Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …

© Piper

Sackerment, ich war ein Tor! Da habe ich doch, trotz lobender Kritiken von allen Seiten und drängender Aufforderungen es alsbald zu lesen, Robert Löhrs „Das Erlkönig-Manöver“ drei Jahre lang im Bücherregal verstauben lassen und damit ein großartiges Stück Literatur verpasst. Entgegen der oftmals geäußerten Auffassung, dass deutsche Autoren nicht lustig, sondern nur Klamauk schreiben können, ist es Löhr hier gelungen, ein kleines Juwel auf Papier zu bringen, das diese Klischees widerlegt und sich gleichzeitig auf Anhieb weit nach oben in meine persönliche Bücherhitliste katapultiert.

Wann immer man sich als Rezensent sonst mühevoll den Kopf zermartern muss, um positive wie negative Aspekte eines Buches objektiv darzustellen, bietet sich nun endlich die einmalige Gelegenheit jegliche Zurückhaltung über Bord zu schmeißen und zu Loben bis die Tastatur raucht. „Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unglaubliches Vergnügen, das von der ersten Seite an auf allerhöchstem Niveau unterhält und mit einer feinsinnigen Gagdichte aufwartet, die ihresgleichen sucht. Wer hier nicht mal schmunzelt, nicht mal einmal das Leuchten in den Augen bekommt, der geht sonst wohl zum Lachen in den Keller. Und jetzt zur Geschichte, die an dieser Stelle nur kurz angerissen sei, würde doch eine ausführlichere Inhaltsangabe zu viel von dem vorweg nehmen, was den Leser an Vergnüglichem bei der Lektüre erwartet:

Weimar im Jahre des Herrn 1805. Ein Großteil Europas ist in die Hände der Franzosen gefallen. Neue Gebietsabgaben bedrohen die vielen kleinen deutschen Fürstentümer. Darunter ist auch das von Herzog Karl August, dem Gönner und Dienstherrn des ehrwürdigen Geheimrats Wolfgang von Goethe. Letzterer wird nun an einem kühlen Februarmorgen zu einer privaten Unterredung in das Schloss zu Weimar bestellt und zu seinem großen Erschrecken mit einem wahrhaften Himmelfahrtskommando betraut: Louis-Charles, Sohn des hingerichteten Königs Louis XVI., hat die Wirren der Revolution überlebt, ist aber nach jahrelanger Flucht in Napoleons Hände geraten. In einem düsteren Verlies im französisch besetzten Mainz droht ihm der Tod – Goethe soll nun ausziehen, um das Leben des rechtmäßigen Thronfolgers zu retten, damit dieser Napoleons tyrannische Herrschaft brechen kann.

Da eine solch lebensgefährliche Mission nicht allein bewältigt werden kann, versichert sich der alte Kämpe illustrer Unterstützung. Neben seinem besten Freund Friedrich von Schiller stößt auch der reiseerfahrene Alexander von Humboldt zum Team. In Frankfurt schließen sich zudem Bettine Brentano und ihr Verlobter Achim von Arnim der Gruppe an, die kurz vor Mainz noch vom Franzosen hassenden Heinrich von Kleist komplettiert wird. Gemeinsam sieht man sich schließlich der gut bewachten Feste gegenüber und schmiedet einen Plan, bei dessen Ausführung die besten Waffen ihre spitze Zungen zu sein scheinen. Wohlgemerkt nur scheinen, denn im Verlauf ihres Abenteuers ist der Verschleiß an Pulvern, Armbrustbolzen und Kugeln höher, als man gemeinhin von solchen Dichtern und Denkern erwarten würde …

„Fasten your seatbelts!“, denn hinter dem sich auf dem Cover langsam öffnenden roten Vorhang erwartet sie ein rasantes und komödiantisches Bubenstück mit einer so hanebüchenen Handlung, dass man schlichtweg nicht anders kann als schallend lachend die Sessellehne zu traktieren. Was Robert Löhr hier abbrennt, ist eine intelligente und höchst vergnügliche Feuerwerk-Mischung aus Bildungs- und Agentenroman, bei der Freunde von Klassik und Moderne gleichermaßen etwas geboten bekommen und der bei dem ein oder anderen vielleicht sogar das Interesse an diesen literarischen Lichtgestalten wecken wird. Dem Autor gelingt es auf bemerkenswerte Art und Weise die Lebensläufe der vielen herausragenden Personen dieser Zeit sprachlich hochwertig, politisch brisant und beklemmend spannend zu verknüpfen, ohne dabei in seiner liebevollen Respektlosigkeit zu weit zu gehen oder am Mythos dieser verstorbenen Legenden zu sägen. Im Gegenteil: Zielsicherer Witz und fundierte Sachkenntnis gehen hier eine perfekte Symbiose ein und lassen diese komplett unglaubwürdige Geschichte auf den Leser irritierend glaubhaft wirken. Löhr pustet den Staub von den Gebeinen, würzt die deutschen Klassiker mit einer Prise schärfsten Pfeffers und katapultiert eine längst vergessene Ära in die heutige Zeit.

