Die Trägödie eines lächerlichen Machtmenschen

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© Liebeskind

Mit der ersten aktuellen Rezension dauert es noch ein wenig, deshalb gibt es zum zweiten Mal Grüße aus der Vergangenheit. Nach dem Verriss eines grottigen(!) Buches als nächstes ein Griff ins Schatzkästchen, welches das großartige Buch eines ebensolchen Autors enthält. Pete Dexters Romane kann man gar nicht genug loben. „Paris Trout“ verdient gerade jetzt besondere Aufmerksamkeit. Der Roman spielt zwar in den beginnenden Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, doch der skrupellose, soziopathische Geschäftsmann Paris Trout findet etliche Pendants in der Gegenwart. Manchmal sogar in der Position eines Präsidenten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zwar zufällig, aber treffend.

20 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erscheint Pete Dexters „Paris Trout“ zum zweiten Mal und endlich in adäquater Aufmachung auf Deutsch. Bereits 1989 wurde der Roman unter dem Titel „Tollwütig“ von Goldmann veröffentlicht, als Buch „zum“ Stephen Gyllenhaal-Film, der, trotz ausgezeichneter Kritiken und einer illustren Besetzung (u.a. Dennis Hopper in der Titelrolle, Barbara Hershey, Ed Harris), hierzulande ziemlich unterging, und sein bescheidenes Dasein in den Regalen der hiesigen Videotheken fristete. Jetzt ist „Paris Trout“ zurück auf dem deutschen Buchmarkt und bekommt hoffentlich die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt.

Paris Trout ist ein Ehrenmann, zumindest er selbst hält sich dafür. Seine Umwelt betrachtet ihn eher als Patriarchen, der seine Geschicke mit starrem Sinn leitet. Jemand, der davon überzeugt ist, dass er der Welt nichts schuldet, doch die Welt ihm alles. Eine Auffassung , die er auch noch vertritt, nachdem er die 14-jährige Rosie Sayers und ihre Pflegemutter Mary McNutt, während eines ungerechtfertigten Versuchs, Schulden einzutreiben, niedergeschossen hat. Das Mädchen stirbt im Krankenhaus, Mary überlebt schwerverletzt. Dem Staatsanwalt des kleinen Ortes Cotton Point im südlichen Georgia bleibt nichts übrig, als Anklage zu erheben, auch wenn es sich bei den Opfern „nur“ um Schwarze handelt.

Obwohl sich Paris Trout mit Harry Seagraves den besten Anwalt vor Ort nimmt, wird er zu einem bis drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Doch anstatt das geringfügige Urteil anzunehmen, wird aus Trout ein besessener Kämpfer in eigener Sache. Mitleidlos von Beginn an, misshandelt er seine Frau mehrfach schwer und verliert mental immer mehr den unsicheren Boden unter seinen Füßen. Die Menschen um ihn herum nehmen seinen schleichenden geistigen Zusammenbruch wohl wahr, unternehmen aber nichts dagegen, da Trout das Wohl der dörflichen Gemeinschaft nicht nachhaltig stört. Er ist wie eine Geschlechtskrankheit, die zwar schmerzt und juckt, über die man aber in der Öffentlichkeit kein Wort verlieren würde.

Das ändert sich erst, als auch das Finanzamt Forderungen an Trout stellt, denn dieser um sich selbst kreisende menschliche Staat im Staat, hat es zeitlebens versäumt, Steuern zu bezahlen. Der Druck nimmt zu, bis das nahezu Unvermeidliche geschieht: Während der Hundertfünfzigjahrfeier explodiert das wandelnde Pulverfass namens Paris Trout. Anschließend werden ein paar Krokodilstränen verdrückt. Danach geht’s weiter wie zuvor.

