Ein Engel auf Erden

© Ullstein

Es hatte sich schon im Vorgänger „Die weiße Straße“ immer mehr angedeutet, mit „Der brennende Engel“ wird es nun Gewissheit: John Connolly hat den Pfad des reinen Hardboiled-Romans endgültig verlassen und sich in die stilistischen und thematischen Gefilde des Mystery-Horrors begeben.

Eine Entscheidung, die nach den vielen vorhergegangenen Andeutungen zwar nicht mehr überraschen dürfte, mir allerdings insofern bitter aufstößt, da besonders die ersten Bände der Charlie-„Bird“-Parker – düstere Romane in der Tradition des klassischen „Noir“ – zum Besten gehören, was ich bis dato in diesem Genre lesen durfte. Dem ward jetzt der Rücken gekehrt, um stattdessen im überjagten Revier von Dan Brown, Raymond Khouri und Co. zu wildern, womöglich in der irrigen Annahme, so eine neue Zielgruppe für seine Serie zu erschließen. Irrig deswegen, weil der zwar schon immer sehr drastische Horror der Vorgänger in diesem Blutmenetekel um gefallene Engel, christliche Geheimbünde und dämonische Nazi-Überreste stellenweise bis zur Unerträglichkeit pervertiert wird. Und gerne würde ich behaupten, dass von der Handlung her mehr drin gewesen wäre, aber ein kurzer Anriss sollte auch die Sinnlosigkeit solcher Hoffnungen verdeutlichen:

Charlie „Bird“ Parker hat in der Vergangenheit viele Verluste erlitten, sich aber jetzt mit Frau und Kind ein neues Leben aufgebaut. Ein Leben allerdings, das überschattet wird von den Besuchern einer abgrundtief bösen Welt jenseits der Realität, welche sich lange Zeit nur durch ein unwirkliches und ungutes Gefühl bemerkt gemacht haben, seit dem Zusammentreffen mit dem wahnsinnigen „Prediger“ Aaron Faulkner aber zu einer greifbaren Bedrohung geworden sind. Parkers Versuche sicher dieser Welt zu entziehen, sind allenfalls halbherzig und von vorneherein zum Scheitern verurteilt, als sein enger Freund Louis, ein Berufskiller mit fragwürdiger Moral, seine Hilfe braucht.

Alice, die Tochter von Louis‘ Tante Martha, ist spurlos verschwunden und die beiden ungleichen Freunde machen sich gemeinsam auf die Suche. Ihre Ermittlungen führen in das Rotlichtmilieu, wo Alice als Prostituierte tätig war, und kreuzen dabei den Weg eines gewissen Mr. Brightwell. Ein im wahrsten Sinne des Wortes diabolischer Gegner, gehört er doch zu den gefallenen Engeln, welche einst gegen Gott rebellierten und gemeinsam mit Luzifer aus dem Himmel vertrieben wurden, um ihr Leben in menschlicher Gestalt unter den Menschen zu verbringen – daran arbeitend, irgendwann endliche Rache für ihren Fall nehmen zu können (Ja, sie lesen richtig). Als ein Instrument dieser Rache dient ein archaisches Dokument, welches vor vielen hundert Jahren zerteilt und über die ganze Welt verstreut wurde. Brightwell soll diese Stücke ausfindig machen und wird ausgerechnet bei Alice und ihrer Freundin Sereta fündig. Als die Blutspur des teuflischen Vollstreckers immer länger wird, sieht sich Parker zum Handeln gezwungen, nicht wissend, dass seine eigene Vergangenheit eng mit der Brightwells verbunden ist …

Statt weltlicher Gewalt, Korruption, Rachegelüsten und menschlicher Verderbtheit hebt Connolly nun in „Der brennende Engel“ die Welt um Hauptfigur Parker auf eine esoterische Ebene. Gefallene, rebellische Engel, ein fanatischer Totenkult, übermenschliche und unsterbliche Gegenspieler. Irgendwie ein dicker Drops den man hier nicht nur über knapp 500 Seiten lutschen, sondern letztlich auch schlucken muss und der wohl auch die Grenzen der Geduld von so manchem Leser ausloten wird. Fakt ist: Der Autor hat sich von sicherem Boden auf dünnes Eis begeben, denn wo zuvor die Plots stimmig daherkamen, tun sich die Protagonisten im fünften Band der Serie mit ihren neuen Rollen auffällig schwer. Die Erkenntnis, was und wer z.B. Parker in Wirklichkeit ist, beißt sich mit dem im Grunde typischen Detective-Eye-Fall und wertet zudem die durchlittenen Tiefschläge der Vorgänger deutlich ab. Mehr noch: Man fragt sich langsam, ob das überhaupt noch ein und dieselbe Figur ist.

Connolly verliert beim Seiltanz zwischen den Genreelementen hier mehr als einmal die Balance. Stellenweise schrammt die Geschichte gar nah an der Lächerlichkeit vorbei, wenn der Fokus der Handlung von Schwiegermutterpredigt und Freundinnen-Gezicke plötzlich wieder auf den brutalen Mord an einer Frau schwenkt, der nebenbei noch gleich die Seele ausgesaugt wird. So sehr bemüht Connolly ist, der Geschichte einen stimmigen Rahmen zu geben – allzu oft wirkt sie nur konstruiert, werden Handlungsfäden gewaltsam ineinander geschoben, wo sie früher, mit mehr Überraschungen behaftet, von selbst zueinander gefunden haben. Selbst Louis und Angel bleiben (nicht nur was den humorigen Schlagabtausch angeht) blass, zu bloßen „Hitmen“ degradiert, deren Rollen nach dem Beginn des Buches der Überflüssigkeit preisgegeben werden. Auch weil man sich angesichts übermenschlicher Gegner fragt, welchen Sinn es macht, überhaupt noch zur Waffe zu greifen.

Größer Kritikpunkt bleibt jedoch vor allem das Tempo der Geschichte. Für einen Parker-Roman geht es unheimlich gemächlich und behäbig voran. Die sonst so präsente, urwüchsige und packende Sprachgewalt blitzt nur selten auf. Und auch Parkers neueste Nemesis, Mr. Brightwell, ist nur ein schwacher Abklatsch von Caleb Kyle, Faulkner oder Mr. Pudd. Gerade deren unsichtbare, unbekannte Macht sorgte in den vorhergehenden Büchern für dieses stetige Gefahrenmoment, diesen unwohlen Schauer, der, weniger greifbar, weit mehr auf den Leser gewirkt hat, als die drastischen Ausbrüche roher Gewalt. All das spritzende Blut, das Knochenbrechen und Foltern – es ermüdet, hat den gegenteiligen Effekt, verkehrt vieles ins Absurde. Und auch das Finale, durchaus atmosphärisch und gefällig inszeniert, birgt leider keinerlei Überraschungen und lässt zudem viele Fragen offen. Keine Spur von dem Kitzel, dieser beklemmenden, unheimlichen Gänsehaut, die sonst noch nach Zuklappen eines Connolly-Buches den Leser in den Klauen hält.

Der brennende Engel“ ist nach „Die weiße Straße“ ein weiterer Rückschlag für diese grandios gestartete Reihe, den ich als Quereinsteiger wahrscheinlich über die volle Distanz nicht durchgehalten hätte. Es bleibt zu hoffen, dass sich Connolly wieder recht bald auf seine eigentlichen Tugenden besinnt und die nächste Auffahrt bekommt, bevor er die Serie komplett an die Wand fährt.

Wertung: 71 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Der brennende Engel
  • Originaltitel: The Black Angel
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 11.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 512 Seiten
  • ISBN: 978-3548280486

Worte an die Ungeheuer

© Heyne

Ich habe jede Nacht einen Kasten Bier getrunken. Abends konnte ich kein Bier im Kühlschrank lassen. Ich musste es in den Abfluss schütten, weil ich sonst wieder aufgestanden wäre, um weiterzutrinken. Allerdings erinnere ich mich nicht mehr daran, meinen Roman Cujo geschrieben zu haben. Aber es gibt ihn, und, ehrlich gesagt, ich mag ihn.

Dieser Auszug aus einem Interview, welches Stephen King im Jahr 2012 in seiner Heimatstadt Bangor dem damaligen Spiegel-Redakteur Philipp Oehmke gab, vermittelt uns als Leser ein gutes Bild über des Zustand des heutigen „King of Horror“ zu Beginn der 80er Jahre. Bereits mit Anfang zwanzig hatte King mit dem Trinken begonnen – schon sein Vater war schwerer Alkoholiker – und zum Zeitpunkt der Entstehung von „Cujo“ ein tägliches Pensum erreicht, das längere nüchterne Phasen gänzlich ausschloss.

Alkohol war zum Treibstoff für das Handwerk Schreiben geworden und auch Kokain, welches er ebenfalls hier schon drei Jahre regelmäßig nahm, ein stetiger Begleiter. Umso bemerkenswerter die Tatsache, dass gerade in den folgenden Jahren ein paar seiner besten Werke das Licht der Welt erblicken sollten. Eine Tatsache, unter welcher der vorliegende Roman, immer etwas im Schatten von Klassikern wie „Christine“, „Friedhof der Kuscheltiere“ oder „Es“ stehend, bis heute etwas leidet. Wer den Namen Stephen King in erster Linie nur mit dem übernatürlichen, schockenden Horror gleichsetzt, mag diese mangelnde Aufmerksamkeit gerechtfertigt sehen. Wer sich jedoch etwas näher mit dem Schaffen dieses vielseitigen Autors auseinandersetzt, wird schnell feststellen, dass er seit jeher auch den zielgerichteten Grusel zu überzeugen weiß.

Bereits in „Das Attentat“ kamen Freunde des Mitschauderns nur sporadisch auf ihre Kosten, bezog der Plot doch seine Spannung eher aus Thriller-typischen Elementen, wenngleich die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit bei King natürlich eine stets durchlässige ist. Im genannten Roman vor allem verkörpert durch den Serienmörder Frank Dodd. Und mit der Erwähnung des letzteren beginnt nun auch „Cujo“, der zweite Roman des Castle-Rock-Zyklus – es soll nicht die einzige Parallele zu „Das Attentat“ bleiben:

Es war einmal … und es ist noch gar nicht lange her, da kam ein Ungeheuer in die kleine Stadt Castle Rock in Maine. (…) Es war kein Werwolf, Vampir oder Gespenst, und es war auch keine namenlose Kreatur aus dem Hexenwald oder aus den Schneewüsten; es war nur ein Polizist namens Frank Dodd, der seelische und sexuelle Probleme hatte.

Fünf Jahre nachdem eben jener Frank Dodd sein letztes Opfer brutal erwürgt hatte und mit Hilfe des Hellsehers Johnny Smith schließlich aufgehalten werden konnte, kehren wir erneut zurück nach Castle Rock. Und mit uns Leser auch das Ungeheuer, in diesem Fall verkörpert durch Cujo, einen zwei Zentner schweren Bernhardiner. Ein bis dato äußerst sanftmütiges Wesen und der beste Freund des zehnjährigen Brett Camber, dessen Vater eine etwas abgelegene Autowerkstatt betreibt. Doch in diesem ungewöhnlich heißen Sommer kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Bei der Jagd auf ein flinkes Waldkaninchen gerät Cujo mit der Schnauze voran in ein unterirdisches Erdloch. Vom blinden Jagdeifer überkommen scheucht er dabei die dort den Tag verschlafenden Fledermäuse auf, welche in ihrer Angst das Maul des Bernhardiners attackieren und ihn so mit dem gefährlichen Tollwut-Virus infizieren. Der Hund kann sich zwar befreien, doch bald tut das Virus sein grauenvolles Werk. Cujo wird zunehmend rastlos und zornig. Und als die Schmerzen überhand nehmen, sieht er in jedem Mensch den Grund für seine Pein.

