Kings of Queensland

© Antje Kunstmann

Der Kunde mag König sein und immer Recht haben. Für den König selbst gilt dies jedoch nicht, weswegen ich mich mit Freund und Kollege Jochens Meinung zu Andrew McGahans Buch „Last Drinks“ tatsächlich etwas konträrer auseinandersetzen muss. Majestätsbeleidigung eines aufmüpfigen Schülers gegenüber seinem Lehrer, die man mir aber bitte verzeihen möge, denn im Gegensatz zu seinem doch eher negativen Fazit, bin ich der Meinung, dass der Leser durchaus etwas für seine Investition in diese Lektüre „bekommt“. Dies ist allerdings auch in hohem Maße davon abhängig, mit welchen Erwartungen man McGahans Werk in Angriff genommen hat. Und gerade hier erweist sich der Rowohlt Verlag mit der (wenn auch korrekten) Etikettierung des selbigen leider einen Bärendienst.

Hatte man die bei Kunstmann veröffentlichte gebundene Ausgabe noch als Roman beworben, wurde daraus im Hause Rowohlt beim Taschenbuch nun ein Thriller, was dem etwaigen Leser natürlich im Kern ein hohes Spannungsmoment suggeriert. Im Verbund mit dem Klappentext, der sich ebenfalls zentral auf die Untersuchung des Mordes konzentriert, lockt man damit eine Klientel, der McGahans Text schlichtweg nicht gerecht werden kann, welche einen komplett anderen Schwerpunkt setzt und als Pageturner damit so überhaupt nicht taugt. Ein Fehler von Rowohlt also? Eindeutig nein, denn „Last Drinks“ hat im Jahr 2001 nicht nur den Ned Kelly Award für das beste „Crime Novel“ erhalten, sondern wird im Heimatland Australien tatsächlich auch als solches vermarktet. Ich bleibe aber dabei: Es ändert nichts an der Tatsache, dass sich der inzwischen bereits verstorbene Autor allenfalls am äußersten Rande dieses Genres bewegt, sich höchstens auf das Verbrechen als gesellschaftliches Problem konzentriert und weniger auf die einzelne Tat als solches. Dies wiederum wirkt sich daher auch auf den Verlauf der Handlung aus.

Diese nimmt ihren Anfang im australischen Bundesstaat Queensland, Ende der 90er Jahre. Zehn Jahre ist es her, seit der alkoholkranke Journalist George Verney die Stadt Brisbane Hals über Kopf verlassen und in den Bergen, in einem verschlafenen Nest namens Highwood, eine neue Heimat gefunden hat, wo er nun seit längerer Zeit für die Lokalzeitung schreibt. Verney ist inzwischen trocken, führt eine relativ glückliche Beziehung mit einer Lehrerin und hat – so glaubt er – die eigene Vergangenheit weitestgehend hinter sich gelassen. Doch ein Anruf zerstört diese Idylle jäh. Mitten in der Nacht er wird von der örtlichen Polizei zu einem nahen Stromverteilerwerk gerufen, um die Leiche eines Mannes zu identifizieren, der, offenbar erst nach langer Folter, durch einen gewaltigen Kurzschluss verstarb. Verney muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass es sich dabei um seinen alten Freund Charlie handelt, den er seit ihren gemeinsamen Tagen in Brisbane nicht mehr gesehen hat.

Plötzlich sieht sich Verney mit lange verdrängten Erinnerungen an seine Zeit in Brisbane konfrontiert, das Mitte bis Ende der 80er Jahre ein Schmelztiegel für Korruption jeglicher Art war, gefördert durch eine Regierung, welche sich aufgrund des herrschenden Wahlsystems quasi auf Lebenszeit einsetzen und jegliche demokratische Auswüchse schon im Keim ersticken konnte. Ein politisches System, das viele unterdrückte, aber von dem auch ein Teil der Gesellschaft, welche dieses Spiel mitspielen wollte, in hohem Maße profitierte. Für diejenigen, und damit auch für Verney und seine damaligen Partner und vermeintlichen Freunde, war jeder Tag eine wilde Party, jede Nacht eine Verheißung von Alkoholrausch und Enthemmung. Zumindest so lange, bis ein spektakulärer Korruptionsausschuss nach Jahrzehnten des Stillstands die Regierung schließlich stürzte – und damit von jetzt auf gleich auch alle Beteiligten zum Ziel der Justizermittlungen wurden. Während Verney noch einigermaßen glimpflich aus der Sache herauskam, wurde Charlie als einer der Hauptschuldigen angeklagt und inhaftiert. Jetzt, Jahre später, wollte er offensichtlich Verney in Highwood besuchen. Aber warum? Und wieso hat man einen schwer alkoholkranken und inzwischen auch geistig beeinträchtigten Mann derart brutal hingerichtet? Und ist Verney vielleicht der nächste?

