Oh Lord, ein Mord!

© Goldmann

In der Geschichte der Literatur und des Films hat es bereits so einige Prequels gegeben – und gefühlt waren doch die meisten eher unnötige Anhängsel an die jeweilige Serie oder Trilogie, verzweifelt darum bemüht, irgendwie in Ton und Stil an das Original anzuknüpfen, Antworten auf Fragen zu geben, welche zuvor eigentlich niemand gestellt hatte und auch nicht in diesem Detailgrad wissen wollte. Elizabeth Georges vierter Roman aus der Reihe um Inspector Thomas Lynley führt diese Tradition – mit all ihren Schwierigkeiten – nahtlos fort.

Was die amerikanische Autorin dazu brachte, das sich bereits etablierte Duo Lynley und Havers in „Mein ist die Rache“ erst einmal wieder zu sprengen und stattdessen in die Zeit vor ihrer Zusammenarbeit zu reisen, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Ein gelungener Schachzug war es in jedem Fall nicht. Und es darf stark bezweifelt werden, dass ein Großteil der Leser nach mehr Informationen über das Beziehungswirrwarr zwischen Simon Allcourt-St. James, Deborah Cotter, Helen Clyde und eben Thomas Lynley gegiert hat – denn es ist genau dies, was uns Elizabeth George hier, in fast epischer Breite, vor allem im ersten Drittel dieses so arg künstlich anmutenden Romans kredenzt.

Wer sich da bereits recht früh mit einem Blick immer wieder der Etikettierung „Kriminalroman“ auf dem Buchdeckel rückversichert, der hat mein vollstes Verständnis, denn vor dem Mord hat die liebe Frau George tatsächlich erst einmal den Schweiß gesetzt. Insbesondere die penible Ausarbeitung des Adelsprotokolls zeichnet für diese unsere Transpiration verantwortlich, lässt die Autorin doch zu Beginn kein Klischee aus dem Milieu der Reichen und Schönen unangetastet. Vollkommen unnötig, denn unter dieser pilcheresken Patina schlummert tatsächlich eine durchaus intelligente Kriminalgeschichte:

Das Glück des jungen Paars Thomas Lynley und Deborah Cotter ist getrübt. Nach ihrer Rückkehr aus den USA wollten sie eigentlich die freudige Nachricht ihrer Verlobung verkünden, doch insbesondere für Thomas‘ alten Jugendfreund St. James ist dies ein bittersüßes Wiedersehen. Jahrelang lebte er wie ein großer Bruder an der Seite von Deborah, verliebte sich schließlich gar in sie und fand jedoch nie die Worte ihr das zu sagen. Nun soll er, zusammen mit seiner Arbeitskollegin und guten Freundin Helen Clyde, die beiden für ein Wochenende nach Cornwall begleiten. Hier befindet sich Howenstow, der feudale Stammsitz der Ashertons und die seit langem gemiedene Heimat von Thomas Lynley, den einst die neue Beziehung seiner Mutter aus dem Hause trieb. Seitdem haben beide nur wenige miteinander Worte gewechselt. Dementsprechend verhalten gestaltet sich schließlich auch der Empfang, der von unterschwelligen Spannungen überlagert wird. Während sich ein jeder verzweifelt versucht an das Protokoll zu halten, kommt es im nahegelegenen Dorf Nanrunnel (angelehnt an das reale Mousehole) zu einem bestialischen Mord.

Mick Cambrey, ein regionaler Journalist und bekannter Schürzenjäger, wird von seiner Frau tot in seinem Cottage aufgefunden. Seine nachträgliche Kastration deutet einen Beziehungsstreit an, doch Lynley, seines Zeichens Inspector beim New Scotland Yard in London, und St. James, von Beruf Gerichtsmediziner, empfinden diesen Hinweis als allzu offensichtlich und entdecken schon bald, dass die Spuren zurück nach Howenstow führen. Cambreys Frau ist die Tochter des gräflichen Verwalters, der seine Abscheu gegenüber seinem Schwiegersohn nie verbergen konnte. Und auch Thomas‘ Bruder Peter, den seine Drogensucht zurück nach Cornwall getrieben hat, scheint in den Fall verwickelt. Auf der Suche nach dem Täter verfangen sich alle Beteiligten mit jedem Schritt mehr in einem fatalen Netz aus lange unterdrückten Feindseligkeiten, nicht eingestandenen Schuldgefühlen und scheinheiliger Moral. Für jeden entwickeln sich die Ereignisse zum Prüfstein der eigenen Selbstwahrnehmung. Und während die familiären und gesellschaftlichen Bindungen in diesem Schmelztiegel der Emotionen auf die Probe gestellt werden, kommt es zu einem zweiten Unglück …

