Up the Irons? Up to the Sky!

© Heyne Hardcore

Wie gerne würde ich mit stolzgeschwellter Brust prahlen, ein Iron-Maiden-Fan der allerersten Stunde zu sein. Allerdings macht mir hier nicht nur mein spätes Geburtsdatum einen Strich durch die Rechnung, sondern muss ich auch der Wahrheit halber gestehen: Es war Liebe auf den zweiten, etwas späteren Blick – aber die hält naturgemäß dann doch dafür oft viel länger.

In diesem Fall trifft das definitiv zu, denn seit meiner ersten näheren Auseinandersetzung mit „Fear of the Dark“ sind die „Irons“ aus meinem persönlichen Musik-Kanon nicht mehr wegzudenken. Während die Band für manche Kritiker nur eine von vielen der New Wave of British Heavy Metal darstellt, beansprucht sie bei mir den Olymp ganz allein und unangefochten für sich. Und nach Meisterwerken wie „Number of the Beast“, „Piece of Mind“, „Powerslave“, „Somewhere in time“ und (das meines Erachtens zu Unrecht unterschätzte) „Seventh Son of a Seventh Son“ kann und darf es da eigentlich auch keine zwei Meinungen geben.

Während ich zu meiner Schande noch nie ein Maiden-Konzert besuchen konnte, so habe ich doch sonst alles rund um Frontmann Bruce Dickinson und Bandgründer Steve Harris inhaliert, was an informativen und aufschlussreichen Material des Weges kam. So ist es wenig verwunderlich, dass auch die Autobiografie des Ersteren irgendwann in unserem Bücherregal landen musste, welche nun die Ehre hat, als erste dieser Literaturform, in der kriminellen Gasse besprochen zu werden, leider aber nicht ganz alle meine Erwartungen erfüllen konnte. Und damit kommen wir auch recht schnell zum springenden Punkt: Es ist in der Tat wesentlich, welche Anforderungen wir an „What does this button do?“ stellen, um im Nachhinein nicht mit einer gewissen Enttäuschung aus der Lektüre herauszugehen.

Gerade Fans, die hoffen, hier mehr über die Nähkästchen der Metal-Band zu erfahren (z.B. über die legendären Streitereien mit Steve Harris), dürften (negativ) überrascht sein, wie wenig Platz sie innerhalb dieses Buches einnimmt und welche kurzen „Blicke“ hinter die Kulissen uns Dickinson gewährt. Eine für den ein oder anderen unverständliche Entscheidung, die aber eigentlich durchaus folgerichtig ist, geht es doch schließlich um die Air Raid Siren himself und eben nicht um die Band. Jedoch, soviel sei gesagt, auch hinsichtlich einer privaten Nabelschau des Sängers muss man Abstriche machen, denn die brüllende Urgewalt Dickinson erweist sich als echter englischer Gentleman und wahrt, bis auf wenige Ausnahmen wie seine Krebserkrankung, durchgehend eine gewisse Distanz zum Leser.

Bleibt nun die Frage: Was wird überhaupt in dem Buch thematisiert? Nun, so ziemlich alles andere, lautet die Antwort. Und das ist bei jemanden wie Bruce Dickinson, der augenscheinlich nicht eine Sekunde seines Lebens auf dem Arsch sitzend verbringen konnte, eine ganze, verdammte Menge.

Natürlich beginnt sein Rückblick in der eigenen Kindheit, welche er größtenteils bei seinen Großeltern verbrachte, da seine Eltern vor allem mit sich selbst und ihrem Aufstieg aus der Mittelklassigkeit des Kleinbürgertums beschäftigt waren – und entsprechend wenig Zeit und Interesse für ihren Sohn übrig hatten. Der durfte erst eine Privatschule besuchen und im Anschluss an die sechste Klasse auf ein elitäres Internat wechseln, in dem Züchtigungen und Demütigungen, unter dem Deckmantel des Motivs der Charakterfestigung, an der Tagesordnung waren. Dickinson beschreibt diese eindeutig schwere Zeit genauso launig und voller Esprit wie auch den Rest seiner Autobiografie, kann aber nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass diese Erfahrungen Narben hinterlassen und vor allem seinen späteren Sturkopf (als Ostwestfale muss er mir allein schon deswegen sympathisch sein) nachhaltig geprägt haben. Sich nicht verbiegen zu lassen, aufrecht weiter den eigenen Weg zu verfolgen – notfalls gegen die Meinungen aller anderen und jegliche sich vor ihm auftürmenden Hindernisse – all das scheint sich in dieser Phase seines Lebens manifestiert und dann am Ende auch zu seinem persönlichen Erfolg beigetragen zu haben.

