In der Zeit des Blumen tötenden Mondes

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Nun sitze ich hier, neben mir das gelesene Exemplar von David Granns True-Crime-Werk „Das Verbrechen“ und kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes mit meinen Gefühlen und zwei komplett gegensätzlichen Problemen: Entweder bekomme ich überhaupt kein anständiges Wort zu „Papier“ oder es werden derer so viele, dass es den Rahmen einer vernünftigen, sachlichen Besprechung bei weitem sprengt. Dazwischen scheint es schlicht nichts geben zu können, denn die Lektüre dieses Buches wird mir sicher noch für lange, lange Zeit auf unangenehme Art und Weise in Erinnerung bleiben. Nicht aufgrund der Tatsache, dass es qualitativ irgendetwas an Granns schriftstellerischer und journalistischer Leistung auszusetzen gäbe, sondern vielmehr weil die behandelte Thematik einfach die eigene fassungslose Ungläubigkeit in einen Grenzbereich verschiebt, der emotional mitunter schwer zu verarbeiten – und noch schwerer in Worte zu fassen ist.

Wie heißt es so schön: Die Realität übertrifft jede Fiktion. Und nie ist dies wohl wahrer gesprochen worden, als im Zusammenhang mit Granns Auseinandersetzung und Aufarbeitung eines der düstersten und beschämendsten Kapitel der jüngeren US-amerikanischen Geschichte – dem hundertfachen Mord an den Osage-Indianern in den 1910er bis späten 1920er Jahren im gleichnamigen County des Bundesstaats Oklahoma. Hundertfach, das sagt und schreibt sich einfach so leicht dahin, weil es kaum greifbar und unpersönlich ist, keinerlei direkte Verbindungen zu den einzelnen Opfern herstellt. Und genau dies muss wohl auch Grann umgetrieben haben, der nämlich genau diesen Opfern mitunter bis in letzte bedrückende Detail (auch mit einer Vielzahl an Fotografien) ein Gesicht verleiht, mit unerschütterlicher Akribie das ganze Ausmaß dieses maßlosen Verbrechens ans Tageslicht zerrt, dessen Ursprünge sich in einem weiteren Verbrechen finden: der Vertreibung der Osage aus ihren eigenen Jagdgründen durch die weißen Siedler Ende des 19. Jahrhunderts.

Angetrieben von einer nie zu sättigenden Gier nach immer mehr Land und bar jeder Rücksicht für das Wohl der indigenen Bevölkerung, pferchte man viele der Indianer in kleinsten Reservaten zusammen, um sich anschließend das an Bodenschätzen und anderen Ressourcen reiche Gebiet selbst unter den Nagel zu reißen. Vor der indianischen Kultur, ihren Bräuchen und letztlich auch vor Menschenleben wurde keinerlei Halt gemacht. Schon zu dieser Zeit kostete diese brutale „Umsiedlung“ tausenden Osage das Leben, die, abgeschnitten von ihrer Jagdbeute, den Bisons, entweder an Hungertod starben oder ihrer Heimat Kansas den Rücken kehren mussten. Im Falle der Osage wurde ihnen ein neues Gebiet im Nordosten Oklahomas zugewiesen. Eine staubige, karge und steinige Landschaft, in der weder große Landwirtschaft möglich, noch sonst etwas von Wert zu vermuten war. Mit den Jahren erhielt die indigene Bevölkerung dann von Washington aus die Erlaubnis, hier auch in größeren Mengen Land aufkaufen zu dürfen, zumal sonst niemand daran irgendein Interesse zeigte. Was nun folgte entbehrt, zumindest anfangs, nicht einer gewissen Ironie.

Das auf den ersten Blick gänzlich wertlose, unfruchtbare Gebiet entpuppt sich nämlich als wahre Goldgrube, denn unterhalb des kahlen Bodens entdecken Geologen bald einige der größten Erdölvorkommen der Vereinigten Staaten. In einer Zeit, in der gerade die Industrie und insbesondere das Pferd ablösende, aufstrebende Automobil enorme Mengen dieses Rohstoffs benötigten, bedeutete diese Bodenschätze unvorstellbaren Reichtum. Und zum großen Verdruss der weißen Politiker, Geschäftsleute und Siedler waren die Osage aufgrund der geschlossene Verträge rechtmäßige Besitzer dieses Landstrichs – und damit auch deren Ressourcen. Eine erneute gewaltsame Vertreibung, wie schon in der Vergangenheit, war nun ohne weiteres nicht mehr möglich, weswegen die amerikanische Regierung diese Realität zähneknirschend akzeptieren musste.

Zumindest offiziell, denn mit der rasant steigenden Einnahmequelle der Osage durch die Bohrlizenzen, aber auch Gebühren für vergebene Pacht, erhöhte sich auch die Zahl der Neider unter den weißen Mitbürgern. Im Jahr 1923 waren die Osage aufgrund ihres Pro-Kopf-Einkommens de facto die reichsten Menschen der Welt. Auf Auktionen im County wurde zu Millionen Dollar Beträgen Land versteigert und die Presse schlachtete den steigenden Wohlstand der Ureinwohner journalistisch aus. Das Bild vom dekadenten, verschwenderischen Indianer wurde wo immer es ging kolportiert – Habsucht, Neid und erneute Gier auf Land waren die Folge.

Um diesen Entwicklungen ein Ende zu setzen und Weißen Zugriff auf das jeweilige Vermögen zu gewähren, verabschiedete die Regierung ein Gesetz, dass die Osage quasi entmündigte. Der „kindliche Indianer“ wurde per Dekret unter Aufsicht gestellt, die Verwaltung des persönlichen Vermögens an einen (natürlich weißen) Vormund übertragen, der selbst entscheiden durfte, wie viel Geld dem jeweiligen Osage zustand. In Folge dessen wurde nur noch kleine Summen an den eigentlichen Besitzer ausgezahlt, der ohnehin für fast alles einen höheren Preis zu zahlen hatte, als die Weißen. Mehr noch: Wie auf einem Markt wurden die hoch begehrten Titel als Vormund über einen oder mehrere Indianer gehandelt, die Position ausgenutzt, um sich zu bereichern. So bekam man unter anderem Provision bei Händlern, wenn das „Mündel“ dort zu besonders gepfefferten Beträgen Geld ausgab. All dies reichte aber nicht, um den Begehrlichkeiten und der Gier ein Ende zu setzen, denn immer noch lagen die „Headrights“ auf das Land bei den Osage. Und über diese und die damit verbundenen Förderlizenzen konnte erst entschieden werden, wenn der eigentliche Eigentümer verstorben war. Und hier beginnt die von David Grann erzählte, wahre Geschichte.

Mai, 1921. Der stark verweste Körper der 36-jährigen Anna Brown, eine der im Reservat nahe der Stadt Gray Horse lebenden Osage, wird in einem abgelegenen Tal gefunden. Und es soll nicht bei dieser einen Toten bleiben. Noch am gleichen Tag wird die Leiche von Charles Whitehorn nahe Pawhuska entdeckt, einem Cousin von Anna Brown. Beide sind offensichtlich durch Schusseinwirkung gestorben. Während man den Tod der Frau nach kurzen, oberflächlichen Ermittlungen als Selbstmord verbucht – als bekannte Alkoholkranke schien man mit dieser Erklärung zufrieden – kam Whitehorn eindeutig gewaltsam ums Leben. In der Gemeinde der Osage macht sich Unruhe und Angst breit, die sich bald als berechtigt erweist. Nur zwei Monate später stirbt auch Anna Browns Mutter Lizzie Q. Kyle an einer Vergiftung. Ihre beiden verbliebenen Töchter, Mollie Burkhardt und Rita Smith, bitten den selbsternannten „King of the Osage Hills“, den Indianerfreund William Hale um Unterstützung, der daraufhin Druck auf die lokalen Behörden ausübt und Privatdetektive engagiert, welche eine Verbindung der Fälle untersuchen sollen. Doch die Ermittlungen bleiben weitestgehend erfolglos – und das Sterben unter den Osage geht weiter.

Im März 1923 – viele Osage sind bereits unter mysteriösen Umständen wie Trunksucht oder Schwindsucht ums Leben gekommen – sterben auch Rita Smith, ihr Mann William „Bill“ Smith und die Hausangestellte Nettie Brookshire bei einer Explosion, die ihr ganzes Haus zerstört. Durch die steigende Zahl an Morden alarmiert, wendet sich der Osage Tribal Council nun an die US-Regierung mit der Bitte um Hilfe auf Bundesebene. Da eines der Opfer, der im Februar 1923 ermordete Henry Roan Horse, auf ausgewiesenem Indianergebiet getötet wurde, hat jetzt das noch junge Bureau of Investigation (BOI, seit 1932 Federal Bureau of Investigation = FBI) eine gesetzliche Grundlage, um selbst investigativ tätig zu werden. Was die zum Teil verdeckt ermittelnden Agenten in den kommenden Monaten aufdecken sollen, ist nichts weniger als die größte Mordserie in der Geschichte der Vereinigten Staaten …

Mit dem Mord an Anna Brown beginnend, hat sich David Grann äußerst detailliert – und wie wir später zu unserem Erschrecken feststellen müssen, auch weit investigativer als die damaligen juristischen Ermittlungen – der tieftraurigen Geschichte der Osage angenähert, wofür ihm zwar nach eigenen Worten ein gut gefülltes Archiv an Aufzeichnungen, Zeugenaussagen, Agentenberichten, Zeitungsberichten und anderen Zeitdokumenten zur Verfügung stand, diese jedoch nicht selten von der Meinung des jeweiligen Verfassers getränkt wurden. Und obwohl es anfangs noch so scheint, als wären es nur Einzelschicksale gewesen, so wird bald mit jeder weiteren Seite von „Das Verbrechen“ klar, dass das Ausmaß des Verbrechens alle Vorstellungen sprengt und fast ein jeder auf irgendeine Art und Weise in diesen Sumpf aus Gewalt, Korruption, Rassismus und letztlich auch Mord verstrickt war. Ob lokale Politiker, Privatdetektive oder das Gesetz vor Ort, der Kreis der Verschwörer durchdrang alle Gesellschaftsschichten und war in seinem Bemühen, Beweise und Indizien verschwinden zu lassen, über Jahre äußerst erfolgreich. Gerade Zeugenaussagen aus den frühen Jahre der Mordserie bleiben auffällig vage, was, wie Grann herausarbeitet, auch daran lag, dass Verräter selbst mit dem Tod rechnen mussten.

