This little light of mine …

© Heyne

Stephen King und Horror. Untrennbar scheint der Name des US-amerikanischen Bestsellerautors mit diesem Genre verbunden, das den Spaß an der Angst seit Jahrhunderten bedient (Horace Walpoles „The Castle of Otranto“ von 1764 gilt als ein Meilenstein dieser Literaturgattung) – und damit den ursprünglichen Gradmesser für eine Bedrohung oder nahende Gefahr, nämlich die Furcht, im Leser auszulösen. Eine insbesondere bei schreckhaften bzw. zartbesaiteten Menschen äußerst leichte Aufgabe, weshalb es die Horrorliteratur – wie auch der Kriminalroman – lange Zeit schwer gehabt hat, unter dem prüfenden Auge der professionellen Kritik zu bestehen. Das hat vor allem Stephen King erfahren müssen, dessen „Fließband-Literatur“ über viele Jahre getadelt und jeglicher literarischer Wert abgesprochen wurde. Erst seit der Ehrung mit dem „National Book Award ot American Letters“ (2003) hat hier ein, in meinen Augen längst überfälliges, Umdenken eingesetzt. Nicht nur weil Kings Sprachgewalt und sein außerordentliches Gespür für Figuren weit über die Genre-Grenzen hinaus Maßstäbe gesetzt haben, sondern weil er, allen Klischees zum Trotz, eben nicht nur ein reiner Horror-Autor ist.

Eine Tatsache, die oft vergessen wird und unter anderem sein im Jahr 1979 erschienener Roman „Dead Zone – Das Attentat“ in Erinnerung ruft, der sich über weite Strecken eher wie ein Drama mit Thriller-Elementen liest und für Freunde des Schauderns (im Gegensatz zur gleichnamigen, gelungenen Verfilmung von 1983 mit Christopher Walken und Martin Sheen in den Hauptrollen) nur wenige Schock-Momente bereithält. Der Schrecken liegt hier – wie auch in vielen seiner Bücher, die er unter dem Pseudonym Richard Bachman geschrieben hat – in den alltäglichen Widrigkeiten, den Unwägbarkeiten des Lebens, den tragischen Zwischenfällen, den moralischen Entscheidungen. Genug Material für einen begnadeten Schriftsteller wie Stephen King, der es sich aber natürlich auch diesmal nicht nehmen lässt, seine Geschichte mit etwas Übernatürlichem zu würzen.

Kurz zum Inhalt: Ende Oktober 1970. Johnny Smith, ein junger Highschool-Lehrer, hat sein erstes richtiges Date mit Sarah Bracknell, einer Kollegin. Gemeinsam besuchen sie einen Jahrmarkt, bis sich Sarahs Gesundheitszustand verschlechtert und sie zu ihr nach Hause fahren. Johnny lässt das Auto stehen, nimmt ein Taxi und wird in einen schweren Unfall verwickelt, bei dem er so schwere Kopfverletzungen davonträgt, dass er in ein fast fünfjähriges Koma fällt. Als er 1975 wieder erwacht, hat sich zu Johnnys Schrecken viel geändert. Nixon ist nach dem Watergate-Skandal zurückgetreten, seine Mutter komplett einem religiösen Wahn verfallen und Sarah hat inzwischen geheiratet und einen Sohn. Für Johnny ist es ein schwerer Kampf zurück ins Leben. Mehrere Operationen, Reha-Maßnahmen und medizinische Tests fesseln ihn weiterhin ans Krankenhaus.

Bei einem dieser Tests kommt heraus, dass er bestimmte Dinge nicht visualisieren kann, weil die Erinnerungen daran in jenen Hirnregionen gespeichert waren, die nun geschädigt sind – seiner jetzigen „Dead Zone“. Es wird aber auch bald klar, dass sich bei Johnny noch etwas grundlegend verändert hat: Er besitzt auf einmal die Gabe, die Zukunft der Menschen vorherzusehen, mit denen er in Berührung kommt. Doch seine Fähigkeiten erweisen sich in erster Linie als Bürde. Die meisten Menschen beginnen ihn zu meiden, verlachen ihn als Scharlatan oder suchen lediglich ihren eigenen Vorteil in Johnnys Gabe. Dieser zieht sich mehr und mehr zurück. Bis ihn eines Tages Sheriff George Bannerman (dem wir übrigens in „Cujo“ wieder begegnen) anruft. In Castle Rock („Dead Zone“ gilt als erstes Buch des so genannten „Castle-Rock“-Zyklus – eine Stadt die hart geprüft wird) sind seit Jahren Frauen auf brutale Weise ermordet worden, der Täter bis heute nicht gefasst. In Johnny sieht der Sheriff seine letzte Chance, dem scheinbar unlösbaren Fall neue Indizien zu abzugewinnen. Johnny zögert erst, willigt aber schließlich ein. Eine Entscheidung, die letztlich nicht nur seinen Umgang mit der eigenen Gabe ändert, sondern ihn einige Zeit später auch dazu bewegt, in Aktion zu treten, nachdem er bei einer Veranstaltung dem Lokalpolitiker Greg Stillson die Hand geschüttelt hat. Stillson wird in nicht allzu ferner Zukunft Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden – und mit einem Atomschlag den Dritten Weltkrieg auslösen …