Dass er diesen im Bereich der Musik und vor allem als Sänger erringen sollte (er wollte viel lieber Drummer werden), war in diesen frühen Jahren noch nicht absehbar, denn seine Interessen waren bereits zu diesem Zeitpunkt vielschichtig und nicht auf ein einzelnes Hobby festgelegt. Dickinson nimmt sich viel Raum, um ausgiebig über Kindheit und Jugend zu erzählen, macht deutlich, wie diese seinen Charakter gebildet hat – wenngleich auch ganz anders, als von seinen Lehrern am Internat gewünscht. Seine scharfe Zunge bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten, sein kleiner Wuchs macht ihn zum Ziel seiner Mitschüler. Doch Dickinson behauptet sich, teilt aus, schlägt zurück und manchmal auch über die Stränge. Er lässt einem verhassten Lehrer eine Fuhre Mist vor das Haus liefern und schifft, angewidert von der Scheinheiligkeit der so genannten Pädagogen, einem auserwählten Gremium buchstäblich ins Essen, wofür er kurzerhand der Schule verwiesen wird. Für Dickinson, den es trotzdem an die Uni nach London verschlägt, der lang erwartete Befreiungsschlag. Und in der Stadt an der Themse wartete eine ganz neue Musikwelt darauf entdeckt zu werden.

Dickinson stürzt sich ins Nachtleben, zecht mit seinen Freunden, lässt aber weitestgehend die Finger von härteren Drogen und sucht Anschluss in der Punkszene. 1977 wird die Band Speed aus der Taufe gehoben, kurz darauf sein Talent als Sänger und Entertainer entdeckt. Über die Band Shots und durch eine Zeit voller äußerst gewagter Bühnenoutfits (Stichwort Suspensorium) geht es weiter bis hin zu Samson. Die britischen Hardrocker mit Plattenvertrag sehen seine Performance in einem Club in London und wollen ihn als ihren Frontmann – Dickinson lässt sich nicht zweimal bitten und nimmt das Angebot an. Beeinflusst von Deep Purples Ian Gillan und Elf bzw. Black Sabbath‚ Ronnie James Dio, feilt er an seiner schreienden, voll unendlicher Power steckenden Gesangstechnik, die nun zu seinem Markenzeichen wird und in zwei Alben ihre volle Kraft entfalten kann. Für seine Bandmitglieder, die so gut wie keinen Tag nüchtern ausklingen lassen, scheint das Ziel bereits erreicht, aber Dickinson ist gerade erst in Fahrt gekommen. Er erkennt, dass Samson nie die Professionalität erreichen wird, die es braucht, um den ganz großen Erfolg zu erzielen und liebäugelt mit seinem Abschied. Nach einem beeindruckenden Auftritt auf dem Reading-Festival im Jahr 1981 bittet ihn Rod Smallwood um ein Gespräch. Der Manager von Iron Maiden, der angesagtesten Band der Stunde, sucht einen neuen Sänger.

I’m offering you the chance to audition for Iron Maiden,’ sagt Smallwod. ‘Are you interested?

Und Dickinson entgegnet ihn in der ihm üblichen, selbstsicheren Art:

First of all, you know I’ll get the job or you wouldn’t ask. Second, what’s gonna happen to Paul, the current singer, and does he know he’s going? Third, when I do get the job, and I will, are you prepared for a totally different style and opinions and someone who is not going to roll over? I may be a pain in the arse, but it’s for all the right reasons. If you don’t want that tell me now and I’ll walk away.

