Der Fluch der Karibik

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„Früchte des Zorns“, „Jenseits von Eden“, „Von Mäusen und Menschen“, „Die Straße der Ölsardinen“ – John Steinbeck hat in seiner Karriere als Schriftsteller wohl die denkbar tiefsten literarische Fußspuren in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts hinterlassen und gehört bis heute noch zurecht zu den meistgelesenen amerikanischen Autoren dieser Epoche.

Ausgezeichnet unter anderem mit dem Nobelpreis für Literatur und dem Pulitzer-Preis, fällt er damit zwangsläufig in die Kategorie, welche man gemeinhin als Klassiker tituliert und daher in jeder gut sortierten heimischen Bibliothek den wohlverdienten Platz einräumt. Wohlgemerkt aber bitte nicht, um sie dort verstauben zu lassen, denn Steinbecks Werk ist, im Gegensatz zu manch anderer so genannter Weltliteratur, auch knapp fünf Jahrzehnte nach seinem Tod im Dezember 1968 immer noch von großem Unterhaltungswert und uneingeschränkt empfehlenswert. Doch gilt dies auch für seinen eher unbekannten Erstlingsroman „Eine Handvoll Gold“?

Es ist einmal mehr meiner persönlichen (und augenscheinlich unheilbaren) Neurose geschuldet, dass ich das literarische Schaffen Steinbecks für die kriminelle Gasse chronologisch in Angriff nehme, um dessen Entwicklung als Autor verfolgen zu können und seiner Bedeutung als naturalistische, einfühlsame Stimme der Verlierer des so genannten „American Dream“ entsprechend Rechnung zu tragen. In seinem Debüt kommen diese allerdings noch nicht „zu Wort“ bzw. zum Tragen, handelt es sich bei „Eine Handvoll Gold“ doch um einen historischen Roman, der allerdings nur auf den ersten Blick ganz in der Tradition der Mantel-und-Degen-Abenteuer von Jack London, Robert Louis Stevenson oder Rafael Sabatini steht, bei genauerem Hinsehen dieses Genre jedoch um ein paar bis dato eher unbekannte Elemente erweitert.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die historische Persönlichkeit Captain Henry Morgan (heutzutage der Mehrheit vielleicht nur noch aufgrund seiner Namensgebung für eine Rumsorte ein Begriff), einem geborenen Waliser, den es – behütet in einer bürgerlichen, aber eher armen Familie aufgewachsen – schon als Kind drängt, die Welt jenseits der britischen Gestade zu erkunden. Entgegen dem Willen seiner Mutter und dem Bergweisen Merlin (!) verlässt er die sichere Zuflucht und heuert in Cardiff als Kombüsenhilfe auf dem Handelsschiff „Bristol Girl“ an. Das Ziel: Westindien. Hier will sich Morgan als Bukanier (alte Bezeichnung für einen Freibeuter oder Piraten) mit Raubzügen und Eroberungen einen Namen machen. Es kommt jedoch zuerst ganz anders als gedacht. Der Kapitän der „Bristol Girl“ verkauft ihn als Sklaven an den Plantagenbesitzer James Flower, der jedoch Mitleid mit dem träumerischen Jungen hat und zudem in ihm einen wissbegierigen Zuhörer erkennt.

Schnell steigt Morgan zu dessen Sekretär auf, übernimmt bald die Leitung und nutzt die Zeit um sich vor allem in Kriegstaktik weiterzubilden. Als der fünfjährige Arbeitsvertrag mit Flower seinem Ende entgegen geht, sieht er endlich seine Chance gekommen. Er überredet Flower zum Kauf eines Schiffes, heuert eine Mannschaft an und geht, mit dem Segen der Majestät von England, auf Kaperfahrt. Immer mehr Kapitäne sammeln sich um Henry Morgan, dessen Ruf allein Furcht bei seinen Gegnern schürt und dessen gewiefte Manöver reiche Beute versprechen. Und mit der Zeit wird die Piraterie von einem kleinen Ärgernis zu einer ernsthaften Bedrohung innerhalb der Karibik. Insbesondere für die Spanier, welche aufgrund der vielen Angriffe ihr Gold inzwischen nur noch in großen Konvois gen Heimat transportieren und nach und ihre Stützpunkte an die Freibeuter-Armada verlieren. Allein Panama, die befestigte und aufgrund des Reichtums als Perle der Karibik bekannte Stadt, konnte bisher standhalten. Diese Trutzburg der Spanier gilt als uneinnehmbar, doch als Morgan erfährt, dass sie auch Heimat der geheimnisvollen „Roten Heiligen“ ist, der angeblich schönsten Frau der Welt, will er auch dieses Wagnis in Angriff nehmen …

