There and back again

© Klett Cotta

Viele haben ihn gelesen, noch mehr haben sich wohl Peter Jacksons Kinoverfilmung von J.R.R. Tolkiens Roman-Epos „Der Herr der Ringe“ angesehen. Ein Abenteuer, das mit der Übergabe des schicksalhaften Rings durch Bilbo seinen Anfang nahm. Doch woher hatte dieser den Ring eigentlich? Wie kam es dazu, dass dieses mächtige Artefakt bei einem gemütlichen Hobbit im Auenland landen konnte? Davon erzählt J.R.R. Tolkiens Werk „Der Hobbit oder Hin und zurück“.

Und doch ist dieser Klassiker der phantastischen Literatur weit mehr als nur ein Vorspiel für die Ereignisse des Großen Ringkriegs. Er darf und kann für sich allein gelesen werden, besitzt auch ohne Tolkiens geniale Verbindungsstücke genug Eigenständigkeit, um fernab von „Der Herr der Ringe“ überzeugen zu können. Egal ob von Walter Scherf oder Wolfgang Krege übersetzt, auch bei der xten Lektüre entfaltet dieses Buch noch seinen Zauber, nimmt es Jung und Alt gleichermaßen gefangen. „In einer Höhle in der Erde, da lebte ein Hobbit.“ Sobald ich diese Zeilen lese, hat mich Mittelerde wieder in seinen Bann gezogen, wandle ich in Gedanken durch Bilbos wohliges Heim…

In das kommt eines schönen Abends ziemlich Trubel, als es an der runden Tür seiner Höhlenbehausung klopft. Doch statt dem üblichen Hobbit-Besuch treten diesmal ganz besondere Gäste ungebeten über die Schwelle. Thorin Eichenschild, König der Zwerge, ist mit seinen zwölf Gefährten ins Auenland gekommen, um auf Empfehlung des Zauberers Gandalf, der Bilbo als „Meisterdieb“ angepriesen hat, diesen für ein ganz besonderes Unternehmen zu gewinnen: Ein Schatz soll gehoben werden. Er befindet sich im fernen Reich Dal und wird von dem mächtigen Drachen Smaug bewacht, der einst Thorins Großvater vom Thron stieß und damit gleichzeitig das ganze Volk der Zwerge ins Exil zwang. Seither liegen die Stadt und der Königspalast zerstört auf dem Einsamen Berg. Smaug ist dessen unangefochtener Herrscher. Eine Tatsache, die auch die anderen Lande um den Langen See, allen voran Esgaroth, immer wieder schmerzlich spüren müssen. Nun soll der Herrschaft des feuerspeienden Ungetüms ein Ende gemacht, der Schatz wieder in den Besitz der Zwerge gebracht werden … und Bilbo soll der Schlüssel zum Erfolg sein. (Außerdem braucht man einen Mann mehr, da man die Unglückszahl 13 über alle Maßen fürchtet)

Bilbo Beutlin, als typischer Vertreter des friedlichen Volks der Hobbits, ist wenig begeistert, wird aber mehr oder minder sanft von Gandalf dem Zauberer zur Teilnahme „überredet“. Und schließlich fließt ja auch etwas Blut aus dem Tuk-Zweig der Familie in ihm, die schon immer für ihre draufgängerische Art bekannt waren. Ehe er sich versieht, zieht er mit Gandalf und den Zwergen gen Osten. Die Reise führt sie zu durch ein Lager von Trollen über das schöne Bruchtal der Elben bis ins schroffe Nebelgebirge, wo sich seit einiger Zeit die Orks wieder zusammenrotten, um Krieg und Verwüstung in die benachbarten Lande zu tragen. Hier wird Bilbo im Kampfe von seinen Gefährten getrennt. Allein in der Dunkelheit stolpert er tief unter der Erde über einen kleinen Zauberring und ein seltsames Wesen namens Gollum.