Bevor nun interessierte Leser sich echauffieren mögen, dass ich hier zu viel verrate – der Klappentext der aktuellen Ausgabe des Heyne-Verlags gibt genau dasselbe her. Und auch der, meines Erachtens völlig überflüssige und irreführende, deutsche Zusatztitel „Das Attentat“, lässt bereits erahnen, wo der Hase letztlich langläuft. „Letztlich“ sollte dabei aber hervorgehoben werden, denn wer glaubt, dass Johnny über knapp 600 Seiten einen Weg sucht Stillsons Amtsantritt zu verhindern bzw. das Attentat zu planen, befindet sich gänzlich auf dem Irrweg. Bis es überhaupt zu einer Begegnung der beiden kommt, braucht es etwa 450 (!) Seiten, was wiederum typisch für einen King-Roman ist, der selten auf einen Spannungsbogen zusteuert, sondern in der Regel mehrere Highlights setzt, für deren Ausarbeitung er sich Zeit und Raum lässt. Ein Merkmal, mit dem meiner Ansicht nach die Affinität zu Stephen King steht und fällt, weil nicht allen Werken dieser epische Rahmen gut tut. Der Griff zum „falschen“ Buch zur falschen Zeit kann da einer aufkeimenden Liebe zum Autor schnell ein Ende setzen. Und ich bin ehrlich: Hätte ich „Dead Zone“ zuerst gelesen, wäre es zwar nicht der letzte Roman dieses Autors gewesen, meine Sammlung seiner Werke hätte aber wohl nicht diese Ausmaße angenommen.

Doch genug der kritischen Töne, die vor allem deswegen herausrutschen, da diese Lektüre bei mir herausragenden Titeln wie „Shining“, „Brennen muss Salem“ und „Es“ folgt, und im direkten Vergleich zwangsläufig Schiffbruch erleiden muss. Ein Vergleich, der zudem hinkt, weil „Dead Zone“, wie oben bereits angedeutet, nicht die Horror-Sparte bedient, sondern sich vor allem auf die menschlichen Aspekte – und hier vor allem auf Johnny Smith – konzentriert. King-typisch entsteht bereits nach wenigen Seiten eine enge Beziehung zu dem Hauptprotagonisten, dessen Schicksalsschläge auch den Leser nicht kalt lassen, zumal relativ schnell klar wird, dass seine Gabe eher eine Bürde denn ein Segen ist. Erstaunlich, wie King es immer wieder gelingt, übernatürliche Phänomene zu veranschaulichen und zu erden, und dabei gleichzeitig mit sicherem Gespür die Reaktionen der Menschen vorherzusehen. Ob eine weltweite Epidemie, ein Angriff durch Vampire oder eben in diesem Fall der in die Zukunft sehende Patient – das schwer vorstellbare, das zuvor nicht fassbare, wird nun greifbar und glaubwürdig, da der Menschenkenner King innerhalb des künstlichen Rahmens echte, authentische Menschen agieren lässt. Ihre Gefühle, ihre Gedanken und ihre Handlungen sind für den Leser jederzeit nachvollziehbar. Und die übliche „Das-ist-doch-nur-so-ein-fantastischer-Quatsch-Barriere“, welche besonders Realisten mit Stolz umhertragen, dürfte in „Dead Zone“ vielleicht bei einigen zügig überwunden werden. Zu eng der Kontakt zu den Figuren, zu nah ihr Leiden, aber auch ihr Lieben.