Der Lord. Die Gräfin. Der Gutsverwalter. Der Chauffeur. Der Gärtner. Gepflegter Anachronismus in Reinkultur, den Elizabeth George in diesem Kriminalroman zelebriert, der augenscheinlich am Reißbrett für klassische Whodunits entworfen wurde und nur wenige Zugeständnisse an die Moderne macht, denn sieht man von den im Buch erwähnten Flugzeugen und Autos ab, könnte die Handlung genauso gut im viktorianischen England spielen (Es hätte nur noch gefehlt, dass eine der Frauen ein Hirnfieber erleidet). Allerdings in einem noch dichter bevölkerten England, werden doch auf den ersten hundert Seiten gefühlt genau so viele Figuren eingeführt – manche mehr, manche weniger wichtig für den eigentlichen Plot – was durchaus eine gewisse Konzentration seitens des Lesers erfordert, welche aufgrund des vielen gepflegten Flanierens und Dinierens allerdings immer wieder abzuschweifen droht. Nun gut, dass ist für eine Elizabeth George nun beileibe nichts Ungewöhnliches – insbesondere ihre späteren Werke lassen da ja meines Erachtens längst jedes gesunde Maß vermissen – dennoch wäre hier der Boden für einen viel schneller steigenden Spannungsbogen eigentlich bereitet gewesen.

Überhaupt beweist George durchaus großes Geschick, was die Verflechtung der Handlungsstränge sowie das Platzieren von Überraschungseffekten angeht. Die Mördersuche, sie ist tatsächlich fordernd, führt uns immer wieder geschickt auf die falsche Fährte und sorgt dann auch dafür, dass ein nicht gerade kleiner Teil der Beteiligten bis zum Schluss von Bedeutung ist bzw. nicht als Täter ausgeschlossen werden kann. Unter dem ganzen High-Society-Zuckerguss schlummert ein mehr als passabler Krimi, der aber einfach zu spät seine Füße aus dem Bett bzw. diese auf die Erde bekommt. George, welche auch hier eindrucksvoll belegt, dass sie schreiben kann, setzt über einen zu langen Zeitraum die falschen Prioritäten, gibt ihren Protagonisten zu viel Zeit mit ihren inneren Dämonen zu ringen, was – vor allem im Hinblick auf die Lächerlichkeit mancher Probleme (die Mama hat einen Neuen) – dem äußerst realistischen Hintergrund des Mords einen Bärendienst erweist.

Wie viel mehr drin gewesen wäre, beweisen dann schließlich die letzten hundertfünfzig Seiten, wo die allzu sterile cornwallsche Kulisse endlich ihren Status als Schauplatz eines Mordes gerecht wird und der bis hierhin mäandernde Plot schnurstracks vorangetrieben wird. Wessen Interesse bis hierhin noch nicht in den vielen romantischen Verstrickungen erstickt wurde, greift nun tatsächlich das vor ihm liegende Buch fester – vielleicht selbst ein wenig überrascht über die Tatsache, dass man nun doch wissen will, wofür das Ganze zuvor gut war. So ganz, dass muss man ehrlich konstatieren, rechtfertigt die Auflösung den vorherigen Aufwand letztlich nicht. Zumindest das Prädikat Krimi wird sich aber wenigstens verdient, wobei sich Freunde von Fontane und Co. auch noch selig schluchzend an die bebende Brust fassen können. Glücklich darüber, dass sich ganz am Schluss doch „Herz zum Herzen find’t“.

Bleibt am Ende noch die Frage offen: Hat es diese Vorgeschichte gebraucht bzw. sollte man diese beim Einstieg in die Lynley-Reihe auch zuerst lesen? Definitiv nein, da sie, von der Änderung des Status diverser Beziehungen mal abgesehen, keinerlei Einfluss auf die kommenden Ereignisse hat und die (zumindest meiner Auffassung nach) interessanteste Figur aus Georges Feder, die bärbeißige Sergeant Barbara Havers, bis auf einen kleinen Kurzauftritt durch Abwesenheit glänzt.

Wertung: 72 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth George
  • Titel: Mein ist die Rache
  • Originaltitel: A Suitable Vengeance
  • Übersetzer: Mechtild Sandberg-Ciletti
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 03/2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 496 Seiten
  • ISBN: 978-3442478248
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2 Gedanken zu “Oh Lord, ein Mord!

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