Ich, der Richter

© Heyne

Wer im Bereich der Spionage- und Politthriller nach literarischem Nachschub sucht, wird meistens recht schnell über den Namen Tom Clancy stolpern, der wohl wie kaum ein Zweiter dieses Genre in den 80er und 90er Jahren geprägt und mitbestimmt hat. Fast alle seine Romane haben sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Bestsellerlisten gestürmt, Verfilmungen wie „Jagd auf Roter Oktober“ oder „Das Kartell“ sowie Dutzende PC-Spiel-Ableger sorgen dafür, dass er auch heute noch in aller Munde ist. Und das obwohl Clancy in den Jahren vor seinem Tod  nur noch wenig zu Papier gebracht hat, was, gleich aus mehreren Gründen, nicht von wenigen deutschen Lesern begrüßt wurde.

Fakt ist: Clancys Romane sind ein steter Zankapfel und alles andere als unumstritten. Sein unverhohlener Militarismus und der oftmals überbordend pathetische Patriotismus stoßen mitunter bitter auf, die detailverliebten Beschreibungen von Waffengattungen, Militärhierarchien und Einsatzplanungen stehen im scharfen Kontrast zur der eher den Krieg ablehnenden Konkurrenz. Clancy war ein Konservativer durch und durch. Wie sein Hauptprotagonist Jack Ryan ein Relikt des Kalten Krieges, das sich mit der neuen Situation in der Welt augenscheinlich nur schwer auseinandersetzen konnte und wollte. Und das merkt man leider vor allem seinen Spät-Werken an.

Gnadenlos“, im Original 1993 erschienen, ist einer der letzten guten Romane aus Clancys Feder. Und das nicht nur, weil sich der Autor hier (zumindest für seine Verhältnisse) mit dem Technik-Blabla weitestgehend zurückhält und sich auf die Zeichnung der Figuren besinnt. Tom Clancy zeigt in diesem Buch auch noch einmal, warum er, trotz stilistischer Mängel und zweifelhafter Gesinnung, zu den Besten seines Fachs gehörte.

Im Mittelpunkt der Geschichte, welche in den frühen 70er Jahren und vorwiegend in Baltimore spielt, steht ein für Ryan-Fans alter Bekannter: John Clark, hier noch John Terence Kelly, hochdekorierter Ex-Navy-Seal und Vietnam-Veteran, der sich nach dem Unfalltod seiner Frau auf eine ehemals vom Militär besetzte Insel zurückgezogen hat und nur gelegentlich bei Unterwassersprengungen als Taucher aushilft, bis ihm ein neuer Auftrag angeboten wird. Gemeinsam mit einer ausgewählten Einheit von Soldaten soll er 20 in Nordvietnam gefangene US-Soldaten befreien, welche die Regierung, die die laufenden Friedensgespräche nicht gefährden will, offiziell bereits für tot erklärt hat. Für Kelly, der immer noch unter dem Verlust seiner Frau leidet, eine willkommene Aufgabe, die ihm zusätzlich durch eine neue Bekanntschaft versüßt wird. Pam, eine junge, drogenabhängige Prostituierte, ist in letzter Sekunde einem brutalen Zuhälter- und Drogenschmugglerring entkommen, und sucht nun Unterschlupf bei dem Einzelgänger. Doch das Glück der beiden währt nicht allzu lange. Beim Versuch Näheres über Pams Peiniger in Erfahrung zu bringen, wird die junge Frau entführt und brutal ermordet. Kelly überlebt schwer verletzt. Körperlich und seelisch angezählt hat er nun nur noch eins im Sinn: Rache.

In einem gnadenlosen Einmann-Feldzug rechnet er mit den Gangstern ab, während die Polizei ihm, auch dank korrupter Bullen, zusehends mehr auf die Spur kommt und auch der gefährliche Einsatz in Vietnam immer näher rückt …

Sind sonst die verzweigten Gänge Langleys oder die hellerleuchteten Büros des Weißen Hauses die Bühne der Clancy-Romane, zeigt „Gnadenlos“ erstmalig die Schattenseiten der Vereinigten Staaten. Und ganz im Gegensatz zum Vorzeigepatrioten und Saubermann Jack Ryan, dessen Gutmenschentum besonders in den letzten Werken kaum mehr erträglich war, begegnet uns mit John Kelly eine Figur, die weit glaubhafter daherkommt. Bereits in jungen Jahren auf Gehorsam gedrillt, muss sich eine bis hierhin regimetreue menschliche Waffe plötzlich mit den Fehlern des Systems auseinandersetzen. Erstmalig sieht er Armut, Gewalt und Korruption aus erster Hand, sieht er das Versagen des Lands, für das er getötet hat. Statt mit den üblichen politischen Ausnahmezuständen wird der Leser in „Gnadenlos“ mit einer sehr persönlichen Frage konfrontiert: Was würdest du tun, wenn alles, was du liebst, Dir auf grausame Art und Weise genommen wird – und du fähig wärst, es ihnen heimzuzahlen?

Tom Clancy hat es über weite (bei mehr als 800 Seiten auch manchmal zu weite) Strecken geschafft, das Thema Selbstjustiz zu behandeln ohne es zu glorifizieren. Kelly zweifelt zwar nie an dem was er tut, setzt sich aber immer wieder damit auseinander, versucht Mensch zu bleiben, während er unmenschliche Dinge tut, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Das er genau das letztlich nicht tut, zeigt sein Gegenspieler Emmet Ryan. Vater vom hier noch blutjungen Jack und Polizist bei der Mordkommission, der alles daran setzt, den geheimnisvollen Killer dingfest zu machen.

