Sarah Jane – das Rätsel des Menschseins

© Liebeskind

Sarah Jane Pullman arbeitet als Polizistin in Farr, einem kleinen Kaff inmitten der USA. Als eines Tages ihr Chef und Förderer Cal Phillips verschwindet, beginnt nicht nur eine aufreibende Suche, sondern auch eine intensive Reise in Sarah Janes Vergangenheit. So entsteht eine Mischung aus Reflektion und Beichte, angefertigt von Sarah Jane selbst für ihren Freund Sid.

Sarah Jane erzählt von einer Mutter, die abzutauchen zur Profession gemacht hat, einem Vater der sich zu kümmern versucht, aber überfordert vom Leben ist, , vom Abrutschen in die Kriminalität, dem bedrohlichen Spiel mit Drogen, der Rettung durch den Eintritt in die Armee – statt ins Gefängnis einzufahren. Und immer wieder von Männern: Freundlichen, unzuverlässigen, verzweifelten und toxischen. Die Beziehung zu einem gewalttätigen Polizisten führt zu einem ebensolchen Ende. Mit Sarah Jane als Überlebender.

Das wird sie Jahre später einholen, gerade als sie als Interims-Polizeichefin das mysteriöse Verschwinden ihres Chefs und wohlmeinenden Beistandes Cal untersucht. Dessen Abwesenheit eng mit Sarah Janes Biographie zusammenhängt.

James Sallis gelingt es wieder auf rund 200 Seiten ein kleines Universum zu erschaffen. „Er konnte den Peloponnesischen Krieg in einem Satz zusammenfassen“, heißt es an einer Stelle. Das trifft auch auf den Autor zu. Sallis gelingen Lebensabrisse in wenigen Sätzen, selbst bei Figuren, die nur am Rande auftauchen. Die ewig suchende, herumirrende Sarah Jane, die erst spät einen Moment der Sicherheit erfährt, gerät ungleich komplexer. Sallis beherrscht die Kunst der Komprimierung. Zugleich poetisch und treffgenau gibt er seinen Lesern Raum, das brennende Unausgesprochene zu füllen und den Text weiterzuentwickeln.

Bloße Ermittlungsarbeit und stereotype Spannungsentwürfe spielen dabei kaum eine Rolle. Spannend ist die Sicht Sarah Janes aufs Leben, auf Möglichkeiten, Verweigerungen, verpasste Chancen und die ewig lauernde Unbehaustheit. Die menschliche Existenz als Monster, das sich selbst verspeist.

Alle Geschichten sind Geistergeschichten, über verlorene Dinge, verlorene Menschen, Erinnerungen, Heimat, Leidenschaft, Jugend, über Dinge, die darum ringen, von den Lebenden gesehen und anerkannt zu werden.


Sätze wie Grabinschriften, die haften bleiben, die einen Sog erzeugen, der mitreißt, wenn man Sarah Jane auf ihren verschlungenen Pfaden folgt. Präsentiert mit einer liebevollen Ernsthaftigkeit, die weit entfernt ist von Zynismus oder einem ironischen Gestus, der das Geschriebene zur beiläufigen Banalität degradiert. Ein großartiges, eindringliches Buch, der beste Begleiter durch eine Nacht, die Sarah Jane selbst heraufbeschwört.

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Wertung: 90 von 100 Treffern

  • Autor: James Sallis
  • Titel: Sarah Jane
  • Originaltitel: Sarah Jane
  • Übersetzer: Kathrin Bielfeldt, Jürgen Bürger
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 08.2021
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 216 
  • ISBN: 978-3954381371

 

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