Morgan, der Menschenfeind

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© Berlin

Trotz des lang anhaltenden Engagements des Berlin Verlags – William Boyd ist hierzulande inzwischen wieder ein äußerst seltener Anblick, sowohl in den Filialen der großen Buchhandelsketten als auch in kleineren inhabergeführten Läden. Nachhaltig scheint er sich in Deutschland also nicht zu etablieren und das ist tatsächlich äußerst bedauerlich, weist doch das Werk des in Ghana geborenen Schriftstellers eine Vielseitigkeit auf, die manch anderer vermeintlich größerer Kollege – zumeist wohl auch aus Angst heraus, etwas Neues wagen zu müssen – vermissen lässt.

Von einer fiktiven Biographie über das Katz-und-Maus-Spiel von Agenten bis hin zum Kriminalroman vor exotischer Kulisse – Boyd zeigt sich seit Jahren erstaunlich wandlungsfähig, wobei er – trotz seiner vielen Genre-Wechsel – mit einer Stilsicherheit überzeugt, die jedes seiner Bücher eindeutig als ihm zugehörig kennzeichnet. Das gilt auch und vor allem für den Erstling „Unser Mann in Afrika“, der, unter anderem mit Somerset Maugham Award ausgezeichnet, literarische Klasse mit einer Humor-Dichte paart, welche man sonst so nur von T. C. Boyle kennt, dessen Debüt „Wassermusik“, nur ein Jahr später erscheinend, interessanterweise ebenfalls auf dem Schwarzen Kontinent verortet ist.

In seinem erste Roman erzählt Boyd die Geschichte des zweitklassigen Diplomaten und ewigen Verlierers Morgan Leafy, welcher verzweifelt danach strebt, seinem Posten in der fiktiven ehemaligen Westafrika-Kolonie Kinjanja zu entfliehen und die Karriereleiter emporzuklettern. Scheitern tut der egoistische und arg oberflächliche Menschenfeind dabei in erster Linie an sich selbst, was ihn jedoch nicht davon abhält, seine Schuld stets bei anderen zu suchen. Mit „Unser Mann in Afrika“ hat Boyd einen schwierigen Balanceakt bewältigt – eine höchst humorvolle Satire auf Papier zu bringen, welche, trotz teilweise schon Slapstick-artiger Auswüchse, nie gänzlich ins Lächerliche kippt. Mit beißender Ironie legt er das koloniale Gehabe der englischen Botschaftsmitarbeiter bloß, die Afrika vor allem als berufliches Abstellgleis und die Kultur seiner Einwohner als rückständig empfinden. Hinter strahlendem Lächeln wird hier intrigiert, gemobbt, korrumpiert und erpresst – was man haben will, wird sich einfach genommen.

Umso überraschender, dass uns der selbstsüchtige und, selbst nach peinlichsten Tiefschlägen, hochmütige Morgan, so sehr ans Herz wächst, ja, wir einfach Mitleid mit ihm haben müssen. Die Art und Weise wie der Protagonist immer wieder vom Regen in die Traufe gerät, hat mich manchmal schallend lachen lassen. Auch hier fühlte ich mich bei seinen Kapriolen, die nicht selten haarscharf am Slapstick vorbeitaumeln, an das bereits oben erwähnte „Wassermusik“ von Boyle erinnert. Besser noch als diesem gelingt Boyd (was ihn auch in späteren Werken auszeichnen wird) seine Landschaftsbeschreibungen. Ein Buch dieses Autors zu lesen bedeutet farbenprächtiges Kopfkino, wobei er die stimmungsvolle Schwarzafrikaromantik genauso gut hinbekommt wie den bezahlten, verschwitzten Sex zweier Besoffener in einer verdreckten Absteige. Von Letzterem hat Morgan trotz dicker Bierplauze erstaunlich viel, wenngleich natürlich auch diese Liebesakte nicht ohne Merkwürdigkeiten ablaufen.

Der zynische Unterton, er beherrscht diesen zwar immer schmunzelnden, aber auch stets scharfzüngigen Roman und es stellt sich dann doch die Frage, wie viel eigene Erlebnisse hier mit eingeflossen sind, verbrachte der in Ghana gebürtige William Boyd doch einen Großteil seiner Jugend in Afrika, weshalb er durchaus mit den Überresten kolonialen Dünkels konfrontiert worden sein dürfte. Wo die Überdosis Testosteron, die uns allenthalben entgegenschlägt, ihren Ursprung hat, ist dagegen weniger einfach nachzuvollziehen, aber selbst wenn es da eine Erklärung geben sollte – man muss es mögen und aushalten, um das vorliegende Werk über die gesamte Distanz genießen zu können. Und dazu sei dringend geraten, schlummert doch unter dieser oberflächlichen Triebhaftigkeit eine durchaus ernst gemeinte Botschaft. Übrigens ganz im Gegensatz zur Verfilmung (u.a. mit Sean Connery – keine seiner Sternstunden), die so überzeichnet und derb daher kommt, dass selbst die Bezeichnung Klamauk noch zu hoch angesetzt ist.

Unser Mann in Afrika“ ist ein herrlich doppeldeutiges Werk über den arroganten und ignoranten Europäer, aber auch eindeutig erst ein früher Schritt des mich in späteren Büchern immer wieder auf höchstem Niveau begeisternden Autors, der, soviel sei zur Beruhigung gesagt, schon recht bald auch die seriösere Ernsthaftigkeit für sich entdeckt. Während Morgan Leafy sich in der im gleichen Jahr (1981) erschienenen Kurzgeschichtensammlung „On the Yankee Station and other Stories“ nochmal nach allen Regeln der Kunst in zwei weiteren Stories austoben darf, wagt sich William Boyd mit „Der Eiskrem-Krieg“ – dem nachfolgenden Roman, welcher den Schauplatz Ostafrika im Ersten Weltkrieg thematisiert – auf weit schwierigeres Terrain. Mehr dazu dann aber zu einem späteren Zeitpunkt an anderer Stelle, denn in Zukunft werde ich hier doch immer wieder mal einen Titel aus der Feder dieses erfrischend experimentierfreudigen Schreiberlings vorstellen.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: William Boyd
  • Titel: Unser Mann in Afrika
  • Originaltitel: A Good Man in Africa
  • Übersetzer: Hermann Stiehl, Chris Hirte
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 04.2008
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 416 Seiten
  • ISBN: 978-3833305375
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4 Gedanken zu “Morgan, der Menschenfeind

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