Zur gleichen Zeit hat der vierjährige Tad Trenton Probleme einzuschlafen. Es ist felsenfest davon überzeugt, dass in seinem Schrank ein Monster steckt. Er sieht es des Nächtens und weiß, dass es sich mit jedem weiteren Tag immer mehr nähern und ihn schließlich fressen wird. Trotz der Beteuerungen seiner Eltern Victor und Donna, es gäbe keine Monster, findet er keinen Frieden, bis sein Vater damit beginnt, die Worte an die Ungeheuer zu sprechen. Ein Bann, der augenscheinlich funktioniert. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn in der Ehe seiner Eltern kriselt es. Und auch beruflich gibt es Probleme. Victors Firma droht einen hochdotierten Werbevertrag einer Cornflakes-Firma zu verlieren und er muss mit seinem Geschäftspartner nach New York, um zu retten, was zu retten ist. Als er kurz vor dem wichtigen Termin von der Affäre seiner Frau erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Und er vergisst in all dem Durcheinander einen Termin mit einer Autowerkstatt auszumachen. Donna, die mit Sohn Tad in Castle Rock zurückgeblieben ist, beschließt den Wagen zu Joe Camber zu bringen. Stotternd haucht das Auto kurz vor seinem Ziel, das verlassen in der brütenden Hitze daliegt, sein Leben aus, während der ehemals beste Freund des Menschen bereits im Dunkel der Scheune lauert …

Ein Monster im Schrank? Aber da haben wir doch unser übernatürliches Horror-Element, wird nun so mancher denken. Es stimmt, dass der Beginn des Romans ganz im Zeichen der klassischen Grusel-Geschichte steht, doch tritt dieses zunehmend in den Hintergrund, weil sich Stephen King voll und ganz dem widmet, was er noch besser kann als Gänsehaut zu erzeugen – die Skizzierung seiner Charaktere. Wer nur einen Blick auf den Klapptext riskiert und ohnehin außerhalb des hoch gepriesenen Feuilletons erst gar nicht wildert, dem wird Cujo sicher nur ein müdes Lächeln abringen. Monströser Hund tötet Menschen, der typische B-Movie-Trash. Oh, das wäre es in den Händen eines weniger talentierten Schriftstellers wohl ganz sicher. Doch wir haben es nun mal mit Stephen King zu tun. Und der braucht erneut nur ganz wenige Seiten, um uns von der plötzlich unerschütterlich erscheinenden Wahrheit zu überzeugen, dass es sich hierbei nicht um ein phantastisches Hirngespinst, sondern einen seriösen Tatsachenbericht behandelt. Wie schon in „Carrie“, so kommen wir auch in diesem Fall erst gar nicht auf den Gedanken, die Authentizität des Beschriebenen in irgendeiner Art und Weise zu hinterfragen.

Einmal mehr packt uns King fest am Kragen und lässt uns bis zum Ende nicht mehr los, was insofern eine besondere Leistung darstellt, da er in diesem Roman noch mehr Umwege als gewöhnlich nimmt – und damit auch die Spannungsaufbau immer wieder verschleppt oder gar gänzlich ausbremst. Diesen einen Schock-Effekt, diesen Ich-sehe-dem-Bösen-direkt-ins-Auge-Moment – ihn verkneift sich King in „Cujo“. Stattdessen sind es die tragischen Verkettungen der Umstände, welche das Tempo hoch halten und die Figuren auf der Spielfläche durcheinanderwürfeln, was es wiederum unmöglich macht, irgendwelche Zwischenprognosen für den Ausgang des Ganzen abzugeben. Die Kritik, es wären dabei zu viele Zufälle auf einmal, mag zwar berechtigt sein, schmälert letztlich jedoch nicht die Brillanz, in welcher die vielen mäandernden Handlungsstränge peu a peu zu einem mitreißenden Sturzbach zusammengesetzt werden. Selten wurde der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in solcher Konsequenz und auf so hohem Niveau präsentiert, wodurch das – für King-Verhältnisse eigentlich eher kleine Gefahrenmoment – enorm an Macht über den Leser gewinnt.

So sind die Passagen über Donnas und Tads Martyrium im kochenden Innenraum des vom blutrünstigen Hund belagerten Wagens nicht nur aufgrund der klaustrophobischen Verhältnisse derart intensiv. Man hat auch immer wieder den ehelichen Konflikt zwischen Donna und ihrem Mann im Hinterkopf, der sowohl in gewisser Weise Auslöser dieser Situation war, als auch im entscheidenden Moment dazu führt, dass ihr Verschwinden Victor auf die völlig falsche Fährte führt. Der Dramatik kommt dies zu Gute, denn das über Tage dauernde, fast nur in Gedanken ausgefochtene Duell zwischen Donna und Cujo ist atmosphärisch derart dicht in Szene gesetzt, dass uns als Leser selbst bei niedrigen Außentemperaturen der Schweiß von der Stirn perlt. Wie King hier die Machtlosigkeit einer Mutter im Angesicht des drohenden Verdurstens ihres Kindes schildert, ihr Zaudern und Zögern, wenn es darum geht, sich der wartenden Bestie außerhalb zu stellen – das bleibt noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis haften. Auch aufgrund des Endes, das bei der damaligen Veröffentlichung sogar zu Boykottaktionen mancher Buchhandlungen geführt hatte.

Wer sich jetzt bei all dem Lob fragt, warum es nicht für eine höhere Wertung gereicht hat, dem muss man an dieser Stelle daran erinnern, dass Stephen King mit diesem Roman das Rad nicht neu erfunden, sondern für ihn eine schlichte Nummer sicher verfasst hat. Eine Nummer sicher, mit der er sich zwar wieder leichtfüßig bewegt, die aber weit von größerer Innovation entfernt ist. Aber ob es die auch jedes Mal braucht, sei ebenfalls in Frage stellt. Vor allem, wenn man so gut und so intensiv unterhalten wird, wie hier.

Wertung: 84 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen King
  • Titel: Cujo
  • Originaltitel: Cujo
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 09.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3453432710

Ode an die Angst

© Suhrkamp

Neun Jahre sind inzwischen vergangen, seit ich erstmals „Das leere Haus“ von Algernon Blackwood aus dem Bücherregal gezogen habe. Eine Kurzgeschichtensammlung, welche sich dort zum damaligen Zeitpunkt nur aufgrund der Empfehlung eines guten Freundes aus der Schweiz befand. Nicht irgendein Freund, sondern ein echtes Unikum, das in einem hunderte Jahre alten Haus in Zürich lebte. Umgeben von tausenden von Büchern, stets einen guten Whisky zur Hand. Er starb vor nicht allzu langer Zeit nach kurzer, schwerer Krankheit. Nicht ohne in den Herzen vieler, die ihn gut kannten seinen Platz gefunden zu haben. Und auch nicht ohne meine Einstellung zur fantastischen Literatur nachhaltig und vor allem entscheidend geprägt zu haben.

Aus genau diesem Grund ist diese vorliegende Rezension auch eine für mich besondere und auf merkwürdige Art und Weise schwierig zu Papier zu bringen. Ursprünglich aus dem Antrieb heraus entstanden, meine früheren (mir inzwischen unzureichend erscheinenden) Worte zu überarbeiten und zu erweitern, ist diese Besprechung nun auch gleichzeitig mein später Dank an einen Mann, den ich Freund nannte, ohne je die Gelegenheit bekommen zu haben ihn persönlich zu treffen. Sein Humor und seine Leidenschaft für besondere Literatur jeglicher Couleur – insbesondere Lovecraft hat er vergöttert – sie waren ansteckend. Und ein Geschenk für einen damals noch ziemlich jungen Leser, der sich hiermit verpflichtet fühlt, diese Fackel an die nächste Generation weiterzureichen. Eine Fackel, welche sich wohl am Bestem zum Entzünden eines Lagerfeuers eignet, an dem man sich im späteren Verlauf des Abends noch ein paar gruselige Geschichten erzählen möchte – denn auch hundert Jahre nach ihrer Entstehung sorgen diese immer noch für ein fast unerklärliches Unwohlsein und ziselierten Schauer. Zentrales Thema ist dabei die menschliche Angst, welche, stets vorhanden, hier in den verschiedensten Situationen und Verkörperungen zutage treten kann. Folgende vier Ausflüge in die Welt des Übernatürlichen sind im zweiten Band von Suhrkamps Blackwood-Bibliothek aus der Reihe „Phantastische Geschichten“ enthalten:

  • Das leere Haus

  • Der Wendigo

  • Á cause du sommeil et à cause des chats

  • Die Weiden

Nur auf den ersten Blick erwartet den Leser mit „Das leere Haus“ (1906) eine klassische Gespenstergeschichte, denn auch wenn der Besuch eines Spukhauses eine Hobby-Spiritistin und ihren Neffen mit der Welt der Geister in Berührung bringt, so dringt doch Blackwood in weit tiefere Schichten vor, um auf sein Publikum zu wirken. Neben der Kulisse des verlassenen Hauses, dessen Wände auf unerklärliche Weise das Böse kanalisieren („Spuk in Hill House“ von Shirley Jackson und „Brennen muss Salem“ von Stephen King greifen dieses Thema Jahrzehnte später noch ausführlicher auf), sind es vor allem seine expliziten Beschreibungen, wie eine archaische Furcht langsam Besitz von seinen Charakteren ergreift, welche den Reiz ausmachen – und vor allem für den altbekannten Nervenkitzel verantwortlich zeichnen.

…ja es war, als blickte es von überall her mit verdeckten Augen auf sie. Hinter ihnen war’s wie ein Geflüster, und wie Schemen und Schatten huschte es zu beiden Seiten auseinander. Beständig schien hinterrücks etwas heranzuschleichen und nur auf den Moment zu warten, ihnen ein Leid anzutun.

Gemeinsam mit den Protagonisten in dieser Situation gefangen, beginnt man nach und nach das rationale Denken auszublenden, uralten Instinkten die Initiative zu überlassen – kurzum der Angst den erforderlichen Platz einzuräumen. Erforderlich deshalb, weil es eben nur das Eingeständnis der solchen ist, das letztlich den Bann bricht und uns reagieren lässt. Wie Blackwood an dieser Ur-Angst rührt, uns Stück für Stück und doch unmerklich heimsucht – das beweist wahrlich große Klasse. Jeder der als Kind in seiner Fantasie ein leerstehendes Gebäude zum Geisterhaus umfunktioniert und dies schließlich mit unerklärlichem Bangen durchstöbert hat – er wird sich hier nochmal in ähnlicher Intensität an dieses Phänomen zurückerinnert fühlen.

Einen Angriff auf die Rationalität unternimmt auch der Wendigo in der gleichnamigen Kurzgeschichte von 1910, in der sich eine schottische Jagdgesellschaft in der Wildnis der undurchdringlichen Wälder Kanadas dem mächtigen Einfluss eines rachsüchtigen Geists aus der Mythologie der Anishinabe-Indianer zu erwehren versucht. Inmitten der urwüchsigen Natur ist die Vernunft eine nur unzureichende Verteidigung gegen ein bösartiges Wesen, welches zäh und beharrlich Besitz von den Reisenden ergreift, ihnen den Seelenfrieden raubt und diese letztlich fast in den Wahnsinn treibt. Algernon Blackwood greift für diese Erzählung eine wahre Legende eben jener oben erwähnten Indianer auf und verrät hier einmal mehr seine Faszination für alles Wilde und Ungezähmte – und vor allem für Natur- und Totengeister. Und er war sich natürlich mehr als bewusst, dass die Geschichte über den Wendigowak schon lange vor ihm Kindern und Jugendlichen der europäischen Siedler in Kanada erzählt wurde, um sie zum Gehorsam zu erziehen und von nächtlichen Alleingängen abzuhalten. Diese Wirkung verfehlt auch Blackwoods Geschichte nicht. Ganz im Gänsehaut-Gegenteil.

Á cause du sommeil et à cause des chats“ (1908) gilt bei einigen Kritikern als eine der besten Blackwood-Erzählungen, konnte mich persönlich jedoch nur mäßig beeindrucken, was womöglich daran liegt, dass das Groteske gegenüber dem Grusel überwiegt und auch der Schauplatz – ein einsames französisches Städtchen – in Punkto Atmosphäre gegenüber den anderen drei Geschichten den Kürzeren zieht. Wem die beiden vorherigen Ausflüge aber zu getragen und von zu gedrückter Stimmung waren, dürfte an dem englischen Touristen Arthur Vezin, der in einen ausgiebigen Hexensabbat hinein stolpert, eventuell Freude finden. Trotz knapp siebzig Seiten – und damit fast Novellen-Charakter – ist dies sicherlich der kurzweiligste Vertreter der Anthologie. Und auch aus einem weiteren Grund lohnt die Lektüre. Mit Dr. John Silence trifft der Leser hier auf eine wiederkehrende Figur Blackwoods und einem Fachmann des Okkulten, der mit Holmes’scher Präzision und ebenso viel Attitüde das Übernatürliche auf eine rationale und wissenschaftliche Ebene zu erden versucht. Seine abschließende Erklärung für Vezins Abenteuer weist dabei wohl nicht ungewollt gewisse Parallelen zur Auflösung am Ende eines Whodunits auf.

