochnotpeinlich verhört, wieder muss sich Clete Purcell wie ein Berserker aufführen und (mehrfach) verhaften lassen, wieder und wieder gibt Dave Robicheaux den verzweifelten, mittlerweile mehrfachen, Witwer, der mit seinen Alkoholproblemen kämpft. Und wie aus anderen Folgen bekannt tauchen auf: Der hassens- wie bemitleidenswerte Gangsterboss, den Robicheaux und Purcell seit Kindertagen kennen, böse Bullen, die unseren Helden ans Bein pinkeln möchten,  Glaubenskrisen, tote Ehefrauen, Alkoholismus und nicht zuletzt der unheimliche, prägende Psycho im Hintergrund.

Für sich genommen ist dies respektabel dargestellt und abgehandelt. Doch ist man halbwegs bewandert in Burkes Büchern, kommt einem vieles allzu bekannt vor. Wie von Burke zu erwarten mit handwerklichem Geschick abgehandelt. Leider auch mit Hang zu Geschwätzigkeit.

Es ist ein Zuviel, das dem Roman im Wege steht. Zu viel von allem, vor allem Bekanntem. Die Storyline um Junior Crudup hätte bereits alleine den Roman getragen. Max Coll, das düstere Spiegelbild Dave Robicheauxs, ist einer der ambivalentesten und interessantesten Charaktere, die Burke schuf. Hätte Potenzial gehabt. Leider verabschiedet er sich beiläufig, fast gelangweilt aus der Handlung.   Schade.

Trotzdem ist „Straße der Gewalt“ ein lesenswertes Buch. Das sich traut, seine Hauptfigur als fehlbaren Detektiv zu zeichnen, der sowohl in Herzens- wie Kriminalangelegenheiten mehr als einmal danebenliegt.

Warum nur ist das Herz aus Gold diesmal von einer Verpackung  ummantelt, die gleichzeitig den verbrauchten Charme maschineller Abwicklung ausstrahlt und dann noch mit überflüssigen Accessoires zugepflastert wurde?

Macht nix, trotzdem lesen und schauen, was Robicheaux, Purcell, Tripod, Alafair und Batiste (die letzten drei genannten kommen diesmal nur kurz zu Besuch)  als nächstes umtreibt. Dafür ist die Serie weiterhin gut.

* „The Prisoner“ von Gil Scott-Heron (Album: „Pieces Of A Man“, 1971)

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2

  •  Autor: James Lee Burke
  • Titel: Straße der Gewalt
  • Originaltitel: Last Car To Elysian Fields
  • Band 13 der Dave Robicheaux-Reihe
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 03.02.2017
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 519
  • ISBN:  978-3-86532-564-8

Eine Reise ins Nichts

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Romane, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen oder gar ganz brach liegen lassen – es gibt derer viele. Aufgrund der derzeitigen Witterung fiel mein Blick in den letzten Tagen wieder auf John Burnsides „Die Spur des Teufels“, welches inzwischen aus dem Regal aussortiert, den doch verhältnismäßig kleinen Stapel der Bücher ziert, die ich weiterverschenken werde. Und dabei hatte ich vor der Lektüre große Erwartungen, war doch Burnside ausreichend mit Lobeshymnen bedachtet worden und kommt zudem noch aus dem Land, dessen Literatur ich in besonderen Maße hoch schätze.

„Es hat lange gedauert, bis sich endlich ein deutscher Verlag dazu durchringen konnte, die Bücher des im Jahre 1955 geborenen schottischen Autoren John Burnside, der in seiner Heimat bereits länger als bedeutender Lyriker und Erzähler gilt, zu übersetzen und zu veröffentlichen. Liest man die vielen hochpreisenden Rezensionen zu seinem Buch „Die Spur des Teufels“, so erweckt es den Eindruck, als hätte das deutsche Lesepublikum dessen Werke bereits sehnsüchtig erwartet. Von einem „betörendem Leseerlebnis“ und einem „beglückend verstörendem Buch“ ist da die Rede, das die Welten von John Banville und Stephen King vermischt, und damit eine Brücke zwischen dem Gesellschafts- und dem mystischen Spannungsroman schlägt. Dass es zudem noch an der Ostküste Schottlands spielt und von einer Buchhändlerkollegin ausdrücklich empfohlen wurde, gab schließlich den Ausschlag zum Kauf dieses Buches, den ich letztendlich dann zwar nicht vollends bereut habe, aber mir genauso gut hätte verkneifen können. All den Lobeshymnen zum Trotz hat mich „Die Spur des Teufels“ nämlich merkwürdig kalt gelassen, wenngleich die Handlung, zumindest anfangs, äußerst geschickt mein Interesse zu wecken verstand. Diese sei hier schnell angerissen:

Außerhalb von Coldhaven, einem wenig spektakulären Städtchen an der schottischen Küste, lebt Michael Gardiner mit seiner Frau Amanda ein wenig spektakuläres Leben. Tief unter der Oberfläche seiner beinahe beschaulich anmutenden Existenz liegt zwar ein dunkles Geheimnis. Aber das hat er beinahe selbst schon vergessen. Er hat sich dort am Rande der Welt eingerichtet, wo schon seine Eltern Zuflucht gesucht hatten vor der kaltherzig-bornierten Feindseligkeit der Leute von Coldhaven. Nicht nur unter dieser hatte auch er zu leiden gehabt. Doch das alles liegt für ihn weit zurück. Bis eines Morgens der Schleier des Vergessens, der sich milde über Gardiners Vergangenheit gelegt hat, durch eine Zeitungsmeldung jäh zerrissen wird: Moira Birnie, eine hitzige Affäre aus einer ihm sehr fernen Zeit, hat sich umgebracht und auch ihre beiden Söhne mit in den Tod genommen.

Mit einem Mal ist alles wieder da. Nicht nur die Erinnerung an Moira, auch das dunkle Geheimnis, das Gardiner tief in seinem Inneren vergraben hat, drängt mit Macht in sein Bewusstsein. Und dann ist da noch Moiras größere Tochter Hazel, von der er zu glauben beginnt, er sei ihr Vater. Mit ihr im Schlepptau macht er sich auf eine ziellose und beängstigend bizarre Reise…

Das es oftmals die ersten Zeilen sind, welche den Leser für ein Buch gewinnen, scheint Burnside nicht nur gewusst, sondern bewusst kalkuliert zu haben. Anders lässt sich zumindest der schaurige, kunstvoll-düstere Beginn nicht erklären, der im weiteren Verlauf keinerlei größere Bedeutung mehr auf die Handlung ausüben wird. „Die Spur des Teufels“ ist nämlich keinesfalls eine Gruselgeschichte vor der rauen, schottischen Küste im Stile Algernon Blackwoods. Und auch wenn sich Parallelen mit den nicht minder verschlafenen Nestern in Stephen Kings Werken andeuten, ist das Buch weit von der phantastischen Literatur entfernt. Am nächsten kommt Burnside noch John Banville, wobei ersterer in diesem Fall von dem mystischen Gesang auf Meer, Gezeiten und Wetter ebenfalls absieht. Fakt ist: Für die uns hier erzählte Geschichte, hätte es der Sage von dem dem Meer entstiegenen Teufel nicht bedurft. Sie, so vermute ich, dient ausschließlich der vorrangigen Erweckung des Leseinteresses, gerät aber mit der zunehmenden Konzentration auf die Lebensgeschichte des Ich-Erzählers, Michael Gardiner, in den Hintergrund. Und dessen Leben ist eng verknüpft mit den Vorgängen in Coldhaven, diesem verschlafenen Nest, in das Michaels Eltern vor langer Zeit gezogen sind, um dem Stadtleben, aber auch der unheilvollen Vergangenheit zu entfliehen und um an der sturmumtosten Küste neue Inspiration zu finden. Was sie schließlich fanden, war jedoch etwas ganz anderes.

