Der beste Freund des Menschen

© btb

Gedanken wollen oft – wie Kinder und Hunde -, dass man mit ihnen im Freien spazieren geht.

Ob es dieses Zitat des bekannten deutschen Dichters Christian Morgenstern war, dass den im IT-Business tätigen David Wroblewski dazu inspirierte, über zehn Jahre an seinem Debütroman „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ zu schreiben, darf wohl stark bezweifelt werden. Dennoch könnte wohl kaum ein Satz dieses Buch besser beschreiben, welches die Beziehung und das Verhältnis von Mensch und Hund nicht nur in das Zentrum der Handlung stellt, sondern den Leser diese besondere Verbindung auch durch den Blick eines Kindes und inmitten der Wildnis der Natur erfahren lässt.

Inwieweit dieser literarische Ausflug gelungen ist – darüber scheiden sich augenscheinlich seit der Veröffentlichung die Geister. Wenngleich ein Interview mit Oprah Winfrey ausreichend war, um diesen Roman im Jahre 2008 nach ganz oben in die amerikanischen Bestseller-Listen zu katapultieren, so ist sich der Feuilleton in seiner Bewertung eher weniger einig. Und auch ich persönlich muss feststellen, dass sich dieses Erstlingswerk einer eindeutigen Beurteilung meinerseits hartnäckig widersetzt, der Grat zwischen meisterhaftem Wurf und esoterischem Geschwurbel mitunter ein äußerst schmaler ist.

Die Meinungen, sie kippen, wie auch in den vielen unterschiedlichen Besprechungen nachzulesen ist, in beide Richtungen, doch man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man behauptet: Eine gewisse Vorliebe für bildreiche Sprache und natürlich besonders für den besten Freund des Menschen, den Hund, sollte man von vorneherein schon mitbringen, um überhaupt mit diesem Stück moderner Literatur einen gemeinsamen Nenner zu finden. Ein Stück Literatur, das Wroblewski laut eigener Aussage so schrieb, wie er selbst seine Romane bevorzugt. Was bedeutet das nun genau für den Leser?

Im Mittelpunkt des Buches steht wenig überraschend der namensgebende Edgar Sawtelle. Ein stummer Junge von 14 Jahren, der allein über Gebärden mit seinen Eltern Gar und Trudy kommuniziert, welche auf einer abgelegenen Farm im amerikanischen Wisconsin eine seit Generationen bestehende Hundezucht betreiben. Edgar wird von früh an in die Arbeit mit den Hunden herangezogen und zeigt sich besonders geschickt darin, selbst schwierigere Vierbeiner-Kandidaten Gehorsam zu lehren – und somit auch für etwaige Verkäufer interessant zu machen. Der gute Ruf der Sawtelles ist inzwischen überregional, was alle Mitglieder der Familie mit Stolz erfüllt, allerdings auch die Anforderungen erhöht, denn die Arbeit mit den Hunden nimmt viel Zeit in Anspruch. Edgar verbringt den Großteil seiner Zeit mit der Hündin Almondine, die für ihn nicht nur einen menschlichen Freund ersetzt, sondern auch als willkommene Ablenkung von der täglichen Routine dient.

Obwohl die Tage lang und hart sind, so herrscht doch eine gewisse Idylle. Eine Idylle, welche jäh zerbricht, als eines Tages Gars Bruder Claude vor der Tür steht. Seit jeher hatten die beiden Geschwister ein äußerst schwieriges Verhältnis und Claude, der lange Jahre als Marine Dienst in Südkorea tat, scheint wenig geneigt dieses zu verbessern. Während die Atmosphäre zunehmend gereizter wird, zieht sich Edgar immer mehr zurück. Als er eines Tages seinen toten Vater in der Scheune des Hundezwingers auffindet, kann und will er nicht an einen Zufall glauben. Während Claude im Anschluss nicht nur den Platz des Familienoberhaupts, sondern auch den an der Seite von Edgars Mutter annimmt, wächst bei dem Jungen die Verzweiflung. Bei einem äußerst unglücklichen, von ihm verursachten Unfall kommt schließlich auch noch der hiesige Tierarzt ums Leben. Getrieben von seiner Schuld, schnappt Edgar sich drei der Hunde und flieht in die Wildnis …

Was so verheißungsvoll klingt, hat doch einen großen Haken, denn bis wir an der Seite unserer Partner mit der kalten Schnauze in die üppigen Wälder Wisconsins eindringen, heißt es erst einmal: „Sitz“, „Platz“, „Bleib“ und „Zuhören“. Insbesondere letzteres in einem irgendwann fast nicht mehr erträglichen Übermaß, denn Sawtelle, der in diesem Roman doch sehr offensichtlich autobiographisches verarbeitet hat, nimmt den Leser von Beginn an wortwörtlich an die kurze Leine und lässt uns äußerst eng bei Fuß laufen. Über viele, viele, ja viel zu viele Seiten schildert er in aller Ausführlichkeit die Kniffe und Tricks von Hundezucht und -training, dass einem irgendwann müde und hundselend davon wird. Abgelöst von gelegentlichen Rückblicken, welche die Anfänge der Hundezucht im Jahr 1919 unter Edgars Großvater schildern und, nun ja, in diesem Zusammenhang ebenfalls vor allem von Hunden zu erzählen wissen. Die Geduld, sie wird auf den ersten zweihundert Seiten von Wroblewskis Roman auf eine äußerst harte Probe gestellt und man bekommt ein wenig einen Eindruck davon, wie es sich anfühlen muss, auf einen gefüllten Napf (in diesem Fall, die im Klappentext angekündigte Flucht Edgars) zu starren und vergeblich auf das Kommando des Herrchens zu warten.