Im Kontrast zu dieser doch recht künstlich aufgemachten Geschichte steht abschließend „Die Weiden“ (1907). Anlass für diese Erzählung waren zwei Kanufahrten, welche Algernon Blackwood mit einem Freund auf der Donau unternahm und über die er 1901 einen Reisebericht für das englische Macmillan’s Magazine schrieb. Inspiriert von der einzigartigen Kulisse der gottverlassenen Donauauen, lässt er den wilden Strom sechs Jahre später von zwei ebenso abenteuerlustigen Freunden im Kajak befahren. Inmitten von Weiden, Wind und Wasser schlagen die zwei Kanuten ihr Zelt auf einer Sandbank auf, um dort die Nacht zu verbringen. Anfänglich fasziniert von der Urtümlichkeit und Abgeschiedenheit des Ortes, verkehrt sich das Gefühls des Einsseins mit der Natur bald in eine immer stärker fühlbare Bedrohung, die sich im Laufe der Nacht zu lähmender Furcht verdichtet. Und dies auch auf Seiten des Lesers, denn Blackwood liefert hier nichts Geringeres als sein Meisterstück ab. Nie zuvor hat sich der Mantel der Angst auf so subtile und doch stetige Art und Weise um uns gelegt, hat die Imagination zwischen den Zeilen wortwörtlich das Ruder übernommen und sich in beinahe greifbarem Grausen manifestiert. „Die Weiden“ ist ohne Wenn und Aber eine der besten Schauergeschichten der Literaturgeschichte.

Wenngleich in unterschiedlicher Umgebung spielend haben alle vier Erzählungen diese stimmungsvolle Schreibe Blackwoods gemeinsam, mit der er uns in unbekannte Dimensionen zerrt, ohne dabei aber im großen Maßstab den Boden der Realität zu verlassen. Seine Stärke ist die Zwischenwelt, wo zwischen Einbildung und Begegnung mit phantastischen Wesen oft nur ein Wimpernschlag liegt. Nie ist das Unerklärliche wirklich greifbar, stets versperrt eine unsichtbare Trennlinie den Zugang zum Irrationalen. Und doch wird mit unseren Ängsten gespielt. Mit der Furcht vor einer Verfolgung, vor unsichtbaren Augen, seltsamen Geräuschen, unangenehmen Gerüchen.

Auch wenn Blackwood hier nicht selten sehr gewunden vorgeht, sich in kleinen Schritten dem Kern der Geschichte nähert, bleibt eine Grundspannung vorhanden, von der man sich einfach in den Bann ziehen lassen muss. Wie bei einer Hypnose hängt man an den geschriebenen Lippen des Autors, appellieren die Kurzgeschichten an die Vorstellungskraft des Lesers. Wo endet die Einbildung? Wo beginnt der klaustrophobische Horror? Blackwood vermag diesen Spagat in allen vier Geschichten wunderbar zu bewältigen, was „Das leere Haus“ letztlich zu einem äußerst lesenswerten Sammelband von Kurzgeschichten macht, der in seiner Zusammenstellung eine breite Thematik abdeckt und allen Freunden des Gruselns nur ans Herz gelegt werden kann.

Als einziges Hindernis zum unbeschwerten Lesespaß erweist sich allerdings leider die Übersetzung der Suhrkamp-Ausgabe, welche arg Patina angesetzt hat und dringend abgestaubt gehört – wie überhaupt eine Neuauflage langsam überfällig wäre. Also lieber Frank Festa – bitte trauen sie sich.

Wertung: 88 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Algernon Blackwood
  • Titel: Das leere Haus
  • Originaltitel
  • Übersetzer: Friedrich Polakovics
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 12/1996
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 241 Seiten
  • ISBN: 978-3518391648

Goin‘ down the only road I’ve ever known …

51tTfeswOIL._SX314_BO1,204,203,200_

© Ullstein

Weiter geht es mit unserer bloginternen Connolly-Marathon. Doch wo sonst in den ersten drei Bänden der Charlie „Bird“ Parker-Reihe die Lobeshymnen nur so aufs Papier gepurzelt sind, herrscht hier plötzlich bei mir nur große Ernüchterung. Warum hat mich das Buch nicht wie die Vorgänger begeistert? Bin ich des rächenden Privatdetektivs mit seinen beiden treffsicheren Freunden Angel und Louis etwa überdrüssig geworden?

Fragen, die mir seit Ende der Lektüre des vierten Teils der Reihe durch den Kopf gingen, in dem John Connolly zwar einmal mehr mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten glänzt, aber gleichzeitig eine überraschende Ideenarmut an den Tag legt, welche dazu führt, dass sich das Buch eher wie die zweite Hälfte von „In tiefer Finsternis“ liest, denn wie ein eigenständiges Buch. Eine Tatsache, die nicht nur letztendlich das Leseerlebnis getrübt hat, sondern auch neu hinzugekommenen Lesern den Einstieg fast gänzlich unmöglich macht, da Connolly die Kenntnis der Vorgängerromane einfach voraussetzt und nicht näher erläuternd auf sie eingeht. Ein echtes Manko, klingt doch die im Klappentext angerissene Geschichte mehr als spannend und lässt Großes erwarten:

Gut drei Jahre sind vergangen, seit der ehemalige New Yorker Cop Charles, genannt „Bird“, Parker, seine Frau und Tochter an einen brutalen Serienkiller verloren hat. Nun wagt er, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Rachel, die mittlerweile schwanger ist, einen Neuanfang. Seine neue Tätigkeit als Privatdetektiv lässt sie beide gut über die Runden kommen, gemeinsam genießt man die Idylle im neuen Heim (das Haus des Großvaters wurde verkauft) samt obligatorischen Hund. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfindet Parker so etwas wie Glück und Zufriedenheit. Und doch, wie so oft in seinem Leben, ziehen bereits dunkle Wolken auf. Der sinistre Prediger Faulkner, den er einige Zeit zuvor noch höchstpersönlich hinter Schloss und Riegel gebracht hat, sinnt in seiner Zelle auf Rache. Er will Vergeltung für den Tod seiner Kinder (siehe „In tiefer Finsternis“) und scheint sogar schon in Bälde dafür die Gelegenheit zu bekommen, denn die Beweislage gegen ihn ist alles andere als eindeutig, was sein Verteidiger nun ausnutzen will, um ihn auf Kaution frei zu bekommen. Parker ist klar, dass, wenn man Faulkner auf freien Fuß setzt, dieser sofort abtauchen und seine kleine Familie zur Zielscheibe wird. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, erreicht ihn zur gleichen Zeit auch noch ein Hilferuf.

Elliot Norton, ein Freund aus New Yorker Tagen und Anwalt in der Südstaatenstadt Charleston, bittet Parker um Unterstützung bei seinem derzeitigen Mandat. Atys Jones, ein 19-jähriger schwarzer Junge und sein aktueller Klient, wird beschuldigt seine Freundin, die weiße Marianne Larousse, Tochter des reichen Industriemagnaten Earl Larousse, vergewaltigt und dann erschlagen zu haben. Die Bevölkerung rund um den kleinen Ort Grace Falls fordert den Kopf des Jungen. Elliot Norton fürchtet um das Leben seines Klienten und braucht dringend Hilfe. Parker, der Rachel nicht allein lassen will, steckt in einer moralischen Zwickmühle, zumal er selbst noch einen Fall zu bearbeiten und ein seit langem vermisstes Mädchen zu finden hat. Nach einem Anschlag auf Nortons Leben infolge dessen diesem fast sein Haus abbrennt, reist Parker schließlich doch, wenn auch schweren Herzens, in den Süden.

Schon kurz nach seiner Ankunft wird ihm klar, dass Norton nicht alles preisgegeben hat. Die Bevölkerung kocht vor Zorn und ein Bund skrupelloser Nazis und Rassisten, welche zudem in Kontakt mit dem „Prediger“ zu stehen scheinen, trachtet ihm bald nach dem Leben. Als dann auch noch Louis und Angel, Parkers beste und treffsicherste Freunde auf der Bildfläche erscheinen, droht das hochexplosive Gemisch aus Gewalt und Hass endgültig in die Luft zu gehen …

„Same procedure as last book, Mr. Connolly?“ „Same procedure as every book!“ So oder ähnlich ließe sich gemeinerweise der Grundtenor zusammenfassen, der sich letztendlich aus dem Eindruck von „Die weiße Straße“ ergibt. Und es ist schon was Wahres dran, denn der Autor kopiert viel bei sich selbst, um aus einer unter näherer Betrachtung simplen Grundstory wieder mal ein in sich stimmiges und spannendes Lesevergnügen zu schmieden. Erneut sind die Gegenspieler äußerst hassenswerte Gestalten, erneut tritt das coole schwule Killerpaar auf den Plan, um den Tag zu retten. Und erneut ist das alles gut geschrieben, wäre da nicht dieses gewisse Déjà-vu-Gefühl, das sich spätestens beim Auftauchen des Predigers einstellt. Warum man ihn wieder aus dem Hut gezaubert hat, wird sich wohl erst im weiteren Lauf der Reihe herausstellen. Fakt ist jedoch, dass Connolly ihn als Werkzeug gebraucht, um den langsamen, aber stetigen Wandel der Reihe von der Hardboiled-Detective-Eye-Literatur zum eher mystischen Milieu einzuläuten. Schwarze Engel, welche über den Gefängnistürmen kreisen. Beschuppte Frauen in langen weißen Gewändern. Die Themen „dunkle Welt“ und „weiße Straße“ werden hier jetzt noch expliziter hervorgehoben, was dazu führt, das die gerade so bedrückende und mitfühlende Nähe zur Figur Charlie „Bird“ Parker irgendwie verloren geht.

Meiner Meinung nach ein Fehler, ist Parker doch der Leim der Connollys Bücher zuvor zusammengehalten bzw. sie einzigartig gemacht hat. Das wird besonders in jenen Passagen deutlich, wo der Autor auf ältere Ereignisse eingeht, um die Figur näher zu beschreiben. Eine Weiterentwicklung oder gar Wandlung macht sie nämlich hier nicht durch, was auch zur Folge hat, dass die Geschichte sich lange Zeit ungewöhnlich zäh und langatmig liest. Wo sonst schon nach wenigen Seiten Adrenalin und Wohlfühlschauerfaktor in die Höhe schossen, blieb ich dieses Mal seltsam ungerührt.

Nun jedoch zum Positiven, denn das kann sich immer noch sehen und lesen lassen. John Connollys Darstellung des immer noch von Fanatismus und Rassismus durchzogenen Südens legt einmal mehr Zeugnis von seinen schriftstellerischen Qualitäten ab und überzeugt mit einer literarischen Akribie und tiefgehender Eindringlichkeit. Besonders die Anfangsszene, in der sich ein Lynchmob für die bevorstehende Verbrennung eines Schwarzen versammelt, hinterlässt beim Leser Spuren, wenngleich sich wohl der ein oder andere an den Film „Die Jury“ erinnert fühlen wird.

Zudem betätigt sich Connolly wieder als meisterhafter Landschaftsmaler, der die Natur des Südens bis ins kleinste Detail zum Leben erweckt und den gebannten Beobachter so geistig in selbige Gefilde katapultiert. Wenn Parker durch von Spanischem Moos behangene Bäume stolpert, um im Dickicht Zuflucht vor einem mysteriösen Verfolger zu suchen, packt man die Seiten dieses Buches unwillkürlich fester. Lockern tut man sie meist erst dann, wenn auf der Bildfläche Louis und Angel erscheinen, die natürlich wieder für manchen schwarzhumorigen Gag gut sind, insgesamt aber noch ernster herüberkommen als in den Vorgängerromanen. Connolly geht näher auf ihre bis hierhin eher nebulöse Lebensgeschichte ein, wiewohl ich mir gewünscht hätte, dass er sich für beide noch etwas mehr Zeit genommen bzw. sie stärker in die Geschichte mit eingebaut hätte.

Am Schluss führen viele Fäden, wenngleich auch nicht alle, zusammen, wobei die sich dort überschlagenden Ereignisse irgendwie nicht ganz zum eher ruhigeren Erzählton des ersten Drittels passen wollen. Es scheint ganz so, als wollte da jemand möglichst schnell zum Ende kommen.

Am Ende ist „Die weiße Straße“ zwar immer noch ein waschechter Connolly, der jedoch qualitativ nicht an die Vorgänger anknüpfen kann und mit seiner irgendie arg entzerrten Erzählweise für ungewohnte Längen sorgt. Wer auf harte, düstere Literatur mit einem Schuss Phantastik steht, wird letztendlich aber immer noch blendend unterhalten.