In Bezug auf den Spannungsaufbau dieser Lektüre spielt David Grann diese unsichere Datenlage rund um die ersten Morde an den Osage in die Hände, denn wie damals in der Realität, so ist es auch für den Leser schwierig, anfangs einen Verantwortlichen auszumachen, geschweige denn überhaupt den Kreis der möglichen Täter einzuengen. Dies ändert sich erst im zweiten Abschnitt des Buchs, wo sich der Autor schließlich auf die Ermittlungen durch das BOI konzentriert, welches sich zu dieser Zeit gerade in einem strukturellen und personellen Umbruch befand. William John Burns, Begründer der gleichnamigen International Detective Agency, in den 10er Jahren des 20. Jahrhunderts nach der Pinkerton-Detektei die zweitgrößte Agentur für Privatermittlungen, hatte lange von seinem Ruf als „amerikanischer Sherlock Holmes“ profitiert, war aber als Leiter der Behörde den modernen Anforderungen inzwischen nicht mehr gewachsen. Nach einem Untersuchungsausschuss, u.a. wegen Einschüchterung der Presse und illegaler Beschattung von US-Senatoren, wurde er 1924 zum Rücktritt gezwungen. Sein Amt wurde von einem gewissen J. Edgar Hoover übernommen, der es bis zu seinem Tode im Jahre 1972 inne haben sollte.

Hoover, der als ausgeprägter Machtmensch später selbst die Grenzen der Gesetze mehrmals überdehnen bzw. überschreiten sollte, um auf seinem Posten verbleiben zu können, war der Ansicht, dass die Methoden der Bundesagenten überholt waren und dringend geändert werden mussten. Reichten vorher noch mündliche Berichte an die Vorgesetzten aus, hielt mit dem neuen BOI-Chef nun die Bürokratie – und damit auch eine neue Sorte Ermittler Einzug. Da Hoover aber bewusst war, dass insbesondere im Fall der Osage-Morde jegliche schlechte Presse seiner jungen Organisation einen Strich durch die Rechnung machen und der Wilde Westen Oklahomas mit Schreibtischhengsten allein nicht befriedet werden konnte, musste die Mischung stimmen. Und so wurde mit Tom Smith, einem ehemaligen Texas Ranger, nochmal einer der Revolverhelden alter Schule, mit diesem Fall betraut. Eine Entscheidung, die sich auszahlen sollte, denn obwohl sich Smith anfangs noch mit den Begleitererscheinungen moderner Polizeiarbeit schwer tat, sollte es am Ende seine Unerbittlichkeit sein, welche dem Recht zum Sieg verhalf.

Doch war tatsächlich Recht gesprochen worden? Nachdem wir erfahren, wer tatsächlich hinter einem Teil der Morde an den Osage gesteckt hat (eine schockierende Eröffnung) – und wir damit eigentlich das Ende dieser Lektüre erwarten – berichtet David Grann von seinen Begegnungen mit den Nachkommen der Opfer und fördert noch einmal Dinge zutage, die zwar letztlich rechtlich keinerlei mehr Bedeutung haben sollen, aber das ganze unfassbare Ausmaß noch genauer erahnen lassen, welches selbst den zartbesaitesten Leser in die Magengrube fahren dürfte. Wie der Autor diese Verbindungen herstellt, die Vielzahl an Hinweisen verfolgt und verknüpft, nötigt großen Respekt ab und ist vor allem für uns immer auf niederschmetternde, ja abscheuliche Art und Weise nachvollziehbar.

Fast vierzig Seiten, in denen u.a. die Quellen- und Bildnachweise aufgeführt werden, zeugen von Granns hervorragender Recherche, wobei wie bereits erwähnt besonders die vielen Fotos innerhalb des Buches ihren Teil dazu beitragen, die Brücke zwischen dem Damals und dem Jetzt zu schlagen. Das hinter jedem Mord ein Mensch und dessen Familie steht – dies war ihm offensichtlich unheimlich wichtig zu betonen. Und wenn ihnen damit letztlich auch juristisch keine Gerechtigkeit widerfährt – mit dieser Würdigung erhält der Stamm der Osage, wenn auch spät, endlich die ihm gebührende, historisch korrekte Aufmerksamkeit.

Falls es die Länge meiner Besprechung noch nicht deutlich gemacht haben sollte: David Granns „Das Verbrechen“ ist eines der qualitativ besten, informativsten, spannendsten, aber auch berührendsten True-Crime-Werke seit Truman Capotes „Kaltblütig“. Eine Abrechnung mit dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten und dem weißen Siedler, die ihren Widerhall nicht nur in aktuellen Geschehnissen innerhalb der USA findet, sondern das in vielen Medien verklärte Bild des romantischen Wilden Westens endgültig ins Reich der Märchen und Fabeln verweist. Eine Anklage und ein Fingerzeig für kommende Generationen, so etwas nie wieder zuzulassen und Taten und Täter zu benennen, um die Wahrheit ans Licht zu zerren.

Mein persönliches Buch des Jahres 2020 und eins, das ich allen Freunden meines Blogs unbedingt zur Lektüre empfehlen möchte.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: David Grann
  • Titel: Das Verbrechen
  • Originaltitel: Killers of the Flower Moon
  • Übersetzer: Henning Dedekind
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 11/2018
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3730600726

… und sie taten nichts.

© Arche

Die Welt ist ein gefährlicher Ort. Nicht wegen denen, die Böses tun, sondern wegen denen, die dabei zusehen und nichts tun, um es zu verhindern.

Albert Einsteins Zitat setzt den Schlusspunkt in dem gerade mal 160 Seiten umfassenden Tatsachenbericht, der, in Romanform verfasst, zum Besten gehört, was ich im Genre des sogenannten „True Crime“ zwischen den Händen gehalten habe. Und die Worte des schlauen Mannes mit der langen Zunge sind auch mehr als gut gewählt, bezieht doch Didier Decoins Rekonstruktion eines echten Verbrechens ihre Stärke nicht nur aus den dramatischen Vorgängen des Tathergangs, sondern auch aus der beklemmenden Ungeheuerlichkeit – was zu gleichen Teilen am Vorgehen des Mörders wie dem Verhalten der zahlreichen Zeugen liegt.

Queens, 13. März 1964: Um 3.15 Uhr stellt die 28-jährige Kitty Genovese, die von ihrer Schicht als Kellnerin nach Hause kommt, ihren Wagen in der Nähe ihres Apartments ab. Als sie aus dem Auto steigt, nähert sich ihr ein Mann. Dieser Mann ist Winston Moseley, der mit seiner Frau und zwei Kindern ebenfalls in Queens lebt. Winston Moseley arbeitet als Bürokraft, hat keine Schulden, ist nicht vorbestraft und bisher nie auffällig geworden. Trotzdem erregt etwas an der Art, wie er sich Kitty Genovese nähert, deren Misstrauen. Sie versucht, eine Notrufsäule zu erreichen, wird jedoch von Moseley eingeholt und auf offener Straße niedergestochen. Über einen Zeitraum von mehr als einer halben Stunden wird Kitty Genovese von Winston Moseley vergewaltigt, schwer verletzt und am Ende ermordet – während mindestens 38 Zeugen ihre Schreie hören oder aus erleuchteten Fenstern heraus das Geschehen beobachten.

Niemand hilft …

Die Aufgabe einer Rezension ist es naturgemäß, den vorliegenden Inhalt eines Buches sachlich zu beschreiben, zu analysieren und zu bewerten, um unter anderem etwaig interessierten Lesern bzw. potenziellen Käufern einen kurzen Überblick zu geben und eventuell sogar bei der Entscheidungsfindung unter die Arme zu greifen. Didier Decoins „Der Tod der Kitty Genovese“ hebelt diese übliche Herangehensweise jedoch bereits nach wenigen Seiten aus, so dass am Ende der Lektüre viel mehr die eigenen Gefühle, als der vorliegende Text verarbeitet werden wollen. Seit „Kaltblütig“ von Truman Capote – das völlig zurecht von dem politischen Wochenmagazin „Le Point“ auf dem Titelbild als Vergleich hinzugezogen wird – habe ich nicht mehr eine solche Anteilnahme an dem Inhalt eines Buches empfunden, fühlte ich derart intensiv den Finger in die Wunde gelegt, ob die eigenen Beteuerungen der Zivilcourage im Angesicht eines Verbrechens wirklich standhalten würden. Wie hätte ich selbst in dieser Situation reagiert? Wie würde ich damit umgehen, nichts getan zu haben? Wie anmaßend ist es von mir, Scham und Wut angesichts der 38 (!) Personen zu empfinden, die sich tatenlos abgewandt und damit den Mord an dieser jungen Frau im Prinzip erst ermöglicht haben?

Wo sich sonst die Behandlung eines Verbrechens auf die Tat selbst konzentriert, beleuchtet Decoin das Vergehen aus psychologischer Sicht. Wir wissen wer das Opfer ist, was es vorher tat, was ihr Umfeld war. Wir wissen, dass der Angeklagte der Täter war, wissen warum er es getan (auch wenn wir weit davon entfernt sind, es zu verstehen bzw. verstehen zu wollen). Wir wissen, wie die Geschworenen im Prozess entscheiden werden. Was wir aber nicht wissen ist: Welche Rolle haben die Zeugen gespielt? Wie ist es möglich, dass 38 Menschen NICHT gesehen haben wollen, dass vor ihren Augen, unter ihren Fenstern, vor ihrer Haustür, ein brutaler Mord geschehen ist. Und warum eine Frau – mehrmals – so laut sie konnte um Hilfe schrie, ohne diese von irgendjemanden zu erhalten. Decoin geht diesen Punkt geschickt an, indem er aus der Perspektive eines fiktiven Erzählers – ein Anwohner, welcher zum Zeitpunkt des Mordes gemeinsam mit seiner Frau verreist war – die schrecklichen Ereignisse dieser Nacht minutiös rekapituliert. Und er tut dies mit einer präzisen, pragmatischen Sachlichkeit, welche die grausamen Umstände genauso hervorhebt, wie der Schnee das Blut des Tatorts.