Natürlich – man muss sich darauf einlassen. Sich klar darüber werden, dass Spannung und „Page-Turning“ nicht die Hauptmerkmale des Romans sind. Im Gegenteil: Hier ist eher der Weg das Ziel. Wer die Seiten überfliegt, in der Hoffnung endlich Johnny mit Gewehr im Anschlag zu begegnen, missversteht nicht nur den Sinn der Lektüre, sondern nimmt sich vielleicht auch ganz den Spaß daran. Hier geht es nicht um den erlösenden Schuss, sondern um die Frage, ob es richtig ist ihn abzugeben. Und ob man die Möglichkeit ihn abzugeben, in jedem Fall nutzen oder einen anderen Weg zur Lösung suchen soll. Im späteren Verlauf des Buchs bespricht Johnny die Möglichkeit Hitler auszuschalten, wenn man in der Zeit zurückreisen könnte. Und er konfrontiert seine Gesprächspartner damit, dass dieses Attentat höchstwahrscheinlich den eigenen Tod zur Folge hätte. Würde man unter diesen Umständen sein Leben opfern, um Millionen zu retten? Und würde dies später als Heldentat gefeiert oder man selber als Verräter gebrandmarkt?

Es sind solche Theorien, die „Dead Zone“ Tiefe verleihen und auch ein bisschen darüber hinweghelfen, dass das Buch in der Tat ein paar Seiten zu viel hat. Wie schon bei „The Stand“, so kommt es mir auch hier so vor, als wäre Stephen King während der Niederschrift ein wenig vom Weg abgekommen. Die Episode in Castle Rock, wo Johnny sich auf die Suche nach dem Mörder macht, gehört zu den atmosphärischen Höhepunkten des Romans (und ja, sie hat schon einiges an „Horror“ in sich) und hat mich noch Tage danach verfolgt. Besonders das Bild eines nassen Vinyl-Regenmantels ist mir hartnäckig in schauriger Erinnerung geblieben. Aber auch wenn es dadurch teils zähere Passagen zum Ende hin äußerst kurzweilig überbrückt – irgendwie passt dieses Zwischenabenteuer vom Ton und der Art des Erzählens her nicht ganz in das restliche Gefüge. Neben der menschlichen Komponente besteht dieses vor allem aus Politik, was wiederum eine gewisse Kenntnis der amerikanischen Geschichte voraussetzt, da King sich äußerst explizit auf die Wahlkampf-Geschehnisse, insbesondere in New Hampshire und Maine, bezieht. Und das gut 16 Jahre vor der Veröffentlichung dieses Romans ein Präsident der Vereinigten Staaten einem Scharfschützen zum Opfer fiel, wird den Autor ebenfalls nicht unwesentlich beeinflusst haben.

Ein gutes, ein lesenswertes und ein nachdenkliches Buch aus der Feder des Altmeisters Stephen King, der mehr kann, als nur Horror schreiben und dies – nicht nur hiermit – eindringlich unter Beweis gestellt hat. Und das Ende … ja, das Ende … ah, lieber nix verraten.

Wertung: 85 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen King
  • Titel: Dead Zone – Das Attentat
  • Originaltitel: The Dead Zone
  • Übersetzer: Joachim Körber, Alfred Dunkel
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 608 Seiten
  • ISBN: 978-3453432727

Wenn die Wölfe kommen …

© Diogenes

Blickt man in der Geschichte des Kriminalromans zurück, fällt auf, dass es immer wieder Schriftsteller gab, die versuchten, mit einem ihrer Werke aus dem Genre auszubrechen, den Schritt Richtung ernsthafter Literatur zu vollziehen (Ob es sich bei vielen Krimis heutiger Tage nicht gar bereits um diese handelt, ist eine Frage, die man meines Erachtens bereits seit langem mit „Ja“ beantworten muss). Fakt bleibt jedenfalls: Dieser eine große Wurf ist weder planbar und der Erfolg vom Namen des Autors gänzlich unabhängig (Bestes Beispiel ist wohl Stephen King, der Jahrzehnte am Fließband veröffentlichen musste, um schlussendlich doch mit dem „National Book Award“ geehrt zu werden und damit die wohlverdiente Anerkennung zu bekommen).

Bei vielen anderen blieb es aber bei dem einen Versuch, wandte sich bald wieder der Schuster seinen Leisten zu. Die wenigen Ausnahmen, welche Fuß fassen konnten, haben jedoch letztlich nicht nur das Image des Spannungsromans aufpoliert, sondern auch Breschen geschlagen, durch die heutige Generationen von Schreiberlingen wesentlich einfacher hindurchgehen können. Neben so großen Namen wie James Ellroy oder Pete Dexter gehört da meiner Ansicht nach vor allem einer genannt – Dennis Lehane.