Wertung: 82 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Connolly
  • Titel: Die weiße Straße
  • Originaltitel: The White Road
  • Übersetzer: Georg Schmidt
  • Verlag: Ullstein
  • Erschienen: 03.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3548267890

Wenn die Dinge aus dem Lot kommen …

41cPBqyFxxL__SX313_BO1,204,203,200_

© Heyne

Nein, die größte Strahlkraft besitzt Stephen Kings 1980 erschienener Roman heute nicht mehr. Und auch an die – meines Erachtens eher missratene – Verfilmung mit der jungen Drew Barrymore, welche vier Jahre später auf die Leinwand gebracht wurde, erinnern sich wohl nur noch die ganz enthusiastischen Anhänger des „Grand Master of Horror“.

In beiden Fällen mag dies daran liegen, dass der Plot vergleichsweise schlecht gealtert ist bzw. seine Sogkraft aus Themen zieht (Telekinese, halluzogene Mittel, Mutationen und Verschwörungstheorien), die bei Veröffentlichung von „Feuerkind“ voll im Trend lagen, heute aber nur noch die wenigsten Leser hinter dem Ofen hervorlocken, da sie in der Zwischenzeit bereits viel zu oft in verschiedensten Medien behandelt worden sind. Grund genug also, dieses Werk links liegen zu lassen und zu überspringen?

Das hängt vor allem von der Erwartungshaltung mit der man die Lektüre herangeht ab, denn nach klassischen Horror- und Gruselgeschichten wie „Brennen muss Salem“ oder „Shining“ sowie einem Endzeit-Szenario („The Stand“) deutete bereits „Dead Zone“ an, dass King das literarische Spiel mit unserer Angst weit komplexer definiert, als man es vom reinen Horror-Genre bis dato gewöhnt war. Wie schon zuvor Algernon Blackwood dient das Übersinnliche oder Übernatürliche lediglich als Fundament, um darauf eine Handlung aufzubauen, der man – auch wenn das viele seiner Kritiken nicht gerne hören bzw. wahrhaben wollen – so auch in der modernen Unterhaltungsliteratur begegnen könnte. Es ist nun also die Frage, ob einem als King-Leser einzig und allein der „magische Effekt“ interessiert oder auch die Bühne, auf der dieser aufgeführt wird. Ist Letzteres der Fall, so vermag auch das etwas antiquierte „Feuerkind“ zu unterhalten, da es, wie zuvor schon „Carrie“ (und später „Es“ und andere Werke), eine „Coming-of-Age“-Geschichte erzählt, welche eben trotz der aus heutiger Sicht kruden Begleitumstände nichtsdestotrotz auf gefühlsmäßiger Ebene genau ins Schwarze trifft.

Und nun kurz zum Inhalt: Geld ist etwas, das man als Student in den späten 60er Jahren genauso gut gebrauchen konnte wie heute. Und Andy McGee und Vicky Tomlinson glauben sich dies besonders leicht verdienen zu können, als sie sich am 6. Mai 1969 als Freiwillige für ein (vermeintlich) harmloses wissenschaftliches Experiment zur Verfügung stellen. Doch in dem Moment wo ihnen die neuartige Substanz Lot 6 verabreicht wird, ändert sich ihr ganzes Leben. Andy erlebt hautnah mit, wie einige der Probanden ihren Verstand verlieren und kann urplötzlich eine geistige Verbindung zu seinem behandelnden Arzt herstellen. Der ist in Wirklichkeit ein Mörder und Vergewaltiger, welcher für eine geheime Organisation namens „Die Firma“ arbeitet, die mittels der Tests herausfinden will, ob Drogen paranormale Fähigkeiten bei Menschen wecken können. Während sich der Patient neben ihm vor Wahn die Augen mit bloßen Händen aus dem Kopf reißt, erfasst Andy das ganze Ausmaß des Komplotts. Nach dem er in seinem Bett aufgewacht ist, flieht er gemeinsam mit Vicky – nicht wissend, dass die Firma sie die nächsten Jahre in den Augen behalten wird.

Für eine lange Zeit kehrt fast so etwas wie Normalität im Leben der beiden ein, die mittlerweile geheiratet und eine gemeinsame Tochter bekommen haben. Charlie hat jedoch nicht nur die kinetische Begabung ihrer Eltern geerbt, sondern kann sogar Kraft ihrer Gedanken Feuer entfachen. Mehr noch: Gerät ihre Fähigkeit außer Kontrolle, birgt sie das Potenzial den ganzen Planeten zu vernichten. Eine Gefahr, die drohend über dem Glück der Familie schwebt. Als die „Firma“ von der Stärke ihrer Begabung erfährt, macht sie Jagd auf die McGees. Und für Vater und Tochter beginnt die Flucht und der Kampf uns Überleben …

… und für den Leser damit die Lektüre, denn anders als bei den meisten anderen Büchern aus Stephen Kings Feder, verzichtet er hier auf eine längere Einführung, sondern schmeißt uns direkt ins Getümmel der Metropole New York, aus der Andy McGee und Charlie entfliehen wollen. Dicht gefolgt von den Agenten der „Firma“, die erst kurz zuvor Charlies Mutter auf brutale Weise gefoltert und umgebracht haben. Ein Sprung in das kalte Wasser bzw. in diesem Fall heiße Wasser, sind doch sowohl Vater als auch Tochter im Verlauf der weiteren Stunden gleich mehrmals auf ihre Fähigkeiten angewiesen, worunter insbesondere ersterer zu leiden hat, der bei jedem Einsatz seiner Gedankenkontrolle seinem Gehirn mehr Schaden zufügt. Viel prasselt auf den ersten Seiten auf den Leser ein, dem nur nach und nach in Rückblicken offen gelegt wird, was die Gründe für die Jagd auf die beiden sind und wie sie zu ihren Kräften kamen – wodurch wiederum gerade zum Anfang hin das Tempo ziemlich hoch gehalten wird. „Ungewöhnlich actionreich“ war da mein erster Eindruck, kenne ich King sonst eher doch als bedächtigen Plot-Baumeister, der den Spannungsbogen zugunsten von Kurzweil und Dynamik stattdessen weit ausholend emporhebt.

Im Zuge dessen ist es vor allem das erste Drittel von „Feuerkind“, das sich am besten gehalten hat bzw. an dem am wenigsten der Zahn der Zeit genagt hat, auch weil man relativ einfach Zugang zu den Figuren, hier an erster Stelle Andy, findet. Wenn dieser andere Menschen beeinflusst, geht das genauso wenig am Leser spurlos vorbei, wie die Schicksalsschläge, welcher dieser immer wieder verkraften muss. Wo sich sonst bei King der Horror eher gemächlich in den Alltag schleicht, wird der Frieden diesmal urplötzlich gestört und gebrochen, wodurch das Gefahrenmoment umso greifbarer wird. Auch wenn es sich um Personen mit besonderen Fähigkeiten handelt – letztlich versucht doch nur ein Vater seine Tochter zu beschützen. Und dieses simple Rezept funktioniert, zumindest am Anfang, hervorragend.

Den gerade gezogenen, strammen Faden verliert King allerdings im Mittelteil des Buches und das obwohl das namensgebende „Feuerkind“ nun weit mehr in den Fokus rückt und sich mit dem Indianer Rainbird ein skrupelloser Antagonist der Besetzung anschließt. Dessen Wirken auf die junge Charlie ist noch das beklemmendste Element eines an Höhepunkten eher armen Abschnitts, dem es mir persönlich einfach zu sehr an Konsequenz gemangelt hat. Über die Andeutungen von Gefahren kommt „Feuerkind“ über viele Seiten nicht hinaus – zu wenig, um auf Dauer bei der Stange zu halten. Erst als Andy wieder die Initiative ergreift, wird das Steuer herumgerissen und Fahrt aufgenommen, wobei es mich selbst überrascht hat, dass ich seinen geistigen Einfluss (und die Folgen) für lange Zeit als weit erschreckender empfand, als das pyrokinetische Zerstörungspotenzial seiner Tochter. Erst am Ende wird diese dann – in gewisser Weise als Reminiszenz an „Carrie“ – von Kings Leine gelassen. Mit dem sprichwörtlich heißen Finale kriegt er dann letztendlich noch die Kurve und schafft es mal wieder mit traumwandlerischer Sicherheit dem Leser seine zuvor (unbewusst) zu den Figuren aufgebaute Beziehung emotional vor Augen zu halten.

Feuerkind“ mag kein Meilenstein von Stephen King sein, ist aber auch weit davon entfernt zu den schlechtesten seiner Werke zu gehören. Menschliche Schicksale menschlich darzustellen – darin ist und bleibt er auch hier einfach ein Großer. Ein Buch das zufrieden sättigt, wenn man auf Kingsche Feinkost steht, den einzigartigen Geschmack seiner Klassiker aber über weite Strecken vermissen lässt.

Wertung: 83 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen King
  • Titel: Feuerkind
  • Originaltitel: Firestarter
  • Übersetzer: Harro Christensen
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 10.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 560 Seiten
  • ISBN: 978-3453432734

 

Die letzte Fahrt der „Terror“

51pk0DSbLOL__SX317_BO1,204,203,200_

© Heyne

Dan Simmons historisches Epos über die sagenumwobene Franklin-Expedition kann sich damit rühmen, Grauen und Ekel, aber auch Trauer und Mitleid bei mir ausgelöst zu haben. Ihm ist gelungen, was bisher noch fast jedem Film versagt geblieben ist: Mir sprichwörtlich das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Noch nie war der Horror, der Schrecken so sehr greifbar, noch nie die Distanz zwischen historischen Figuren und der Gegenwart derart gering.

Terror“ ist eine Zeitreise, welche man nicht authentischer oder plastischer hätte auf Papier bringen können. Ein Trip in das eisige Herz der Finsternis, der, grandios übersetzt, die Macht des geschriebenen Wortes beeindruckend deutlich macht und der den Leser, trotz vieler sicherlich nicht wegzudiskutierender Längen, über die gesamte Distanz nicht aus seinen Fängen lässt. Wie Simmons uns Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur gewährt, zerrt hart an den Nerven. Er zeigt, wo die Bruchpunkte von Moral und so genannter Zivilisation liegen. Zeigt, zu was ein Mensch imstande ist, wenn er gezwungen ist, um sein Leben zu kämpfen.

Fundament für Simmons‘ Werk ist die bereits oben genannte Expedition von Sir John Franklin, welcher im Mai des Jahres 1845 mit zwei Schiffen der königlich-britischen Marine, der HMS „Erebus“ und HMS „Terror“, aufbricht, um die legendäre Nordwest-Passage zu finden, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Von diesem Seeweg erhofft man sich neben der Zeitverkürzung vor allem Ruhm, und damit einmal mehr auch einen Beweis für die Dominanz und das Können der britischen Navy. Insgesamt 129 Mann befinden sich an Bord der beiden Schiffe, die kurz vor ihrer Durchfahrt der kanadischen Arktis ein allerletztes Mal von Walfängern in der Baffin-Bay gesichtet werden. Danach verliert sich ihre Spur, denn kein einziger Mann der Besatzung taucht je wieder auf. Sie sind bis heute verschwunden, verschollen im Eis.

Erst Jahre später werden Gräber von Matrosen gefunden, aus denen sich der weitere Weg der Expedition teilweise rekonstruieren lässt. Nachrichtenfetzen auf der King-William-Insel legen die Vermutung nahe, dass beide Schiffe fast ganze zwei Jahre im Packeis festsaßen, bis die Mannschaft sie letztlich aufgaben und ihr Heil im Süden suchten. Berichten von Eskimos zufolge scheinen sie auf dem Weg dorthin verhungert zu sein. Knochenfunde deuten daraufhin, dass es zu Kannibalismus gekommen ist. Trotz dieser belegten Fakten bleibt viel Raum zur Spekulation.

Warum hat die Mannschaft ihre Schiffe nicht früher verlassen? Wieso sind die Männer verhungert, wo doch der Proviant laut Berechnungen eigentlich mindestens für ganze fünf Jahre hätte reichen müssen? Was genau ist an Bord der Schiffe vorgefallen?