Wie gemeinhin auch bei anderen historischen Romanen üblich, so hat auch John Steinbecks erster literarischer Wurf nur bedingt den Anspruch geschichtlich gänzlich korrekt zu sein, was im Hinblick auf den Lebenslauf von Henry Morgan ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen gewesen wäre, existieren doch bis zum heutigen Tag nur spärliche Informationen über dessen Raubzüge in der Karibik. Und insbesondere über seine Kindheit und Jugend ist fast nichts bekannt. Die wenigen Quellen sind zudem widersprüchlich (der Pirat legte gegen manche Darstellungen sogar zu Lebzeiten noch gerichtlich Einspruch ein), so dass Steinbeck, vom Schauplatz Wales einmal abgesehen, sämtliche kreative Freiheiten genutzt hat, um Morgans Sehnsucht nach der Ferne in Szene zu setzen und zu erklären, wie es ihn letztlich in die Karibik verschlägt, wo er ab dem Jahre 1665 bis zu seinem Tod 1688 zum gefürchtetsten Freibeuter dieser Ära aufstieg, dessen Machtfülle selbst dem aufstrebenden britischen Weltreich und seiner Majestät zunehmend ein Dorn im Auge wurde. Ironischerweise war er es aber gleichzeitig auch, der die Expansion des jungen Empire in dem vormals vor allem von Spanien beherrschten Gebiet – und damit den Aufstieg zur Weltmacht – entscheidend begünstigte. Zur Belohnung stieg er später gar zu einem königlichen Beamten auf.

Morgans Zeit als erfolgreicher Bukanier nimmt jedoch nur einen überschaubaren Teil dieses mit gerade mal 200 Seiten relativ kurzen Romans ein. Vielmehr konzentriert er sich vor allem auf den inneren Antrieb seines Protagonisten, der nach Ruhm, Ehre und später vor allem auch Reichtum strebt, die Heimat als Fesseln empfindet, welche es abzustreifen gilt. Interessant ist dabei, wie behutsam und liebevoll Steinbeck eben diese Entwicklung Morgans skizziert, der uns zu Beginn als unschuldiges, neugieriges Kind begegnet, dem man noch größtmöglichen Erfolg bei der Erfüllung seiner Träume wünscht, nur um nach und nach zu begreifen, wie gefährlich eben solche Wünsche sein können, wenn jemanden für deren Umsetzung jegliches nur denkbare Mittel Recht ist. Seine Zielstrebigkeit und der eiserne Willen, welche den jungen Morgan sowohl die erste Überfahrt als auch seine Knechtschaft auf der Plantage überstehen lassen, härten ihn zwar sichtbar ab, haben letztlich aber auch zur Folge, das er von nun an mitleidslos fähig ist, andere dasselbe durchleiden zu lassen. Henry Morgan herrscht durch Furcht, sein Name wird, wenn überhaupt, nur leise genannt. Fast so, als läge ein Fluch auf ihm. Übrigens hat sich das bis zum heutigen Tag nicht geändert. Bewohner der damals betroffenen Inseln vergleichen ihn immer noch mit niemand geringeren als dem Teufel selbst.

Was auf den ersten Blick wenig ungewöhnlich für einen Freibeuter klingt, ist dennoch in literarischer Form im Jahr der Veröffentlichung (1929) durchaus ein Novum, wurden die rauen Gesellen mit Augenklappe und Papagei auf der Schulter doch eher als Robin Hoods der Meere porträtiert, für welche die sorglose Lebenslust und die grenzenlose Freiheit bei ihrem Treiben weit mehr im Vordergrund stand, als tiefer verwurzelte, konkrete Ziele, die es hartnäckig zu verfolgen galt. Henry Morgan dagegen offenbart sich uns als ein getriebener, kaltblütiger Charakter ohne Reue, der kein Ziel erreichen kann, ohne sich selbst schon wieder ein Neues zu stecken – sei es auch noch so unerreichbar. Es ist diese unbändige Gier sich zu beweisen, die im späteren Verlauf seines Lebens letztlich zu seinem Fall führen wird. Isoliert von all den Menschen um ihn herum – seinem einzigen Freund und Verbündeten Coer de Gris will er unbedingt trauen, ohne dies wirklich zu können – schafft sich Morgan einen goldenen Käfig, der, gebaut aus dem immerwährenden Hunger nach mehr Macht und Geld, für ihn nur Einsamkeit und den teuflischen Kreislauf der Obsession bereithält (Hier verkörpert durch „La Santa Roja“, die „Rote Heilige“). Wir als Leser erkennen, dass er sich dabei selbst verrät – und das gleich zweimal. Einerseits kann er gegenüber Merlin nicht sein Wort halten, andererseits kehrt er dem selbstbestimmten Bukanierleben den Rücken, um stattdessen als Diener der Krone in deren Auftrag zu plündern.