Bei all den vielen großartigen Spannungsromanen, die ich in den letzten Jahren lesen durfte, fällt es logischerweise irgendwann schwer, gewisse Highlights im Hinterkopf, Inhalte der einzelnen Bücher in Erinnerung zu behalten. Letztlich muss das Werk zwischen den Händen großen Eindruck hinterlassen haben, um auch über die Lektüre hinaus zu wirken – und bei Lehanes Büchern war das, und das macht den Bostoner Autor so einzigartig, bisher jedes Mal der Fall. Dementsprechend gestaltete sich auch hier die Vorfreude auf „Mystic River“, ein 2001 veröffentlichter Roman, der von Clint Eastwood zwei Jahre später Oscar-prämiert verfilmt, nach vier Bänden aus der Reihe um die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro, denselben Schauplatz, nämlich die Vororte Bostons, aus einer gänzlich andere Perspektive zeigt. Dies sei an dieser Stelle explizit erwähnt, da „Mystic River“ nicht nur in Punkto Action und Humor einen deutlichen Kontrast zu den vorherigen Werken Lehanes darstellt und der geneigte Serien-Fan nicht mit falschen Erwartungen das Buch in Angriff nehmen sollte.

Kurz zur Story: Wir schreiben das Jahr 1975. Die drei Freunde Jimmy Marcus, Sean Devine und Dave Boyle spielen mitten auf einer Straße in East Buckingham, dem Arbeiterviertel Bostons, als ein Moment alles verändert. Ein Auto hält an, der Fahrer, vorgeblich Polizist, will die drei zurück zu ihren Eltern bringen und bittet sie einzusteigen. Nur Dave folgt diesem Aufruf, setzt sich auf den Rücksitz und verschwindet – für vier ganze Tage lang. Als er wiederkehrt, seinen Peinigern entkommen, ist nicht nur Daves Kindheit schlagartig vorbei. Auch die Wege der anderen beiden trennen sich endgültig, bis sie sich fünfundzwanzig Jahre später auf schreckliche Art und Weise wieder kreuzen.

Im Penitentiary Park wird die brutal zugerichtete Leiche der 19-jährige Katie Marcus gefunden, Jimmys über alles geliebte Tochter aus erster Ehe. Mit den Ermittlungen wird ausgerechnet Sean beauftragt, der nach einer kurzzeitigen Suspendierung gerade wieder seinen Job beim Bostoner Morddezernat aufgenommen hat. Gemeinsam mit seinem Partner Sergeant Whitey Powers versucht er den Tathergang zu rekonstruieren und gleichzeitig Jimmy davon abzuhalten, auf eigene Faust den Mörder zu jagen. Keine einfache Aufgabe, zumal dieser selbst einige Zeit im Knast gesessen und immer noch beste Kontakte zur kriminellen Unterwelt hat.

Währenddessen kämpft Celese Boyle, Ehefrau von Dave, mit ihrem Gewissen. In der Nacht des Mordes ist dieser blutüberströmt nach Hause gekommen, behauptet von einem Straßenräuber mit einem Messer überfallen worden zu sein. Möglicherweise habe er den Angreifer gar getötet. Bereitwillig hilft Celeste bei der Vernichtung jeglicher Indizien, bis ihr langsam Zweifel kommen. Die Geschichte ihres Mannes hat einige Lücken. Und auch sein Verhalten macht ihr zunehmend Angst. Als sie durch das Fernsehen von Katie Marcus‘ Ermordung erfährt, kommt ihr ein schrecklicher Gedanke – Könnte Dave der Täter sein?

Was auf den ersten Blick wie der typische Beginn eines typischen CSI-Kriminalromans aussieht, entpuppt sich schon nach ein paar Seiten als eine Mischung aus moderner Milieustudie und klassischem Sozialdrama, in der es weit weniger um die forensischen Untersuchungen der Leiche oder das übliche Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mörder und Justiz geht, als vielmehr um das gesellschaftliche Leben vor den Toren Bostons. Hier zwischen den „Flats“ und dem „Point“, der Grenze zwischen den Malochern und den besseren Leuten, spielt die Herkunft eine große Rolle, bedeuten wenige Meter Straße den Unterschied zwischen Gewinner und Verlierer. Lehane, selbst im Problemviertel Dorchester aufgewachsen, entführt den Leser in eine Welt von Ressentiments, Klassenunterschieden und alten Feindschaften, welche derart eindringlich geschildert wird, dass man die Atmosphäre mit einem Messer schneiden könnte. Selten war ich mehr drin in einem Setting, mehr Teil der Handlung eines Romans, als in „Mystic River“, das keinerlei künstlicher Ingredienzen bedarf und nur aufgrund naturalistischer Beobachtung eine unheimlich klaustrophobische Stimmung erzeugt.