Simmons hat eben diese und andere Fragen aufgegriffen und aus ihnen einen unheilvolle, düstere Geschichte gesponnen, die sicherlich keinen Anspruch auf historische Genauigkeit hat, aber dafür einen überzeugenden Einblick in die Unwirtlichkeit dieser finsteren Eiswüste und die hoffnungslose Situation der Besatzung gibt. Und er zeigt auf, dass diese lang geplante Expedition eigentlich schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. So sind die „Erebus“ und die „Terror“ zwar äußerlich und in ihrem Aufbau bestens für das feste Packeis gewappnet, ihre Dampfmaschinen aber bei weitem nicht stark genug, um dieses zu durchbrechen. Der Kohlevorrat ist zu knapp bemessen, Schutzbrillen fehlen genauso wie Ausrüstungsgegenstände zur Jagd. Und besonders letzteres wiegt später schwer, da der Nahrungsmittelzulieferer, den man aufgrund seiner niedrigen Preise auswählte, bei der Herstellung seiner Konserven gepfuscht hat. Diese verderben bereits nach verhältnismäßig kurzer Zeit und haben teilweise sogar tödliche Lebensmittelvergiftungen zur Folge. All das führt letztlich dazu, dass man einer in dieser Epoche längst überwunden geglaubten Krankheit Tür und Tor öffnet: dem Skorbut.

Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her“.

Ein Sprichwort, welches ebenfalls auf diese Expedition zutrifft, denn Sir John Franklin ist mit seinen mehr als 60 Jahren nicht nur viel zu alt für eine derart kräftezehrende Reise, sondern auch zu unflexibel, um auf die sich stetig verändernden Begebenheiten reagieren zu können. Die weitaus erfahreneren Kapitäne der beiden Schiffe, James Fitz-James und Francis Crozier, stoßen mit ihren Ratschlägen bei dem sturen Befehlshaber auf taube Ohren, der in der Regel die falschen Entscheidungen trifft und in Simmons‘ Buch letztlich auch dafür verantwortlich ist, dass die „Erebus“ und die „Terror“ im Packeis auf offener See festfrieren. Franklin steht damit sinnbildlich und stellvertretend für den Geist des britischen Empire, das es gewohnt ist, sich die Natur genauso Untertan zu machen, wie die Ureinwohner bisher unerforschter Landstriche, welche es zu zivilisieren gilt. Gerade diese Einstellung ist es, die dann auch verhindert, dass den hungernden Matrosen Hilfe durch die Inuits zuteil wird, welche im Gegensatz zu den hungernden und frierenden Expeditionsteilnehmern auch im tiefsten polaren Winter noch zu überleben wissen. Als man erkennt, was die Arktis erfordert, was die Natur abverlangt, ist es bereits zu spät.

Und auch die Natur weigert sich nicht nur, sich zu beugen. In Simmons „Terror“ schlägt sie in Gestalt eines über vier Meter großen Menschenfressers sogar zurück. Als ob die klirrende Kälte des Eises und der drohende Hungertod nicht bereits genug sind, werden die Matrosen nun auch noch von einem teuflisch schlauen Wesen gejagt, das scheinbar aus dem Nichts auftaucht und sich nach und nach seine Beute holt. Die schlecht ausgerüsteten Engländer sind nicht in der Lage es aufzuhalten und nachdem Sir John Franklin selbst zum Opfer dieser Bestie wird, beginnt man in den Kreisen der abergläubischen Seeleute an den Teufel selbst zu glauben.

Warum Dan Simmons sich entschieden hat, dieses Monster in seine Geschichte einzubauen, ist eine Frage, die wohl nur er selbst beantworten kann. Aus meiner Sicht hätte es sicherlich keines mythischen Wesens bedurft, um das Grauen zu beschreiben, dass die im Eis festsitzenden Matrosen erlebt haben müssen. Ganz im Gegenteil. Mit Ausnahme der atemlosen Flucht des Eislotsen Blanky durch die Takelage des eingeschlossenen Schiffes überzeugen in erster Linie die Passagen, in denen das tödliche Schneemonster durch Abwesenheit glänzt.

Simmons „Terror“ ist aber nicht nur die Verkörperung der ansonsten schwer fassbaren Schrecken des Eises und der Kälte, die unpersönlich töten, wer sich ihnen nicht anzupassen vermag. Wie üblich benötigt der Mensch keine Hilfe, um sich selbst das Leben zur Hölle zu machen. Disziplin und Kameradschaft sind menschliche Eigenschaften, die sich unter allzu großem Druck in Nichts auflösen. Wahnsinn, brutaler Egoismus und Mord lauern dichter unter der Oberfläche, als sich der „zivilisierte“ Zeitgenosse (alb)träumen lassen würde.“ So schreibt Michael Drewniok in seiner grandiosen Rezension, die genau das trifft, was ich auch selbst bei der Lektüre empfunden habe. Es heißt keine Fiktion ist so schlimm wie die Realität. Und genau das stellt „Terror“ erschreckend unter Beweis. Stellvertretend dafür ist die ergreifende Szene kurz vor Ende des Romans, in dem ein völlig entkräfteter skorbutkranker Seemann sich aus seinem Zelt hervorkämpft, nur um unter Tränen mitzuverfolgen, wie sich seine Kameraden mit dem einzigen Boot auf die Fahrt in den Süden aufmachen. Seine leisen Schreie um Hilfe verhallen in der Ewigkeit des Eises, bleiben unerhört … und treffen doch haargenau ins Herz des Lesers. Mir war es für viele Minuten unmöglich an dieser traurigen Stelle weiterzulesen, die für mich wie keine andere im Buch, die Dramatik und Hoffnungslosigkeit dieser Expedition widerspiegelt.

Bis hierhin könnte es für manchen Leser ebenfalls ein Kampf gewesen sein, da ganz sicher nicht jedermann Dan Simmons detailreiche Schreibe liegt, welche noch die kleinste Schiffsplanke in Form und Farbe beschreibt und der schlichten Weiße des Schnees immer wieder neue Facetten abringt. Hier liegt für mich jedoch die größte Stärke des Romans, denn gerade diese feinsinnige Betrachtung braucht es, um die Isolation der Seeleute, die eintönigen Tagesabläufe und das Fehlen jedweder Fluchtmöglichkeit nachvollziehen zu können. Und das kann man schließlich fast mehr als einem lieb sein kann. Bedingt durch die Tatsache, dass Simmons das Geschehen stets aus den Blickwinkeln mehrerer Expeditionsmitglieder zeigt, geht uns das Schicksal jedes Einzelnen an die Nieren, kann man die Verzweiflung, die Angst und den Hunger in einem Maß nachfühlen, wie das sonst wohl nur Augenzeugenberichte vermögen. Vom grobschlächtigen, aber kämpferischen Trinker Kapitän Crozier über den hilfsbereiten Dr. Goodsir und den witzigen Blanky bis hin zum Gentleman Irving.

Simmons ist es vortrefflich gelungen den Namen (die übrigens im fast 30 Seiten umfassenden Anhang nochmal aufgeführt werden) Leben einzuhauchen, ihnen Charakteristika und einen persönlichen Hintergrund zu verleihen. So trifft fast jeder Tod eines Besatzungsmitglieds hart, fühlt man den Verlust trotz der Tatsache, dass man ja eigentlich von Seite eins an weiß, dass niemand überleben wird. Und dennoch bleibt das Buch über die gesamte Länge spannend. Dennoch hofft und betet der Leser, dass es ihnen irgendwie gelingen wird, dem grausamen Eis mit seinen tobenden Stürmen und den dunklen Wintertagen zu entkommen.

Hätte Dan Simmons nach gut 880 Seiten den Stift an die Seite gelegt, eine Maximalwertung für „Terror“ wäre genauso unumgänglich gewesen wie das Prädikat literarisches Meisterwerk. Leider hat Simmons dies nicht getan und nachträglich versucht, das Monster mittels der Inuit-Mythologie zu erklären. Ein Versuch ist es geblieben, denn dieser überflüssige Stilbruch nimmt dem Buch völlig unnötig einen Großteil seiner Atmosphäre. Er hätte uns im Ungewissen, das Ende unerzählt lassen sollen. Nur so wären die Mitglieder der Expedition das geblieben, was sie gewesen sind – eine Fußnote in der Unendlichkeit des ewigen Eises, das seine eigenen Gesetze hat und sich nicht erobern lässt.

Es ist der einzige, aber leider meines Erachtens sehr schwerwiegende Kritikpunkt in einem großartigen Roman, der gekonnt historische Fakten und Figuren mit Elementen des Horrors verbindet und unbekannten Schicksalen nachvollziehbares und vor allem nachfühlbares Leben einhaucht. Großartig, schrecklich, aber auch halt „Terror“, der mir bei der Lektüre viel abverlangt hat. Danke, Mr. Simmons, für diesen äußerst gelungenen Wurf.

Wertung: 94 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Dan Simmons
  • Titel: Terror
  • Originaltitel: The Terror
  • Übersetzer: Friedrich Mader
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 12.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 992 Seiten
  • ISBN: 978-3453406131

“I want you to believe…to believe in things that you cannot.”

© Berlin

Vampire sind unsterblich. Das ist eine Tatsache, die sich belegen lässt, denn auch mehr als hundert Jahre nach der Veröffentlichung von Bram Stokers „Dracula“ hat dieses mythische Ungeheuer eindeutig nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil: Immer wieder tauchen neue Variationen des Blutsaugers auf dem Buchmarkt auf, wobei die Palette mittlerweile von schlächtenden Monstern bis hin zu wunderschönen, verführenden Schönlingen fast alles abdeckt. Fast ist hierbei das Stichwort, denn der klassische Schauerroman, den der ursprüngliche „Dracula“ verkörpert, ist seit Jahren – bis auf wenige Ausnahmen – gänzlich von der Bildfläche verschwunden.

Elizabeth Kostova, geborene US-Amerikanerin, hat sich dieses Problems im Jahre 1995 angenommen und ein ganzes Jahrzehnt(!) an ihrem Debütroman „Der Historiker“ geschrieben. Und man kann nur sagen: Zeit und Aufwand haben sich vollends gelohnt, denn Kostova gelingt es nicht nur die Geschichte Draculas zu ihren Ursprüngen zurückzuführen, sondern gleichzeitig das Vampirthema aus einem völlig neuen Blickwinkel zu beleuchten. Herausgekommen ist ein literarisches Meisterstück, das mich eine ganze Woche lang nicht aus seinen Fängen gelassen, tief bewegt und äußerst nachhaltig beeindruckt hat.

Zur Handlung: Das Buch nimmt seinen Anfang 1972 in den Niederlanden. Hier begegnen wir der 16-jährigen Erzählerin, deren Name bis zum Schluss ein Geheimnis bleibt. Sie ist die Tochter des Diplomaten und angesehenen Historikers Paul, und wie er, sehr an der europäischen Geschichte interessiert. So kommt es, dass sie eines Tages in dessen Bibliothek ein uraltes Buch findet, das bis auf den Holzschnitt eines Drachen samt dem Schritfzug „Drakulya“ in der Mitte voll leerer Seite ist. Ihr Interesse ist geweckt und weitere Nachforschungen fördern eine Reihe mysteriöser Briefe zutage, welche offenbar an ihren Vater gerichtet sind. Als sie diesen mit ihrem Fund konfrontiert, zeigt er sich ungewöhnlich verschlossen. Nur nach und nach kann sie ihn dazu bringen, die Geschichte der Briefe mit ihr zu teilen. Während sie gemeinsam mit ihrem Vater zwecks diplomatischer Missionen durch halb Europa reist, erzählt er ihr, wie er viele Jahre zuvor in den Besitz des Buches gekommen ist und einst, während seiner Studienzeit im Jahre 1950, seinen Doktorvater und Mentor, den Historiker Professor Bartholomew Rossi deswegen um Rat bat. Er berichtet mit Zögern von seinen Nachforschungen über den berühmten und berüchtigten rumänischen Fürsten Vlad III. Draculea, genannt Vlad Tepes, „der Pfähler“, dem historischen Vorbild für Bram Stokers Dracula.

Rossi war bereits Anfang der 30er Jahre bei seinen eigenen Recherchen auf Spuren gestoßen, welche einen Weg zur letzten Ruhestätte und den sterblichen Überresten von Vlad Tepes weisen. Bevor er jedoch das so gut gehütete Mysterium klären konnte, verschwand er spurlos. Paul machte sich daraufhin mit Rossis Tochter Helen auf die Suche nach seinem Mentor, wobei er versuchte, dessen Recherchen fortzuführen und zu komplettieren. Was folgte war eine monatelange Schnitzeljagd durch die historischen Stätten des Ostblocks, in deren Verlauf der Mut und Eifer des jungen Historikers auf eine harte Probe gestellt wurde.

Nun, mehr als zwanzig Jahre später, scheint sich die Geschichte zu wiederholen, als Paul unter äußerst mysteriösen Umständen verschwindet, woraufhin sich seine Tochter, die Erzählerin, ebenfalls auf eine Suche begibt. Eine Suche, die am Ende nicht nur ihrem Vater gilt, sondern auch endlich die Geheimnisse um Dracula lüften soll.