Paris Trout“ ist eine gesellschaftliche Dystopie im Gewand eines spannenden Thrillers. Exemplarisch führt Dexter mit dem Südstaatennest Cotton Point eine Gemeinschaft vor, die im Schatten eines düsteren Mannes steht. Paris Trout füllt die Seiten des Romans wie eine negative Nemesis, und das nicht, weil er so eine imposante, mächtige Erscheinung darstellt, sondern weil er exemplarisch dasteht für ein anti-soziales Schreckensbild, das die Bevölkerung des Ortes in ihren Alpträumen heimsucht. Ein Gemischtwarenhändler und Geldverleiher, der Menschen nur nach ihrem Marktwert beurteilt. Bzw. nach dem Nutzen, den sie ihm bringen können, was besonders seine Frau Hanna schmerzhaft zu spüren bekommt. Wird dieser Nutzwert in Frage gestellt, oder droht gar der Verlust, wird Trouts fragiles Ego erschüttert, beginnt zu wanken und bricht in sehr nachvollziehbarer Zwangsläufigkeit am Ende auseinander.

Selten hat ein Protagonist seine Umwelt derart dominiert wie Paris Trout. Selbst, wenn er körperlich nicht anwesend ist, beschäftigt, infiltriert  seine Denkungsart die anderen Figuren des Romans. Dabei ist es nicht nur die Angst vor einem unberechenbaren Menschen, die Lethargie und Unsicherheit provoziert, sondern auch der Wunsch im Status Quo verharren zu können; jener Erstarrung, die scheinbar klare Grenzen festlegt und eben jene angsterzeugende Unsicherheit ausschließt. Dass dies eine große Lüge ist, müssen auch die wohlsituierten Einwohner Cotton Points schmerzhaft erfahren. Die anderen wissen es bereits. Neben allem anderen ist „Paris Trout“ ein Buch über Rassismus.

Dexters Roman handelt jedoch nicht von jener krawalligen Form, die von weißen Kapuzen mit hohlen Verlautbarungen, brennenden Kreuzen und hingerichteten Menschen weithin sichtbar ins Land getragen wird; sein Metier ist die schleichende Diskriminierung in ihrer alltäglichsten Form. Klar gibt es lockere Sprüche über „Nigger“, aber insgesamt scheint die schwarze Bevölkerung integriert in den gesellschaftlichen Kontext. Solange jeder weiß, wo er hingehört, und seinen Platz akzeptiert. Wie verlogen und grausam eine derartige Justierung in Wirklichkeit ist, führt Dexter durch die Kunst der Auslassung vor. So regt sich niemand darüber auf, dass Trout für den Mord an einem jungen Mädchen mit läppischen 3 Jahren Gefängnis bestraft wird – von denen ein Großteil sowieso unter den Tisch fallen würde, da Trout ja ein Stützpfeiler der Gesellschaft ist.

Selbst der eigentlich redliche Anwalt Harry Seagraves  beklagt die Ungerechtigkeit seinem Mandanten gegenüber, dass Bilder der operierten Schusswunden Rosie Mayers als Beweismittel vor Gericht zugelassen werden, anstatt das niedrige Strafmaß quasi als Sieg zu feiern. Stattdessen rücken Trouts Auffassungen in den Fokus, der jede Bestrafung seiner Handlungen als Affront gegen seine Redlichkeit begreift und alle, die ihm  vermeintliches Unrecht nicht ersparen konnten, in die breite Phalanx seiner imaginären Feinde einreiht. Vor denen er sich durch Glassplitter auf dem Boden um sein Bett, einer Stahlplatte unter seiner Matratze und anderen, ähnlich wahnwitzigen Methoden zu schützen versucht. Dass er dabei nicht erkennt wie behutsam seine Mitmenschen mit ihm umgehen, aus Angst und Sorge in den dunklen Strudel seiner Wesenheit hineingezogen zu werden, ist ein weiteres Zeugnis seines instrumentell-dissozialen Verhaltens.