Didier Decoins schriftstellerische Fähigkeiten angesichts einer solchen, wirklich begangenen Gewalttat hervorzuheben, ist nicht ohne einen gewissen makabren Zynismus, aber dennoch notwendig, ist es doch die Wahl der Worte, die hier relativ schnell den Schutzpanzer des Lesers durchdringt, weshalb zumindest mir dieses relativ kurze Buch stärker an die Nieren ging, als so mancher 500 Seiten umfassenden Serienkillerplot. Schnörkellos und vor allem ohne moralischen Fingerzeig skizziert er diesen halbstündigen Ausfall des menschlichen Mitgefühls, der es Moseley erlaubte, sein Verbrechen ohne größere Störung zu begehen und in seinem Sinne zu beenden. Eine halbe Stunde – vom ersten Stich des Messers über die zwischenzeitlich geglückte Flucht Kittys bis hin zur Vollendung der Tat im Hausflur eines riesigen Mehrfamilienhauses. Erst hier, das Opfer ist bereits tödlich verletzt und geschändet worden, greift eine der Zeuginnen zum Telefonhörer. Viel zu spät …

Auch wenn sich Decoin mit Verurteilungen zurückhält (lediglich in der Aussage des ermittelnden Polizisten deutet er die Abscheu angesichts des Ausbleibens jeglicher Hilfeleistung an), ist „Der Tod der Kitty Genovese“ natürlich ein Fingerzeig auf den Mangel an Zivilcourage, der mit Sicherheit kein Relikt der 60er – erst im August 2008 kam es in Queens wieder zu einem ähnlichen Verbrechen – sondern immer noch Teil unserer Gesellschaft ist. Der Fall zeigt gleichzeitig auf, wozu Menschen fähig und wozu sie eben nicht fähig sind, was, und das haben Sozialpsychologen herausgefunden, im höchsten Maße von der Gruppendynamik abhängig ist. Je mehr Menschen Zeuge eines Verbrechens sind, umso mehr verlässt sich jeder einzelne auf das Einschreiten des anderen, wird sich untereinander im Stillen die Verantwortung zugeschoben, um nicht selbst in die schrecklichen Umstände mit hineingezogen zu werden. Genau diese Thematik griff 1964 auch der „New York Times“-Journalist Martin Gansberg auf, welcher die Diskussion über Zivilcourage mit seiner schonungslosen Reportage über den Mord an Kitty Genovese befeuerte. Seitdem nennt man die anhaltende Untätigkeit von Zeugen auch „Bystander-Effekt“ oder „Genovese-Syndrom“.

Gansbergs Reportage wird – wie auch Decoins Buch – sicherlich einige schockiert und sprachlos gemacht, aber angesichts der vielen ähnlichen Fälle in den Jahren danach, nur wenig Wirkung gezeigt haben. Beide geben sie zwar Antworten auf viele Fragen, aber die eine, bereits oben genannte, kann nur jeder für sich selbst – und das wohl ebenfalls nicht ohne Zweifel – für sich beantworten: Was hätte ich getan?

Der Tod von Kitty Genovese“ ist von literarisch herausragender Qualität. Eine protokollarische, klar gegliederte Kriminalgeschichte, welche genauso tief berührt und schockiert, wie sie nachdenklich macht.

Wertung: 96 von 100 Treffern

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  • Autor: Didier Decoin
  • Titel: Der Tod der Kitty Genovese
  • Originaltitel: Est-ce ainsi que les femmes meurent
  • Übersetzer: Bettina Bach
  • Verlag: Arche
  • Erschienen: 02.2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3716026601

„The spirit of one Irishman who doesn’t want to be broken …“

© Atrium

Es erscheint mir nach der Lektüre von Sam Millars Autobiographie nur folgerichtig und angemessen diese Besprechung mit einem Auszug aus einem Zitat des irischen Widerstandskämpfers Bobby Sands zu beginnen. Und ja, es hat durchaus eine gewisse Bedeutung, dass ich explizit Widerstandskämpfer und nicht IRA-Terrorist schreibe, denn durch die Art und Weise wie der Nordirland-Konflikt, die sogenannten „Troubles“, und der scheinbar aussichtslose Kampf der Blanket-Men aus Millars am eigenen Leib erfahrenen oder erlittenen Perspektive hier geschildert wird, bekommt dieser Abschnitt der britischen Geschichte ein äußerst hässliches, schwer erträgliches Gesicht. Wohingegen man zwar nicht grundsätzlich alle Taten der IRA, aber doch die Motive und vor allem die Gefühlswelt der Iren nun äußerst genau nachvollziehen kann. 

Mehr noch: Diese gänzliche Abwesenheit jeglicher Menschlichkeit und Moral, welche die Inhaftierten des berüchtigten Hochsicherheitsgefängnisses Long Kesh auf beinahe täglicher Basis durch ihre Wärter erleiden mussten – sie bleibt mir auch Wochen später immer noch präsent vor Augen und wirkt auf mich persönlich ähnlich intensiv nach wie vor vielen Jahren mein erster Kontakt mit den Videos der Befreiung von Ausschwitz im Geschichtsunterricht der Schule.

Dieser Vergleich sei bewusst gewählt, denn diese Rezension gestaltet sich für mich bereits auf diesen ersten Zeilen erwartet schwer, ist mir „True Crime“ doch noch viel tiefer als erwartet unter die Haut gegangen, was möglicherweise auch daran liegt, dass ich seit einigen Jahren einen recht lockeren, aber regelmäßigen Kontakt mit Sam Millar über die sozialen Medien pflege und dessen stoische Unbeugsamkeit bei einem sturen Ostwestfalen auf durchaus fruchtbaren Boden fällt. Nein, natürlich kann man Millar nach Beendigung des Buchs deswegen nicht gleich von allen kriminellen Sünden freisprechen – aber diese drängende Frage „Was hätte ich getan?“, sie lässt sich diesmal weit schwerer von sich schieben als sonst, zumal in keiner Passage überhaupt nur der Versuch seitens des Autors unternommen wird, die eigenen Taten schön reden oder entschuldigen zu wollen. Sein zäher, nie gebrochener Widerstand – er speiste sich nicht in erster Linie aus dem Hass auf seine Feinde, sondern vor allem aus der tiefen Überzeugung, durch seine Art des Kampfes irgendwann dem Recht zum Sieg zu verhelfen. Ein Ziel, das er letztlich immer noch nicht erreicht hat. Und wo keine Gerechtigkeit, keine Einsicht und keine Reue ist, da kann dann auch kein Frieden, keine Versöhnung und keine Vergebung sein. Oder wie Millar es durch Sartre sagt:

Ich hasse Opfer, die ihren Henker lieben.“

Aus ganz persönlicher, bitterer Erfahrung kann ich da wenig widersprechen.

Genügt dies nun, um einen ausreichenden Eindruck von diesem Werk zu bekommen? Nein, nicht im Ansatz, denn das Besondere, ja, Herausragende an Millars autobiographischen Thriller ist eben genau die Tatsache, dass dieser sich eben nicht wie die Abrechnung eines alten, unversöhnlichen Kriegsveteranen liest, sondern er selbst den dunkelsten Abschnitten seines Lebens stets diesen typisch-irischen Witz abringen kann und zwischen all dem Schmerz, der Wut und der Verzweiflung sowohl Buch als auch Protagonist selbst nie gänzlich ihre Leichtigkeit verlieren. Im Gegenteil: Es sind gerade diese Szenen im gestreiften Schatten der Gefängnisgitter, welche eine Lebensfreude versprühen, die, wenn auch bittersüß, ein (manchmal auch salziges) Lächeln auf das Gesicht des Lesers zaubern. Im Angesicht all dieser Schrecken versagen Millar und seine Mitstreiter ihren Peinigern den endgültigen Triumph. Das Menschliche – sie lassen es sich nicht nehmen. Und es zeugt von der Stärke des Autors, dass er damit auch jenen Menschen ein Gesicht verleiht, die er selbst trotz der räumlichen Nähe jahrelang nie zu sehen bekommt – und welche am Ende dann teilweise ihren Protest sogar mit dem eigenen Leben bezahlen.

Der Geist von Bobby Sands – er weht immer wieder durch die Seiten. Und das ist insofern nicht verwunderlich, ist doch der Werdegang beider Männer in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wie Sands, so ist auch der junge Sam Millar anfangs ein alles andere als politischer Mensch. Im Januar 1955 als Samuel Ignatius Millar geboren nimmt er die religiösen Konflikte in Belfast zwar durchaus früh wahr, doch fordern erst einmal viel konkretere Dinge seine Aufmerksamkeit. Seine Familie ist arm, sein Vater aufgrund seiner Heimat für die Handelsmarine so gut wie nie zuhause und die Mutter mit der alleinigen Erziehung völlig überfordert. Während sie sich immer mehr in den Alkohol flüchtet, verbringt Millar so viel Zeit wie möglich auf der Straße, lässt seiner Fantasie durch die Lektüre von Comics freien Lauf und lernt früh, sich gegen Ältere zu behaupten. Während die Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken auch durch die steigende Präsenz der britischen Armee immer mehr zunehmen, ändert sich zunehmend die Stimmung in seiner Heimatstadt.

Obwohl er aufgrund des Großvaters selbst protestantische Wurzeln hat, muss er als Jugendlicher am 30. Januar 1972 hautnah miterleben, was er für jemanden mit katholischer Religion bedeutet, für gleiche Rechte in einem von Engländern besetzten Irland demonstrieren zu wollen. An diesem Tag in Derry, welcher später als „Bloody Sunday“ in die Geschichte einging, werden dreizehn der Demonstranten von der britischen Miliz niedergeschossen. Entgegen späterer Behauptungen hatte es seitens der Iren keinerlei Anlass für diesen Beschuss gegeben. Verurteilt wurde dennoch niemand der beteiligten Soldaten. Eine von einem englischen (!) Lord durchgeführte Untersuchung sprach sie alle frei, einige wurden für ihre Dienste gar mit einem Orden ausgezeichnet.

Ivan Cooper, Abgeordneter des nordirischen Parlaments, Vorsitzende der friedlichen Bürgerrechtsbewegung und selber Protestant, gibt noch am Ende des blutigen Tages eine Pressekonferenz, in der er erklärt:

Ich will der britischen Regierung nur folgendes sagen … Ihr wisst, was ihr gerade getan habt, oder? Ihr habt die Bürgerrechtsbewegung zerstört und der IRA den größten Erfolg beschert, den sie je haben wird. In der ganzen Stadt werden heute junge Männer… Kinder der IRA beitreten und den Sturm bringen, den ihr gesät habt.

Sam Millar gehört nicht zu denen, die sofort zu den Waffen greifen, doch auch ihn prägt dieser Tag tief. Als kurze Zeit später ein ehemaliger Schulfreund erschossen wird, zeigt er offen seine Sympathie für den militanten Republikanismus und tritt schließlich auch der IRA bei, welche ihrerseits durch Anschläge auf englischen Boden für tote Zivilisten sorgt. In dieser eskalierenden Gewaltspirale wird Millar erst in die Haftanstalt Crumlin Road, dann kurz darauf aufgrund von Waffen- und Sprengstoffbesitz in das legendäre Gefängnis Long Kesh eingewiesen. Ein ordentliches Gerichtsverfahren mit einer Möglichkeit zur Verteidigung bleibt ihm dabei verwehrt. Als sich die Tore hinter ihm schließen ist er der Willkür seiner Peiniger endgültig schutzlos ausgeliefert. Es dauert nicht lange und es kommt zu einem gewaltsamen Aufstand der Häftlinge, welche damit auf die unerträglichen Bedingungen in der Haftanstalt aufmerksam machen und ihren Widerstand gegen die britische Besetzung des Landes bekunden wollen. Ein Großteil des Gefängnisses brennt dabei ab und an dessen Stelle werden die H-Blocks errichtet. Eine Hölle auf Erden, in der auch die Unbeugsamsten gebrochen werden sollen. Unter ihnen ist auch Sam Millar.