Vorneweg: Bei wem nun durch diesen Anriss der Handlung bereits das Interesse geweckt worden ist, der sollte möglichst nicht den gleichen Fehler wie ich begehen und dieses Buch im Sommer lesen, denn Kostovas Erstling ist aufgrund stimmungsvoller Beschreibungen, eleganter Sprache und nicht zuletzt dem Grundthema selbst, wie geschaffen für die Herbstzeit. An düsteren September- oder Oktoberabenden, bei Nebel oder Gewitter vor dem knisternden Kamin, entfaltet dieses Werk ohne Zweifel seine größte Wirkung.

Nun zum Inhalt zwischen den Buchdeckeln: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Elizabeth Kostova ganz gewollt in ihrem Roman Verbindungen zu Bram Stokers „Dracula“ anstellt und diese auch vermehrt sucht. Während jedoch jüngst mancher Schriftsteller (siehe Dacre Stokers und Ian Holts grottenschlechte Möchtegern-Fortsetzung „Dracula – Die Wiederkehr“) auf Stokers Grundgerüst lediglich ein paar neue Säulen hinzugefügt hat, schafft es Kostova sich dank des direkten Bezugs auf die historische Figur Vlad Tepes deutlich von der romantisierten Darstellung des Ur-Draculas zu distanzieren. „Der Historiker“ ist weder Horrorroman noch nervenzerreißender Thriller, sondern vielmehr ein exzellent und intelligent erzählter Schauerroman der klassischen Schule, der von seiner dichten Atmosphäre lebt und den leichten Schauder, den feinen Grusel sucht. Jeglicher Versuch ihn somit als spannungsgeladenen Thriller zu vermarkten, muss zwangsweise scheitern, denn trotz dieser unheimlichen Sogkraft, dieser ständigen Sucht weiter lesen zu müssen, widersetzt sich das Buch jedem Versuch das Lesetempo zu erhöhen.

Der Historiker“ profitiert eben gerade von den lange unbeantworteten Fragen, von mysteriösen Rätseln, von detaillierten Recherchen in Bibliotheken. Die gleiche Geduld, welche die Figuren bei ihren historischen Nachforschungen aufbringen müssen, fordert Kostova auch ihren Lesern ab. Und soviel sei gesagt: Selten zahlt sich Geduld so aus wie hier. Wer das früh erkennt und versteht, dem wird eine Art von Spannung geboten, welche lange aus den Geschichten moderner Bücher verschwunden war: Eine Spannung, welche man peu a peu, Absatz für Absatz, Kapitel für Kapitel, wie ein Gourmet genießen will.

Elizabeth Kostova gelingt das, woran viele Schriftsteller vorher bereits Schiffbruch erlitten haben. Historische Fakten und Fiktion so kunstvoll miteinander zu verknüpfen, das die Übergänge verschwimmen und nicht mehr ersichtlich sind. Bereits getätigte Vergleiche mit Umberto Eco mögen anmaßend und übertrieben klingen, sind meines Erachtens aber vollkommen gerechtfertigt. Im Gegensatz zum Autor von „Der Name der Rose“ kommt hier das kulturgeschichtliche und anthropologische Wissen allerdings nicht derart schulmeisterlich daher, wenngleich es doch ebenso viel Aufmerksamkeit und einen gehobeneren Intellekt erfordert. Selbiges gilt für die drei Zeitebenen des Romans, die miteinander verwoben nicht immer kenntlich gemacht sind. Kostovas beträchtliche Recherchen werden in fast jeder Passage ersichtlich, auf jeder Seite gibt es neues und wissenswertes zu entdecken. Eigene Erzählstränge benötigt die Autorin dabei bemerkenswerter Weise jedoch nicht. Ohne Übergänge werden die historischen oder angeblich historischen Ereignisse in die Handlung integriert, wobei deutlich wird, dass Kostova selbst eine gute Historikerin abgeben würde, da sie behutsam aber beständig die Freude an Geschichte weckt. Ob die düstere Atmosphäre hinterm Eisernen Vorhang oder die ursprüngliche Kultur in einem entlegenen Bergdorf. Die Autorin haucht längst vergangenem äußerst eindringlich und nachvollziehbar Leben ein.

Interessanterweise wählt Kostova dabei dieselben Stilmittel wie einst Bram Stoker. In altem Archivmaterial, Briefen oder Tagebucheinträgen führt sie den Leser langsam auf die Legende und den Mythos Dracula zu, wobei man auf dem Weg dorthin dank bild- und farbenreicher Sprache (ich fühlte mich an Zafon erinnert) an den Reisen ebenso viel Freude findet, wie an der geheimnisumwobenen Figur selbst. Liebevoll und detailliert werden Landschaften und Menschen gezeichnet, die Unterschiede der Kulturen hervorgehoben. Ließe man das Thema Vampire völlig außer acht, allein diese Beschreibungen machten dieses Buch lesenswert. Und letztlich ist die Suche nach Dracula zwar der Motor, aber nicht das leitende Motiv dieser Geschichte. Vielmehr steht die detektivische Recherche im Vordergrund. Die Suche eines Studenten nach seinem Mentor, eines Mädchens nach ihrer Herkunft, einer Tochter nach ihrem nie gekannten Vater. „Der Historiker“ lebt von seinen Figuren, ihrer unstillbaren Wissbegierde, ihrem Drang der Geschichte stets Neues abzuringen. Vereinzelte Übergriffe durch die Vampire dienen dem Element der Bedrohung, werden wohl aber keinen Anne Rice oder (Gott behüte!) Bis(s)-Fan hinterm Ofen hervorlocken. Ein reiner Dracula-Roman ist „Der Historiker“ nicht. Und das will er auch nicht sein.

Man muss lange suchen, um Schwächen in Kostovas Werk zu finden. Aber es gibt sie. Da ist meines Erachtens allen voran das Ende zu nennen, das, bei aller Eleganz, einfach zu schnell erzählt und abgehandelt wird. Im Vergleich zu ihren ausführlichen Fabulierungen im Vorfeld, kam es mir persönlich zu abrupt, wenngleich ich mit der Art und Weise, wie die Autorin es gelöst hat, nicht unzufrieden sein kann. Dennoch führt es dazu, dass „Der Historiker“ knapp an einer durchaus möglichen Maximalwertung vorbeirauscht.

Der Historiker“ – das ist ein wunderbar melancholischer, sprachlich eleganter und vor allen nachhaltiger Schauerroman alter Schule, der Freunden anspruchsvoller und doch unterhaltender Literatur nur warm ans Herz gelegt werden kann. Ein echtes, entdeckenswertes Kleinod – nicht nur im Bereich der mittlerweile äußerst fragwürdigen Vampirliteratur. Ich freue mich auf weitere Werke aus der Feder von Elizabeth Kostova.

Wertung: 96 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Elizabeth Kostova
  • Titel: Der Historiker
  • Originaltitel: The Historian
  • Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 06.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 848 Seiten
  • ISBN: 978-3833303944

Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie …

© Diogenes

Sehr geehrter Mr. Lehane – einmal mehr waren Sie dafür verantwortlich, dass ich meinen üblichen Leserhythmus über Bord geworfen und mir einem ihrer Werke zuliebe die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, nur um am nächsten Morgen völlig übermüdet zur Arbeit zu taumeln. Und, war es das wert? Nun, das ist keine Frage, die sich bei diesem Autor stellt, der es sogar immer wieder und wieder schafft, mit elegant-wirkungsvoller Feder das familiäre Umfeld für die Dauer der Lektüre in den Rang der absoluten Nichtigkeit zu degradieren und dabei gleichzeitig eine dauerhaft präsente, aber eben nie fassbare Bedrohung im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, wie das selbst der Meister des Horror himself, Stephen King, nicht besser könnte.

„Nicht aus der Hand zu legen“ – Es gibt wohl kaum eine Phrase in Buchbesprechungen, welche mir persönlich mehr auf den Wecker geht. Und doch – im Falle von „Shutter Island“ trifft sie zu, ist sie die einzig bildlich korrekte Beschreibung für ein Buch, das selbst mein übliches Ausleseverfahren bezüglich konstruierter Thriller-Baustein-Literatur ganz einfach ausgehebelt hat. Denn, lieber Mr. Lehane, sind wir mal ehrlich: Sie wollten hier doch einfach mal die Sau rauslassen und ein bisschen mit den Klischees spielen, oder nicht?

Fakt ist jedenfalls: Ein kurzer Blick auf die Kurzbeschreibung der Geschichte reicht schon, um zu erkennen, dass Lehane sein gängiges Sujet komplett über Bord geworfen hat, um stattdessen den guten, alten Schauerroman wieder zu Leben zu erwecken und nebenbei Hollywoods klassischer schwarzer Serie die gebührende Ehre zu erweisen – mit allem was dazu gehört:

Im Sommer des Jahres 1954 führt ein seltsamer Fall die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule auf die kleine Insel Shutter Island, welche unweit des Hafens von Boston gelegen, das Ashecliffe Hospital beherbergt. Eine Hochsicherheits-Klinik für nervenkranke Straftäter. Hier soll die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando aus einer fest verschlossenen Zelle ausgebrochen und danach einfach verschwunden sein. Wo hält sie sich versteckt? Und wie konnte sie überhaupt fliehen? Hat ihr jemand geholfen? Teddy und Chuck müssen recht schnell erkennen, dass nichts auf der Insel so ist wie es scheint. Sicherheitsvorkehrungen werden nicht eingehalten, das Personal ist auffällig verschwiegen und auch Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Ermittlungen, indem er ihnen die Einsicht in die Personalakten der Patienten verwehrt. Ist die ganze Einrichtung vielleicht nur eine Fassade? Was geht wirklich auf Shutter Island vor?

Bald kommen den beiden Marshals Gerüchte von weiteren verschwundenen Patienten zu Ohren. Es sollen illegale Lobotomien durchgeführt, Nervenkranke zu Testzwecken unter Drogen gesetzt werden. Als einzige mögliche Spur dient ein kryptischer Abschiedsbrief Solandos, welcher, von Teddy entschlüsselt, zum streng bewachten und gesperrten Block C weist – der Teil der Klinik, der nur den besonders gefährlichen und als unheilbar eingestuften Insassen vorbehalten ist. Gemeinsam suchen die beiden Ermittler einen Weg, um hineinzugelangen, doch die Zeit ist knapp, denn ein gewaltiger Hurrikan schneidet Shutter Island vom Festland ab – und die Telefonleitung ist tot. Was Chuck noch nicht ahnt: Es ist kein Zufall, dass Teddy die Nachforschungen leitet, denn neben den registrierten 66 Patienten vermutet er noch einen weiteren auf der Insel. Und mit diesem hat er eine ganz persönliche Rechnung offen …

Der verschlossene Raum. (Ja, lieber John Dickson Carr, genau der) Die einsame Insel. Der Hochsicherheitstrakt für Schwerverbrecher (Wer „Batman: Arkham Asylum“ gezockt hat, hat gleich das passende Bild dazu) Der Sturm. Die Ratten. Die alte Festung. Die mysteriöse Botschaft. Der Friedhof. Die merkwürdigen Ärzte („Dr. Mabuse“, Dr. Moreau“, „Dr. No“ und „Dr. Caligari“ lassen grüßen). Der abgelegene Leuchtturm.

Dennis Lehanes Darstellung des Settings ist so bizarr wie unwirklich, und doch für jeden aufmerksamen Leser eindeutig als Reminiszenz auf ein ganzes Genre zu erkennen. Eine Reminiszenz, die jedoch nie zum Selbstzweck verkommt, weil der Autor eben all die Elemente so zu verwenden weiß, dass sie trotz ihrer schon künstlichen Anhäufung innerhalb der Handlung – eben aufgrund ihrer zeitlosen Wirkung – funktionieren. Und das obwohl man „so etwas“ wohl schon in dutzenden Gruselfilmen auf ähnliche Art und Weise auf der Leinwand gesehen hat. Wo aber andere Schriftsteller einen lahmen Aufguss abgeliefert hätten, zeigt Lehane einmal mehr, warum er zu den Besten seiner Zunft zählt, in dem er alte Ideen so erfrischend neu verarbeitet, dass man, zuweilen schon abgestumpft von der Blut triefenden Konkurrenz und Splatter-Filmen der Moderne, die archaische Seite der Angst wieder für sich entdeckt. Man hat Spaß am Unwohlsein, genießt den Schauer, lugt um jede Seite herum, als wäre diese die dunkle Ecke in einem finsteren Korridor voller seltsamer Geräusche. Kurzum: Man ist mittendrin. So mittendrin, dass man gar nicht merkt, mit wie viel Spaß an der Freude und welchem Maß an Unverfrorenheit uns Lehane am Nasenring durch die Manege zieht, dem während der Arbeit an seinem Buch sicherlich zu jeder Zeit bewusst war, wie absurd das von ihm auf Papier gebrachte Konstrukt im Kern eigentlich ist. Ein Hauch von Ironie, ein schmunzelnder Unterton deutet das zwischendurch immer wieder an.

