“I want you to believe…to believe in things that you cannot.”

© Berlin

Vampire sind unsterblich. Das ist eine Tatsache, die sich belegen lässt, denn auch mehr als hundert Jahre nach der Veröffentlichung von Bram Stokers „Dracula“ hat dieses mythische Ungeheuer eindeutig nichts von seiner Faszination verloren. Im Gegenteil: Immer wieder tauchen neue Variationen des Blutsaugers auf dem Buchmarkt auf, wobei die Palette mittlerweile von schlächtenden Monstern bis hin zu wunderschönen, verführenden Schönlingen fast alles abdeckt. Fast ist hierbei das Stichwort, denn der klassische Schauerroman, den der ursprüngliche „Dracula“ verkörpert, ist seit Jahren – bis auf wenige Ausnahmen – gänzlich von der Bildfläche verschwunden.

Elizabeth Kostova, geborene US-Amerikanerin, hat sich dieses Problems im Jahre 1995 angenommen und ein ganzes Jahrzehnt(!) an ihrem Debütroman „Der Historiker“ geschrieben. Und man kann nur sagen: Zeit und Aufwand haben sich vollends gelohnt, denn Kostova gelingt es nicht nur die Geschichte Draculas zu ihren Ursprüngen zurückzuführen, sondern gleichzeitig das Vampirthema aus einem völlig neuen Blickwinkel zu beleuchten. Herausgekommen ist ein literarisches Meisterstück, das mich eine ganze Woche lang nicht aus seinen Fängen gelassen, tief bewegt und äußerst nachhaltig beeindruckt hat.

Zur Handlung: Das Buch nimmt seinen Anfang 1972 in den Niederlanden. Hier begegnen wir der 16-jährigen Erzählerin, deren Name bis zum Schluss ein Geheimnis bleibt. Sie ist die Tochter des Diplomaten und angesehenen Historikers Paul, und wie er, sehr an der europäischen Geschichte interessiert. So kommt es, dass sie eines Tages in dessen Bibliothek ein uraltes Buch findet, das bis auf den Holzschnitt eines Drachen samt dem Schritfzug „Drakulya“ in der Mitte voll leerer Seite ist. Ihr Interesse ist geweckt und weitere Nachforschungen fördern eine Reihe mysteriöser Briefe zutage, welche offenbar an ihren Vater gerichtet sind. Als sie diesen mit ihrem Fund konfrontiert, zeigt er sich ungewöhnlich verschlossen. Nur nach und nach kann sie ihn dazu bringen, die Geschichte der Briefe mit ihr zu teilen. Während sie gemeinsam mit ihrem Vater zwecks diplomatischer Missionen durch halb Europa reist, erzählt er ihr, wie er viele Jahre zuvor in den Besitz des Buches gekommen ist und einst, während seiner Studienzeit im Jahre 1950, seinen Doktorvater und Mentor, den Historiker Professor Bartholomew Rossi deswegen um Rat bat. Er berichtet mit Zögern von seinen Nachforschungen über den berühmten und berüchtigten rumänischen Fürsten Vlad III. Draculea, genannt Vlad Tepes, „der Pfähler“, dem historischen Vorbild für Bram Stokers Dracula.

Rossi war bereits Anfang der 30er Jahre bei seinen eigenen Recherchen auf Spuren gestoßen, welche einen Weg zur letzten Ruhestätte und den sterblichen Überresten von Vlad Tepes weisen. Bevor er jedoch das so gut gehütete Mysterium klären konnte, verschwand er spurlos. Paul machte sich daraufhin mit Rossis Tochter Helen auf die Suche nach seinem Mentor, wobei er versuchte, dessen Recherchen fortzuführen und zu komplettieren. Was folgte war eine monatelange Schnitzeljagd durch die historischen Stätten des Ostblocks, in deren Verlauf der Mut und Eifer des jungen Historikers auf eine harte Probe gestellt wurde.

Nun, mehr als zwanzig Jahre später, scheint sich die Geschichte zu wiederholen, als Paul unter äußerst mysteriösen Umständen verschwindet, woraufhin sich seine Tochter, die Erzählerin, ebenfalls auf eine Suche begibt. Eine Suche, die am Ende nicht nur ihrem Vater gilt, sondern auch endlich die Geheimnisse um Dracula lüften soll.

Vorneweg: Bei wem nun durch diesen Anriss der Handlung bereits das Interesse geweckt worden ist, der sollte möglichst nicht den gleichen Fehler wie ich begehen und dieses Buch im Sommer lesen, denn Kostovas Erstling ist aufgrund stimmungsvoller Beschreibungen, eleganter Sprache und nicht zuletzt dem Grundthema selbst, wie geschaffen für die Herbstzeit. An düsteren September- oder Oktoberabenden, bei Nebel oder Gewitter vor dem knisternden Kamin, entfaltet dieses Werk ohne Zweifel seine größte Wirkung.

Nun zum Inhalt zwischen den Buchdeckeln: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Elizabeth Kostova ganz gewollt in ihrem Roman Verbindungen zu Bram Stokers „Dracula“ anstellt und diese auch vermehrt sucht. Während jedoch jüngst mancher Schriftsteller (siehe Dacre Stokers und Ian Holts grottenschlechte Möchtegern-Fortsetzung „Dracula – Die Wiederkehr“) auf Stokers Grundgerüst lediglich ein paar neue Säulen hinzugefügt hat, schafft es Kostova sich dank des direkten Bezugs auf die historische Figur Vlad Tepes deutlich von der romantisierten Darstellung des Ur-Draculas zu distanzieren. „Der Historiker“ ist weder Horrorroman noch nervenzerreißender Thriller, sondern vielmehr ein exzellent und intelligent erzählter Schauerroman der klassischen Schule, der von seiner dichten Atmosphäre lebt und den leichten Schauder, den feinen Grusel sucht. Jeglicher Versuch ihn somit als spannungsgeladenen Thriller zu vermarkten, muss zwangsweise scheitern, denn trotz dieser unheimlichen Sogkraft, dieser ständigen Sucht weiter lesen zu müssen, widersetzt sich das Buch jedem Versuch das Lesetempo zu erhöhen.