Nur dank einer List im Rätselspiel entkommt er dessen Fängen und gelangt mithilfe des Rings, der unsichtbar macht, an den Linien der Orks vorbei. Im Osten trifft er seine alten Gefährten wieder, mit denen er, nach einer kurzen Rast beim brummigen Bärenmenschen Beorn, die Reise durch den finsteren Nachtwald antritt. Hier zeigt sich jetzt, zu was ein entschlossener (und sich nach dem Zuhause sehnender) Hobbit imstande ist. Während nach und nach der Mut der Zwerge sinkt und die Lage immer aussichtsloser scheint, ist es Bilbo, der seinen Begleitern immer wieder das Leben rettet und schließlich dafür sorgt, dass man eines Tages am Fuße des Einsamen Berges ankommt. Dort wartet nun mit Smaug ihr gefährlichster Gegner auf sie. Wieder mal ist es an Bilbo, dem „Meisterdieb“, einen Weg zu finden, um Thorin und seinen Freunden zum Sieg zu verhelfen. Doch es kommt alles anders als geplant …

Trotz der Versuche in den letzten Jahren „Der Hobbit“ sprachlich an das Ring-Epos anzugleichen, dessen Ton zu versachlichen (auch durch Tolkien selbst, der wegen sachlicher Widersprüche Änderungen vornahm) oder etwas ernster wirken zu lassen, bleibt das Buch genau das, als was es John Ronald Reuel Tolkien ursprünglich geplant hatte: Eine märchenhafte Geschichte, ein Buch für Kinder und Jugendliche. Und zwar eins das trotz der vergangenen mehr als acht Jahrzehnte (Erstveröffentlichung 1937 – Tolkien schrieb vermutlich fünf bis sechs Jahre an dem; ca. 1930 – 1936) nichts von seiner literarischen Farbenpracht und seinem wortwörtlich fantastischen Reiz verloren hat. Geschildert wird dem Leser die Geschichte von einem allwissenden Erzähler und damit auf eine Art und Weise, wie sie heute eigentlich aus der Mode gekommen ist.

Vielleicht gerade deswegen ist ein Griff zu diesem Werk für mich mit so nostalgischen Gefühlen verbunden, zumal man im Hinterkopf stets den größeren Kontext von Mittelerde behält, welche der Literaturwissenschaftler Tolkien mit einer eigenen Geografie (allein die Karten von Mittelerde könnte man stundenlang betrachten und studieren), eigenen Mythen und Sprachen sowie einem komplett durchdachten historischen Hintergrund versehen hat. Wo andere Fantasy-Autoren allenfalls ein Grundgerüst konzipiert haben, ist Tolkien eine sprachliche Kathedrale gelungen, bei der bis zum kleinsten Mosaiksteinchen alles passt, jedes Detailrädchen logisch ins andere greift.

In „Der Hobbit“ jedoch lässt sich dieses Ausmaß allenfalls erahnen, beschränkt sich doch der Autor noch darauf „nur“ die Geschichte zu erzählen und den größeren Hintergrund höchstens ausschnittartig in die Handlung einzuflechten. Ellenlange Landschaftsbeschreibungen, seitenlange Lieder oder lyrische Verse zu historischen Begebenheiten wird man hier nicht finden. Der Plot ist, zumindest im Vergleich zu „Der Herr der Ringe“, relativ einfach gehalten, die Sprache erfrischend unbeschwert und – Tolkien-unüblich – leichtfüßig. Der rote Faden zieht sich vom Anfang bis zum Ende, ohne an irgendeiner Stelle vom Weg abzukommen (Was man wiederum vom Protagonisten nicht behaupten kann). Gerade das macht das Buch vielleicht für einen Großteil der, natürlich insbesondere jüngeren Leser, umso spannender und unterhaltsamer.

Ich persönlich halte das eine wie das andere für ein literarisches Meisterwerk. Eben weil Tolkien immer das größere Ganze im Hinterkopf hat, es nach und nach ausweitet und die wenigen losen Enden dieser Geschichte schlichtweg überragend mit dem epischen „Herr der Ringe“ verknüpft. Es ist mir daher bis heute gänzlich unmöglich, die Szene, in der Bilbo in der Finsternis der Ork-Höhlen den Ring ertastet, ohne Schauder und Gänsehaut zu lesen – wohlwissend, was dieser Fund für den weiteren Verlauf der Dinge bedeutet.

