In der Ruhe liegt die Kraft

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© Kiepenheuer & Witsch

„Liebe war nichts anderes als wunderbare, köstliche, schreckliche Schwäche. Man wurde erpressbar, verführbar und war leicht zu täuschen. Beide mussten sich vor den Konsequenzen des Verrats im selben Maß fürchten. Einseitigkeit war lebensgefährlich.“

Dieses Zitat prangt nicht nur auf Klappentext und Rückendeckel des Linus Reichlin-Romans „Er“, sondern gibt auch in wenigen Worten wieder, worum es sich im dritten Band der Serie mit dem Ex-Polizisten Hannes Jensen dreht. „Liebe“ ist das Stichwort. Und damit all seine Begleiterscheinungen wie Verrat, Verdächtigungen und Eifersucht.

Ein beliebtes Thema für einen Krimi, wenngleich sich der in der Schweiz gebürtige Autor mit dem vorliegenden Werk noch weiter vom Genre der Spannungsliteratur entfernt und damit eine Entwicklung, welche bereits in „Der Assistent der Sterne“ ihren Anfang nahm, fortgeführt hat. „Er“ ist zwar kein Krimi im klassischen Sinne – in Punkto Spannungserzeugung muss er sich hinter der namhaften Konkurrenz jedoch trotzdem nicht verstecken. Ganz im Gegenteil: Reichlin erweist sich einmal mehr als Meister der Fabulierkunst und überzeugt mit einer eleganten und kunstvollen Geschichte, welche keinerlei Leichen, Schießereien oder manisch-depressiver Ermittler bedarf.

Nein, das Leben hat es mit Hannes Jensen in letzter Zeit wirklich nicht gut gemeint. Seine Schwester ist vor kurzem gestorben und Annick, seine langjährige blinde Geliebte, hat ihn für jemand anderen verlassen. Das wäre an sich zu verkraften, wäre sie mit diesem anderen nicht schon seit Beginn ihrer Beziehung in die Kiste gestiegen. Nun ist sie kurzerhand nach New York durchgebrannt und hat ihm einzig ihren Blindenhund hinterlassen. Der weicht ihm jetzt, wie ein letztes bewegliches Mahnmal des Verrats, nicht mehr von der Seite und nagt an Jensens mittlerweile hauchdünnen Geduldsfaden. Welche Ironie, dass es dann ausgerechnet der beste und in diesem Fall ungeliebte Freund des Menschen ist, der das Leben des Verlassenen in schönere Bahnen lenkt.

Als Jensen auf dem Weg zur Beerdigung seiner Schwester in Berlin einen Blumenladen aufsucht und nach dem Kauf den Hund vor der Eingangstür „vergisst“, kommt er nach seiner Rückkehr erneut mit der schönen, aber auch eigenwilligen Verkäuferin Lea ins Gespräch. Ihr Verhalten gibt ihm Rätsel auf, übt jedoch gleichzeitig eine enorme Anziehungskraft aus und bewegt Jensen schließlich dazu einen Wohnungswechsel in Erwägung zu ziehen. Schließlich hält ihn in seiner alten Wohnung in Brügge eigentlich nichts mehr. Nach und nach kommen sich bald Jensen und Lea näher, wenngleich deren Tochter Toni alles daran setzt, seine Bemühungen zu torpedieren. Mit Erfolg, denn die wechselnden Liebschaften in Leas Vergangenheit heizen Hannes‘ Eifersucht an und trüben das bis dahin so unkomplizierte Liebesglück. Was verbirgt Lea vor ihm? Was ist Schlimmes in ihrer Kindheit, welche die gebürtige Schottin auf der Hebrideninsel Lewis verbracht hat, geschehen? Und wer ist der Mann auf ihren Zeichnungen, der Hannes zum Verwechseln ähnlich sieht? Als sich Hannes daran macht, mehr über Leas früheres Leben zu erfahren, ahnt er noch nicht, dass sich ein Teil davon bereits auf dem Weg nach Berlin gemacht hat …

