In Moskau ist der Teufel los

© Luchterhand

Nachdem ich, von einigen längeren Pausen unterbrochen, fast drei Stunden auf das leere Word-Dokument vor mir gestarrt habe, wird mir nun langsam klar, dass es nicht so einfach wird mit der Rezension zu Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“. Das dürfte für mich insofern nicht überraschend sein, da auch die Lektüre dieses russischen Klassikers der Weltliteratur so ihre Tücken bereithielt, gehört sie doch zu der Kategorie Bücher, welche man zwar ohne weiteres einfach lesen, aber deswegen noch lange nicht verstehen bzw. genießen kann.

Über elf Jahre schrieb Bulgakow an dem Roman, diktierte noch im März des Jahres 1940 auf dem Sterbebett seiner Frau Jelena die letzte Fassung, auf die wiederum die Leserschaft nochmals ein Vierteljahrhundert warten musste. Erst dann, im November 1966, erschien das Werk in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift „Moskwa“ – allerdings um rund ein Achtel gekürzt. Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Im Gegenteil: Binnen weniger Stunden war die erste Auflage von 150.000 Exemplaren ausverkauft. Und auch die Zensur wurde mit der handschriftlichen Vervielfältigung der herausgekürzten Passagen vielerorts unterlaufen, „Der Meister und Margarita“ recht schnell zum Kultbuch einer ganzen Generation – und dies ist es heute, nach dem Ende des Ostblocks und dem Zusammenbruch des Sowjetregimes, auch weltweit. Ein Erfolg, den Bulgakow, der fast 30 Jahre vor der Veröffentlichung nach langer Krankheit starb, leider nicht mehr miterleben durfte.

Doch was macht die Faszination dieses von vielen als „größten russischen Roman“ bezeichneten Werks eigentlich aus? Wie lässt sich die Ausnahmestellung erklären, die Bulgakow neben Gogol, Tolstoi und Dostojewski inne hat und ihn – ironischerweise – sogar zum Lieblingsschriftsteller Stalins machte? Des Mannes, unter dem sich die Sowjetunion zu einem diktatorischen, totalen Überwachungsstaat entwickelt hatte, dessen alles erstarrende, lückenlose Bürokratie zum großen Feindbild Bulgakows wurde. Um all dies zu verstehen, die literarische Größe und Vielschichtigkeit zu erfassen, bedarf es mehr, als nur die schiere Lust am Lesen. Ohne eine gewisse Kenntnis der russischen Geschichte, insbesondere der 20er und 30er Jahre, wird vor allem der satirische Teil dieses Werks im Nichts versanden. Und auch die vielen Anspielungen und Verweise auf u.a. Goethes „Faust“, Gogol oder E.T.A. Hoffmann werden bei denjenigen unbemerkt vor den Augen vorbeiziehen, welche sich sonst eher im Bestseller-Regal der Buchläden bedient haben. Kurzum: „Der Meister und Margarita“ fordert einen gewissen Preis vom Leser, der in Wissen und Phantasie abzuleisten ist. Ansonsten werden die euphorischen Kritiken, die einzigartige Ausnahmestellung dieses Buches für viele ebenso schwer nachzuvollziehen sein, wie dessen äußerst komplexe und ineinander verschachtelte Handlung. Diese sei kurz angerissen:

Moskau, Sowjetunion, Ende der 1920er Jahre. Die „schöne neue Welt“ des Sozialismus ist zum Tummelplatz für regimetreue Funktionäre, Schmeichler, Speichellecker und Denunzianten geworden – allesamt willige Diener eines Regimes, das seine treuen Genossen mit staatlichen Geldern belohnt und mästet. Besonders die Literaten und Theaterleute genießen diese staatliche Protektion, speisen fürstlich im mondänen Restaurant „Gribojedow“, neidisch beäugt von den kleinen Schreiberlingen, die es nicht in die Schriftstellervereinigung geschafft haben. Doch in der Karwoche steht plötzlich alles auf dem Kopf – denn der Teufel höchstpersönlich gibt sich die Ehre.