Da man ihm und seinen Mitstreitern den Status des politischen Gefangenen verwehrt und stattdessen in die normale Gefängniskluft eines gemeinen Verbrechers stecken will, entledigen sie sich kurzerhand ihrer Kleidung und hüllen sich in Decken. Über mehrere Jahre werden die „Blanket-Men“ gefoltert und misshandelt, leben isoliert in winzig kleinen Zellen, an deren Wände sie ihre eigenen Extremente schmieren. Immer wieder kommt es zu Hungerstreiks, denen letztlich u.a. auch Bobby Sands erliegt. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis sich diese politische Situation zumindest soweit entspannt, dass Millar Anfang der 80er Jahre freigelassen wird. Er hält sich nicht mehr lange in Nordirland auf, kehrt Belfast den Rücken und beginnt ein zweites Leben in New York. Und für den Leser damit der zweite Teil des Buches – wenn er bei all der geschilderten menschlichen Verdorbenheit es bis hierhin durchgehalten hat.

Man kann nur hoffen, dass er es hat, denn auch im weiteren Verlauf des Buches lässt uns Sam Millar nicht aus seinen Fängern und schildert mit viel Esprit und Humor seine ersten Schritte als Croupier in einem illegalen Casino, während er sich in Bezug auf seine Familie eher in Schweigen hüllt. Dass er heiratet und dreimal Vater wird, erfährt man eher nebenbei. Stattdessen bereitet er mit dem Überfall auf Brink’s, die älteste und größte Firma für gesicherte Geld- und Warentransporte, nochmal die Bühne für einen weiteren äußerst wirkungsvollen Spannungsbogen. Dieser Coup gilt bis heute als einer der spektakulärsten in der Geschichte Amerikas. Mehrere Millionen Dollar werden gestohlen, Millar später mit drei weiteren Verdächtigen verhaftet. Hergang bzw. Ablauf der Tat bleiben jedoch bis heute ungeklärt. Und natürlich erfahren wir von Sam an dieser Stelle natürlich auch nicht mehr (Wo ist der Rest von der Knete versteckt, Sam? ;-) ). Dafür amüsieren wir uns nochmal darüber, mit welch zarten Methoden das FBI Millar im Verhör zu brechen versucht. Nach dem Martyrium von Long Kesh kann man fast nicht anders, als in das Schmunzeln des Erzählers mit einzustimmen.

Ganz am Schluss klappt man den Buchdeckel dann aber doch nachdenklich zu. Wer sich schon wie ich etwas länger mit dem Nordirland-Konflikt beschäftigt, der ist sich der begangenen Gräueltaten (beider Seiten) durchaus bewusst. Derart nah wie hier bin ich ihnen aber bis dato nicht gekommen. Und wenngleich Brendan Behan in „Borstal Boy“ einen durchaus (nachhaltigen) Einblick in sein Leben als Häftling geben konnte – auf der emotionalen Ebene hat „True Crime“ doch noch einmal tiefere Spuren hinterlassen. Und das ist wohl dann auch das am Ende größte Kompliment, das ich aussprechen kann.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Sam Millar
  • Titel: True Crime
  • Originaltitel: On the Brinks
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Atrium
  • Erschienen: 01.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3855355136

That’s the story of the Hurricane…

© Rowohlt

„Ich kenne keinen Schriftsteller, der nicht glaubt, dass er ein Boxer ist.“

Bei dieser auf den eitlen Norman Mailer gemünzten Aussage Nelson Algrens mag er auch ein bisschen an sich selbst gedacht haben, war doch der in Chicago aufgewachsene Autor Zeit seines Lebens ein fanatischer Fan dieser rauen Sportart. Die Innenseite seines rechten Oberarms zierten als Tätowierung ein paar Boxhandschuhe. Sein Lieblingsschauspieler war Charles Bronson, nicht zuletzt weil er kein Antlitz hatte, sondern ein Gesicht. Und zwar das eines Boxers. Selbst im Arbeitszimmer seiner Wohnung in Hackensack, New Jersey, hing neben dem Porträt Dostojewskis ein Foto von Rubin „Hurricane“ Carter. Man kann daher schon von einer gewissen Zwangsläufigkeit sprechen, sieht man sich die Entstehungsgeschichte seines biographischen Romans „Calhoun“ etwas näher an.

1983, zwei Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht, erzählt Nelson Algren in „Calhoun“ die Geschichte des berühmten Boxers Rubin Carter, genannt „Hurricane“, der 1966 wegen Mordes inhaftiert und erst 1985 nach mehrfacher Wiederaufnahme des Verfahrens freigelassen wurde. Ein Fall, der nicht nur aufgrund von Bob Dylans Song und der Verfilmung mit Denzel Washington als Carter bis heute noch in den Köpfen der Boxfreunde präsent ist, sondern auch für viele Jahre die Debatte um den Rassismus in der US-amerikanischen Justiz stark befeuert hat. Algren greift diese Thematik in seinem Roman auf, verflechtet das Boxmilieu mit der etwas anderen Arena Gerichtssaal und zeichnet ein düsteres Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das bis heute wohl nicht allzu viel an Aktualität verloren hat. Umso interessanter, dass Algren ursprünglich gar keinen Roman im Sinn hatte. Als Carter und sein Freund John Artis, beide Afroamerikaner, in New Jersey des Mordes an drei Weißen für schuldig befunden und für dreimal lebenslänglich ins Gefängnis geschickt wurden, war der Autor als Reporter des „Esquire Magazine“ lediglich damit beauftragt, einen Artikel mit Interview zu machen. Doch es sollte anders kommen.

Algren, der den Schuldspruch aufgrund fragwürdiger Zeugenaussagen zweier Kriminelle vor einer durchweg weißen Jury von Beginn an für einen Skandal hielt, rechnete zumindest zu Beginn im Falle eines Wiederaufnahmeverfahrens mit einem Freispruch. Erst als dieser ausblieb bzw. das erste Urteil bestätigt wurde, sah sich Algren in der Pflicht, auf diesen Justizirrtum und vor allem die Logik dieses Irrtums aufmerksam zu machen. Da man dies den Lesern des „Esquire Magazine“, welche kaum den Bürgerrechtlern angehörten, nicht zumuten konnte, schrieb er die ursprüngliche Story um. Aus einem einfachen Artikel wurde ein dokumentarischer Prozessbericht und schließlich, mangels Interesse anderer Zeitungen, ein Roman, den der Autor, der vorerst weiter am Tatort (eine kleine Stadt namens Paterson) blieb und sogar nach New Jersey zog, stetig mit Informationen aus weiteren Recherchen anreicherte. Für Algren war „Calhoun“ dabei die ganze Zeit mehr als nur die Geschichte eines Boxers – es war seine letzte Abrechnung mit einem Amerika, eine Anklage gegen die andauernde rassistische Gewalttätigkeit weißer Geschworenengerichte und deren stille Billigung durch eine große Bandbreite der Bevölkerung.

Wie schon in seinem bekanntesten Roman „Der Mann mit dem goldenen Arm“, so singt auch hier „die Blechpfeife der amerikanischen Literatur“ (Algren über sich selbst) noch ein letztes Mal das Hohelied auf den Scheiternden, den Einzelgänger in den Höllen der so genannten „Freiheit.“ Aus heutiger Sicht liest sich dies immer noch kraftvoll, allerdings auch mit viel Bitternis und Pathos durchsetzt, denn Algren, der stets den Verlierer der Gesellschaft überzeugend spielte, aber nie wirklich verkörperte, bezieht in einigen Passagen zu eindeutig Position, was der Dramatik der Geschichte zwar entgegen kommt, dem ein oder anderen Justizbeamten im Nachhinein jedoch vielleicht nicht ganz gerecht wird. Dem eindringlichen Charakter von „Calhoun“ tut dies jedoch keinerlei Abbruch. Lange vor einem Scott Turow oder John Grisham wird hier die Widersprüchlichkeit des amerikanischen Justizsystems genauso in seine Einzelteile zerlegt, wie die verhängnisvolle Einflussnahme der wohlmeinenden Prominenz (u.a. Bob Dylan) auf Carters Wiederaufnahmeverfahren.

Um es in der Boxsprache zusammenzufassen: „Calhoun“ geht über die volle Distanz von 12 Runden und leistet uns, den Lesern, einen harten Kampf, da Algren immer wieder zwischen den Zeiten springt und auch die vielen Spitznamen der kriminellen Unterwelt New Jerseys oftmals zur Verwirrung beitragen.

Calhoun“ ist eine eindringliche, rasiermesserscharfe Wiedergabe über die Umstände des Falls Rubin „Hurricane“ Carter, an der man sich immer wieder schneiden und reiben kann. Eine eckige, kantige, nicht immer leichte Lektüre, wie sie typisch für Algren war. Ob man das mag oder nicht – Geschmackssache. In seine Fußstapfen ist bis heute jedenfalls nicht wirklich nochmal jemand getreten. Das dürfte dem „Verlierer“ Algren aber gefallen haben, der einer angehenden Schriftstellerin, welche auf der Schwelle zu einer literarischen Karriere stand, per Brief einmal folgenden Rat mitgab:

„Geh zwei Schritte zurück, Baby. Lauf davon, lauf, so schnell du kannst. Das ist keine Schwelle – das ist ein Abgrund.“

Wertung: 80 von 100 Treffern

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  • Autor: Nelson Algren
  • Titel: Calhoun – Roman eines Verbrechens
  • OriginaltitelThe Devil’s Stocking
  • Übersetzer: Carl Weissner
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 1/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 305 Seiten
  • ISBN: 978-3499136825

Willkommen in Französisch-Guayana, deren Gefangene ihr seid!

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© Fischer

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass ein Film nie so gut sein kann, wie die literarische Vorlage selbst. Und das ist auch im Fall von „Papillon“ nicht anders, denn die Leinwandfassung von 1973, mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen, wird, obwohl unbestritten ein grandioser Klassiker, von Henri Charrières niedergeschriebenen „Memoiren“ nochmals in den Schatten gestellt.