Zerrissene Notizzettel. Zerbrochene Bleistifte. Abgewetzte Radiergummis. Alles Dinge, die Linus Reichlin fremd sein dürften, da es an keiner Stelle seines Buches so scheint, als wäre die Niederschrift von „Er“ in irgendeiner Art und Weise zeitraubende Arbeit gewesen. Von der ersten bis zur letzten Zeile behält die Geschichte dieses magische, rhythmische Tempo bei, das den Leser packt und nicht mehr aus seinen Fängen lässt. Hier sitzt jeder Satz, jedes Komma und jeder Punkt am richtigen Platz. Fast hat man den Eindruck, als wäre ein Aquarellmaler und kein Schriftsteller am Werk gewesen, derart stimmig und intelligent hat Reichlin die zwei verschiedenen Erzählstränge, welche dazu noch zwischen den Zeiten wechseln, in Einklang miteinander gebracht. Bewundernswert, wie er die Kunst des Weglassens beherrscht und kein Wort zu viel gebraucht, um selbst der alltäglichsten Situation noch einen gewissen Zauber zu verleihen. Beeindruckend, wie gewollt beiläufig er in den Bann zieht und aus einer völlig banalen Ausgangssituation ein mitreißendes und berührendes Rätsel meißelt.

Das hat in diesem Fall seinen Ursprung auf einer sturmumtosten Insel der Äußeren Hebriden, auf der die Moderne äußerst langsam Einzug hält und Tradition, zum Beispiel in Form der jährlichen Tötung hunderter Baßtölpelküken, noch groß geschrieben wird. Hier beginnt „Er“ im ersten Kapitel, nur um dann gleich im Anschluss aus der Sicht eines Blindenhundes Hannes Jensen in die Geschichte einzuführen, der dabei ist eine Berliner Straße zu überqueren. Ein Schauplatzwechsel zwischen zwei Orten, der deutlich macht, dass Reichlin zwar einfach drauflos schreibt, aber dennoch nicht den einfachsten Weg wählt. Stattdessen muss der Leser lange Zeit durch die Wirrnisse des Alltags rudern, um außer der Spitze auch den darunter treibenden Rest des Eisbergs zu erblicken. Wer dabei dann auf blutüberströmte Leichen oder soziopathische Mörder nicht verzichten kann, ist bei „Er“ völlig fehl am Platz, denn gerade das Unausgesprochene und die Lücken nach den Fragezeichen machen diesen Roman so besonders. Wo sonst Lärm, Bewegung und Adrenalin den Plot in den roten Bereich treiben, liegt hier in der Ruhe die Kraft, beschreibt die Stille die Folgen zerstörerischer Gewalt besser, als es ein markerschütternder Schrei an dieser Stelle je könnte.

Reichlins unterschwellige, ziselierte Spannung ist sicherlich genauso wenig jedermanns Sache, wie sein literarisch-satirischer Humor. Der ist nicht selten so feinsinnig, dass man zweimal nachlesen muss, um erst dann wissend zu grinsen und setzt ohne Zweifel einen gewissen Intellekt voraus. Nicht nur deshalb mutet „Er“ im großen Becken der heutigen Krimilandschaft wie ein spöttelnder Streber an, der sich zu fein für dieses Genre ist. Eine Außenwirkung, für die Reichlin allerdings wenig kann und die lediglich ein Beleg für den derzeitigen niedrigen Qualitätsstandard der vielen Alpen-, Hinterhof- und Dorf-Krimis ist, von denen die meisten, trotz ihrer heimatlichen Gemütlichkeit und regionalen Nähe, mit der Realitätsnähe dieses fein gesponnenen Plots in keinster Weise konkurrieren können.

Linus Reichlins dritter Wurf ist, wie schon seine beiden Vorgänger (ebenfalls mit Hannes-Jensen), Feinschmecker-Kost und nur bedingt massentauglich. Ein kleines Juwel für Krimi-Kenner, das leider auch wegen dem wenig aufsehenerregenden Titel und dem – zumindest bei der gebundenen Ausgabe – pottenhässlichen Covermotiv den Weg in wohl nur wenige heimische Bücherregale finden wird. Auf die Bewertung hat dies letztlich aber keinen Einfluss.

