Die Welt gehört Dir …

© DuMont

Verkanntes Genie oder alkoholkranker Zeilenschinder – so, überspitzt dargestellt, die konträren Meinungen der Krimi-Experten Martin Compart und Dr. Michael Drewniok, welche sich beide auf den Roman „Scarface“ beziehen, der wohl heute in erster Linie durch die beiden Verfilmungen im kollektiven Gedächtnis geblieben ist.

Die literarische Vorlage, bereits im Jahr 1930 erschienen, wird zwar im Zusammenhang mit modernen Gangsterromanen immer noch gern zitiert, dürfte aber allenfalls bei belesenen Genre-Experten im Regal weilen. Und dies allein aufgrund der Tatsache, dass es ganze siebzig Jahre dauerte, bis der DuMont-Verlag Armitage Trails (der im wirklichen Leben Maurice Coons hieß) Werk in deutschen Landen veröffentlicht hat. Im Rahmen der leider vergleichsweise kurzlebigen „Noir“-Reihe erschienen – für dessen Programm übrigens Martin Compart (der auch ein informatives Nachwort zum Roman geschrieben hat) in hohem Maße verantwortlich zeichnet – war der Titel nur für eine geringe Zeitspanne überhaupt käuflich zu erwerben. Dass sich die Preise für gebrauchte Exemplare aber immer noch in äußerst moderaten Bereichen bewegen, dürfte Drewnioks Position vielleicht ein bisschen in die Hände spielen. Nun, was hilft es – am besten macht man sich einfach selbst ein Bild.

Gesagt, getan und soviel vorweg: Wenngleich ich den Verriss auf der Krimi-Couch durch Michael Drewniok nicht in allen Punkten unterstütze, tendiere ich doch – sorry, lieber und geschätzter Martin, eher in seine Richtung und muss ganz ehrlich resümieren: Wer „Scarface“ nicht liest, hat nicht allzu viel verpasst. Im Gegenteil: Trails Roman ist eins der wenigen Bücher, dessen cineastische Umsetzung weit besser funktioniert, als der als Basis dienende Text. Schade eigentlich, denn die Geschichte – einen talentierteren Schreiberling vorausgesetzt – hätte durchaus genug Potenzial gehabt, um nachhaltiger Eindruck zu hinterlassen:

Chicago, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Stadt am Michigan-See ist durch die Vielzahl der Einwanderer inzwischen zu einer riesigen Metropole angewachsen, was die damit verbundenen Probleme mit sich bringt. Hoffnungsfrohe Immigranten verschiedenster Herkunft leben auf engstem Raum miteinander, vom „American Way of Life“ getäuscht, der sich auf den zweiten Blick als Illusion entpuppt und die Hoffnungen auf eine einfachere und bessere Zukunft schnell zunichte gemacht hat. Für viele bedeutet der Neuanfang lediglich einen Ortswechsel, denn selbst hier, in den Vereinigten Staaten von Amerika, erwartet sie zumeist nur die Armut. Unter diesen enttäuschten Massen ist auch die italienische Familie Guarino, welche sich ihr Geld zwar mit harter, ehrlicher Arbeit verdingt, innerhalb der Gesellschaft aber dennoch keine größere Rolle spielt. Ihrem Sohn Tony reicht das nicht, ihm gelüstet nach Anerkennung, Ruhm, Reichtum und Macht. Obwohl auch er, wie seine Eltern, keinerlei große Bildung aufweist, sieht er die Möglichkeiten, wo sie sich ihm bieten. Wer keine Skrupel hat, wer sich einfach nimmt, was er haben will, der kann es in Chicago zu etwas bringen.

Inspiriert von den mächtigen Gangsterbanden der Stadt plant Tony seinen Aufstieg Schritt für Schritt, nimmt er nach und nach Anteil am Zusammenspiel des korrupten Justizapparats und dem organisierten Verbrechen, wodurch er relativ schnell zu Geld und Ansehen kommt. Bis der Erste Weltkrieg ausbricht …

Tony Guarino, fasziniert von der Möglichkeit, seine Fähigkeiten zu schärfen und ohne Bestrafung Töten zu können, zieht auf die Schlachtfelder Europas, wo er einmal mehr sein Talent zum Überleben unter Beweis stellt. Bei der Rettung eines Kameraden wird er schwer verletzt, sein Gesicht durch eine große Narbe entstellt, wodurch er den Spitznamen „Scarface“ erhält. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: In der Heimat gilt Tony Guarino inzwischen als tot. Eine Situation, welche dieser bei seiner Rückkehr für sich zu nutzen versteht. Er lässt seine alte Identität hinter sich und erklimmt als Tony Camonte schließlich auch die letzten Stufen im Verbrechermilieu Chicagos. Als Oberhaupt einer eigenen Bande sieht er sich nun in der Lage, seine Träume umzusetzen. Doch vorher muss noch die Konkurrenz aus dem Weg geräumt werden. Ein erbitterter Kampf um die Herrschaft der Unterwelt beginnt …