Diese sind nicht nur ein einzigartiges Zeugnis menschlichen (Überlebens-) Willens, sondern auch ein Zeitdokument und Fenster in die Vergangenheit, das bis heute ziemlich kontrovers diskutiert wird, da Charrière in „Papillon“ seine eigene Gefangenschaft in den Bagnos von Französisch-Guayana (er wurde wegen Totschlags zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt) schildert, autobiographische Elemente aber mit historischen Fakten und Fiktion vermischt. Immer wieder gibt es aufkeimende Zweifel an seinen Darstellungen, vor allem durch die übertriebene Schwarz-Weiß-Malerei bei der Zeichnung seiner Mitmenschen, besonders der Mithäftlinge. Was wahr und was erfunden ist, wird man nicht mehr feststellen können. Ein eigenes Bild kann man sich dank der Lektüre allerdings machen. Und genau das habe ich getan:

Paris im Jahre 1932. Henri Charrière, ein französischer Tresorknacker, der den Spitznamen „Papillon“ trägt, weil er sich einen Schmetterling auf die Brust tätowieren ließ, wird, trotz der Beteuerung seiner Unschuld, wegen Totschlages zu lebenslanger Haft und Verbannung in die Straflager (sogenannte „Bagnos“) in Französisch-Guayana verurteilt. Noch im Gefängnis in Paris schließt er Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega und Julot Marteau, einem Mithäftling, der bereits einmal in Guayana war. Gemeinsam segeln sie nach Südamerika, wobei sich besonders Papillon stets mit dem Gedanken an Flucht trägt. Kurz vor ihrer Einschiffung auf die berüchtigten Îles du Salut, gelingt ihm dann auch der Ausbruch aus dem Gefangenenlager. Zusammen mit den Häftlingen Clusiot und Maturette segelt er über Trinidad und Curacao bis nach Kolumbien, wo alle drei abermals in die Hände der Polizei geraten. Papillon jedoch bricht nach wenigen Tagen erneut aus und sucht Zuflucht bei indianischen Perlenfischern im Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela. Ein gutes halbes Jahr verbringt er dort, nimmt zwei Eingeborene zur Frau, ehe ihn die Unruhe einholt und er sich auf den Weg macht, um nach Britisch-Honduras zu kommen. Er erreicht sein Ziel nicht, sondern strandet wieder in Kolumbien, das ihn diesmal an Frankreich ausliefert. Papillon erwarten wegen der Flucht zwei Jahre strengste Einzelhaft auf den Inseln – doch auch jetzt gibt der „Fluchtmensch“ nicht auf …

Über die Authentizität des in Berichtform abgefassten Romans aus der Feder Henri Charrières darf man sich getrost streiten. Zweifellos sind viele Geschichten, die er nur vom Hörensagen kannte, in sein Buch mit eingebaut. Und möglicherweise wurde auch einiges ihm nur mitgeteilt und nicht von ihm selbst erlebt. Letztendlich ist das für die Wirkung dieses Werkes, das wie kaum ein anderes, die Macht des geschriebenen Wortes auf Eindrucksvollste unter Beweis stellt, ohne Bedeutung. Gerade der persönliche Ton ist es, der das Buch aus der Masse heraushebt und es dem Leser gleichzeitig möglich macht, das Erlittene selbst zu empfinden, nachfühlen zu können. Auf jeder einzelnen Seite wird die Freiheitsliebe, der fast grenzenlose Mut und die Verzweiflung eines Menschen, der von einem vermeintlich freiheitlichen Staat auf entwürdigende Weise fernab jeglicher Zivilisation ohne Chance auf Rehabilitierung weggesperrt wird, in einem Ausmaß deutlich, das in der Literatur seinesgleichen sucht. „Papillon“ ist mehr als ein Gefängnisroman, mehr als ein autobiographischer Rückblick. Es ist der Einblick in die Seele eines Mannes, der sich selbst nie aufgegeben und unter den unmenschlichsten Umstände seine Menschlichkeit bewahrt hat.

Die Art und Weise wie Charrière diese jahrelange Tortur, insbesondere die entsetzliche Einzelhaft schildert, ist schlicht und ergreifend atemberaubend. Die Enge der Zelle, der Dreck, der Gestank, die Hitze. All das erlebt und erleidet man mit. Unter der Beschreibung der klaustrophischen Zustände scheint auch die Welt des Lesers kleiner zu werden. Es sind diese Passagen, wo man, anfangs unwillig und später fast selbstverständlich, Papillon Bewunderung zollt, der bei dem vielen Leid, das ihm widerfährt, die Hoffnung nie aufgibt, den Gedanken an Flucht nie begräbt. Eine Hoffnung, die auch begründet ist, was sich unter anderem während seines Aufenthalts bei den Indianern zeigt. Menschen, bei denen die Nächstenliebe im Vordergrund steht, für die Egoismus ein Fremdwort ist und bei denen alles jedem gehört. Charrières Beschreibungen sind von einer paradiesischen, exotischen Schönheit, die atemlos macht und der sogenannten Zivilisation den Spiegel vor Augen hält.

Papillons Lebens- und Leidensgeschichte ist eine moderne Odyssee, die mit Versprechen, Vertrauensbruch, Verrat aber auch Freundschaft verknüpft ist. Es beinhaltet eine Philosophie des Lebens und Durchhaltens, welche auch heute noch ihre Gültigkeit hat. Und während ganze Kontinente einem vernichtenden Krieg entgegen taumeln, ist es sein Kampf um die Freiheit und Selbstbestimmung, der die Motive der verfeindeten Parteien in Frage stellt. So wird den französischen Gefangenen im Falle einer Invasion der Deutschen befohlen, die Inseln um jeden Preis zu verteidigen. Inseln, auf denen ein Menschenleben nichts zählt. Inseln, von denen es keine Rückkehr gibt. Wie Charrière die Ironie solcher Situationen heraushebt, ist nicht selten tragikomisch. „So etwas gehört gottseidank der Vergangenheit an“, mag der ein oder andere glauben. Er sollte sich an Guantanamo erinnern und wird dann sehen, dass sich nicht viel, ja, vielleicht sogar gar nichts geändert hat.

Wer Charrière Selbstverherrlichung vorwirft, dem Buch aufgrund nicht zuzuordnender Informationen seine Wertigkeit abspricht, mag das gern tun. Ich persönlich habe mit „Papillon“ eines der ergreifendsten und (die Szene auf der Insel der Lepra-Kranken wird auf ewig in meinem Gedächtnis bleiben) schönsten Bücher gelesen.

Papillon“ ist ohne Zweifel einer der wenigen modernen Klassiker, die diese Bezeichnung wahrlich verdienen. Ein Abenteuerroman des Lebens, der auf literarisch brillanten Niveau den Spagat zwischen ernsthaftem Tiefgang und mitreißender Lebensfreude meistert. Wer wissen will, wie Charrières Lebensgeschichte weiterging, darf getrost zum Nachfolger „Banco“ greifen, der die Zeit nach seiner Freilassung bis zum Anfang der 70er Jahre behandelt.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Henri Charrière
  • Titel: Papillon
  • Originaltitel: Papillon
  • Übersetzer: Erika Ziha, Ruth von Mayenburg
  • Verlag: Fischer
  • Erschienen: 01.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 592 Seiten
  • ISBN: 978-3596212453

Non, je ne regrette rien

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© Edition Nautilus

Anarchismus – eine politische Ideenlehre und Philosophie, mit der ich mich, trotz großem Interesse an der europäischen Geschichte, lange Zeit nie näher beschäftigt habe. Geändert hat sich diese Einstellung erst vor kurzem durch die Lektüre von Patrick Pécherots „Nebel am Montmartre“ und Anthony Burgess‘ Klassiker „Clockwork Orange“ – zwei Bücher, welche das Streben nach einer herrschaftsfreien Gesellschaft zwar auf unterschiedliche Art und Weise darstellen, gerade aber auch deswegen die Neugier an der Thematik entfachen. Durch ersteres, beim Verlag Edition Nautilus gemeinsam mit den beiden Fortsetzungen („Belleville Barcelona“ und „Boulevard der Irren“) erschienen, richtete sich schließlich auch mein Augenmerk auf Pino Cacuccis „Besser auf das Herz zielen“.

Eine Quasi-Biographie über den berühmt-berüchtigten Anarchisten Jules Bonnot, der für den ersten motorisierten Raubüberfall der Geschichte verantwortlich zeichnet und sich zuvor gar eine Zeitlang seinen Unterhalt als Fahrer von Sir Arthur Conan Doyle verdiente. Ich gebe zu: Dieser letzte Punkt war für einen Holmes-Fan wie mich bei der letztlich getroffenen Kaufentscheidung nicht ganz unerheblich. Doch warum sonst sollte Cacuccis Werk unbedingt in das Bücherregal wandern?

Zuallererst sollte man sich in jedem Fall von dem (auch von mir anfangs gehegten) Gedanken verabschieden, es hier mit einem reinen True-Crime-Titel zu tun zu haben. Wenngleich sich Cacucci eng an den wesentlichen Fakten aus dem Leben des meist gesuchtesten französischen Verbrechers des beginnenden 20. Jahrhunderts orientiert und in vielen Belangen äußerst akribisch und genau recherchiert hat – wirklich leben tut der Roman vor allem von den nicht belegten und nachträglich hinzugefügten Ausschmückungen. Denn: So spannend, aufregend und tragisch Bonnots kurzes und ereignisreiches Leben war, so wenig vermag Cacucci es zu gelingen, diese Elemente auf Papier zu übertragen. Besonders hinsichtlich der begangenen Verbrechen lässt der Autor doch einiges an Potenzial ungenutzt und konzentriert sich auf klar gefasste historische Wiedergabe, um wiederum an anderer Stelle Dinge im Detail zu beschreiben, die weder für die Handlung noch für Bonnots weiteren Werdegang von grundlegender Bedeutung sind. Auch in Punkto Figurenzeichnung lässt Cacucci viel fruchtbares Land brach. Neben Jules Bonnot, dessen nachvollziehbaren Fall durch die breiten und tiefen Gitter der Gesellschaft er eindringlich schildert, führen die anderen Charaktere ein klares Statistendasein. Gerade Viktor Kibaltschitsch (frz. Victor Serge) kommt bei Cacuccis Ausflügen in die Pariser Anarchistenszene kurz nach der Jahrhundertwende viel zu kurz.

Man muss aber auch deutlich betonen: Die geübte Kritik vollzieht sich auf hohem Niveau und kann sich zudem aufgrund fehlender Kenntnis des Originals nicht allein auf Cacucci einschießen. Inwieweit dessen Schwächen als Romancier oder der Übersetzer Andreas Löhrer „Schuld“ an der doch sehr boulevardhaften Erzählweise haben, ist somit schwer zu sagen. Wie bereits von anderen Rezensenten zurecht betont, steht der Stil jedenfalls einem größeren Lesevergnügen im Wege. Selbiges gilt für die vielen Schauplatzwechsel, welche immer genau dann gesetzt worden sind, wenn die Handlung gerade dabei ist so etwas wie Spannung zu entwickeln. Was bleibt ist schließlich die Faszination an dem Mensch Jules Bonnot, dem das Leben immer wieder Knüppel zwischen die Beine wirft und der erst nach und nach den Weg in die verbrecherische Unterwelt eintritt. Oftmals geradezu dorthin getrieben von den Institutionen, die später anklagend mit dem Finger auf ihn zeigen und sich die Wurzeln des Anarchismus partout nicht erklären können – oder wollen. Bonnots Fall ist so tragisch wie zwangsläufig und nicht selten ohne eine gewisse Portion bitterer Ironie. Bei all den Mitteln des Staates, bei all der Gewalt durch die Obrigkeit und die Herrschenden – wie ist es da möglich, keine Wut zu empfinden?