Eingeholt von der so lange verdrängten Vergangenheit, erstarkt auch der Wunsch nach Alkohol in Verney, der zudem in Gedanken jetzt vermehrt bei Maybellene ist. Sie, einst seine große Liebe und später Charlies Frau, könnte auch ins Visier der Killer geraten sein, denen offensichtlich jedes Mittel Recht ist, um die losen Enden zu kappen. Während er durchgehend von der Polizei beschattet wird, fährt Verney zurück nach Brisbane, um die Gründe für den Mord an Charlie zu untersuchen und gleichzeitig einen Schlussstrich unter alles zu setzen …

Anstatt das McGahan seinen Protagonisten nun in altbekannter Noir-Manier in die Düsternis marschieren und Prügel kassieren lässt, konzentriert sich der Autor vielmehr darauf, in immer wieder eingestreuten Rückblicken das Queensland der achtziger Jahre zum Leben zu erwecken, was den deutschen Leser durchaus verblüffen könnte, dürfte doch den meisten nur wenig über die dunkle Geschichte des Bundesstaats bekannt sein. Heutzutage mit seinen Stränden und dem Great Barrier Reef Musterbeispiel für eine touristische Hochglanzbroschüre, präsentiert sich insbesondere die Hauptstadt Brisbane als kriminelles Moloch, das nicht nur optisch Parallelen zum Miami derselben Epoche aufweist und Verbrecher jeglicher Couleur anlockt. Die meisten von ihnen begegnen uns dabei in Nadelstreifen, besetzen höchste Positionen in Politik, Wirtschaft und Justiz – und pflegen ein auf Gönnertum basierendes System, in dem Geld alles möglich macht und selbst Beschränkungen, wie das damalige Ausschankverbot für Alkohol, mit den richtigen Beziehungen problemlos zu überwinden sind.

McGahan nimmt sich viel Zeit, diesen Abschnitt der Geschichte Brisbanes zum Leben zu erwecken, die Beteiligung und Verwicklung George Verneys an der immer mehr grassierenden Korruption und den damit verbundenen Absturz in die Alkoholsucht zu zeichnen. Für einige Leser sicher zu viel Zeit, wird doch damit die eigentliche Ausgangslage keinen Schritt vorangebracht und mehr und mehr der Mord an Charlie aus den Augen verloren. Im Gegensatz zu manch anderem Rezensenten habe ich das aber nicht unbedingt als negativ empfunden. Eher im Gegenteil: Charlies brutaler Tod erweist sich in der Folge nur als Symptom einer weit größeren Krankheit und spiegelt damit auch Verneys eigenen Kampf gegen die Rückfälligkeit wieder. So wie ein Alkoholiker nie wirklich trocken ist, so ändern sich auch die Spielregeln in den Schattenbereichen der Gesellschaft auch nie gänzlich. Auch wenn alte Wegbegleiter wie der charismatische Politiker Marvin nicht mehr die Macht von einst verkörpern, so haben sie doch alle auf ihre Art und Weise zu keinem Zeitpunkt den Ausstieg aus dem alten System geschafft. Die früheren Räder, sie greifen immer noch ineinander und drehen weiterhin in dieselbe Richtung. So glänzend und sauber sich Brisbane nach außen präsentiert, im Kern fault es auch in der modernen Version gewaltig.