Sicher, wer den Rotstift zückt, haargenau und Wort für Wort liest, wird auch hier Fehler finden, Unzulänglichkeiten bezüglich der Figurenzeichnung oder kleine logische Stolpersteinchen bemängeln können. Doch hier dieses Maß anzulegen, hieße Perfektion perfektionieren zu wollen. „Der Hobbit“ ist eine wunderschöne und fröhliche, aber auch tieftraurige und mitunter schrecklich-schaurige Märchengeschichte voller kleiner Wunder, die selbst noch das Herz eines inzwischen ernüchterten, abgestumpften Erwachsenen erreicht und mit seiner Tiefe auch emotional lange nachwirkt. Es ist ein Buch, das die Macht des Wortes in vergleichsweise kleinem Umfang aufs Wunderbarste zu verdeutlichen versteht und als schulmeisterliches Beispiel für alle sogenannten Schriftsteller dienen sollte. Trotz der meines Erachtens leider missratenen Verfilmung, weiß ich mit Sicherheit, dass mir die geistigen Bilder von Beorns Blumenwiesen, von dem dunklen See Gollums, von Smaug in seiner Halle oder der Lichtung der Warge niemand je wird nehmen können – eben weil sie die Phantasie anregen, sie wecken, am Leben und mich damit jung erhalten.

J.R.R. Tolkiens „Der Hobbit“ sucht daher bis zum heutigen Tag in diesem Genre seinesgleichen. Ein einfach (im besten Sinne des Wortes) schönes Buch über Abenteuer, Gefahren, Verrat und Freundschaft, dessen moralische Ratschläge auf eine Art und Weise an uns und unsere Jüngsten vermittelt werden, wie das der derzeitigen Literatur im Gros zumeist abgeht.

Vielen Dank, lieber J. R. R. Tolkien! Ihr Werk wird für immer – in mehrfacher Ausführung, Übersetzung und Gestaltung (die vorliegende Ausgabe mit den Illustrationen von Alan Lee ist unter den deutschen Veröffentlichungen besonders empfehlenswert) – einen ganz besonderen Platz in meinem Regal und meinem Herzen haben.

(An dieser Stelle noch ein kleiner Hinweis: Diese Besprechung hat – meines Erachtens auch merklich – mehr als zehn Jahre auf dem Buckel und wurde für die Veröffentlichung an dieser Stelle nur geringfügig geändert. Ich hoffe mich doch qualitativ seitdem etwas gesteigert zu haben, wollte aber jedoch gleichzeitig das damals eingefangene Gefühl, meine Liebe zu Tolkien, unverfälscht ins Hier und Jetzt transportieren. Und hoffe inständig, das ist immer noch gelungen.)

Wertung: 99 von 100 Treffern

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  • Autor: J. R. R. Tolkien
  • Titel: Der Hobbit
  • Originaltitel: The Hobbit Or There and Back Again
  • Übersetzer: Wolfgang Krege
  • Verlag: Klett Cotta
  • Erschienen: 12.2014
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 398 Seiten
  • ISBN: 978-3608938005

2 Gedanken zu “There and back again

  1. Als ich den kleinen Hobbit in der wunderbaren Taschenbuchausgabe von dtv, mit dem tanzenden Hobbit vorne drauf, gelesen habe, wusste ich als Kind noch gar nichts von der ganzen Hintergrundgeschichte. Das war gut so, denn ich tauchte einfach nur in DIESE Geschichte ab und zitterte mit dem kleinen Meisterdieb, bis es zur grossen Schlacht kam.
    Es ist, was es ist, eine wunderbare, immer wieder hervorzuholende Geschichte!
    Danke Dir für den schönen Artikel und liebe Grüsse
    Nina

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    • Danke für die lieben Worte, Nina!

      Ja, da gebe ich Dir vollkommen Recht. „Der Hobbit“ ist einfach ein zeitloses Buch – für Jung und Alt – in dem so viel lehrreiches drinsteckt – und dessen „Bilder“ man auch ein Leben lang stets präsent vor Augen hat. Zudem ist es der best- und frühstmögliche Einstieg in den Kosmos Mittelerde, dessen Ausmaß für mich bis heute alles andere im Bereich der Fantasy in den Schatten stellt. Die Liebe zum kleinsten Detail bei Tolkien, sie war und ist immer noch außergewöhnlich,

      Ganz liebe Grüße zurück
      Stefan

      Gefällt 2 Personen

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