Während gemäßigte Anarchisten wie Viktor Kibaltschitsch das geschriebene Wort im Kampf gebrauchen, nutzt Bonnot die politische Bewegung für eine persönliche Abrechnung mit dem System, welches ihm von Geburt an jede Möglichkeit von Glück bis zuletzt verwehrt hat. Am Schluss ist dies natürlich keine Rechtfertigung für die von ihm (»Ich bereue nichts. Manches bedaure ich, aber ich bin ohne einen Funken Reue.«) und seiner Bande begangenen Morde – dennoch fällt es schwer, Gefallen am dramatischen und kugelreichen Ende Bonnots zu finden, der selbst in den letzten Minuten seines Lebens Mensch geblieben zu sein schien, als er in einem schnell verfassten Testament mehrere (wohl zu Unrecht verurteilte) Personen von jeglicher Mittäterschaft freisprach.

Besser auf das Herz zielen“ ist somit mehr als nur ein biographischer Roman und das Portrait eines einzigen Mannes. Es ist die treffliche Wiedergabe eines gesellschaftlichen Teufelskreises, welche exemplarisch für viele andere Leben aus der französischen Arbeiterklasse der damaligen Zeit steht und die gleichzeitig den schmalen Grat zwischen politischen Widerstand und krimineller Gewalt deutlich macht. Und ein Blick in die Zeitung dürfte uns in Erinnerung rufen, wie aktuell diese Thematik der Polizeigewalt, Zielfahndungen und rechtswidriger Überwachungen auch heute noch ist.

Trotz einiger Schwächen – eine echte Empfehlung für Freunde von Gangster-Geschichten und „Noir“-Liebhaber, die im Hinblick auf den Realismus ihrer Romane höhere Ansprüche stellen.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Pino Cacucci
  • Titel: Besser auf das Herz zielen
  • Originaltitel: In ogni caso nessun rimorso
  • Übersetzer: Andreas Löhrer
  • Verlag: Edition Nautilus
  • Erschienen: 02.2010
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 352 Seiten
  • ISBN: 978-3894017224

Been spending most their lives, living in the gangsta’s paradise …

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© Ullstein

„Die wichtigste Kriminalgeschichte der nächsten zehn Jahre“, schreibt die Zeitung „Scottish Mail“ über Gavin Knights Erstlingswerk „The Hood“, für das der Journalist (u.a. tätig für „Guardian“ und „The Times“), dessen Hauptinteresse der Bandenkriminalität in Großbritannien gilt, hunderte Stunden von Interviewmaterial ausgewertet und die polizeilichen Schilderungen realer Verbrechen in literarische Form verarbeitet hat.

Auch wenn diese Beurteilung dann doch die Bedeutung des Werks etwas überhöht – Knights Mischung aus Journalismus und Gangsterroman-Genre darf durchaus als Augenöffner für die Thematik des jugendlichen Terrors sein, der mitunter ganze Stadtteile betrifft und mancherorts inzwischen gar zu kriegsähnlichen Zuständen führt. Unterteilt ist der Erzählungsband dabei in drei Prosastücke, welche sich jeweils auf die Brennpunkte London, Manchester und Glasgow konzentrieren, in denen aus der Bekämpfung von Verbrechen eine Eindämmung seitens der Justizapparate geworden ist, die sich fast nur noch darauf konzentrieren, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die „Hoods“ sind zu einem rechtsfreien Ort verkommen. Und Knight schickt den Leser direkt in das Herz der Szene.

Den Anfang macht East London. Hier, auf den Straßen der Themse-Metropole, herrscht ein vierzehnjähriger ehemaliger Kindersoldat aus Somali namens Troll. Er steht stellvertretend für eine ganze Generation von Teenagern, die durch Gewalt und Drogen durch das Raster der Gesellschaft gefallen sind, abgedrängt in eine Parallelwelt, in der nur das Recht des Stärkeren zählt, die Familie die Gang ist, die Vaterfigur ein Killer oder Mafiosi. Jugendliche werden rekrutiert, für den Drogen-Verteilungskampf auf die Straße geschickt oder bei Rache-Feldzügen gegen rivalisierende Banden an vorderster Front verheizt. Selbst Pilgrim – früher ein gefürchteter Gangleader und nun nach einigen Jahren Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen – zeigt sich von dieser neuen Qualität an zügelloser Gewalt erschüttert. Ehemals heilige Regeln, sie gelten nicht mehr…

In Manchester begleitet der Leser Detective Anders Svensson. Eine Figur, die auf einem Undercover-Ermittler basiert, den Knight bei seinen Recherchen längere Zeit begleitete und mit dem er inzwischen gut befreundet ist. Das ist insofern bemerkenswert, da sie die Tragik des Protagonisten unterstreicht, der über fast zwölf Jahre den Drogenbaron Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Auftragskiller Flow, verfolgt und für diese Manie sein Privatleben sowie die eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat…

Im letzten Handlungsstrang steht die Polizeianalystin Katryn McClusky im Mittelpunkt, welche die Gewaltspirale in Europas gefährlichster Stadt mithilfe eines Präventionssystems namens „Face-to-Face-Call“, das bereits in Boston erfolgreich eingeführt wurde, durchbrechen will. Hier werden die Täter mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen ihrer Opfer konfrontiert und müssen sich in persönlichen Gesprächen deren Leid und Kummer stellen. Und es zeigt sich: Die Methode hat tatsächlich Erfolg. Aber auch nachhaltig?

Drogen-Kämpfe, Rachemorde, Polizeispitzel. Allein die Lektüre des Klappentexts legt nahe, Gavin Knights „The Hood“ in der Kategorie von David Simons epischen „Homicide“ einzuordnen, welches letztendlich als Blaupause für die erfolgreiche HBO-Fernsehserie „The Wire“ diente. Und in der Tat: Knight und Simon ähneln sich in ihrer Herangehensweise an das Sujet, verzichten beide auf künstliche Ausschmückungen und Zuspitzungen, um stattdessen den gesellschaftlichen Verfall eins zu eins, und von einer gewissen sachlichen Distanz geprägt, abzubilden. Das hat Vor- und Nachteile, da man zwar als Leser einen ungetrübten Einblick in eine Welt bekommt, welche einem sonst (glücklicherweise) verschlossen bleibt, aber auf der anderen Seite vergeblich nach eine richtiger Bezugsperson sucht, die es uns ermöglicht, auf einer persönlicheren Ebene mitzufühlen. Während da Simon mit seiner detaillierteren Ausarbeitung der einzelnen Personen seine Hausaufgaben gemacht hat, lässt Knights Werk dies vermissen. Detective Svensson aus Manchester mag so zwar in Wirklichkeit existieren, die Präsenz eines McNulty oder Wallander, mit denen „The Sunday Times“ einen Vergleich herstellen will, erreicht er aber nicht annähernd. Als Folge dessen hat mich dann auch dieser Erzählstrang am wenigsten beeindrucken können, nimmt man nur wenig Anteil an Svenssons Absturz.

Dafür ist der Einblick in die „Hoods“ selbst umso faszinierender, weil erschütternder. Knights Beschreibungen sprengen selbst schlimmste Vorstellungen, führen zu beunruhigenden Gedankengängen und werden wohl besonders die Einwohner in den nicht betroffenen Teilen der hier vorgestellten Städte ihr Zuhause mit anderen Augen betrachten lassen. Die moralische Wucht, mit der der Autor uns das Elend der Betroffenen nahe bringt, uns verdeutlicht, dass das der Alltag ist, lässt sich schwer schlucken und noch schwerer verdauen. Allen voran die Geschichte der zwei Sikhs, welche, auf ein besseres Leben hoffend, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um dann drogenabhängig in den Straßenschluchten zu landen, ist genauso ironisch wie tragisch. Vom Regen in die Traufe. Oder „ein Kreislauf der Scheiße“, wie Richard Price es in seinem Milieuroman „Clockers“ beschreibt. Die Unausweichlichkeit der Schicksale, sie ist es, die hier eindringlich und nachträglich beim Leser haften bleibt. Kleine Geschichten, wie die einer Ärztin, welche täglich Kinder und Jugendliche mit schwersten Wunden von Hieb -und Stichwaffen versorgen muss. Oder Eltern, die zwar eine Ahnung von der Gewalttätigkeit ihrer Kinder bekommen, dennoch aber einfach nicht mehr nachfragen wollen, da sie die Wahrheit nicht ertragen können.

Krieg direkt vor der Haustür. Das ist das Stichwort. Und Gavin Knight nutzt jedes Mittel aus, um diesen realistisch und unzensiert auf Papier zu bringen. Ein Unterfangen, was ihm gelingt, wenngleich sich „The Hood“ äußerst holprig liest und nie zum „Pageturner“ wird – was ich, in Unkenntnis der originalen Ausgabe, jetzt einfach mal der Übersetzung anlasten würde, wenn Jürgen Bürger nicht sonst immer so eine sichere Bank wäre. Auch wenn ein Buch mit dieser Thematik in in erster Linie enthüllen und nicht unterhalten will – der sperrige Stil  erweist „The Hood“ leider in diesem Fall einen Bärendienst.

So ist „The Hood“ am Ende eben nicht die „wichtigste Kriminalgeschichte“, aber in jedem Fall ein wichtiges Buch, welches ein noch wichtigeres Thema solide, sachlich und gebührend beleuchtet. Und das allein ist wohl zumindest dem deutschen Leser zu wenig. Anders lässt es sich jedenfalls nicht erklären, warum dieses im März des Jahres 2012 hierzulande erschienene Werk nicht mal ganze drei Jahre später schon vergriffen war und nicht mehr gedruckt wird.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: Gavin Knight
  • Titel: The Hood
  • Originaltitel: Hood Rat
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2012
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 297 Seiten
  • ISBN: 978-3550088988

 

By any means necessary

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© Hannibal

„Don’t judge a book by it’s cover“ – Diese, inzwischen auch bei vielen deutschen Lesern, sehr geläufige englische Redewendung, besitzt natürlich durchaus eine gewisse Weisheit, wird von mir jedoch allenthalben immer wieder ausgehebelt bzw. ignoriert, wenn eine von Nebel überzogene Gaslichtlaterne, ein chromverzierter Oldtimer oder ein Mann mit Schlapphut und Mantel den Buchdeckel eines potentiell interessanten Buches ziert. Und da ist es oftmals dann tatsächlich gleich, ob es sich dabei um einen Kriminalroman oder einen Titel aus dem Bereich der Belletristik handelt.