In der Gestalt des „Konsultanten“ Voland nimmt er sich des korrupten Packs an, macht gleich zu Beginn des Romans kurzen Prozess mit dem Vorsitzenden der Schriftstellervereinigung, dem von einer treffsicheren U-Bahn der Kopf abgetrennt wird. Während die Schaulustigen noch ob des ungewöhnlichen Todes gaffen, wendet sich Satan bereits wieder dem jungen Dichter Besdomny zu, der, beauftragt ein Poem zu schreiben, das die Existenz Gottes leugnet, auch kurzum dessen ewigen Widersacher in Frage stellt. So etwas kann ein Teufel nicht auf sich sitzen lassen. Er raubt Besdomny seinen Verstand, welcher darauf in einer psychiatrischen Klinik landet und dort auf den „Meister“ trifft. Der war einst vom Klüngel des „Gribojedow“ wegen seines Romans über Pontius Pilatus harsch kritisiert worden und, nachdem er sein Manuskript in der Verzweiflung verbrannt hat, in eine tiefe Depression verfallen. Getrennt von seiner Geliebten, der wunderschönen Margarita, dämmert er seitdem vor sich hin. Doch der Teufel, der Margarita für den alljährlichen mitternächtlichen Hexenball als Ballkönigin an seiner Seite will, belohnt diese für ihre selbstlose Zusage – er führt die Liebenden zusammen. Und hinterlässt dabei eine Spur heilloser Verwüstung …

Auch mit dieser kurzen Wiedergabe erfasst man nicht einmal einen Bruchteil des Romans, der tatsächlich sogar noch eine zweite Erzählebene besitzt, in dem das Geschehen um das Manuskript des Meisters kreist. Aus der Perspektive des Pontius Pilatus schildert es die letzten Stunden im irdischen Leben des Jesu Christi, der mit seinem Henker nicht nur in Eintracht speist, sondern sogar ein freundschaftliches Verhältnis zu diesem entwickelt. Im Gegensatz zu Version der Bibel, begegnet der Leser hier einem menschlichen Pilatus, der in keinster Weise böse ist, sondern allein im entscheidenden Moment einen Fehler begeht, sich als Feigling erweist. Der Teufel nutzt diese Geschichte des Meisters, die er kurzerhand wiederherstellt („denn Manuskripte brennen nicht“), um den Gottesleugner Besdomny endgültig von dessen Irrtum zu überzeugen.

Zahlreiche Nebenhandlungen, schnell aufeinander folgende Perspektivwechsel, ein buntes, theaterhaftes Sammelsurium aus Gaunern, Karrieristen, Verrätern, Bürokraten und dumpfen Bürgern – und mittendrin der Teufel mit seinem Gefolge (allen voran der riesige und urkomische Kater Behemoth), die keinen Stein auf dem anderen lassen und mit satanischer Hingabe ihre Strafen verteilen. Bulgakow entfesselt in „Der Meister und Margarita“ einen regelrechten Sturm der phantastischen Ideen, der das undurchschaubare Geflecht des Sowjetstaates auseinanderwirbelt und mit bisweilen grandioser Satire und Situationskomik dessen bizarre Zustände entlarvt. Irrwitzig, mitreißend, traurig, bewegend, gefühlvoll – es bedarf einer ganzen Palette von Adjektiven, um diesen Roman ausreichend zu beschreiben, der, ganz im Stile Gogols, den Witz nutzt, um seine ernsthafte Botschaft zu überbringen. Wohlgemerkt ohne dabei zur moralgetränkten Anklageschrift zu verkommen. Denn das Buch ist in erster Linie eins – unheimlich unterhaltsam. Egal, in welchem Abschnitt man sich gerade befindet, welchen Handlungsstrang der Leser verfolgt – der Roman im Roman funktioniert jederzeit reibungslos, auch weil Bulgakow beide Geschichten nutzt, um die Handlung mit Volltempo voranzutreiben und die Stränge letztlich konsequent, aber auch überzeugend und logisch zusammenführt.

Und dennoch: Die Essenz dieses so facettenreichen Romans zu finden, zu erklären, was „Der Meister und Margarita“ so herausragend macht, ist schwer. Ob philosophisches Gedankengut in der Tradition Dostojewskis, skurrilem Schauer à la E.T.A. Hoffmann oder die klassische tragische Liebesgeschichte – Bulgakows Werk bietet all das und doch mehr, verflechtet den satirischen Gesellschaftsroman mit derart vielen Elementen, das er sich einer Einordnung in ein bestimmtes Genre gänzlich widersetzt. Ich für meinen Teil kann mich jedenfalls an kein Buch erinnern, welches die Rollen von Gut und Böse derart intelligent besetzt hat (u.a. mit Lenin als Woland oder Stalin als Asasello) und dabei gleichzeitig so erschreckend prophetisch den weiteren Gang der sowjetischen Gesellschaft unter dem Kommunismus vorwegnimmt. Korruption, seelische Fäulnis, Verlust der Menschlichkeit – das es gerade der Teufel ist, der uns hier den Spiegel vorhält, ist ein genialer und vor allem unheimlich wirkungsvoller und nachhaltiger Kniff.