Kein neuer Stoff, wird wohl der heutige Leser meinen, der sich jedoch in die Zeit von Trail zurückversetzen muss, welcher damals in Chicago gelebt und insbesondere den raschen Aufstieg des Al Capone mit großen Interesse verfolgt hat (Das „Scarface“ in vielen Elementen der Story als Hommage an den Gangster zu verstehen ist, dürfte auf der Hand liegen). Nur kurze Zeit nach der Großen Depression erschienen, dient der Roman – und hinsichtlich dessen besitzt er meines Erachtens auch den größten Wert – als äußerst authentisches Zeitdokument. Tony Guarino steht stellvertretend für viele der damaligen Bürger, welche das Treiben der Gangster in der Presse verfolgten und selbst so ruchlose Mörder wie „Babyface Nelson“ oder Frank Nitti für ihren Widerstand gegen das System, ihr selbstbewusstes Auftreten, ja, für ihre Macht bewunderten. Ein wenig romantische Verklärung und schon mochten diese Männer für einige gar als heldenhaftes Vorbild taugen, wodurch der Werdegang Tonys in „Scarface“ durchaus nachvollziehbar bleibt. Nur: Das allein reicht nicht, um als Roman zu funktionieren. Und hier hapert es vor allem an einem äußerst wichtigen Punkt: Der schriftstellerischen Qualität von Maurice Coons alias Armitage Trail. Oder besser gesagt – ihrem Fehlen.

Trails Ansatz, in stakkatohaftem Stil zu schreiben, mit möglichst wenig viel zu sagen, hat zwar das nachfolgende „Pulp“-Genre geprägt und viele Nachahmer gefunden – die meisten von ihnen beherrschten diesen Stil dabei jedoch wesentlich besser. Hier wird man von Seite eins an den Eindruck nicht los, dass der Autor einfach seine Gedanken wortwörtlich auf Papier bringen wollte – und mit deren Komplexität ist es leider nicht weit her. Von „Eindimensionalität der Charakterisierung“ ist in Michael Drewnioks Besprechung die Rede, was nicht nur den Punkt trifft, sondern genau beschreibt, woran es hakt. Die Figuren, allen voran Tony Guarino selbst, triefen geradezu vor Klischees und minimieren die Eigenheiten der Gangster allein auf die Bilder, die man seit eben den 30er Jahren mit diesem Milieu, insbesondere mit dem Chicago dieser Epoche, verbindet. Ohne ihn damit erhöhen oder gar vermenschlichen zu wollen – ein Al Capone hat sicherlich die ein oder andere Facette mehr aufzuweisen, als der äußerst ausrechenbare, weil stets nach Schema F handelnde Tony (Seine im Buch immer wieder betonte Überlegenheit gründet mehr auf der Schwäche der anderen, als auf seiner eigenen Stärke).

Die nachträgliche Wirkung des Buches bzw. ihre Bedeutung für die Geschichte des Kriminalromans unterminieren diese stilistischen Patzer natürlich nicht. Keine Frage: Armitage Trail gehört – gemeinsam mit Autoren wie W. R. Burnett oder Paul Cain – zu den Urvätern des Gangsterromans, ist einer derjenigen, der Setting und Grundthematik dieses Genres aus der Taufe gehoben hat. Bestes Beispiel aus heutiger Zeit ist die Serie „Boardwalk Empire“, welche, in Atlantic City spielend, ebenfalls den Zusammenhang zwischen der Prohibition und dem Aufstieg des organisierten Verbrechens herausstellt. Darüber hinaus weist der Roman „Scarface“ jedoch keine weiteren Besonderheiten auf.

Im Gegenteil: „Scarface“ ist – und das muss man leider deutlich herausstellen – wenig lesenswert. Trotz gerade mal knapp 230 Seiten strapaziert der Roman die Geduld, enerviert durch seinen äußerst simplen und inhaltsleeren Stil, der über das Funktionieren der Geschichte hinaus nichts bietet – vor allem keine länger anhaltende Unterhaltung. Ohne die Verfilmungen wäre Trails Werk, der bereits mit 28 Jahren Opfer seines ausschweifenden Lebensstils wurde, wohl längst in Vergessenheit geraten.