Wrobleswki, dass muss man dieser Stelle einfach mal wertneutral feststellen, will da schlichtweg zu viel auf einmal, verhebt sich beim Ansinnen, hieraus diese eine große Familiensaga zu machen. Als ob er dies selbst beim Schreiben festgestellt hat, versucht er das in verspielten Metaphern und ausufernden Schachtelsätzen zu Papier gebrachte mit einer ganzen Vielzahl symbolischer Bedeutungen zu unterfüttern (auch die Verweise und Anspielungen auf Shakespeares „Hamlet“ sind nur allzu deutlich), was dem ohnehin schon trägen Vorankommen des Plots jedoch ebenfalls wenig zuträglich ist. Das hätte wiederum einem etwas aufmerksameren Lektor eigentlich auffallen müssen, der an diesen Stellen schlichtweg viel zu selten den Rotstift angesetzt hat. Zum Schaden des Buches, das gerade durch die das Tempo verschleppenden Ausführungen viel Potenzial liegen lässt – und möglicherweise bereits zu diesem Zeitpunkt den ein oder anderen Leser endgültig verliert und zum Katzenliebhaber macht.

Von einem Abbruch der Lektüre muss dennoch abgeraten werden, denn Wroblewski bekommt nicht nur ab der Hälfte endlich die Kurve, sondern spielt auch überraschenderweise von jetzt auf gleich sein schriftstellerisches Können aus. Sieht man vom unlogischen Verhalten Edgars, Almondine allein aufgrund ihres Alters zurückzulassen ab, greifen mit dessen Flucht von der Farm die Zahnräder nun reibungslos ineinander. Fernab der Zivilisation scheint der Autor plötzlich in seinem Element, scheint er seinen Rhythmus gefunden zu haben. Der bleibt zwar weiterhin von gemächlicher Gangart, was wir aber aufgrund des Feingefühls mit der Wroblewski die Beziehung zwischen dem Jungen und seinen Hunden zeichnet, recht schnell vergessen. Mehr noch: Wir ertappen uns dabei, wohlwollend inne zu halten und die Naturbeschreibungen zu genießen, welche hier – inmitten der Wildnis – endlich nicht mehr zum Selbstzweck verkommen, endlich ihre Stärken ausspielen. Gemeinsam mit Edgar schlägt man sich durchs Unterholz. Schwitzend, hungernd, von Mücken zerstochen. Und wie der Junge, so werfen wir keinen zweiten Blick mehr zurück auf das Vorher, lernen wir zu vergessen, werden ein Teil dieser undurchdringlichen Natur und öffnen uns dem Abenteuer.

Wroblewskis Botschaft hinter dieser Geschichte aus Schuld und Rache, Liebe und Hass, Eifersucht und Neid – sie braucht Zeit, um sich zu entfalten und lohnt letztendlich doch, da viele Passagen – so wie das Zusammentreffen mit dem exzentrischen Henry Lamb, der Edgar Zuflucht gewähnt und ihm und seinen Hunden das Herz öffnet – in Erinnerung bleiben. Ob der Autor an dieser Stelle nicht einfach die Feder hätte beiseite legen sollen oder Edgar dann unbedingt nochmal für ein gewaltgeladenes Wiedersehen den Weg zurück antreten muss – darüber kann man sicher trefflich streiten. Das ungewöhnlich „laut“ inszenierte Finale beißt sich in jedem Fall mit dem zuvor doch sehr melancholischen und ruhigen Ton der Geschichte. Möglich aber, dass der gute Mann hier schon eine potenzielle Verfilmung im Hinterkopf hatte.

Was bleibt nun von der Lektüre? „Die Geschichte des Edgar Sawtelle“ ist von großen, auch qualitativen Kontrasten geprägt. Feinsinnig, traurig, teilweise gar herzzerreißend und dann doch wieder überambitioniert, schwafelnd und am Rande des Kitsches. Die Wahrheit liegt hinsichtlich einer Bewertung wohl irgendwo in der Mitte und muss von jedem selbst „erlesen“ werden.

Wertung: 78 von 100 Treffern

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  • Autor: David Wroblewski
  • Titel: Die Geschichte des Edgar Sawtelle
  • Originaltitel: The Story of Edgar Sawtelle
  • Übersetzer: Barbara Heller, Rudolf Hermstein
  • Verlag: btb Verlag
  • Erschienen: 04/2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 704 Seiten
  • ISBN: 978-3442742561
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