Die Musik, die Literatur, die Filme, das gesellschaftliche Leben – irgendwie habe ich einen Narren an den Jahren zwischen den 20ern bis 60ern gefressen, liebe die „Noir“-Filme aus dieser Zeit genauso, wie ich mich an Wallace‘ „Hexer“ oder Rutherfurds „Marple“-Verkörperungen freuen kann. Ob die von Schatten durchsetzten Straßen Chicagos, wo Gangster, Femme Fatales und Private-Eyes ihre doppelten Spiele treiben oder das einsame Cottage in den englischen Cotswolds, in dem der kultivierte Meisterdetektiv vor allen Verdächtigen die Auflösung vollzieht – es ist wohl der Look, der mich all diese Geschichten so lieben lässt. Und dies ist auch der Grund, warum Paul Liebermans Sachbuch „Gangster Squad“ in mein Regal wandern musste, in dem der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Journalist die wahre Geschichte einer geheimen Polizeieinheit des LAPD dokumentiert, der jedes Mittel recht war, um Mickey Cohen und andere Mafiosi aus dem Los Angeles der Nachkriegsjahre zu vertreiben.

Der Hannibal-Verlag, bei dem „Gangster Squad“2013  auf Deutsch erschienen (und mittlerweile schon wieder vergriffen) ist, lässt schon bei der Aufmachung nichts unversucht, um die Tatsache zu unterstreichen, dass es sich bei Liebermans Werk um die Vorlage zum gleichnamigen Film handelt, in dem u.a. so gefragte Schauspielgrößen wie Sean Penn, Josh Brolin, Ryan Gosling und Nick Nolte ihr Stelldichein geben. „Das Buch zum Kinofilm“ prangt auf dem Titelbild. Eine Aussage, welche zwar nicht falsch ist, beim etwaigen Leser aber zumindest andere Erwartungen wecken dürfte, hat doch Liebermans akribische Recherche über die „Gangster Squad“ nur wenig mit dem Hollywood-Action-Feuerwerk auf der Leinwand gemeinsam. Bis auf eine Tatsache: Sowohl Buch auch als Film, schüren Hoffnungen, die letztlich nicht erfüllt werden können, was bei beiden allerdings nicht an der Thematik, sondern an der schlussendlichen Umsetzung liegt, wodurch weder die Warner Brothers Produktion ein richtiger „Blockbuster“ war, noch man im Zusammenhang mit Liebermans Tatsachenbericht solche Worte wie „rasant“, „packend“ oder gar „spannend“ in den Mund nehmen kann.

Bevor nun die wohlwollenden Kritiker über mich herfallen und argumentieren, dass man von „True Crime“ nicht die Suspense eines Kriminalromans erwarten darf, sei ihnen vorab gesagt: Hinsichtlich dessen hatte ich, auch nach den Erfahrungen mit Werken wie David Simons „Homicide“, tatsächlich keinerlei große Ansprüche gestellt, da oftmals allein die Menge an Informationen und ihre Aufarbeitung das Zustandekommen eines zusätzlichen Spannungsbogens zu einer Herkulesaufgabe macht. Nein, der Punkt der bitter aufstößt ist schlichtweg die stilistische Umsetzung, die literarische Auswertung dieses riesigen Berges von Interviews, die Lieberman mit den Polizisten selbst sowie mit Familienmitgliedern und Bekannten der von den Cops verfolgten Mafiosi und Ganoven geführt hat. Fast scheint es so, als wäre da alles eins zu eins von den Notizen ins endgültige Skript übertragen worden, hätte es an keiner Stelle so etwas wie eine Auslese gegeben bzw. ein Lektor mal Einhalt geboten. Selbst das kleinste, für Leser wie auch Thema unwichtige Detail, wird hier nicht außen vor gelassen, was im Zusammenspiel mit der fehlenden Kontinuität und Kohärenz zwischen den einzelnen Kapiteln dafür sorgt, dass man „Gangster Squad“ oft nur äußerst schwer und dann auch nicht selten unwillig folgen kann.

In vielen Passagen liest sich das Buch dann auch mehr wie eine Anthologie aus kleineren Anekdoten, deren chronologische Anordnung zugleich der Willkürlichkeit preisgegeben ist, weshalb nicht immer klar wird, in welchem Zeitraum sich das nun gerade Beschriebene zugetragen hat. Im Mittelpunkt stehen dabei, neben Gangster Mickey Cohen, vor allem die Seregeants John O’Mara und Jerry Wooters, sowie die Mitglieder des Whalen-Clans, deren Werdegang besonders am Anfang von Liebermans Ausführungen der Bezug zur Unterwelt L.A.s etwas fehlt, was sich dann erst mit der schicksalsträchtigen Nacht im Dezember 1959 ändert. Die tödliche Auseinandersetzung zwischen Jack Whalen und Mickey Cohen im Rondelli’s zählt nicht nur zu den kurzweiligeren Geschichten des Buches, sondern darf rückblickend auch als Ende einer blutigen Ära verstanden werden, in der lange Jahre noch das Recht des Stärkeren galt.

Es sind gerade solche Passagen, die andeuten wie viel besser das Werk mit einem anderen Autor hätte werden können, da sich gerade das Los Angeles des frühen 20. Jahrhunderts einem Wandel unterworfen sah, der die Stadt der Engel bis heute prägt. Von einer Metropole der Zuwanderer und Glücksritter zum Mekka des Entertainments, das bereits während des Zweiten Weltkriegs einen Bevölkerungszuwachs erfuhr, an dem nicht nur der legale Industriesektor mitverdiente, sondern eben auch Gangster wie Bugsy Siegel und Mickey Cohen. In einer Stadt, dessen Polizei in Aufbau und Personenstärke noch in den Kinderfüßen steckte, bauten sie sich vor allem im Sektor des Glücksspiels schnell ein Imperium auf, das ihren östlichen Gegenspielern in Chicago und New York in Nichts nachstand. Die Gründung der Gangster Squad ist als Antwort darauf zu verstehen und damit auch von essenzieller Bedeutung für das Bild des L.A.s der Jetztzeit, weswegen der Informationsaspekt des Buches, trotz stilistischer Schlaglöcher, ebenfalls – und trotz oftmals unnötigem Ballast auch in positiver Hinsicht – Erwähnung finden muss.

Gerade diejenigen Leser, die sich für professionelle Polizeiarbeit interessieren, dürften an diesem Buch deshalb ihre Freude haben, da gerade die Gangster Squad wesentlich zur Modernisierung veralteter Ermittlungsmethoden beigetragen hat. Anfangs gänzlich auf sich allein gestellt und schlecht ausgestattet, konnten Jack O’Mara und seine Kollegen schon recht bald auf ein beachtliches Arsenal zurückgreifen, das sie zudem nach eigenem Gutdünken einsetzen durften. Angeführt vom brillanten Con Keeler, leistete die Squad insbesondere in der elektronischen Überwachung und dem Einsatz von Wanzen grundlegende Pionierarbeit, was selbst vom mächtigen FBI unter Hoover neidvoll verfolgt wurde. In einer Zeit, wo diese Bundesbehörde noch die Existenz einer organisierten Mafia in den USA verleugnete, führten O’Mara, Wooters und seine Kollegen eventuelle Verdächtige in die Berge Hollywoods, um, notfalls auch mit Fäusten, Informationen über die Verflechtungen zwischen den Gangstern zu gewinnen und der eingeschüchterten Quelle dann einen Rückzug aus L.A. nahezulegen. Es ist diese Tätigkeit am Rande des Gesetzes, aus der auch „Gangster Squad“ am Ende seinen Reiz bezieht, wenngleich man das Gefühl nicht los wird, das ein Schriftsteller vom Kaliber eines James Ellroy aus all den Elementen wohl noch weit Besseres zustande gebracht hätte.

Insgesamt ist Paul Liebermans „Gangster Squad“ dennoch ein unheimlich informatives und sicher auch wichtiges Buch für Freunde des „True-Crime“-Genres, denen der umfassend recherchierte Inhalt vor der kurzweiligen Unterhaltung geht.

Wertung: 85 von 100 Treffern

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  • Autor: Paul Lieberman
  • Titel: Heimlich
  • Originaltitel: Gangster Squad
  • Übersetzer: Alan Tepper
  • Verlag: Hannibal
  • Erschienen: 01.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3854454052

„Es gibt ihn, den perfekten Mord.“

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© Kunstmann

Als großer Fan von „The Wire“ und den Werken von Richard Price war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis David Simons „Homicide“ auf meinem Nachttisch landen würde, dessen True-Crime-Werk in gewissem Sinne die Blaupause für obige Serie (und die gleichnamige TV-Verfilmung „Homicide“) darstellt. Nun habe ich es bereits zum zweiten Mal gelesen. Warum? Tja, vor allem deshalb weil es mir nach der ersten Lektüre unheimlich schwer fiel, meine Gedanken in Worte zu fassen und „auf Papier zu bringen“, was auch daran lag, dass ich zum damaligen Zeitpunkt immer nur sporadisch einige Seiten verschlingen konnte und dementsprechend ziemlich lange für das Buch brauchte. Diesmal nahm ich mir die Zeit und kann nur konstatieren – richtige Entscheidung. Meine Eindrücke zu „Homicide“ nun hier:

„In den letzten fünfzehn Jahren hat sich unsere Arbeit in mancher Hinsicht verändert. Der sogenannte CSI-Effekt, also die Auswirkung der Darstellung der Ermittlungsarbeit in Krimis und Serien auf das öffentliche Bild von der Polizeiarbeit, hat die Erwartungen von Geschworenen und Richtern in unzumutbare Höhen getrieben und ist überall zum Fluch der Staatsanwälte geworden. Die Einschüchterung von Zeugen hat zugenommen, und die Kooperationsbereitschaft der Bürger ist zurückgegangen, was nicht überrascht. Gangs haben Baltimore für sich entdeckt. Das Drogenproblem ist keineswegs geringer geworden. Es gibt weniger Dunker (der einfache, offensichtliche und schnell zu lösende Mordfall) und mehr Whodunits (das genaue Gegenteil davon). (…) Doch unterm Strich sind solche Veränderungen von geringer Bedeutung, und die Arbeit eines Detectives ist im Großen und Ganzen immer noch genau so, wie David Simon sie geschildert hat. Sie ist bestimmt von Tatorten, Befragungen und Verhören vor dem Hintergrund menschlicher Schwächen. Und so wird es immer sein.“

So die das Buch abschließenden Worte von Terrence „Terry“ McLarney, Lieutenant des Baltimorer Morddezernats, nur einem der vielen Protagonisten in David Simons True-Crime-Werk „Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen“, dessen Veröffentlichung in Deutschland fast genau zwei Jahrzehnte (und meiner Ansicht nach damit viel zu lange!) auf sich warten ließ. Eins davon hat inzwischen auch McLarneys Schlusswort auf dem Buckel und dennoch sei es dieser Besprechung vorangestellt, fasst es doch die Entwicklung der Ostküsten-Metropole nicht nur treffend zusammen, sondern auch den „ewigen Kreislauf der Scheiße“ (Richard Price, „Clockers“), in dem sich zwar die beruflichen Begleitumstände und Bedingungen im Wandel der Zeit geändert haben, die Arbeit für den Mordermittler aber immer noch dieselbe geblieben ist. Und sie ist es, welche Simon – aus dessen Buch nicht nur die gleichnamige Serie „Homicide“ (1993-1999) entstand, sondern der auch verantwortlich für die Realisierung solcher TV-Schwergewichte wie „The Wire“ oder „Treme“ zeichnet – in seiner literarischen Reportage in den Vordergrund stellen wollte.