Wertung: 74 von 100 Treffern

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  • Autor: Armitage Trail
  • Titel: Scarface
  • OriginaltitelScarface
  • Übersetzer: Christian Jentzsch
  • Verlag: DuMont
  • Erschienen: 01/1999
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 286 Seiten
  • ISBN: 978-3770150168

2 Gedanken zu “Die Welt gehört Dir …

  1. Ich schätze – wie Du weißt – Deine Arbeiten sehr. Und Michael Drewniok gehört zu den besten Phantastik- und Crime-Experten und Rezensenten deutscher Zunge.

    Deshalb habe ich nochmal in SCARFACE reingelesen, nachdem ich Deinen Verriss gelesen hatte. Nur um zu sehen, ob er sprachlich für mich noch funktioniert. Seine historische Bedeutung ist wohl unbestritten.
    Stilistisch liefert Trail geradezu einen Gegenentwurf zu Hammetts behavioristische Erzählweise. Dadurch legt er mentalgeschichtlich den Zeitgeist im Innenleben der Figuren nahe an/in den Personen viel intensiver frei (stärker als andere Pulp-Autoren wie Erle Gardner oder Hammett-Schüler wie Raoul Whitfield usw.). Er ist näher an seinen Personen, die er teilweise sozialisationsgeschichtlich durch die Handlung führt, und ein genaues Bild auf die Zeit aufreißt: „Das war eines der Dinge, die er im Kino gelernt hatte, der einzigen Erziehung in Gesellschaftsdingen, die er je genossen hatte.“ Eine nette Parallele zum aktuellen Prekariat, dass zu großen Teilen nur noch durch die neuen Medien desozialisiert wird.

    Auf den ersten Seiten charakterisiert er die Hauptperson in vielen Facetten, die im Leser skeptische Sympathie erzeugen und direkt in ein sozialdarwinistisches Universum einführen. Und das m.E. mit stilistischer Eleganz: „Er ging um die Ecke zu einem Billardsalon, der sein Stammlokal war, und setzte sich auf einen der hohen Barhocker, um diese Sache zu durchdenken, die sein erstes Erwachsenenproblem war.“
    Und gleich auf der ersten Seite finde ich einen Satz, der die Poesie der Stadt einfängt: „Tony stürzte ihr hinterher zu den Lichtern und dem Lärm der Hauptsraße.“ Da sehe ich die dunkle Gasse, die sich zum ambivalenten Glitter des Molochs hin öffnet. Was auch Tonys weiteren Lebensweg vorzeichnet.

    Jetzt habe ich mich so angefixt, dass ich den Roman doch weiterlesen muss!
    Schade, dass er Dir und Drewniok nicht gefällt. Geschmäcker sind… usw.
    Stilistisch finde ich es meisterlich, wie er ein gewisses Sentiment mit Lakonie verbindet. Und er schreibt so hinreißende Sätze wie: „Und sie verhörten sie mit mehr Gründlichkeit als Galanterie.“

    Gefällt 1 Person

  2. Ich danke Dir erstmal, dass du meine Kritik nicht persönlich genommen hast ;-), denn ich war in der Tat selbst etwas überrascht, wie wenig ich mit dem Roman warm geworden bin, konnten mich doch fast alle anderen DuMont-Noir-Titel durch die Bank begeistern.

    Möglich, dass mir im Hinterkopf die Trennung von der Verfilmung nicht ganz gelungen ist oder auch Paul Cain (der meines Erachtens dieses Sujet weit wortgewandter und wirkungsvoller bedient hat) die Latte zu hoch gelegt hat – in jedem Fall konnte mich Trail nicht so recht überzeugen. Tony ist ja eigentlich der Prototyp des eiskalten, soziopathischen Machismo und doch habe ich diese Gefährlichkeit nie so wirklich zwischen den Zeilen gespürt. Natürlich ist da viel Gewalt oder Brutalität, aber sie wird mir irgendwie auf ziemlich plumpe Art vermittelt:

    „Ich bin Scarface Tony Camonte, der neue Anführer der Lovo-Gang. Und ich bin zehnmal so abgebrüht, wie Johnny Love es je hätte sein können. Ich habe persönlich sechs oder acht Männer umgelegt, und einer mehr – besonders eine Ratte wie du – würde mir nicht das geringste ausmachen. Hast du das begriffen?“

    Ich kenne der Originalton an dieser Stelle nicht, doch so geschrieben verpufft bei mir irgendwie jeglicher Bedrohungseffekt. Aber wie du schon schreibst, verschiedene Geschmäcker. Habe Trail dennoch nicht ganz abgeschrieben. Joachim Körber plant ja noch die Veröffentlichung von „Der 13. Gast“, dessen Lektüre dann fest eingeplant ist.

    Schönes WE und bleib gesund!

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