Den gleichen Detailgrad legt Lehane auch bei seinen Figuren an, die, allesamt mit nuancierter Feder gezeichnet, menschlicher und glaubhafter nicht sein könnten. Ihre Erfahrungen, ihre Vergangenheit, ihrer Herkunft – all das bestimmt ihr Handeln innerhalb des Plots und macht es zugleich schwer, Sympathien oder Antipathien zu verteilen. Das übliche Gut und Böse – es verschwimmt im grauen Dunst der Hinterhöfe und Gassen, wo das Schicksal eine Hure ist, die Glück und Unglück ohne Maß verteilt, ohne Rücksicht auf Recht oder Gerechtigkeit. So hat die Tragik der Ereignisse letztlich auch ihren Ursprung in den verschiedenen Protagonisten: Dem ehemals tollkühnen, jetzt kühlen und wortkargen Jimmy, dessen frühere kriminelle Taten immer noch Schatten auf die Gegenwart werfen. Dem ehrgeizigen, gewissenhaften, aber auch engstirnigen Sean, der die Trennung von seiner Frau einfach nicht verkraftet. Und, im Zentrum des Geschehens und durch sein undurchsichtiges Verhalten auch verantwortlich für das Spannungsmoment des Romans – Dave, der ewige Verlierer, dessen Kindheitstrauma ihn dazu zwingt, eine Lüge zu leben. Seine „Verwandlung“ innerhalb des Romans gehört mit zum Besten, was ich bisher lesen durfte. Hinsichtlich des Gänsehautfaktors fühlt ich mich hier an den großen Stephen King erinnert.

Wie Dennis Lehane diese drei Menschen, ihre Schicksale miteinander verwebt, die Höhen und Tiefen der Figuren beschreibt, das beeindruckt, bedrückt, bewegt. Mitunter so sehr, dass wir die Frage nach der Identität des Mörders zuweilen gar vergessen. Genauso wie die Tatsache, dass zwischen dem Fund der Leiche und der Auflösung am Ende in Punkto Handlung eigentlich nicht viel passiert. Keine Verfolgungsjagden, keine Schießereien, keine kessen Sprüche. Nur ein scharf geschnittener, unheimlich dichter Plot, durchsetzt von einer Aura des Geheimnis- und Unheilvollen, die den Leser bis zur letzten Seite gefangen nimmt und sogar dort noch einige Überraschungen bereithält.

Mystic River“ ist – ob als Buch oder Film – ein einzigartiges, weil außerordentlich einprägsames und emotional mitreißendes Erlebnis, das den Vergleich mit den „Great American Novels“ unserer Generation an keiner Stelle scheuen muss. Boston pur bis in die letzte Zeile – unbedingte Leseempfehlung!

Wertung: 92 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Mystic River
  • Originaltitel: Mystic River
  • Übersetzer: Sky Nonhoff
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 10.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 624 Seiten
  • ISBN: 978-3257243000

Unterhalten wir uns hier im Dämmerlicht mal über Vampire …

Brennen muss Salem von Stephen King

© Heyne

Warum ich nach all der Zeit ausgerechnet eine Rezension zu „Brennen muss Salem“ auf meinem Blog poste? Da die Gegenfrage „Warum nicht?“ wohl ein bisschen zu wenig Inhalt bietet, komme ich mal auf meine Besprechung von „Carrie“ aus dem April letzten Jahres (Verdammt, ist das schon wieder so lange her?) zurück, die ja als Auftakt einer Reise in die Welt von Stephen King dienen sollte. Und da meine aktuelle Lektüre „Feuerkind“ der Feder desselben Schreiberlings stammt, lag die Idee nahe, mit dem „Grand Master of Horror“ den Faden wieder aufzunehmen.

Lange Rede, kurzer Sinn. Hier mein Senf zu „Brennen muss Salem“. Nicht weniger als einer der besten Horror-Schmöker, die ich je in Händen halten durfte.

