Perlen vor die Säue

© Unionsverlag

Was lange währt, wird endlich gut, denn es hat in der Tat eine Weile gedauert, bis ich mein Versprechen eingelöst und mir Gary Victors Kriminalroman „Schweinezeiten“ zur Lektüre aus dem Bücherregal gezogen habe. Weniger aufgrund mangelnden Interesses, als vielmehr der sich exponentiell steigenden Auswahl in meiner Sammlung geschuldet.

Zudem war der haitianische Autor über einen größeren Zeitraum sowohl im Feuilleton als auch in der Blogosphäre in aller Munde, was eine weitere Stimme irgendwie obsolet gemacht und zudem meine eigene Bewertung eventuell beeinflusst hätte. Und das wäre schade, lohnt es doch, dieses Werk immer wieder neu hervorzuheben und zu empfehlen, denn was Victor hier auf Papier gebracht hat, das verdient durchaus Beachtung. Mehr noch: Gerade Freunde des Noir sehen ihr Sub-Genre dank „Schweinezeiten“ durch eine ganz neue Facette bzw. Nuance erweitert, denn nicht nur dass wir äußerst gezielt einen Blick in die desaströsen Zustände des Karibik-Staats Haiti werfen dürfen – der den westlichen Medien sonst nur bei Naturkatastrophen einen weiteren wert ist – auch die mysteriöse Zwischenwelt des Voodoo ist für die Handlung von essenzieller Bedeutung, welche an dieser Stelle daher auch kurz angerissen sei:

Haiti, ein drückend heißer Sommer noch vor den verheerenden Erdbeben des Jahres 2010. Inspektor Dieuswalwe Azémar gilt unter seinen Kollegen auf dem Polizeirevier von Port-au-Prince als Versager, als eine gescheiterte Existenz. Sein größter Makel: Seine Ehrlichkeit. In einem Land, in dem Korruption zum guten Ton gehört und man sich gefälligst von allen Seiten gehörig schmieren zu lassen hat, ist Azémar ein unliebsamer Störenfried, dem allseits Verachtung zuteil kommt. Gesteigert wird diese Abneigung nur durch die Tatsache, dass er auch noch die beste Aufklärungsquote des Reviers vorweisen kann. Dieuswalwe Azémar ist gut in seinem Job – und dafür ist ihm ebenfalls der Hass der Neider sicher. Gepaart mit einem miserablen finanziellen Auskommen ergibt sich eine Situation, die es nur noch zu ertränken gilt, was neben der Arbeit den Großteil eines Tagesablaufs in Anspruch nimmt. Zufriedenheit und Nüchternheit sind zwei Zustände, welche dem Ermittler gänzlich fremd sind, der jede Möglichkeit, den regionalen Zuckerrohrschnaps Tranpe herunterkippen zu können, genauso mit Freuden wahrnimmt, wie die Dienste der hiesigen Prostituierten.

Trotz des dauerhaften Alkoholrauschs bleibt er sich aber seiner Lage bewusst. Wohl wissend, dass er mit seinen geringen finanziellen Mitteln seiner mutterlosen Tochter Mireya ein ähnliches Schicksal in Haiti nicht ersparen kann, plant er, diese schweren Herzens für eine Adoption aus dem Ausland freizugeben. Als Vermittler dient die Kirche vom Blut der Apostel, ein evangelikales Pensionat, in dem sie bereits seit einiger Zeit lebt und auch ihre Schulbildung erhält. Zumindest für sie, so scheint es, könnte es also einen Ausweg aus diesen Schweinezeiten geben. Doch recht schnell zeigt sich, dass auch diese Hoffnung inmitten eines hoffnungslosen Landes trügerisch ist. Drei Tage bevor Mireya aus Haiti weggebracht werden soll, spitzen sich die Ereignisse plötzlich zu. Als Azémar das Kind einer Bekannten aus den Fängen eines hiesigen Voodoo-Priesters befreien will – das Geld zur Auslösung kann diese schlicht nicht aufbringen – greift er kurzerhand zur Waffe und erschießt sowohl den vermeintlichen Heiler als auch zwei seiner Komplizen. Ein Mord, der auch auf einer korrupten und von Verbrechern durchsetzten Dienststelle wie der seinen nicht unbemerkt bleibt. Doch damit nicht genug:

Mireya erzählt ihm von seltsamen Träumen, in denen sie Azémars alten Kollegen Wachtmeister Colin mit Schweineohren vor sich sieht. Eigentlich nur eine aberwitzige Kinderphantasie und dennoch löst sie Unbehagen in ihrem Vater aus, denn sein einstiger Ziehsohn bei der Polizei, in den er große Hoffnungen gesetzt hatte, ist seit einiger Zeit wie vom Erdboden verschluckt. Azémar nimmt dessen Spur auf und beginnt auf eigene Faust mit den Ermittlungen, die interessanterweise auch in den Kreis der Kirche vom Blut der Apostel führen. Als er erkennt, welch perfides Spiel im Namen Gottes getrieben wird, ist es fast zu spät …