Und genau hier kann ich den mehrfach geäußerten Kritikpunkt, McGahan verfüge nicht über die sprachlichen Mittel für dieses Sujet, so gar nicht unterschreiben. Ja, sie mag unaufgeregt und wenig effektheischend sein, passt aber meines Erachtens hervorragend zu dem durchgängig melancholischen Tenor der Geschichte, die zudem von ihren beeindruckenden Bildern lebt. Ob es das verdunkelte, heiße Zimmer eines Apartments am Strand ist oder der feucht-neblige, von Moos überwucherte Pfad unterhalb des tropfenden Regenwalddachs in den Bergen Queenslands – „Last Drinks“ schwitzt und blutet Atmosphäre, ermöglicht es auch Nichtkennern Australiens, sich ein Bild von den örtlichen Gegebenheiten, dem Klima und der Fauna zu machen. Wohlgemerkt ohne das diese Beschreibungen nur als profane Kulisse missbraucht werden, denn McGahan nutzt sie geschickt, um die jeweiligen Gemütszustände Verneys und seinen zunehmenden inneren Kampf zu unterstreichen. Und hier kommen wir für mich auch zum zentralen Motiv des Romans – dem Alkohol.

Letztlich konzentriert sich, wie der Titel schon andeutet, alles auf Verneys persönliche Schwäche, seine Neigung zum Alkohol. Auf seine Unfähigkeit ohne Alkohol das Glück zu finden, Menschen ganz in sein Leben zu lassen, die nicht das gleiche Maß an Sucht und Verlangen mitbringen, wie er selbst. So wie er nicht in der Lage ist, die Grenzen Queenslands zu überqueren und damit alles hinter sich zu lassen, so kann er letztlich auch nicht ohne Alkohol sein – wohlwissend, dass diese Einstellung alles gefährdet, was er sich seit seiner Flucht aus Brisbane aufgebaut hat. Es ist dieser mit sich selbst ausgefochtene Konflikt, der mich während des Lesens am meisten erreicht und vor allem erschüttert hat – und der wohl möglich auch vielen Alkoholikern aus der Seele spricht. Ja, dafür müssen wir bei der Spannungserzeugung einige Abstriche machen, immer wieder auf der Suche nach dem Mörder Charlies Umwege fahren. Sie sind jedoch nicht unnötig, sondern wichtige Etappen auf Verneys drohenden Rückfall und dem Weg zum Finale, das McGahan äußerst stimmungsvoll und bleihaltig inszeniert.

Ich gebe durchaus zu: Andrew McGahans Herangehensweise an diese Thematik mag ungewohnt, manchmal gar unbequem und unaufgeregt sein – in ihrer Wirkung verfehlt sie aber nicht das Ziel. „Last Drinks“ ist schwermütige, bildgewaltige Prosa über die Gefahren von Alkoholsucht und charakterlicher Schwäche, und zeitgleich auch eine Abrechnung mit einem der düstersten Kapitel der Geschichte Queenslands. Nicht immer leichte Kost, aber für eine gewisse Klientel unter den Lesern durchaus ein echter Leckerbissen.

Wertung: 79 von 100 Treffern

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  • Autor: Andre McGahan
  • Titel: Last Drinks
  • Originaltitel: Last Drinks
  • Übersetzer: Uda Strätling
  • Verlag: Kunstmann
  • Erschienen: 03.2013
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 461 Seiten
  • ISBN: 978-3888979002

2 Gedanken zu “Kings of Queensland

  1. Sozialdramen gepaart mit psychologischen Problemen und Schwächen, eindrucksvolle Naturbeschreibungen sowie ein ungeklärter Mord…. könnte in mein Beuteschema passen (obschon ich bei dieser Art von Romanen sehr vorsichtig bin und „solche „Sachen“ nur bei gutem Wetter und wenn ich selbst gut drauf bin lese).

    Gefällt 1 Person

    • An dem Buch werden sich sicherlich auch die Geister scheiden, es wird bestimmt nicht jedem gefallen. Mich hat es nach und nach in den Bann gezogen, denn gerade die Auswirkungen der Alkoholsucht werden so direkt ans als Leser weitergereicht, dass man es beinahe mitfühlt. Und den Schauplatz hat McNab wirklich stimmungsvoll zum Leben erweckt.

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