Dexter gelingt das Kunststück im Spiegel von Paris Trouts gestörter Persönlichkeit, selbst  scheinbar unbedeutende Nebenfiguren mit einer Tiefenschärfe auszuloten, die ihresgleichen sucht. Das er dabei niemals unglaubwürdig wirkt und sich in ausufernde Geschwätzigkeit flüchtet, ist ein weiterer Verdienst des Romans, der als spannendes und analytisches Gesellschaftsportrait ausgezeichnet funktioniert. Dass das mit traditioneller Spannungsliteratur wenig zu tun hat, dürfte mittlerweile eigentlich klar sein. Es gibt kaum Ermittlungen, der Täter ist von Anfang an bekannt, Polizisten spielen bestenfalls als zögerliche Handlanger eine Rolle, oder sind nach ihrem Abschied aus dem Polizeidienst derart korrumpiert, dass sie ohne Umschweife und große Gewissensbisse zu Killern werden. Je besser die Bezahlung, desto größer die Loyalität. Solidarität in einer Männerwelt.

Dass die Chance zum Ausbruch aus festgestanzten Verhaltensmustern den Frauen zukommt, liegt eigentlich auf der Hand. Denn sie spielen mit Regeln, handeln, wenn der männliche Part noch in Überlegungen feststeckt, ob eine mögliche Aktion der gesellschaftlichen Reputation schaden könnte. Selbst dann wenn der Betroffene genau weiß, dass diese Gesellschaftsform kaum bewahrenswert ist. Selbst Hanna Trout, die als starke und autarke Frau begonnen hat, ihre Selbständigkeit unter der Fuchtel Trouts nach und nach verloren hat, schafft es sich zu befreien. Ob es ihr allerdings je gelingen wird, ihn auch aus ihren Alpträumen auszuradieren, bleibt offen.

Pete Dexter hat mit „Paris Trout“ ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch vorgelegt, das mehrmaliges Lesen geradezu einfordert. Denn ist angefüllt mit Geschichten, Perspektiven, kleinen Randbemerkungen, die es allesamt wert sind entdeckt und erforscht zu werden.

„Regeln?“ fragte Ward Townes.
„Strafen“, erklärte der Zimmermann. „Wenn jemand gegen die Regeln verstößt, muss er den Preis dafür zahlen.“
„Welchen Preis?“ fragte Townes.
„Einen halben Dollar“, sagte der Zimmermann.“

Paris Trout jedenfalls ist nicht bereit auch nur einen Cent zu bezahlen.

Ein Meisterwerk, komplex und atemberauend“ schreibt die Los Angeles Times laut Klappentext. Und sie hat verdammt Recht damit.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Pete Dexter

  • Titel: Paris Trout
  • Originaltitel: Paris Trout
  • Übersetzer: Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 07.2008
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 416
  • ISBN: 978-3935890540
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Auch wenn es fast zu nah liegt: „Die Höhle“ ist unterirdisch

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(c) Limes

Ich habe weit mehr positive Kritiken geschrieben als negative, das Verhältnis beträgt etwa 1:10. Trotzdem haben einige dieser Verrisse für mehr Furor, Spaß, gute Laune und manchmal sogar zu regem und konstruktivem Austausch mit Autor*innen gesorgt. Bei der Eintagsfliege namens „The Cave“ aka „Die Höhle“ war nichts davon der Fall. Einfach nur ein launiger Veriss eines der lausigsten, schlecht konzipiertesten und ausgearbeitesten Kriminalromane, die ich gelesen habe.

Das Spannendste an diesem Roman war 2006, als diese Rezension für Dieter Paul Rudolphs feine, mittlerweile leider eingestellte  „Watching The Detectives“-Seite entstand, dass er bloß noch antiquarisch und zu exorbitant hohen Preisen erhältlich war. Das hat sich mittlerweile geändert, das kleine, unterirdische Holterdipolter kann man mittlerweile ab 1 Cent (plus Porto) erstehen.

Das Schreiben einer derartigen Rezension habe ich immer als Lohn dafür erachtet, eine Lesequal hinter mich gebracht zu haben. Da diese Rubrik bislang eine Leerstelle war, denke ich, das folgende kleine Kritik-Anekdötchen ist ein passender Einstand auf der Crime Alley und eine Warnung für angehende Höhlenforscher.

Die Höhle“ ist ein Phänomen. Out of print überspringt es bei Auktionen regelmäßig die 20 Euro Marke. Es scheint also recht begehrt zu  sein.  Die Frage, ob der Limes-Verlag ein Geschäft verschläft, oder eine Minderheit Allesleser sich sehnsüchtig nach diesem Psycho-Kammerspiel verzehrt, ist vermutlich spannender, als der Schmöker selbst.