Burnside präsentiert Coldhaven als eine in sich geschlossene Gesellschaft, in der Außenseiter argwöhnisch betrachtet und nicht selten mit allen Mitteln schikaniert werden. Die Wahrung des Status Quo ist die Aufgabe dieses verschrobenen, provinziellen Pöbels. Neu hinzugezogene werden dabei als Gefahr für den Frieden und die Sicherheit der Allgemeinheit angesehen. Das müssen ziemlich früh auch Michaels Eltern erfahren, die nach offenen Drohungen die Stadt verlassen, um schließlich ein etwas fernab stehendes Haus an einer Landzunge zu bewohnen. In der Familie wird das Problem mit den Nachbarn tot geschwiegen. Michael, ausgegrenzt und ohne Freunde, wird nun beim täglichen Gang zur Schule zur beliebten Zielscheibe des nicht zu stillenden Zorns. Er ist als Schüler verpönt und wird von Malcolm Kennedy bei jeder sich bietenden Gelegenheit drangsaliert. Früh lernt Michael die Angst und die Oberflächlichkeit der Bewohner kennen und zu hassen. Seine einzige Verbündete findet er in der alten Blumenliebhaberin Mrs. Collings, welche ihm nicht nur Schutz bietet, sondern auch Anleitungen zum Leben gibt. Michael, der vor seinen Eltern niemals die Schranke des Schweigens durchbricht, nimmt ihre Hilfe dankbar und sich des Problems Malcolm an. Eine Entscheidung, die letztlich schreckliche Folgen haben soll.

Hätte John Burnside den anfänglichen Aufbau der Geschichte beibehalten, „Die Spur des Teufels“ wäre wohl einer meiner Favoriten im Jahr 2010 geworden. Der schottische Autor überzeugt mit einer lyrischen Sprache und schönen, kraftvollen Bildern (Die Schatten der Vergangenheit werden hier nicht selten in der Farbsymbolik metaphorisch verwendet). Seine kargen und doch malerischen Naturbetrachtungen bilden gleichzeitig Kontrast und Ergänzung zu der herben Seite der Menschen. Diese bzw. deren Einzelschicksale und Verbindungen untereinander, bilden das Gerüst dieses Romans und ein im Unterton anklagendes Zeitgemälde. Burnside schildert eine Gesellschaft aus Angst, Missverstehen, Kleingeistigkeit und beschränkter Warnnehmung, welche ausgrenzt, um selbst nicht ausgegrenzt zu werden. Es sind diese poetischen, tiefgründigen Passagen der ersten Hälfte, welche nicht nur nachwirken, sondern gleichzeitig eine unheimliche Sogkraft entwickeln. Leider erfährt das Buch dann aber ab hier einen Bruch innerhalb der Geschichte.

Michaels Reise mit seiner vermeidlichen Tochter verbaut den bis hierhin stringenten roten Faden der Geschichte und bildet DAS große Manko des Romans. Nicht nur, dass die Gemeinsamkeiten zu Nabokovs „Lolita“ deutlich ersichtlich werden. Auch die rätselhafte Beziehung wird äußerst unbefriedigend und konstruiert ausgearbeitet und lässt eine nähere psychologische Betrachtung vermissen. Es bleibt eine Reise ins Nichts, die auf gleichem Wege wieder zurückführt und damit letztendlich den vorherigen Zustand wiederherstellt. Möglich, dass der Lyriker Burnside die Kapitel sich reimen lassen wollte. Mir jedenfalls kam es so vor, als musste hier dringend ein Ende gefunden werde. Ein Ende, das mich sehr unbefriedigt und stirnrunzelnd zurückgelassen hat.

Insgesamt ist „Die Spur des Teufels“ zweifelsohne ein sprachlich kunstvolles Werk, das Burnsides großes Können in vielen Passagen mehr als andeutet, bei all der atmosphärischen Melancholie aber mir viel zu viele Fragen offen gelassen und mich gleichzeitig zu wenig berührt hat. Vielleicht eine Empfehlung für Schottlandfreunde, die eine unaufgeregte Handlung und konstrastreiche Bilder in der Sprache lieben. „Ein literarischer Thriller“, wie auf dem Buchdeckel angekündigt, ist dieses Buch jedenfalls nicht.“

Wertung: 73 von 100 Trefferneinschuss2Autor: John Burnside

  • Titel: Die Spur des Teufels
  • Originaltitel: The Devil’s Footprints
  • Übersetzer: Bernhard Robben
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 05.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 272
  • ISBN: 978-3442739974