Schaut sich der interessierte Besucher heutzutage in den Buchhandlungen um, wird er immer öfter auf eine separate Abteilung für Vampire stoßen, die, losgetreten von Stephenie Meyers „Biss“-Zyklus, auf einer Welle reitet, welche die klassische Figur des „Nosferatu“ zum wunderschönen, romantischen Jüngling degradiert hat – der anscheinend nur ganz zufällig unsterblich und mit Eckzähnen versehen ist. Saugten früher die Wesen der Nacht noch in der Halsbeuge ihrer Opfer, wird nun wesentlich tiefer liegenden Körperteilen die volle Aufmerksamkeit geschenkt. Der Vampir ist zum Zugpferd des „Nackenbeißer“-Genres geworden, der eigentliche Schrecken und Aberglauben um diese sagenumwobene Figur wurde der Schmonzette und letztlich vor allem dem Profit geopfert. Währenddessen herrschen im eigentlichen Horror-Genre inzwischen Splatter und Folter vor, wird sackkarrenweise Blut und Gedärm über den Leser ausgeschüttet, der, oftmals abgestumpft von „Saw“ und Co., davon ungefähr so emotional bewegt wird, wie manch anderer mittlerweile von den Abendnachrichten – vom fein ziselierten, psychologischen Grusel scheint man weiter entfernt denn je. Was bleibt ist der Griff zum Klassiker – und zu denen muss, nicht erst seit der Wiederveröffentlichung des Titels in einer „Illstrated Edition“ bei Zsolnay und Heyne, „Brennen muss Salem“ unbedingt gezählt werden.

Stephen Kings zweiter Roman, der in seiner Idee bereits vor „Carrie“ entstanden ist, sollte allen heutigen „Vampir“-Autoren mit satter Vorhand um die Ohren gehauen und anschließend als Lehrmaterial in die Hand gedrückt werden, erweist sich diese moderne Version von Bram Stokers „Dracula“ doch als zeitloses Werk, dessen Story auch über vierzig Jahre nach der Veröffentlichung immer noch funktioniert. Sein Erfolgsrezept: Die Einfachheit, das unkomplizierte Du und Du mit dem Leser, dem nichts von oben herab erzählt und der auch nicht belehrt, sondern mit simpelsten, aber wirkungsvollsten Mitteln in die Geschichte hineingezogen wird:

„Schalten Sie den Fernseher aus – schalten Sie doch auch mal alle Lichter aus bis auf die eine Lampe über ihrem Lieblingssessel -, und dann unterhalten wir uns hier im Dämmerlicht mal über Vampire. Ich denke, ich bringe Sie dazu, an sie zu glauben, denn ich habe es, während ich an meinem Buch arbeitete, selber auch getan.“ Stephen King in seinem Vorwort zur Ausgabe von 2005. Und soviel sei vorab gesagt: An Vampire habe ich nach der Lektüre des Buches zwar letztlich nicht geglaubt – das allabendliche Warten an der finsteren Haltestelle unseres kleinen Dorfes fiel aber irgendwie noch stiller aus als sonst.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte von „Brennen muss Salem“ im Herbst des Jahres 1975. Ben Mears, Schriftsteller und Sohn der Kleinstadt Salem’s Lot (kurz für Jerusalem’s Lot), kehrt in die Heimat seiner Kindheit zurück, um den Tod seiner bei einem Unfall gestorbenen Freundin zu verarbeiteten und einen Neuanfang zu wagen. Gleichzeitig will er sich einer alten Angst stellen, welche in Form des alten Marsten-Hauses oberhalb der Stadt thront. Erbaut im frühen 20. Jahrhundert, ranken sich viele Mythen und Legenden um das Haus und seine Bewohner. Hubert Marsten soll gar für einige Morde verantwortlich und praktizierender Satanist gewesen sein. Für Ben Mears, der sich in frühester Jugend bei einer Mutprobe Zutritt verschafft und eine bis heute nicht rational zu erklärende Begegnung mit dem Geist Marstens gehabt hat, sieht darin genug Potenzial für ein neues Buch und beginnt zu schreiben. Gesellschaft leistet ihm dabei die junge Susan Norton, in die er sich recht bald verliebt.

Doch Mears Inspiration, das seit vielen Jahren unbewohnte Haus, scheint nun einen neuen Mieter gefunden zu haben. Mr. Straker, ein mysteriöser Herr mittleren Alters mit noch älterem Auto, hat sich dort niedergelassen. Gemeinsam mit seinem Partner Mr. Barlow will er ein Antiquitätengeschäft in Salem’s Lot eröffnen. Ein ungewöhnliches Ansinnen, nicht nur aufgrund der überhöhten Preise. Doch bevor sich die Bevölkerung der Kleinstadt länger über den Neuankömmling und den durch Abwesenheit glänzenden Kompagnon wundern kann, erregen weit schlimmere Dinge ihre Aufmerksamkeit: Am Friedhofszaun wird ein gepfählter Hund aufgefunden. Und nur kurze Zeit später verschwindet ein Sohn der Glicks spurlos, während der andere plötzlich an einer unerklärlichen Blutarmut zu leiden scheint. Da all die Ereignisse mit Ben Mears Ankunft in Salem’s Lot zusammenfallen, wird dieser nun zunehmend schärfer beäugt. Er selbst richtet seinen Blick dagegen hoch zum Marsten-Haus.

