Bob, der Henker, ist wieder da!

© Festa

Es ist so eine Sache mit dem Image. Oft hat man es doch recht schwer, einmal in eine Schublade geworfen, seine Kritiker vom Gegenteil überzeugen beziehungsweise dem beständig gehegten Vorurteil anderer entfliehen zu können. Ein Lied, von dem auch der in Leipzig heimische Festa Verlag singen kann, der lange Jahre vor allem als Anlaufstelle für Freunde des härteren, nicht immer mainstreamtauglichen Horrors und experimentierfreudiger Fantasy galt, wobei auch zugegebenermaßen nicht jeder Titel im Programm gerade höchste literarische Ansprüche verkörperte.

Wohlgemerkt: Vergangenheitsform, denn auch wenn Festa sein ursprüngliches Profil in keiner Weise verleugnet – mit der „Festa Extrem“-Reihe, die vom Buchhandel gar boykottiert wird, hat man es sogar noch geschärft – geht man inzwischen seit einiger Zeit auch andere Wege. Neben „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, in welcher unter anderem so namhafte klassische Autoren wie Robert E. Howard oder Clark Ashton Smith erscheinen, ist hier vor allem die „Festa Crime“-Serie hervorzuheben, dessen Konzept der Verlag so auf den Punkt bringt:

Wir wollen Deutschland vor langweiligen Kriminalromanen retten!

Ob Festas Titel in der Lage sind, dies zu bewerkstelligen oder Deutschland einer solchen Rettung derzeit überhaupt bedarf – mit Sicherheit ein diskussionswürdiges Thema. Fakt ist jedenfalls: Mit der Wiederentdeckung von „Shooter“ (1993 als „Point of Impact“ in den USA erschienen) für die deutsche Krimilandschaft hat man in jedem Fall einen Schritt gemacht, der die Seriosität dieses Ansinnens durchaus unterstreicht. Bereits vor knapp vierzehn Jahren im List-Verlag erstmals veröffentlicht –  damals unter dem Titel „Im Fadenkreuz der Angst“ – war der Auftakt der mittlerweile neun Bände umfassenden Reihe um den Scharfschützen Bob Lee Swagger zuletzt nur noch antiquarisch und hier zu höheren Preisen zu erwerben, was ganz sicher auch als Beleg für die Qualität des Buches verstanden werden darf. Diese wiederum hat Hollywood schon vor sieben Jahren entdeckt und die literarische Vorlage mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle als „Shooter“ verfilmt. Aber auch wenn der zweifellos gute Actionstreifen sich nahe an Stephen Hunters Roman orientiert, gilt auch diesmal der oft verwendete Ausspruch: „Ein Film ist niemals so gut wie das Buch, auf dem er basiert.“ Nur dass man im Falle von Hunters „Shooter“ noch hinzufügen muss: „Er ist auch niemals so drastisch wie das Buch.“

Für all diejenigen, die weder Film noch Buch kennen, sei hier der Inhalt kurz als Appetizer angerissen:  Im Mittelpunkt der Geschichte steht der bereits oben erwähnte Bob Lee Swagger, ein ehemaliger Scharfschütze des US Marine Corps und Veteran des Dschungelkriegs von Vietnam, in dem er ganze 87 tödliche Treffer verbuchen konnte, bis er von einem Heckenschützen dienstuntauglich geschossen wurde. Ein Einsatz, der seinem Freund und Späher Donny Fenn das Leben und Bob den Glauben an den Sinn der Sache kostete. Inzwischen lebt er, die Gesellschaft von Menschen meidend, in den verschneiten Bergen von Arkansas. Hier in der ursprünglichen Wildnis der Natur, nur begleitet von seinem Hund Mike, widmet er seine Zeit allein seiner Waffensammlung, die er hegt und pflegt und seit Vietnam nicht mehr für einen tödlichen Schuss gebraucht. Doch gerade dieses Talent ist es, welches wiederum andere auf Bob aufmerksam macht.

Eine geheime Regierungsorganisation, vorgeblich für die Sicherheit des Präsidenten bei dessen Wahlkampf-Tour verantwortlich, nimmt Kontakt zu ihm auf, bittet Bob ein letztes Mal, seinem Land zu dienen und sein Scharfschützen-Wissen mit einzubringen, um ein geplantes Attentat zu vermeiden, hinter dessen Ausführung einen Mann namens Solaratov vermutet wird. DER sowjetische Scharfschütze, welcher auch Donny Fenns Leben und Bobs Karriere vor so vielen Jahren beendet hat. Letzterer sieht nun die Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Rache zu nehmen und damit auch seine gefühlte Schuld an Donnys Tod zu begleichen. Doch statt möglicher Vergeltung findet er in New Orleans nur eine Falle vor, in die er blindlings hineintappt.

Bob wird vom Jäger zum Gejagten, findet sich plötzlich selbst im Fadenkreuz des Zielfernrohrs wieder. Gejagt vom Justizsystem der gesamten Nation. Seine Verbündeten: Die Witwe seines besten Freundes und der linientreue FBI-Agent Nick Memphis, der als einziger an die Unschuld des Scharfschützen glaubt. Gemeinsam drehen sie den Spieß um … und Bob Lee Swagger zieht einmal mehr in den Krieg.