Zwei-Personen, die sich über gut 200 Seiten bekriegen, das klingt nach Ehedrama, ist in diesem Fall aber das Katz und Maus Spiel, welches ein Paradepsychopath mit seinem Opfer betreibt.  Schlicht geschrieben, zu keinem Moment glaubhaft, wartet das Buch mit dem lächerlichsten Serienmörder und der hysterischsten Opfer-Heldin auf, die man sich nur vorstellen kann. KANN, aber nicht will.

Das ist eine misslungene Rumpelstilzchen Version – wobei ich nicht weiß, ob Rumpelstilzchen eine ähnlich katastophral-ödipale Beziehung zu seiner Mutter hatte wie der Antiheld in der „Höhle“ –, mit einem besserwisserischen Stilzchen in der Hauptrolle, das aus Versehen oder Resignation ein ältliches Rotkäppchen mit kolossalem Nervfaktor festgesetzt hat. In dieser Schultheateraufführung reiht sich Klischee an Klischee, von der übermächtigen Mutter, dem hochbegabten, voyeuristischen Außenseiter mit der Sehnsucht erlöst zu werden, bis zu einer weiblichen Hauptfigur, die angeblich Psychologin sein soll, um deren Praxis man im echten Leben aber einen ganz weiten Bogen machen müsste. Denn ihre Erkenntnisse der menschlichen Natur bezieht Frau Doktor anscheinend aus den Klappentexten einschlägiger True-Crime Literatur. Abhängigkeiten werden ständig behauptet, funktionieren aber nur, weil sämtliche Beteiligten (es sind nicht allzu viele) daran glauben möchten.  Schlimmer noch, es wird ihnen von der Autorin aufoktroyiert.

Dabei ist „Die Höhle“ vor allem eins: Frauenfeindlich. Dominante Huren oder naive Opfer (immerhin weit über 100 vermutete), ansonsten ist da nichts. Das man Helen „Heldin“ Myers (definitiv keine Hure) nicht einen schnellen Tod wünscht, liegt nur daran, dass der kleinwüchsige Serienkiller noch erbärmlicher als seine Antipodin dargestellt wird. Dass sie am Ende überlebt, folgt den Gesetzen der kleinen Schreibschule für minder begabte Autor/Innen, unglaubwürdig ist es allemal.

Jemand, der mit nichts anderem als Erkenntnissen wie  „Wie lang waren die Ketten, die uns mit der Vergangenheit verbanden? Das Böse war schon immer der Kamerad des Menschen gewesen“ brillieren kann, dürfte schon beim unbeschadeten Überqueren einer Einbahnstraße seine Schwierigkeiten haben. Gerade wenn die Übersetzerin pfadfindermäßig geholfen hat…

Ach übrigens, falls jemand einen super Psychothriller demnächst für mehr als 20 Euro ersteigern möchte, ich hätte da was im Angebot… die Höhle von einem Buch [Dieses Angebot gilt nicht mehr, ich habe das Buch bereits vor Jahren veräußert. Weit weg…].

Höhle.. Höhle… Hölle! Ich sehe die Verfilmung schon vor mir: Wolfgang und Nina Petry/i in den Hauptrollen. Die Höhle als sie selbst. Da kann eigentlich nichts schief gehen.

„Menschliches Leid war immer ein Rätsel, Lenny.“
„Ja? Dann ist die ganze Welt voller Rätsel.“
„Sie ist voller Rätsel. Hören Sie zu.“

Rätselhaft. Aber Zuhören bei diesen Dialogen des Grauens? Och Gottchen, nöö.

Die letzte Seite. Endlich….

Wertung: 25 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Anne McLean Matthews
  • Titel: Die Höhle
  • Originaltitel: The Cave
  • Übersetzer: Friederike Zeiniger
  • Verlag: Limes
  • Erschienen: 1997
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 298
  • ISBN: 978-3809024149