Schon lange hat es mir nicht mehr soviel Spaß gemacht, eine Gruppe von „Helden“ bei ihrem Treiben zu beobachten. Schon lange habe ich nicht mehr solch akkurat und doch federleicht gezeichnete Figuren in einem Buch erlebt. „Das Erlkönig-Manöver“ hätte einen Regenguss von Superlativen verdient, ist es doch ein rares Kleinod im Allerlei deutscher Bieder -und Verbittertheit. Ein unglaubliches, verwegenes Vergnügen, das unbekümmert mit einem Stück Kultur spielt ohne es zu entwerten und ihm dabei sogar neue Facetten abringt. Wer wäre je auf die Idee gekommen, Schiller zum treffsicheren Armbrustschützen zu erheben, aus Humboldt einen preußischen Lederstrumpf zu machen oder Kleist als schießwütigen Pistolenschützen in Szene zu setzen? Es sind diese Absurditäten, die Löhr einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz im Genre der historischen Romane (als ein solcher wird das Buch ja beworben) verleihen, macht er doch damit die toten Klassiker zu lebendigen, nachvollziehbaren und liebenswerten Figuren.

Löhrs Repertoire erschöpft sich zudem nicht nur in der Liebe zur Verballhornung. Er erweist sich auch als Meister der Sprache, dem es mit einer beispiellosen Sicherheit gelingt, die sprachlichen Redewendungen und Eigenheiten der Zeit um 1800 mit den Zitaten aus den Werken der Helden seiner Erzählung zu verweben. Dabei präsentiert er dem Leser gleich eine ganze Reihe der herrlichsten Wortspiele, welche die von unerwarteten Wendungen und stets neuen Bedrohungen durchsetzte Geschichte mit Komik auflockern. Sich dieser Reisegruppe anzuschließen, ihrer Mission beizuwohnen, bedeutet eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Und diese verführt aufgrund tragischer Szenen neben dem Lachen auch zum schmerzhaften Schlucken. Wenn ein Buch diese Balance, diese Waage hält, den Witz mit der Tragik vereint, und dabei glaubhaft bleibt, dann kann man wahrlich von einem Meisterstück sprechen.

Ich bin über einige Stunden mit den Figuren durch dick und dünn gegangen, habe im Geiste mit ihnen gebangt, gekämpft, gezecht und letztlich sogar ein bei mir sonst so knappes Tränchen verdrückt, um am Ende „Das Erlkönig-Manöver“ mit staunender Ehrfurcht zuzuklappen. Ein Buch mit solch erfrischender Leichtigkeit und Esprit ist mir selten untergekommen. Großes Lob an Robert Löhr, der mein Interesse an der klassischen Literatur mit wenigen Seiten stärker entfachen konnte, als es zwei Deutsch-LKs in der Oberstufe oder vier Semester Literaturwissenschaft an der Universität je vermocht haben. Ich neige mein Haupt vor dieser Leistung und habe natürlich die Fortsetzung „Das Hamlet-Komplott“ sogleich meinem Bücherregal einverleibt (Mehr dazu bald hier in der Crime Alley).

Das Erlkönig-Manöver“ ist ein unterhaltsames, überraschendes und, trotz seines schillernden Witzes, lehr- und geistreiches kleines Meisterwerk, dem ich noch ganz viele Leser wünsche und das nur ganz knapp an einer möglichen Maximalwertung vorbeirauscht. Wer über historische Ungenauigkeiten hinwegsehen kann, schelmenhaften Humor mag und nicht zu den überpingeligen Vertretern des Feuilletons zählt, der kommt an diesem Buch jedenfalls nicht vorbei.

Wertung: 97 von 100 Treffern

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  • Autor: Robert Löhr
  • Titel: Das Erlkönig-Manöver
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –                               
  • Verlag: Piper
  • Erschienen: 08.2007
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 368 Seiten
  • ISBN: 978-3492252683
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7 Gedanken zu “Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …

  1. Einst las ich mit großem Vergnügen Robert Löhrs „Hamlet-Komplott“, also bin ich gegenüber Deiner begeisterten Empfehlung des Erlkönig-Manövers sehr aufgeschlossen.
    Mir ist die geistreich-amüsante Figurenzeichnung und die feinsinnig-niveauvolle Sprache des Autors noch in lebhafter Leseerinnerung. Außerdem macht er wahrlich wirkungsvoll Leselust auf literarische Klassiker!
    Zugeneigte Grüße von
    Ulrike :-)

    Gefällt 2 Personen

    • Guten Morgen, Ulrike!

      Zum „Hamlet-Komplott“ werde ich demnächst dann auch noch meinen Senf hier abgeben, das ich gleichfalls kurzweilig fand, mich emotional jedoch weniger angefasst hat. Beide sind aber zweifelsfrei echte Perlen der deutschsprachigen Literatur. Und ich kann Dir natürlich „Das Erlkönig-Manöver“ auch nur nochmal ans Herz legen. Ein Vergnügen, im besten und wahrsten Sinne des Wortes!
      Herzliche Grüße zurück
      Stefan

      Gefällt 1 Person

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