Und doch ist bei all dem Lob natürlich auch Kritik angebracht, denn so zielsicher Lehane die Spannung auch schürt, in dem er die finstere Präsenz mit steigender Tendenz auf seine Protagonisten und deren Geisteszustand wirken lässt: Diese angenehme Ungewissheit, sie muss sich irgendwie und vor allem irgendwann den Gesetzen der Unterhaltung beugen, will heißen, der Auflösung Vorschub leisten, welche wiederum das weiße Kaninchen aus dem Hut ziehen soll. All diejenigen, die aber gerade die Anspielungen und Zitate von „Shutter Island“ erkannt haben, werden wohl schon lange vor dem finalen Akt die Ohrenbüschel über die Krempe haben hängen sehen, da letztlich einfach zu viel in diese Richtung gedeutet hat. Darunter leidet natürlich der Überraschungseffekt, der, wäre er anders inszeniert worden, vielleicht den Roman in noch höhere Gefilde emporgehoben hätte. Am Lesevergnügen ändert dies nichts. Im Gegenteil: Lehane hat diese Abstriche ganz sicher bewusst gemacht, kannte den Preis („Shutter Island“ taugt für eine 2. Lektüre nur bedingt) und nahm ihn in Kauf, um uns Lesern über knapp 350 Seiten äußerst atmosphärisch (unbedingt zur Herbstzeit lesen!) an der Nase herum zu führen.

Die Leichtigkeit und Sicherheit mit der er das tut, der Esprit und Witz der Dialoge – sie sind, und ich muss erneut sagen „mal wieder“, ein Beweis der großen Klasse dieses hervorragenden Autors, der wohl nicht mal ein schlechtes Buch abliefern könnte, wenn er es müsste. „Shutter Island“ ist in jedem Fall ein richtig gutes geworden, neben dem viele Kollegen mit ähnlichen Ambitionen (man nehme z.B. Beckett mit seinen Hunter-Romanen) reumütig zu Boden blicken müssen. In diesem Sinne: Danke für viel zu wenig Schlaf und den steifen Nacken. Das war es wert.

Wertung: 86 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Shutter Island
  • Originaltitel: Shutter Island
  • Übersetzer: Steffen Jacobs
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 11.2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3257243352

It’s the End of the World as We Know It …

© Heyne

Stephen Kings „The Stand – Das letzte Gefecht“ gehört nicht nur zu den bekanntesten und beliebtesten Büchern aus dem riesigen Gesamtwerk des „King of Horror“ – es ist gleichzeitig auch sein Titel mit der höchsten Anzahl an Seiten, was insofern erwähnenswert ist, da der amerikanische Autor seit jeher nicht mit Worten geizt und aufgrund dessen in vielen heimischen Bücherregalen das Platzangebot oftmals erheblich beschränkt. Dazu sei allerdings gesagt: Nur die wenigsten Besitzer seiner Romane werden den Erwerb und letztlich auch die Lektüre bereut haben, was schlichtweg an der Tatsache liegt, dass es King stets aufs Neue schafft, den roten Faden seiner Geschichten trotz ausschweifender Ausschmückungen zielgerichtet mit dem Spannungsbogen zu verbinden. Ein Markenzeichen dieses Schriftstellers, das jedoch Ende der 70er Jahre noch auf den Prüfstand durfte.

King, damals noch ein talentierter Autor unter vielen, musste sein geniales Epos über einen von Menschen selbst verursachten Weltuntergang auf Wunsch des Lektorats zurechtstutzen. Ein Manuskript mit über 1.200 Seiten von jemanden, der sich noch keinen großen Namen gemacht hatte, war schlichtweg nicht an den Mann, und schon gar nicht auf den Markt zu bringen. Erst ganze zwölf Jahre später sah King sich in der Lage, den Roman in seiner ursprünglich erdachten, ungekürzten Art und Weise veröffentlichen zu können. Das Ergebnis war die inzwischen vergriffene zweibändige Ausgabe des Bastei Lübbe Verlags. Inzwischen liegen auch die Rechte für die ungekürzte Version von „The Stand“ ebenfalls beim Heyne Verlag (Die atmosphärischen Illustrationen von Bernie Wrightson fehlen leider in dieser Neuauflage, dafür ist das Schriftbild wesentlich lesefreundlicher).

Nun stellt sich für viele interessierte Käufer natürlich die Frage: Muss es denn unbedingt diese ungekürzte Fassung sein oder hat King die Handlung hier lediglich künstlich aufgebläht, um Geld zu scheffeln? Eine Antwort kann ich mangels Kenntnis der 78er Ausgabe leider nicht geben, aber zumindest soviel sagen: Als Einstieg in das Werk des Autor bzw. in das in vielen Dingen zusammenhängende Universum seiner Romane, taugt die vorliegende Ausgabe nur bedingt, da die immer wieder kritisierten Längen in Kings Büchern hier besonders zutage treten und auch sonst viele Elemente im wahrsten Sinne des Wortes epische Ausmaße annehmen. (Übrigens wieder mal ein Vergnügen Kings Vorwort zu lesen, in dem er diese „Kritik“ annimmt und seine Gründe für die Veröffentlichung des Romans schildert) Viele hunderte Charaktere, dutzende Nebenhandlungen und Nebenschauplätze, kleinere Geschichten inmitten des eigentlichen Plots. „The Stand“ setzt in Punkto Detailreichtum und Weitläufigkeit gleich in vielerlei Hinsicht Maßstäbe, welche bis heute gelten. Der Klappentext gibt darüber nur wenig Aufschluss, sei aber hier kurz angerissen, um einen kleinen Überblick über den Inhalt zu geben:

Mitte des Jahres 1990 kommt es in einer Forschungsstation der US-Army zu einem folgenschweren Zwischenfall. Ein mit einem mutierten Grippevirus infizierter Mitarbeiter des Labors flüchtet aus dem Hochsicherheitstrakt, steckt in Windeseile seine Familie an und überträgt das bald als „Captain Trips“ bekannte Virus nach einem Unfall an einer Tankstelle nochmals an mehrere weitere Personen. Das Militär versucht noch die Epidemie einzudämmen, scheitert aber an dessen schneller Verbreitung. Schon nach wenigen Tagen bricht die staatliche Ordnung komplett zusammen, fallen die Menschen zu Tausenden und bald Millionen „Captain Trips“ zum Opfer. Für kurze Zeit herrschen Chaos und Anarchie, bis sich schließlich eine erdrückende Stille über die USA (und wohl auch den Rest der Welt) legt. 99,4 der Bevölkerung sind am Virus gestorben. Ganze Metropolen sind verweist, unzählige Staus mit Autos voller toter Insassen blockieren die Highways. Auch Pferde und Hunde haben die Epidemie in den meisten Fällen nicht überlebt.

Die wenigen tausend Menschen, die sich als immun erwiesen haben, irren nun in kleinen Gruppen durch die entvölkerten Staaten, stets auf der Suche nach Nahrung, medizinischer Hilfe oder sonstigen Überresten der Zivilisation. Alle haben Partner, Familie und Freunde verloren, viele die Hoffnung darauf, dass es je wieder besser wird. In dieser düsteren Zeit träumen einige von einer alten, schwarzen Frau, die vor ihrem Haus in einem Maisfeld Gitarre spielt. Mutter Abagail Freemantle ruft sie zu sich nach Nebraska – und die Überlebenden, anfangs noch etwas verwirrt, folgen dem Ruf. Doch unter ihnen sind auch einige, die in den Einflussbereich einer anderen Person geraten. Inmitten der Wüste, in Las Vegas, sitzt Randall Flagg, der dunkle Mann, der wandelnde Geck – wie eine Spinne in seinem Netz. Die Verkörperung des Bösen ist Abagails Gegenspieler.

Und während ihre Jünger in Colorado die Freie Zone Boulder gründen, beginnt Flagg weiter westlich mit der Wiederaufrüstung. Als Bringer der Apokalypse will er die Menschheit in das letzte Gefecht führen. Das letzte Gefecht zwischen Gut und Böse …

Voran: Wer Gefecht jetzt wörtlich nimmt und befürchtet, dass hier zwei primitive Armeen aus Zivilisten gegeneinander in eine gewaltige Schlacht ziehen, dem kann diese Angst gleich genommen werden, da Stephen King sich selten für den einfachen und noch seltener für den offensichtlichen Weg in seinen Erzählungen entscheidet. So wird auch in „The Stand“ der Konflikt auf menschlicher Ebene geschildert und ausgetragen, das Ringen von Gut und Böse zu einem Wettbewerb von Idealen. Der Glaube an Gott auf der einen und die Versuchung des teuflischen Randall Flagg (ihm begegnen wir auch in der Saga vom „dunklen Turm“ und in „Das Auge des Drachen“) auf der anderen. Einem theologischen (und manchmal auf philosophischen) Schachspiel gleich, bringt Stephen King die Figuren nach und nach in Stellung, werden Bauern vorgeschoben und geopfert, um den Weg für andere frei zu machen, und dem Gegner den finalen Stoß zu versetzen. Doch bis es dazu, bis es überhaupt zu einem Treffen der beiden Lager kommt, vergehen viele Seiten, in den sich der Autor auf das konzentriert, was er am besten kann – die Figuren auf dem Papier vor den Augen des Lesers zu lebendigen Menschen werden zu lassen.

Sieht man sich die Zahl der Charaktere an, die „The Stand“ bevölkern, wird klar, dass es schon des Kalibers eines Stephen King bedarf, um die sonst an dieser Stelle resultierende Oberflächlichkeit zu überwinden und dem Plot die dringend benötigte Tiefe zu verleihen. Geschickt und mit feiner Feder verwebt er die Schicksale der einzelnen Figuren, erzählt er ihre Geschichten, hebt King ihre Eigenheiten, ihre Stärken und Schwächen hervor. Dafür braucht es Zeit und natürlich auch Seiten, wenngleich diesem Aufwand ein Lohn folgt, der vielen anderen vergleichbaren Romanen gänzlich abgeht – Menschlichkeit. So abgedreht, unwirklich und unfassbar die Szenarien bei King oft sind (und im Falle von „The Stand“ ist dies gar nicht mal der Fall – schnäuzende Mitmenschen waren mir über Tage plötzlich ein Gräuel), ihre Wirkung können sie nur deshalb entfalten, weil sie allesamt zu einem gewissen Grad und manchmal noch darüber hinaus glaubhaft, nachvollziehbar, auf gefühlsmäßiger Ebene verständlich sind. Die Angst eines Larry Underwood erneut jemanden zurücklassen zu müssen. Die Trauer einer Frannie Goldsmith um ihren geliebten Vater. Die Unsicherheit des taubstummen Nick Andros plötzlich andere führen zu müssen. All das versteht der Leser nicht nur mittels der Vernunft, sondern weil King – und das mag kitschig klingen, trifft nichtsdestotrotz den Punkt – unser Herz berührt. Die Barriere zwischen dem Leser und der fiktiven Figur – sie wird durch die Art, wie King uns seine Geschichte erzählt, schnell niedergerissen.

Ein weiterer Grund dafür ist auch die Tatsache, dass der Autor Schwarz-Weiß-Malerei und das dadurch unvermeidbare Heldentum umgeht – etwas das angesichts dieses doch sehr offensichtlichen Gut-Böse-Gott-Teufel-Konflikts gar nicht so einfach ist. Doch King wäre nicht King, wenn er auch nicht diese Hürde mit Leichtigkeit überspringen und in den Entwicklungen der Charaktere die ein oder andere Überraschung mit einbauen würde. Dies ist wiederum nicht nur der Spannung zuträglich, sondern verdeutlicht auch noch einmal, dass man es mit normalen Menschen in einer Ausnahmesituation zu tun hat, welche in ihrer Furcht, und manchmal auch in gutem Glauben, zur falschen Zeit die falsche Wahl treffen. Diese Fehlentscheidungen, diese schicksalhaften Begegnungen und Entscheidungen, die Frage „Was-wäre-gewesen-wenn“, sind der Motor dieser weit verästelten Geschichte, in der Freud und Leid eng zusammenhängen, in der aus Gutem Böses entsteht und böse Absichten Gutes zur Folge haben können. Sie sind letztendlich auch für die Dynamik verantwortlich, welche die Handlung auch durch Passagen trägt, in denen der eigentliche Plot nicht vorangetrieben wird und King sich Zeit für die Fransen an seinem roten Faden nimmt.