Der Aufstieg Henry Morgans bis zum Gipfel und der darauffolgende Sturz – sie sind gleichzeitig die Triebfeder dieser leichtfüßigen, wenn auch manchmal etwas zu phantasievoll ausgeschmückten Erzählung, welche bei ihrer Veröffentlichung von der Kritik nahezu unbeachtet blieb und für den Autor einen finanziellen Misserfolg bedeuteten. Es sollte noch einige Zeit, genauer gesagt zwölf Jahre und bis „Tortilla Flat“ dauern, ehe der Name John Steinbeck den Stellenwert erhielt, den er bis zum heutigen Tage beibehalten hat. Dass auch der Weg dorthin ein unheimlich lohnens -und lesenswerter ist, beweist „Eine Handvoll Gold“ nachdrücklich. Ein feiner, geistreicher und mitunter philosophischer Abenteuerroman über den ursprünglichen Fluch der Karibik, der immer noch zu unterhalten weiß.

Wertung: 81 von 100 Treffern

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  • Autor: John Steinbeck
  • Titel: Eine Handvoll Gold
  • Originaltitel: Cup of Gold – A Life of Sir Henry Morgan, Buccaneer, with Occasional Reference to History
  • Übersetzer: Hans B. Wagenseil
  • Verlag: dtv
  • Erschienen: 09.1987
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208 Seiten
  • ISBN: 978-3423107860

2 Gedanken zu “Der Fluch der Karibik

  1. Endlich sind meine „Ferien“ vorbei und ich sehe mit Freuden in meiner Inbox, dass Du äusserst aktiv Deinen Blog gefüttert hast.

    Steinbeck steht zwar nicht in meiner Bibliothek, doch gelesen habe ich „Die Früchte des Zorns“ mit etwa 15Jahren als im Haus meiner Eltern kein Buch vor mir sicher war. Damals stand mir der Sinn sehr nach kritischen gesellschafts-kriegs-politischen-religiösen Büchern und ich war froh, dass meine Eltern damals in einem Buchclub waren und somit für interessanten Nachschub sorgten. (Ich bin aber überzeugt, dass – wenn sie gewusst hätten was in diesen Büchern steht – mir die Lektüre einiger dieser Schätze in dem Alter verboten hätten.)
    Viele dieser Bücher haben bei mir einen starken Eindruck hinterlassen und prägen mein Denken seither.
    Wie dem auch sei: Deine Besprechung von „Eine Handvoll Gold“ hat in mir lange zurückliegende Erinnerungen meine Lese-Sturm-und-Drang-Zeit und an den Schriftsteller geweckt so wie auch mein Interesse daran dieses kleine Buch demnächst mal zu lesen (wenn ich es mir zugelegt habe).

    Gefällt 1 Person

    • Willkommen zurück aus dem Urlaub! Deine Bilder haben mir gleich Lust gemacht, mich selbst wieder auf den Weg zu machen. Leider nicht mehr genügend Tage übrig. ;-)

      „Eine Handvoll Gold“ ist rückblickend sicher ein Steinbeck-untypisches Buch, aber eben ein typischer Erstling. Nichtsdestotrotz bleibt es lesenswert, da wir das Piratenmotiv hier mal aus einem ganz anderen Blickwinkel (und weit weniger mit dem Fokus auf das Abenteuer per se) präsentiert bekommen – und die Geschichte ja größtenteils auf historisch verbürgten Ereignisse fundiert. Insofern sicherlich eine lesenswerter und vor allem gut lesbare Lektüre, die sich als Einstieg in Steinbecks Werk hervorragend eignet. Bin dann mal gespannt, wie es Dir gefällt, wenn du es kaufen und lesen solltest.
      LG zurück
      Stefan

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