So ist „Der Meister und Margarita“ am Ende mehr – von allem. Eine satirische Abrechnung mit dem Sowjetstaat. Eine Anklage gegen Beliebigkeit, Unmündigkeit und den Verlust des Glaubens. Ein spannendes, wendungsreiches Abenteuer. Und eine tragische, bewegende, wunderschöne Liebesgeschichte zweier Menschen, die allen Verlockungen widerstehen und dadurch die Gnade des Teufels finden.

Ganz, ganz große Literatur, die vielleicht nicht für jedermann einfach zu lesen ist, sich aber irgendwie doch an jedermann richtet. Unbedingt empfehlenswert und – ohne Frage – einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts.

Wertung: 94 von 100 Treffern

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  • Autor: Michail Bulgakow
  • Titel: Der Meister und Margarita
  • Originaltitel: Master i Margarita
  • Übersetzer: Thomas Reschke
  • Verlag: Luchterhand Verlag
  • Erschienen: 04/2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3630620930

7 Gedanken zu “In Moskau ist der Teufel los

  1. Ich finde, du hast es genial geschafft, diesen eigentlich unbeschreiblichen Roman schmackhaft zu machen. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich ihn gelesen habe – aber das ist eines der Bücher, die bleiben einen im Hirn haften. Ich wüßte nicht, wie man ihn klassisch rezensieren kann, da entzieht sich das Buch ja. Du gibst diese Stimmung, das Burleske, das Satirische wieder, das mir jetzt sofort wieder einige Szenen aus dem Meister und Margarita ins Gedächtnis ruft.
    Schönen Sonntag wünscht Birgit

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    • Über Dein Kompliment freue ich mich sehr, liebe Birgit! Danke Schön.

      Es war auch in der Buchhandlung stets einer dieser Titel, welche man dem interessierten Kunden nur schwer wiedergeben konnte. Ich habe jetzt mal mein Bestes versucht, um zumindest einen Teil der Essenz und auch der Genialität Bulgakows wiederzugeben. Und vor allem auch versucht anzuregen, diesen wunderbaren Klassiker auch heute nochmal wieder zu lesen.

      Dir auch einen schönen Sonntag
      Stefan

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  2. Hat dies auf Wortspiele: Ein literarischer Blog rebloggt und kommentierte:
    Selten habe ich so anregend über diesen Klassiker der russischen Literatur gelesen. Da will man ihn sich gleich nochmal auf die Lektüreliste setzen, vielleicht sogar in der Neuübersetzung von Alexander Nitzberg, die inzwischen bei dtv auch als Taschenbuch erschienen ist. Ein Vergleich zwischen dieser Fassung und der Übersetzung von Thomas Reschke verschafft womöglich noch einen zusätzlichen Lesegenuss!

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  3. Lieber Wolfgang, lieber Stefan: Überraschung am Sonntagmorgen: Da finde ich in meinem Postfach gleich zwei Benachrichtgungen mit gleichlautendem Betreff: In Moskau ist der Teufel los! Aber einmal von Wolfgang Fischer, die andere von Stefan Heidsiek? Spinnt mein E-Mail-Programm? Ob sich da zwei mit demselben Buch beschäftigt haben? Oder hat einer beim anderen was geklaut? Das Rätsel löst sich, als ich die Benachrichtigung voni Wolfgang Schiffers Literaturblog Wortspiele lese. Alles Weitere wisst ihr beiden. Danke für die Besprechung(en) von Bulgakows großartigem Text, der mir in den Siebziger Jahren von einer guten Freundin nahegebracht wurde. Liebe Grüße, Joachim

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    • Lieber Joachim, nichts zu danken. Ich freue mich, dass mein Text zu diesem russischen Literatur-Klassiker so viel Anklang findet. „Der Meister und Margarita“ hat meines Erachtens immer noch kein bisschen Staub angesetzt und wird hoffentlich auch von künftigen Generationen gelesen – und wertgeschätzt.

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