Im Jahr 1988 begann Simon mit seinem Projekt. Von Januar bis Dezember schloss er sich – sonst Reporter bei der „Baltimore Sun“ – den Polizisten der Mordkommission (Homicide) aus Baltimore unter der Leitung von Detective Lieutenant Gary D’Addario an, begleitete sie bei ihren Einsätzen und Ermittlungen, lauschte an der Tür zum Verhörraum, notierte ihre Gespräche, trank mit ihnen und nahm gar an einer Autopsie mit anschließendem Mittagessen teil – wurde damit also zu einem „Embedded Journalist“, wie man ihn sonst eher aus Kriegsgebieten kennt. Das war Baltimore zu diesem Zeitpunkt zwar nicht – sechs Jahre früher hielt der so genannte „Barksdale Krieg“ (thematisch aufgegriffen in „The Wire“) die Stadt in Atem – die Mordrate inzwischen aber weiterhin kontinuierlich gestiegen und am 31. Dezember 1988 sollte die weiße Tafel im Versammlungsraum der Homicide Section 234 Morde verzeichnen. (Nur zum Vergleich: 2015 wurden 344 gezählt. Und das obwohl die Bevölkerung seit den frühen 90er Jahren über 100.000 Einwohner verloren hat) Schon diese Zahl verdeutlicht, was der Job eines Detectives in erster Linie ist – tagtägliche Fließbandarbeit, die wenig bis nichts mit dem Bild der Polizei gemein hat, was viele TV-Krimiserien und Filme uns in der Regel verkaufen wollen. Ein unrealistisches Bild, das, so lernen wir hier, inzwischen auch das amerikanische Justizsystem bedroht, da es dadurch immer schwieriger wird, Geschworene zu bekommen, die für ihre Aufgabe tatsächlich geeignet sind bzw. verstehen, dass es eben nicht möglich ist, jeden vor Gericht gebrachten Fall mittels DNA-Analyse, Fingerabdrücken, Mordwaffe, Motiv und Zeugen abzusichern.

Nicht selten scheitern genau deshalb Anklagen, was umso härter trifft, als der Leser über 800 Seiten erfahren muss, mit welcher Härte und Hingabe die Ermittler ihre Aufgabe nachgehen, wohl wissend, dass die Mühe durchaus umsonst sein kann. Die Realität – sie ist hart, sie ist ernüchternd und sie ist weit schmerzhafter als es jegliche Fiktion sein könnte. Und sie verändert diejenigen, welche sich jeden Tag damit konfrontiert sehen. Ein guter Detective – das wird man nicht innerhalb kurzer Zeit und schon gar nicht hinter dem Schreibtisch. Das muss in „Homicide“ vor allem Tom Pellegrini erfahren, der gleich zu Beginn seiner Karriere bei der Mordkommission mit einem so genannten „Red-Ball“ konfrontiert wird – einem Tötungsdelikt, dem höchste Aufmerksamkeit gilt. In diesem Fall ist dies Latonya Wallace. Ein elfjähriges Mädchen, auf dem Weg von der Bibliothek nach Hause brutal umgebracht und in einem schäbigen Hinterhof im Stadtteil Reservoir Hill abgelegt. Selbst für die abgebrühten und abgestumpften Ermittler ist dies ein Mord, der längst verloren geglaubte Gefühle weckt. Und für David Simon auch das perfekte Beispiel anhand dem er das Auf und Ab dieses Berufs, das Arbeitspensum, die Gleichgültigkeit der Zeugen und in vielen Phasen auch die Hilflosigkeit des Justizsystems dokumentiert.

Während andere Ermittler, wie der alte Donald „Big Man“ Worden sich mit einer Schusswaffenbeteiligung eines Polizisten herumschlagen müssen oder Rich Garvey mit einer unverschämten Glückssträhne zehn Fälle hintereinander löst, quält sich Pellegrini, anfangs noch von einer Vielzahl von Personal unterstützt, irgendwann komplett allein durch die Akten. Sichtet Beweise neu, untersucht den vermeintlichen Tatort und die Umgebung ein drittes und ein viertes Mal. Wartet auf Laborauswertungen. Und ruft immer wieder den „Fish Man“ aufs Revier – einen älteren Bewohner aus der Nachbarschaft, der bereits in den 50ern wegen eines Sexualdelikts angeklagt worden und bekannt dafür ist, einen Blick auf junge Mädchen zu werfen. Er ist Pellegrinis Hauptverdächtiger. Doch wie ihn überführen?

David Simons Reportage ist fernab von Glanz und Gloria und auch weit davon entfernt, ein Loblied auf den guten, aufrechten Cop zu singen. Stattdessen lässt er uns einen Blick auf eine Gruppe von unterschiedlichen Menschen und Charakteren werden, die verschiedene Talente aufweisen, mal mehr, mal weniger sympathisch daherkommen. Männer, unterbezahlt, überarbeitet und aufgrund vieler rassistischer und homophober Witze nicht immer wirklich gesellschaftsfähig. Und dennoch deshalb nicht gleich Rassisten oder Schwulenhasser. Es sind Männer, die vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen, nur selten ein Ventil für ihren Frust finden, Lob nicht zu erwarten haben und denen in den meisten Fällen selbst von denjenigen, denen sie geholfen haben, Abneigung entgegengebracht wird. Das differenzierte Bild, welches wir dank Simon hier erkennen können, zeigt – vielleicht zum ersten Mal im Genre des „True Crime“ – unverwässert und ohne literarische Ausschmückung, was es heißt, Tag ein, Tag aus, der Arbeit als Detective nachzugehen. Es zeigt die gesundheitlichen und familiären Folgen. Es zeigt, dass Motive in einem Mord weit weniger wichtiger sind, als uns die Rätsel-Krimis weismachen wollen. Und es zeigt, dass Glück und Scheitern in diesem Beruf eng zusammenliegen.

Es gibt drei Säulen jeder Mordermittlung. Spuren. Zeugen. Geständnisse. Und es gibt die zehn goldenen Regeln eines Mordermittlers (in der aufwändig und schön gestalteten Kunstmann-Ausgabe auf dem Lesezeichen aufgedruckt), von denen die letzte vielleicht die wichtigste und am schwersten zu akzeptierende ist:

„Es gibt ihn, den perfekten Mord.“

Homicide“ – das ist vor allem ein unverdaulicher Brocken. Ein Buch, das sich dem „Page-Turning“ verweigert, das die Aufmerksamkeit des Lesers vollkommen beansprucht und auch dessen seelische Resistenz auf die Probe stellt. Die Nüchternheit, wenn auch immer gepaart mit einen schwarzen, beißenden Humor, sie bestimmt die Szenerie. An einem Spannungsbogen, an künstlerischer Dramatik – an all dem war David Simon nicht gelegen, wodurch die Lektüre Zeit und Geduld einfordert. Und auch das Verstehen, wie kostbar und – vor allem zum damaligen Zeitpunkt – einmalig die Einblick sind, die man uns hier gewährt, was wiederum insofern bemerkenswert ist, da sie nicht immer ein moralisch gutes Licht auf die Mordkommission von Baltimore werfen. Da werden Geständnisse ohne Beisein eines Anwalts ertrickst, Zeugen beeinflusst und – wenn ein gar Kollege zu Schaden kam – auch mal deutlichere Argumente verteilt, um einfach Dampf vom Kessel zu lassen oder jemanden zum Reden zu bringen. Wenngleich an dieser Stelle betont sei: So etwas passiert Simons Erfahrung nach tatsächlich höchst selten. Nicht aufgrund von Zimperlichkeit, sondern vor allem weil es sich bei den meisten Verdächtigen um Drogenhändler und unverbesserliche Kleinkriminelle handelt, für die kein Cop seine Karriere riskiert. „Irgendwann“, so die häufige Einstellung, „werden wir eh ein paar weiße Kreidestriche um deinen Arsch malen.“

Würde ich diesem nachhaltig beeindruckenden und prägenden Werk ein Attribut verleihen müssen, es wäre wohl Ehrlichkeit. David Simon ist der natürlichen Versuchung, sich in dem einen Jahr mit seinen neuen „Kollegen“ zu eng zu verbrüdern, nicht erlegen. Dennoch duldeten und akzeptierten sie ihn an seiner Seite, wohl wissend, dass dabei Dinge ans Licht kommen würden, die ihrer Behörde Schwierigkeiten bereiten konnten. Welche das im einzeln letztlich tatsächlich waren, erläutert Simon in seinem äußerst informativen Nachwort, das nicht nur die Parallelen zwischen dem Niedergang des Journalismus und an Funktion orientierter Polizeistrukturen herausarbeitet, sondern auch gleichzeitig schon eine kleine Brücke zu „The Corner“, Simons zweitem größerem „True-Crime“-Bericht schlägt, den er gemeinsam mit dem Ex-Detective Ed Burns (ehemaliger Partner des eigenwilligen Harry Edgerton, einem weiteren wichtigen Protagonisten von „Homicide“) schrieb und welcher sich auf den Drogenhandel und seine Auswirkungen an einer bestimmten Straßenecke konzentriert. Fans von „The Wire“ (übrigens die beste TV-Produktion, die ich jemals gesehen habe) vermuten richtig, wenn sie hier die Ursprünge der Serie vermuten.

Norman Mailer sagt über Homicide: „Das beste Buch, das je ein amerikanischer Autor über die Ermittler eines Morddezernats geschrieben hat.

Dem sei an dieser Stelle einfach mal nichts mehr hinzugefügt.

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: David Simon
  • Titel: Homicide – Ein Jahr auf mörderischen Straßen
  • Originaltitel: Homicide – A year on the killing streets
  • Übersetzer: Gabriele Gockel, Barbara Steckhan
  • Verlag: Kunstmann
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 829
  • ISBN: 978-3888977237