Gnadenlos“ ist eine düstere, oftmals ekelerregend blutige und drastische Rachegeschichte, die an den vielen Schauplatzwechseln krankt, welche zwar die Essenz der Clancy-Romane bilden, hier aber unnötig das Tempo verschleppen. Neben dem rasanten, unheimlich packenden Alleingang Kellys fallen die anderen Handlungsstränge deutlich ab, wenngleich wir dabei einigen Personen begegnen, die später noch eine gewichtige Rollen zu spielen haben. Darunter Ryans-Mentor James Greer, Robert „Bob“ Ritter und der Agent „Cassius“. Für die Großstadtjagd hätte es aber all das nicht gebraucht. Ebenso wenig den Vietnam-Einsatz, der den eigentlichen roten Faden nicht wirklich voranbringt und einfach zu viele langatmige Passagen aufweist, um in den Bann zu ziehen. Wie so oft meistert es Clancy dann aber hervorragend, das alles am Ende zu verknüpfen.

Gnadenlos“ ist nicht nur der chronologisch erste Roman aus dem Ryan-Universum, sondern auch der beste Einstieg in die (Männer-)Welt von Tom Clancy. Wer bereits hier mit den vielen Figuren und Nebengeschichten überfordert ist, kann gleich die Finger von allen weiteren Büchern lassen.

Wertung: 83 von 100 Treffern

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  • Autor: Tom Clancy
  • Titel: Gnadenlos
  • Originaltitel: Without Remorse
  • Übersetzer: Ulli Benedikt                            
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 08.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 880 Seiten
  • ISBN: 978-3453436770
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6 Gedanken zu “Ich, der Richter

    • Ja, insbesondere in der Werken ab Mitte der 90er war das dann nicht mehr zu ertragen. Pathos ging da Hand in Hand mit amerikanischer Selbstbeweihräucherung. Eventuell hat Trump diese Titel als Vorbereitung auf sein Amt als Präsident gelesen. ;-) – Die frühen Werke lese ich aber immer noch gerne. Genial konzipiert, spannend, miliärisch akkurat und noch nicht zu aufdringlich. Zudem hat man zu den Figuren dann eine gewisse Beziehung aufgebaut. Da waren sie allerdings noch glaubhaft. Ab „Befehl von oben“ war das dann rum.

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  1. … da bleibe ich (filmisch) dann doch lieber bei Leroy Jethro Gibbs, der für Ordnung und Recht sorgt :-D; ich mag das Genre der Selbstjustiz gar nicht und habe ich mir auch deshalb die Serie „Jack Ryan“ noch nicht angeschaut.

    Als ich den Titel deiner Rezi gelesen habe, dachte ich Du hättest den alten Titel „I, the Jury“ (deutsch: Ich, der Richter“) von Mickey Spillane von 1947 ausgegraben und rezensiert…. so kann man sich irren.

    PS: habe ich gekauft und gelesen auf persönliche Empfehlung vom „Züricher Buchnarren“

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    • Sagen wir mal so: Dieses Leitmotiv ist jetzt nicht Jack Ryan typisch. Der beginnt später als Analyst hinter dem Schreibtisch und erntet seine ersten Sporen in der Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst. Und – das muss man konstatieren – das ist in den Frühjahren von Clancy (am Ende des Kalten Krieges) noch richtig gut geschrieben. (Ich komme dann später auf dem Blog zu den betreffenden Titeln).

      In „Gnadenlos“ spielt ja John Clark die Hauptrolle, später der Mann fürs Grobe. In der Verfilmung „Das Kartell“ verkörpert von Willem Defoe. Dieser hat von zwei Büchern abgesehen, nur kleinere Auftritte. Was halt dominiert ist Clancys Hang zum Patriotismus. Das System USA wird nie hinterfragt. Und auch nicht die Richtigkeit der Handlungen. Die Bösen sind dann meist die anderen, wobei Clancy (zumindest anfangs) schon versucht hat, zu differenzieren. Insofern also meine Bitte: Nicht kategorisch ausschließen. Die Figur Jack Ryan fand ich persönlich klasse. Gegen Ende hat Clancy sie leider mit Vollgas gegen die Wand gefahren.

      Den Titel habe ich bewusst wegen Spillane gewählt (zu dem ich hier auch noch irgenwann komme – hab die komplette Reihe zuhause :-D ), weil es einfach im Zusammenhang mit der Story gut passt. Und wie Spillane, so ist auch Clancy arg testosterongeschwängert. Also nicht die typische Frauen-Lektüre, um es mal vorsichtig auszudrücken. Abgesehen von der Damsel-in-Distress spielen die eigentlich keine oder höchstens kleine Nebenrollen.

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  2. Ich hätte nicht gedacht, nochmal einen Clancy in die Hand zu nehmen. Aber Deine Rezension hat mich neugierig gemacht, scheint der Roman doch sehr aus dem Oeuvre zu fallen. Nur die Seitenzahl schreckt mich wieder ab. Und gute Charakterisierungen sind mir bei Clancy nie aufgefallen. Ich gehe mal davon aus, dass man einiges überblättern könnte.

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    • „Gnadenlos“ hat in der Tat wenig mit den späteren militär-politischen Epen gemein. Da füllt ja allein das Dramatis personae mehrere Seiten. Hält sich hier noch in Grenzen. Und auch die Gangart ist ne härtere (ähnelt etwas den Kollegen Child, McNab und Hunter). – Hinsichtlich Figurenzeichnung fand ich Clancy seit jeher limitiert. Er hat aber mit geringen Mitteln lange das Maximum rausgeholt. In „Gnadenlos“ nimmt er sich noch verhältnismäßig viel Zeit für seine Protagonisten, manchmal gar zu viel. Da wirst du sicher die ein oder andere Seite auslassen können.

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