Bestes Beispiel ist Glen Bateman, dessen soziologische Ausführungen sicherlich dem Tempo wenig zuträglich, dafür aber erschreckend visionär sind und den Glauben an die Menschheit in den Grundfesten erschüttern. Die Szenarien, welche er für die nahe Zukunft vorherzusehen glaubt, ernüchtern gerade durch ihre Nachvollziehbarkeit und lassen letztendlich auch den Schluss des Romans nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Es ist schon beinahe unangenehm, wie gut King – und selten hat man den Autor in einer Figur genauer wiedererkannt – unsere Schwächen, Ängste und unsere Fehler erkennt. Und mit welch trauriger Resignation uns hier der Spiegel vor Augen gehalten wird.

Es ist daher einfach zu behaupten, dass „The Stand“ nur ein weiteres Weltuntergangsszenario, eine Dystopie unter vielen ist. Schaut man sich die Interpretationen der Neuzeit an (man betrachte allein die Welle an Zombie-Filmen, allen voran die Serie „The Walking Dead“), erkennt man nicht nur Kings Verdienst. Man muss auch eingestehen, dass der Meister des Horror selbst in dieser Hinsicht über jeden Zweifel und vor allem jeden Vergleich erhaben ist.

The Stand“ ist in Form, Umfang, Detailreichtum und auch Liebe zu eben jenen Details ganz sicher ein epochales Meisterwerk, das aber – und das unterscheidet das Buch meiner Ansicht nach von Werken wie „Es“ – ein ums andere Mal etwas vom Weg abkommt. Man könnte auch sagen – mit King sind hier stellenweise sprichwörtlich die Gäule durchgegangen. Kein unbegründeter Vorwurf, gesteht doch der Autor selbst ein, dass viele seiner Charaktere (und es müssen verdammt viele ihr Leben lassen) nur deshalb gestorben sind, weil er nicht wusste, was er mit ihnen noch anfangen sollte. Gerade für King-Neueinsteiger ist das eine bittere Erfahrung, da das Ableben oft sehr plötzlich kommt und (zumindest in meinem Fall) vor allem die tragenden, besonders interessanten Figuren die Zeche zahlen müssen.

Subtrahiert man diese Schwächen bleibt ein Wälzer von Roman, der trotz seines Alters so aktuell ist wie schon lange nicht mehr und die erst kürzlich eingedämmte Verbreitung des Ebola-Virus aus einem noch ganz anderen Blickwinkel einschätzen lässt. Ängste und Unsicherheit gibt es bei der Lektüre von „The Stand“ inklusive, was ein im Sessel sitzender Stephen King in seinem Haus in Bangor, Maine sicher mit zufriedener Miene und reibenden Händen zur Kenntnis nehmen dürfte:

„Ich habe es wieder einmal geschafft. Ich habe euch Angst gemacht.“

Wertung: 91 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Stephen King
  • Titel: The Stand – Das letzte Gefecht
  • Originaltitel: The Stand
  • Übersetzer: Harro Christensen, Joachim Körber, Wolfgang Neuhaus
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 1712 Seiten
  • ISBN: 978-3453438187

Der Keim allen Grusels

61HqfCrec8L__SX317_BO1,204,203,200_

© C. H. Beck

Geschichte wiederholt sich. Das ist eine altbekannte Tatsache. Und wer immer sich gegen diesen Ausspruch wehrt, braucht bloß einen Blick in die Buchhandlungen zu werfen, in denen sich seit Stephenie Meyers erfolgreicher Bis(s)-Reihe die Vampir-Liebesgeschichten nur so stapeln, um generationsübergreifend die vor allem weibliche Leserschaft zu beglücken. Grusel, Mystery und Horror in Verbund mit Romantik sind wieder richtig angesagt, wobei die Betonung hier auf dem wieder liegen muss, denn wirklich neu ist diese Literaturgattung, trotz Genre-Neologismen wie „Chick-Lit“ oder „Romantasy“, eigentlich nicht.

Vielmehr finden sich in diesen modernen Werken verschiedene Motive des klassischen Schauerromans (engl. „Gothic Novel“) und der Schwarzen Romantik wieder, welche Ende des 18. Jahrhunderts den Grundstein für die heutige Horrorliteratur legten. Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Bram Stoker oder Edgar Allan Poe sind immer noch, und sei es nur aufgrund einer Bearbeitung in der Schule, ein Begriff. Der Begründer des Genres, der englische Schriftsteller Horace Walpole, ist jedoch vollends in Vergessenheit geraten, was schade aber, wie der weitere Verlauf dieser Rezension allerdings zeigen soll, auch streckenweise nachvollziehbar ist.

Horace Walpole wurde im Jahr 1717 als dritter Sohn des ersten Premierministers von Großbritannien, Sir Robert Walpole, und dessen Frau Catherine in London geboren. Trotz der kriselnden Ehe seiner Eltern (Sir Robert war ein notorischer Fremdgänger) verbrachte Walpole, nicht zuletzt wegen dem beruhigenden Wohlstand der Familie, eine äußerst behütete und unaufgeregte Jugend. Später genoss er wie ein Großteil der britischen Oberklasse eine hervorragende Ausbildung am Eton College, wo er unter anderem mit den Dichtern Thomas Gray und Richard West Freundschaft schloss. Zeit seines Lebens hielt der Vater die schützende Hand über ihn und verschaffte seinem Sohn unter anderem eine Reihe von Wahlbezirken. Von 1741 bis 1768 war Horace Walpole Mitglied des englischen Parlaments, 1791 erbte er nach dem Tod seines Neffen den Titel eines Earl of Oxford. Walpole heiratete nie (Gerüchte lassen eine Homosexualität vermuten) und leistete sich als betuchter Junggeselle jeglichen Luxus. Dazu gehörte auch ein Schloss in Twickenham an der Themse, das er für sich erbauen und auf den Namen „Strawberry Hill“ taufen ließ. Es sind wohl jene feudalen Gemäuer im gotischen Stil, welche ihm als Vorbild und Inspiration für die Burg Otranto dienten. Der Handlungsort seines gleichnamigen, im Jahre 1764 zuerst anonym erschienenen Erstlingswerks „The Castle of Otranto“ (dt. „Das Schloss Otranto“ oder „Die Burg von Otranto“).

Zum Inhalt: Apulien, Italien, Mitte des 12. Jahrhunderts. Während junge Ritter und Edelmänner aus ganz Europa am Kreuzzug teilnehmen, sind über der Burg Otranto dunkle Wolken aufgezogen. Schlossherr Manfred plagen Ängste. Auf den Gemäuern, welche einst sein Großvater unrechtmäßig dem wahren Besitzer Alphonso dem Guten abnahm, lastet eine alte Prophezeiung, laut der seine Familie die Herrschaft über Otranto verlieren wird, sobald der rechtmäßige Eigentümer „über die Burg hinausgewachsen“ ist. Lediglich ein männlicher Erbe kann dies verhindern. Doch der Sohn Manfreds, der kränkliche Conrad, gibt nicht nur wenig Anlass zur Hoffnung, sondern findet auch am Tag seiner Hochzeit den Tod unter einem herabstürzenden überdimensionalen Eisenhelm. Für die Trauer findet der Vater keine Zeit. Stattdessen nimmt der cholerische Tyrann kurzerhand den Platz des eigenen Sohnes ein, um an seiner statt die schöne Isabella zu heiraten. Diese kann dank der Mithilfe eines mysteriösen Bauernjungen durch ein unterirdisches Labyrinth aus dem Schloss fliehen und findet Zuflucht im örtlichen Kloster bei dem frommen Pater Jerome.

Manfred lässt nun nichts mehr unversucht, Isabella habhaft zu werden, während sich überall die schlechten Vorzeichen mehren: Eine riesige scheppernde Rüstung wandelt durch die Gänge, eine Statue blutet aus der Nase und das Porträt von Manfreds Großvater rutscht stöhnend aus dem Rahmen. Und als dann noch ein geheimnisvoller Ritter samt Gefolge auf der Zugbrücke erscheint, überschlagen sich schließlich die Ereignisse …

Nein, ein wirklicher Horrorroman ist „Das Schloss Otranto“ beileibe nicht. Das wird bereits nach dieser kurzen Zusammenfassung deutlich. Vielmehr handelt es sich bei dem Buch um einen klassischen Ritterroman, der, angereichert und überhäuft mit übernatürlichen und unheimlichen Geschehnissen, streckenweise voll unbeabsichtigter Komik steckt. Selbst zu damaliger Zeit ging wohl die eigentlich erwünschte Wirkung des Romans oft fehl. Statt des gewollten Grusels blieb zumeist nur ein lauthalsiges Lachen, weshalb Walpoles Werk, was den literarischen Wert anging, trotz seiner Popularität innerhalb der Gesellschaft und der Lobeshymnen von so berühmten Romanciers wie Sir Walter Scott, stets eher gering geschätzt wurde. Tatsache aber bleibt, dass „Das Schloß Otranto“ einen ungeheuren Einfluss ausübte, da er nicht nur alle elementaren Zutaten des Gothic Novel einführte, sondern auch die Regeln dieser literarischen Gattung für die kommenden Jahrzehnte festlegte und somit als Inititalzündung anzusehen ist.

Walpole nimmt in „Das Schloß Otranto“ Abstand von der üblichen realistischen Erzählweise seiner Zeitgenossen und versucht stattdessen historische und zeitgenössische Themen vor schauriger Kulisse zu vereinen. Dabei ist auffällig, dass sich Walpole aber immer noch den Gesetzen der Aufklärung verpflichtet fühlt. Vernunft und Moral sind wichtige Elemente in dieser Geschichte, welche aus heutiger Sicht mit äußerst klischeebeladenen Figuren besetzt worden ist. Vom düsteren Schlossherrn, über die Jungfrau in Nöten bis hin zum frommen, blaublütigen Helden bietet er ein Mosaik, das man von Kindesbeinen an aus den Märchen kennt und auch im Aufbau diesen doch verblüffend ähnelt. Handlungsort ist (wie auch in vielen späteren Schauerromanen) ein altes, dunkles Gemäuer, welches mit schattigen Ecken, verwinkelten Fluren, Verliesen und Geheimgängen im Verlauf des Buches ein unheimliches Eigenleben entwickelt und die Fantasie des Lesers anregen soll. In gewissem Sinne verkörpert der Schauplatz die zentrale Person der Handlung, von der diese erst ihre Spannung und den Grusel bezieht. Wie in manchem Theaterstück lebt das Buch mehr von der Kulisse, als von den Akteuren. Eine Technik, die in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten viele Nachahmer fand. So auch in den Kriminalromanen von John Dickson Carr, der seine Mordfälle oft in Burgruinen und verwunschenen Schlössern platzierte.

Dass die versuchte Erzeugung einer schaurigen Atmosphäre in Schloss Otranto heutzutage seine Wirkung verfehlt, liegt letztlich dann nicht nur an der unfreiwilligen Komik, sondern auch an der bereits oben erwähnten stereotypen Charakterisierung der Figuren. Hinzu kommt die Tatsache, dass Walpole das in seiner Gänze doch sehr kurze Werk („Das Schloß Otranto“ hat nur fünf Kapitel) mit allzu vielen Handlungssträngen und Ideen überfrachtet, die locker für ein doppelt so langes Buch gereicht hätten. Und auch diese unheimliche Ruhe und gespannte Atmosphäre, welche den Nährboden für den feinen, ziselierten Grusel darstellt, fehlt in „Das Schloß Otranto“. Stattdessen hetzt man von einem Ereignis zum nächsten, während auf dem Weg der Effekt der so wohlplatzierten Schauerelemente wirkungslos verpufft.

Im Ganzen tut das der wegweisenden Bedeutung dieses allererstes Schauerromans jedoch keinen Abbruch. Wer die Ursprünge des Gothic Novel erkunden und bis hin zum ersten Keim verfolgen will, für den ist „Das Schloß Otranto“ auch heute noch ein heißer und dank C. H. Beck seit 2014 auch endlich wieder lieferbarer Tipp.

Wertung: 70 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Horace Walpole
  • Titel: Das Schloss Otranto
  • Originaltitel: The Castle of Otranto
  • Übersetzer: Hans Wolf
  • Verlag: C. H. Beck
  • Erschienen: 03.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 182 Seiten
  • ISBN: 978-3406659942