Sind die alten Gemäuer erneut zu einem Hort des Bösen geworden? Oder gibt es für all das eine vollkommen logische Erklärung? Gemeinsam mit Sue, dem trinkenden Priester Callahan, dem alten Lehre Burke und einem scharfsinnigen, kleinen Jungen namens Mark, geht Ben Mears dem Übel auf dem Grund … und stößt auf einen Gegner, der ihm und seinen Gefährten stets einen Schritt voraus zu sein scheint.

Achtzig Jahre nach Stokers „Dracula“ kehrt King mit „Brennen muss Salem“ zu den Ursprüngen des Vampir-Romans zurück und konfrontiert den Leser, ausgehend von der Idee den alten Stoff in die Moderne zu übernehmen, mit den Urängsten der Menschen. Dunkle, knarzende Kellertreppen. Huschende Schatten in der Finsternis. Vom Wind raschelnde Blätter im Wald. Rot funkelnde Augen in völliger Schwärze. Kings Mittel sind so einfach wie wirkungsvoll, kreieren von Beginn an eine Stimmung, welcher man sich nur schwerlich entziehen mag und mit jeder umgeschlagenen Seite an Intensität gewinnt. Das ist insofern beeindruckend, da die Hommage in Aufbau und Chronologie den Ereignissen des älteren Vorbilds durchaus ähnelt. Von der Verschiffung der Kisten, über den Gehilfen und die Ausbreitung der Vampire bis hin zum Aussehen des Vampirs – „Brennen muss Salem“ hält sich eng an den Ur-Stoff, ordnet sich aber dennoch nicht gänzlich den klassischen Tönen unter. Wo Stoker lediglich andeutete, wird King konkret. Dabei macht er die Thematik Vampirismus glaubhaft ohne sie zu entmystifizieren. Als Mittel dient ihm, wie auch in vielen seiner späteren Romane, die provinzielle US-Kleinstadt, welche dem Leser zwar nicht als Karte vorliegt, aber derart en detail beschrieben wird, das deren Aufbau uns bald so vertraut ist, wie die sie bevölkernden Figuren, welche uns teilweise mit schwindelerregender Schnelligkeit ans Herz wachsen. Und hiervon lebt, ja, hierdurch atmet die gesamte Geschichte.

Salem’s Lot ist nicht einfach der zufällige Schauplatz eines auf ihm tobenden Horrors – es wird zur Heimat des Lesers, die dort lebenden Menschen zu Bekannten, Freunden, Vertrauten. Und hieraus zieht „Brennen muss Salem“ seine Spannung. Wie eine langsam vor die Sonne schiebende Wolke greift der Schauder auf uns über. Die gemütliche Wärme eines spätsommerlichen Abends weicht herbstlicher Kälte. Statt zirpenden Grillen und Zikaden erklingen die Schreie der Ziegenmelker in der Nacht. Schritt für Schritt nimmt die Dunkelheit Besitz von Salem’s Lot, während wir hilflos mit anschauen müssen wie Barlow und Straker, von der Abgeschiedenheit des Ortes genauso begünstigt wie von der typischen Kleinstadt-Mentalität der Bewohner, die Reihen mit eiskalter Präzision lichten und dabei auf fast keinerlei Gegenwehr stoßen. King, der selbst an einem ähnlichen Ort aufgewachsen ist, erweist sich hier einmal mehr – und das ist seine große Stärke, die mich immer wieder so begeistern und bewegen vermag – als perfekter Beobachter seiner Mitmenschen. Salem’s Lot ist voller Ecken und Kanten. Seine Bevölkerung, so amerikanisch sie auch sein mag, ist der unserer Dörfer und Kleinstädte mit all ihren Fehlern erschreckend ähnlich. Häusliche Gewalt, Gleichgültigkeit, Snobismus, tugendhafter Wahn, Spießbürgertum, soziales Elend. Anhand der Figuren erhalten wir einen Querschnitt der Gesellschaft, welcher den eigentlichen Horror des Vampirs durch die alltägliche Bösartigkeit noch verstärkt.