Nun ja, wenn wir mal ganz ehrlich zu uns selbst sind – jeder der schon den ein oder anderen Krimi gelesen hat, wird sich bereits jetzt ein ziemlich klares Bild davon machen können, wohin die Reise im weiteren, ohnehin sehr übersichtlichen Verlauf (das Buch hat gerade mal 148 Seiten und damit Novellencharakter) gehen wird. Und es stimmt wohl, wenn man konstatiert, dass Victor in Punkto Plotbuilding oder auch Spannungsaufbau hier nicht die Sterne vom Himmel geholt hat. Gleichzeitig hat dies allerdings auch kaum Gewicht, denn er weiß stattdessen an ganz anderer Stelle, nämlich bei der Atmosphäre zu punkten. Das Etikett „Noir“ ist inzwischen ein vielfach verteiltes, welches überall mit Wonne verklebt und vergeben wird, wenngleich der betitelte Inhalt mit dem Urtypus dieses Genre zumeist kaum noch etwas zu tun hat. Denn Nein, ein versoffener Ermittler allein reicht für diese Typisierung bei weitem nicht aus. Der Noir hat sich seit jeher vor allem als Literatur der Krise verstanden, als Transportmittel der realen gesellschaftlichen Umstände einer Stadt oder eines Landes – und damit als beste Möglichkeit, um die regionale oder kulturelle Distanz zwischen Schauplatz und Leser zu überwinden.

Gary Victor versucht in „Schweinezeiten“ erst gar nicht, über irgendetwas den Mantel des Schweigens auszubreiten, sondern schildert sein von ihm erfahrenes Haiti schonungslos und bis ins kleinste Detail. Er zeigt uns ein ausgeblutetes, von der Sonne verbranntes Land, das trotz seiner klimatischen Lage statt Exotik nur Verzweiflung ausstrahlt. Und er zeigt es uns nicht behutsam, sondern reißt uns hart am Schopfe, macht ein Abwenden unmöglich, hält uns den Geruch von Armut, Gewalt und Tod direkt unter die Nase. Selbst weniger dünnhäutige Leser wird diese Lektüre, diese tiefe Aussichtslosigkeit nicht kalt lassen können, da sie keines künstlerischen Ursprungs, sondern vielmehr Abbild des Ist-Zustands ist. Ein Ist-Zustand, der eben dann letztlich auch das Handeln des Protagonisten Azémars bedingt, dessen Skizzierung ich zu den größten Stärken dieses Romans zähle. Kaputte Schnüffler gibt es nun bereits wie Sand am Meer – und auch literarisch über den ganzen Globus verteilt. Mit Gary Victors Anti-Held erreichen wir aber in der Tat nochmal eine andere Stufe bzw. legen eine tiefer verborgene Schicht frei, die mich unerwarteterweise emotional ziemlich angefasst hat.

Und auch Schreiben kann Victor. Seine Sprache ist unaufgeregt, pragmatisch, kalt und doch nicht bar einer gewissen, vielleicht gar kreolischen Poesie. So wie er es darlegt, wie er den Rhythmus aufbaut – so konnte das auch nur aus der Feder eines Haitianers geschehen, der natürlich, wie könnte es auch anders sein, dem okkulten Glauben seiner Heimat Tribut zollt. Wie auch Blog-Kollegin Christina Benedikt, so kam auch mir in manchen Szenen hier Franz Kafka und insbesondere sein Werk „Die Verwandlung“ in den Sinn, so nah ist Victor am rätselhaften, unheimlichen Ton des berühmten Pragers. Wenn es denn Lichtstimmungen in einem Buch gibt – ich habe bei einer Lektüre tatsächlich immer solche vor dem geistigen Auge – so dominieren in „Schweinezeiten“ trotz der brennenden Sonne vor allem die von ihr geworfenen, langen Schatten, in denen sich Dinge abspielen, die sich rational nicht erklären lassen. Ob diese Ausflüge ins Übernatürliche nun unbedingt sein mussten, sei dahingestellt (ich persönlich hätte darauf verzichten können) – sie fügen sich aber in jedem Fall reibungslos ins dieses kleine nachtschwarze Werk ein.

Die breite Masse kann und will „Schweinezeiten“ am Ende sicher nicht bedienen. Und sind wir mal ganz ehrlich, es hieße auch Perlen vor die Säue (oder sollte ich lieber Schweine sagen?) werfen. Alle diejenigen, die aber nach einer besonderen Erfahrung im literarischen Krimi immer gerne Ausschau halten und welche die künstlerische Leistung eines Autors zu würdigen wissen – denen sei dieses Buch unbedingt ans Herz gelegt.

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Gary Victor
  • Titel: Schweinezeiten
  • Originaltitel: Saisons de porcs
  • Übersetzer: Peter Trier
  • Verlag: Unionsverlag
  • Erschienen: 03.2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 156
  • ISBN: 978-3293207288
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2 Gedanken zu “Perlen vor die Säue

  1. Da sind sie ja – die Erdbeeren. ;-)
    Ich freu mich, dass Gary Victor Dich zu weiten Teilen überzeugen konnte und hoffe, Du führst Dir noch den ein oder anderen Teil der Reihe zu Gemüte. Ich mag die Reihe unheimlich und wünsche ihr noch viele weitere Leser.

    Gefällt 1 Person

    • Ja, auch wenn es mich jetzt spannungstechnisch nicht vom Hocker gerissen hat, die Atmosphäre konnte mich tatsächlich packen. Und Azémar ist zudem ein verdammt interessanter Protagonist. „Soro“ ist bereits auf dem Wunschzettel. Eine Fortsetzung der Reihe meinerseits ist also durchaus wahrscheinlich. :-) – Und ich hoffe auch, dass noch viele Leser Victor für sich entdecken werden. Es sind solche Titel, von denen das Genre Krimi wirklich profitiert.

      Gefällt 1 Person

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