Wertung: 91 von 100 Treffern

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  • Autor: Linus Reichlin
  • Titel: Er
  • Originaltitel: –
  • Übersetzer: –
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Erschienen: 05.2012
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 288 Seiten
  • ISBN: 978-3462043983
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13 Gedanken zu “In der Ruhe liegt die Kraft

        • Bitte gern. 😉 Ich weise aber nochmal daraufhin, dass „Er“, als (bisher) letztes Buch der Hannes-Jensen-Reihe, nur noch mit wirklich viel gutem Willen als Krimi zu bezeichnen ist, da hier nicht nach klassischem Muster Spannung erzeugt wird. Die wird eher ziseliert an den Leser übertragen. Wer ein bisschen mehr Krimi in seiner Lektüre braucht, sollte daher vllt. erstmal mit den ersten beiden Romanen („Die Sehnsucht der Atome“ und „Der Assistent der Sterne“) vorlieb nehmen.

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        • Danke für den Hinweis, das war vielleicht auch etwas unglücklich formuliert von mir, ich wollte eher darauf hinaus, dass es mir scheint, man könne hier als Krimileser etwas Abwechslung erfahren, ohne zu einem Liebesroman greifen zu müssen, so ganz überspitzt formuliert. 😉 Aber der Hinweis ist im Hinterkopf vermerkt, ich würde vermutlich sowieso zum ersten Band greifen, strenge Zwänge und so.

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  1. So, ich bin endlich kleine Reichlin-Jungfrau mehr! 😉 Bei Skoobe hatten sie nur Band 2 und 3 der Reihe. Also war ich mal mutig und habe mit „Er“ angefangen. Bin immer noch geflasht. Toller Stil! Und dass dieser Krimi eigentlich gar kein richtiger Krimi ist, hat mich nicht die Bohne gestört. Und man kann auch ohne die beiden Vorgänger prima einsteigen. Ich werde die Reihe jetzt einfach rückwärts lesen. Denn Band 2 muss auch zeitnah dran glauben. Haste mich also mal wieder mächtig angefixt. Danke! 😀

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    • Hey, da bin ich erleichtert. Freue mich immer, wenn meine Begeisterung ansteckt, weiß aber natürlich nie, ob die dann letztendlich auch von anderen geteilt wird. 😉 – Lass unbedingt mal hören, wie Dir „Der Assistent der Sterne“ gefallen hat! Schönen Abend und LG nach Hamburg!

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      • Sooo, habe jetzt auch den „Assistent der Sterne“ gelesen. Ich liebe den Stil von Reichlin! Ja, auch dieser Krimi war seeeehr ruhig. Er nimmt sich für die Entwicklung der Handlung sehr viel Zeit und setzt halt auf Atmosphäre und sehr subtile Charakterporträts. Aber genau das gefällt mir sehr. Ich liebe zwar die harte Krimigangart ebenso, aber solche leisen und feinen Töne müssen auch mal sein. Da ist es für mich auch verzeihlich, dass hier die Grenzen zwischen Krimi und „normalem“ Roman sehr verschwimmen, weil der Krimi an sich eigentlich sekundär ist. Wobei ich aber eh nen Faible für solche Hybriden habe. Herzlichen Dank noch einmal für die Reichlin-Empfehlung. Echt nicht zu fassen, dass ich den noch so gar nicht auf meinem Leseradar hatte! Den ersten Teil der Reihe werde ich mir demnächst wohl auch noch besorgen. So Ende des Jahres. Jetzt mache ich aber ne kleine Reichlin-Pause, damit keine Übersättigung einsetzt. 😉

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        • Hach, das weckt alte Buchhändler-Glücksgefühle. *lach* Allein dafür hat sich diese Rezension dann ja mal gelohnt. – Ja, Reichlin hat es irgendwie noch nicht so ganz in den Fokus geschafft. Selbst der Feuilleton scheint kein großer Fan zu sein. So zumindest mein Empfinden. Vielleicht liegt an seiner stilistischen bzw. inhaltlichen Gradwanderung. In jedem Fall schade.

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