Der Begriff „Hardboiled“ wird heute ja fast inflationär benutzt – seine Verwendung in einer Besprechung zu „Shooter“ hat aber nicht nur seine Berechtigung, es ist schlichtweg eine Notwendigkeit, ist doch der Auftakt der „Bob-Lee-Swagger“-Reihe ein Vertreter eben dieser Genre-Gattung, in dem selbst die Helden kein allzu gutes Bild abgeben und der Autor konsequent darauf verzichtet, es dem Leser in irgendeine Art und Weise leicht oder gar angenehm zu machen. Stephen Hunters Amerika darf man getrost als moralisch verkommen bezeichnen (hinsichtlich dessen ist der Roman wieder erschreckend aktuell), was die Suche nach den „Guten“ genauso sinnlos macht, wie die Kategorisierung der Protagonisten im Allgemeinen. Hier ist alles eckig, kantig, knarrend, unbequem, wird an jeder Stelle der Boden bereitet für einen Kampf des vermeintlich Schwachen, dem einsamen, verletzten Wolf, gegen das übermächtige System. Gewürzt wird das Ganze mit einer komplexen Verschwörung, was wohl ein Grund ist, warum Hunters Romane auch hierzulande bisher einen so schweren Stand gehabt haben. Doch wir erinnern uns an das Schubladen-Denken und sind vorsichtig, „Shooter“ als typisch-schmalspurige Ami-Kost abzuurteilen. Denn unter dem groben, rauen Gewand verbirgt sich doch weit mehr.

Um das zu erkennen, müssen aber tatsächlich gewisse Hindernisse überwunden werden. Ein wichtiger Punkt, wenn nicht sogar der wichtigste: Waffen. Wer ihre schiere Existenz ablehnt und ihre Handhabung an sich schon als Verbrechen versteht, der sollte nicht nur, ja, ef muss von der Lektüre dieses Romans absehen, der sich in einigen Passagen wie ein Führer durch alle Waffengattungen liest, in technischen Daten schwelgt und ausführlich die Zusammenhänge von Windrichtung, Luftwiderstand, Schwerkraft und Corioliskraft erläutert. (In diesem Zusammenhang sei übrigens Freunden des hier besprochenen Buchs auch George T. Basiers „Der Killer und die Hure“ empfohlen, der ähnlich detailgetreu auf die Tätigkeit des „Snipens“ eingeht) Man könnte soweit gehen zu behaupten, dass Hunter den Schießsport und damit letztlich auch das zielgenaue Treffen zu einer Kunst erhebt – ohne dabei jedoch den Pfad der sachlichen Schilderung zu verlassen. Denn so hymnisch die Fähigkeiten der Scharfschützen hervorgehoben werden – der Akt des Tötens an sich wird vom Autor weder glorifiziert noch mit dem sonst so typischen amerikanischen Pathos gewürzt. Auch vermeidet „Shooter“ (noch) ein klares Bekenntnis zum Wirken der umstrittenen NRA („National Rifle Asscotiation“), wenngleich Bob Lee Swagger auf den ersten Blick ein perfektes Mitglied dieser Vereinigung verkörpert.

Südstaatler, zurückgezogen lebend, geringe Schulbildung, ein Hütte voller Waffen und ein riesiges Jagdgebiet direkt vor der Haustür. Die abgelegenen Regionen von Arkansas sind zudem augenscheinlich der ideale Spielplatz für den rassistischen Redneck, der alles mit Blei vollpumpt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – vorlaute Yankees inklusive. Hunter kokettiert mit diesem Hinterwäldlertum, zeigt aber dann auch wieder deutlich, dass der Schein täuschen kann, denn Bob Lee Swagger ist alles andere als dumm und trotz seiner Wortkargheit durchaus in der Lage, seinen gebildeteren Gegenspielern Paroli zu verbieten. Was ihn aber natürlich nicht daran hindert, mit der typischen Südstaaten-Sturheit seinen Partner Nick Memphis zum Wahnsinn zu treiben, wenn er sich beharrlich weigert, alles der Justiz zu überlassen. Die verkörpert er schließlich doch selbst, was wiederum einer der Punkte ist, die man am Ende mit etwas Argwohn betrachten muss.

Bob Lee Swaggers Rachefeldzug ist unerbittlich, gnadenlos und vor allem oft blutig und brutal. Er richtet mit der Waffe, ohne Gesetz und Zweifel, ohne Gewissensbisse. Hunter lässt dieses Töten unkommentiert, lässt ihn durch den einzigen moralischen Charakter Nick Memphis gewähren, der von Ehrfurcht ergriffen, dem Scharfschützen an keiner Stelle Einhalt gebietet. Selbst als dieser sich beim Kampf um einen Berghügel in einen regelrechten Rausch schießt. Das Statement solcher Szenen ist klar: Bob Lee Swagger ist kein Held und auch kein Bösewicht, sondern ein Mensch, der lange mit der Gewalt gelebt hat und ohne ihre Ausübung nicht wirklich zu Leben in der Lage ist. Er sieht keinerlei Ehre darin, jemanden aus großer Entfernung niederzustrecken, fühlt jedoch gleichzeitig keine Schuld. Es ist eine dreckige, unbequeme, aber letztlich auch leider doch realistische Botschaft in dieser Figur, welche naturgemäß in den USA mehr Zustimmung findet, als in den europäischen Gefilden.

Trotz dieser moralischen Untiefen ist „Shooter“ gerade eins nicht – moralisierend. Stephen Hunters Roman legt vor allem Wert auf Unterhaltung. Und das bietet der Auftakt der Reihe in einem hochspannenden, actionreichen und vor allem gegen Ende hin äußerst rasantem Gewand. Ein knallharter Thriller, ungekürzt und stilsicher übersetzt, der so oder so dem Leser lange im Gedächtnis bleiben wird.

Wertung: 89  von 100 Treffern

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  • Autor: Stephen Hunter
  • Titel: Shooter
  • Originaltitel: Point of Impact
  • Übersetzer: Patrick Baumann
  • Verlag: Festa
  • Erschienen: 05.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 640 Seiten
  • ISBN: 978-3865523167

3 Gedanken zu “Bob, der Henker, ist wieder da!

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