Als Zentrum des Ganzen versteht sich dabei das Marsten-Haus. Eine Reminiszenz an Shirley Jacksons „Hill House“ (oder auch Blackwoods „Das leere Haus“), steckt auch in ihm „etwas Dunkles“ und bleibt, selbst als Barlow es verlässt, ein unheimlicher, das ursprünglich Böse verströmender Ort. In Folge dessen sind es besonders die Passagen, welche rund um das Haus spielen, welche die angesichts heutiger Schrecken schon fast in Vergessenheit geratene Gänsehaut auslösen und den Leser mit leicht nervösem Blick den Gang in den eigenen Keller antreten lassen. Die photographische Schärfe mit der King all dies zeichnet, sein unnachahmliches Gefühl für das richtige Timing – im Verbund mit der sich stetig zuspitzenden Handlung machen sie aus „Brennen muss Salem“ mehr als nur schlichte Unterhaltung.

Kings zweiter Roman ist voller Finsternis, Schwärze und Hoffnungslosigkeit, aber auch gleichzeitig durchsetzt von herzerwärmender Liebe und tiefempfundener Freundschaft. Ein herausragendes, berührendes und beklemmendes Meisterstück des Genres, das den guten alten Horror wieder salonfähig gemacht und mich über viele Stunden von allen anderen Aktivitäten abgehalten hat.

Der Abschied fiel mir, wie schon bei „Es“, nicht leicht, wird in der aktuellen „Illustrated Edition“ aber durch zwei weitere Kurzgeschichten hinausgezögert, welche die Geschehnisse rund um Salem’s Lot komplettieren.

Eins für Unterwegs“ setzt zwei Jahre nach dem Ende von „Brennen muss Salem“ an und erzählt die Geschichte eines Durchreisenden, dessen Familie im tiefsten Winter in einem Auto nahe Salem’s Lot eingeschneit worden ist. Widerstrebend erklären sich zwei Einheimische bereit, ihren Drink in der Bar zurückzulassen und dem Mann bei der Suche zu helfen. Im Gepäck: Eine Bibel und ein Kruzifix …

Bereits in der Kurzgeschichtensammlung „Nachtschicht“ erschienen, bietet „Eins für Unterwegs“ für King-Jünger nichts Neues. Für alle anderen stellt die nur wenige Seiten umfassende Geschichte aber eine äußerst stimmungs- und humorvolle Weitererzählung der vorhergehenden Ereignisse dar.

Jerusalem’s Lot“ (auch bereits vorher unter dem Titel „Briefe aus Jerusalem“ erschienen) erzählt von Charles Boone, der Mitte des 19. Jahrhunderts von seiner Familie das Anwesen Chapelwaite erbt und sich dort mit seinem treuen Diener Calvin McCann niederläßt. In den Briefen an seinen Freund Bones wird nach und nach deutlich, dass mit dem Haus etwas nicht stimmt. Die unheimlichen Geräusche, die erschrockenen Gesichter der Ortsansässigen, die Andeutungen und rätselhaften Geschichten von Mrs. Cloris lassen Charles bald selbst an einen Fluch glauben, den seine Familie mit in den Ort gebracht hat…

Jerusalem’s Lot“ ist insofern interessant, da es chronologisch nicht nur Jahre vor „Brennen muss Salem“ spielt, sondern auch in Aufbau und Sprache nah an Bram Stokers „Dracula“ bleibt, dem dieses Werk auch direkt gewidmet ist. So setzt sich die komplette Geschichte aus Briefen zusammen, die, anfangs noch amüsiert, später immer mehr vom Grauen befallenen, von den Geschehnissen rund um Chapelwaite berichten. Gleichzeitig zitiert King hier ausgiebig Lovecraft. Unter anderem verwendet James Boone dessen Zauberformeln, um das Böse heraufzubeschwören. In Wirkung und Atmosphäre bleibt „Jerusalem’s Lot“ jedoch gegenüber der vorherigen Erzählung zurück.

Komplettiert wird die vorliegende Ausgabe durch die einstmals „Gestrichenen Szenen“ von „Brennen muss Salem“. Diese sind allerdings, von der alternativen Fassung des Endes von Dr. Cody und Barlow mal abgesehen, vernachlässigbar und lassen deutlich erkennen, warum Lektor und Autor diese in Absprache nicht mit ins Buch übernommen haben. Hier hätte man sie ebenfalls – nun ja – streichen können.

Wertung: 96 von 100 Treffern (plus Kurzgeschichte „Eins für unterwegs“ 93 Treffer, „Jerusalem’s Lot“ 84 Treffer)

einschuss2

  • Autor: Stephen King
  • Titel: Brennen muss Salem
  • Originaltitel: Salem’s Lot
  • Übersetzer: Peter Robert
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 09.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 736
  • ISBN: 978-3453407497