Man könnte hier beenden und es bei folgenden Worten belassen: Der Rest ist Rockgeschichte.

Doch wie bereits erwähnt, es dreht sich in „What does this button do?“ nicht alles um seine Zeit bei Iron Maiden, die er zwar kurz und knapp resümiert, manchmal auch sehr ehrlich und geradeheraus analysiert, aber welche ihn letztlich trotz all der Tourstrapazen und der vollen Terminpläne nie ganz erfüllt hat – obwohl er natürlich den Erfolg genießt. Und Erfolg ist untertrieben, steigt doch Iron Maiden mit Dickinson in der Folge zur größten Metalband des Planeten auf, deren Fanszene bis zum heutigen Tag noch stetig weiterwächst und ganze Generationen miteinander verbindet. Doch in diese Erfolgswelle schleicht sich auch eine gewisse Routine ein. Ein eintöniger Alltag, der den stets getriebenen Hektiker Dickinson augenscheinlich so zuwider war, dass er sich zusätzliche Hobbys suchen musste. Seine frühere Leidenschaft Fechten beginnt er jetzt professionell zu betreiben, sein Interesse an der Fliegerei endet in einer Fluglizenz für die größten Passagiermaschinen und die Liebe zur Literatur (die er mit Harris teilt und sich in den Musiktexten widerspiegelt) beflügelt ihn dazu, eigene Romane zu schreiben. Und weil auch das nicht reicht und er nicht genug von sich selbst in die Band einbringen kann, verlässt er Maiden 1992 und feiert die folgenden Jahre solo ebenfalls große Erfolge, nur um dann Ende der 90er zurückzukehren.

So liest sich dann auch dieser Abschnitt seines Lebens wie eine Aneinanderreihung von Erfolgsgeschichten, die nur selten – mir leider zu selten – durch ernste Momente abgelöst wird. Wenn Dickinson von seinen Erlebnissen im vom Kriege versehrten Jugoslawien spricht oder seinen Umgang mit der Krebsdiagnose schildert, erlaubt er kurzzeitig einen Blick hinter die Fassade dieses so selbstbewussten Stehaufmännchens. Eine Rolle in der sich Dickinson in seiner Plauderei zwar sehr gefällt, die aber am Ende vielleicht das doch auch ein bisschen bleibt – eine Rolle.

Die Art und Weise, wie er all das seinem Publikum darbietet, sie kann sich jedoch lesen lassen. Dickinson ist wortwitzig, selbstironisch, aber auch präzise und scharf, wenn es darauf ankommt. Langatmigkeit kann nicht aufkommen, denn diese fast schon hyperaktive Quasselstrippe schreibt, wie sie singt – mit Vollgas. Mitunter ist das ein bisschen zu viel des Guten, vor allem wenn Ereignisse einfach nur chronologisch abgearbeitet werden (Album – Tour – Flugzeuge fliegen – Album – Tour – Flugzeuge fliegen), wodurch ein wenig die Abwechslung leidet. Wie gesagt, hier hätte Dickinson auch gerne noch ein paar andere Themen mehr betonen können. Gerade Menschen, die mit der Fliegerei überhaupt nichts anfangen können (dazu zähle ich gottseidank nicht), werden sich vermutlich dabei erwischen, wie sie ein paar Seiten überspringen.

Was bleibt am Ende? Eine äußerst kurzweilige, geistreiche und manchmal dann auch überraschend einfühlsame Autobiographie, welche aber eindeutige Themenschwerpunkte hat, die man so auch mögen muss. Iron Maiden Fans werden wenig Neues erfahren. Wer die erfolgsorientierte Seite des Menschen Bruce Dickinson näher kennenlernen will (nicht die private – über seine eigene Familie verliert er kein Wort), ist hier aber sicher genau richtig.

Wertung: 84 von 100 Treffern

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  • Autor: Bruce Dickinson
  • Titel: What does this button do? – Die Autobiographie
  • Originaltitel: What does this button do?
  • Übersetzer: Daniel Müller, Harriet Fricke, Dieter Fuchs, Matthias Jost
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 10.2019
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 448 Seiten
  • ISBN: 978-3453605206

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