Der Historiker“ profitiert eben gerade von den lange unbeantworteten Fragen, von mysteriösen Rätseln, von detaillierten Recherchen in Bibliotheken. Die gleiche Geduld, welche die Figuren bei ihren historischen Nachforschungen aufbringen müssen, fordert Kostova auch ihren Lesern ab. Und soviel sei gesagt: Selten zahlt sich Geduld so aus wie hier. Wer das früh erkennt und versteht, dem wird eine Art von Spannung geboten, welche lange aus den Geschichten moderner Bücher verschwunden war: Eine Spannung, welche man peu a peu, Absatz für Absatz, Kapitel für Kapitel, wie ein Gourmet genießen will.

Elizabeth Kostova gelingt das, woran viele Schriftsteller vorher bereits Schiffbruch erlitten haben. Historische Fakten und Fiktion so kunstvoll miteinander zu verknüpfen, das die Übergänge verschwimmen und nicht mehr ersichtlich sind. Bereits getätigte Vergleiche mit Umberto Eco mögen anmaßend und übertrieben klingen, sind meines Erachtens aber vollkommen gerechtfertigt. Im Gegensatz zum Autor von „Der Name der Rose“ kommt hier das kulturgeschichtliche und anthropologische Wissen allerdings nicht derart schulmeisterlich daher, wenngleich es doch ebenso viel Aufmerksamkeit und einen gehobeneren Intellekt erfordert. Selbiges gilt für die drei Zeitebenen des Romans, die miteinander verwoben nicht immer kenntlich gemacht sind. Kostovas beträchtliche Recherchen werden in fast jeder Passage ersichtlich, auf jeder Seite gibt es neues und wissenswertes zu entdecken. Eigene Erzählstränge benötigt die Autorin dabei bemerkenswerter Weise jedoch nicht. Ohne Übergänge werden die historischen oder angeblich historischen Ereignisse in die Handlung integriert, wobei deutlich wird, dass Kostova selbst eine gute Historikerin abgeben würde, da sie behutsam aber beständig die Freude an Geschichte weckt. Ob die düstere Atmosphäre hinterm Eisernen Vorhang oder die ursprüngliche Kultur in einem entlegenen Bergdorf. Die Autorin haucht längst vergangenem äußerst eindringlich und nachvollziehbar Leben ein.

Interessanterweise wählt Kostova dabei dieselben Stilmittel wie einst Bram Stoker. In altem Archivmaterial, Briefen oder Tagebucheinträgen führt sie den Leser langsam auf die Legende und den Mythos Dracula zu, wobei man auf dem Weg dorthin dank bild- und farbenreicher Sprache (ich fühlte mich an Zafon erinnert) an den Reisen ebenso viel Freude findet, wie an der geheimnisumwobenen Figur selbst. Liebevoll und detailliert werden Landschaften und Menschen gezeichnet, die Unterschiede der Kulturen hervorgehoben. Ließe man das Thema Vampire völlig außer acht, allein diese Beschreibungen machten dieses Buch lesenswert. Und letztlich ist die Suche nach Dracula zwar der Motor, aber nicht das leitende Motiv dieser Geschichte. Vielmehr steht die detektivische Recherche im Vordergrund. Die Suche eines Studenten nach seinem Mentor, eines Mädchens nach ihrer Herkunft, einer Tochter nach ihrem nie gekannten Vater. „Der Historiker“ lebt von seinen Figuren, ihrer unstillbaren Wissbegierde, ihrem Drang der Geschichte stets Neues abzuringen. Vereinzelte Übergriffe durch die Vampire dienen dem Element der Bedrohung, werden wohl aber keinen Anne Rice oder (Gott behüte!) Bis(s)-Fan hinterm Ofen hervorlocken. Ein reiner Dracula-Roman ist „Der Historiker“ nicht. Und das will er auch nicht sein.

Man muss lange suchen, um Schwächen in Kostovas Werk zu finden. Aber es gibt sie. Da ist meines Erachtens allen voran das Ende zu nennen, das, bei aller Eleganz, einfach zu schnell erzählt und abgehandelt wird. Im Vergleich zu ihren ausführlichen Fabulierungen im Vorfeld, kam es mir persönlich zu abrupt, wenngleich ich mit der Art und Weise, wie die Autorin es gelöst hat, nicht unzufrieden sein kann. Dennoch führt es dazu, dass „Der Historiker“ knapp an einer durchaus möglichen Maximalwertung vorbeirauscht.

Der Historiker“ – das ist ein wunderbar melancholischer, sprachlich eleganter und vor allen nachhaltiger Schauerroman alter Schule, der Freunden anspruchsvoller und doch unterhaltender Literatur nur warm ans Herz gelegt werden kann. Ein echtes, entdeckenswertes Kleinod – nicht nur im Bereich der mittlerweile äußerst fragwürdigen Vampirliteratur. Ich freue mich auf weitere Werke aus der Feder von Elizabeth Kostova.

Wertung: 96 von 100 Treffern

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  • Autor: Elizabeth Kostova
  • Titel: Der Historiker
  • Originaltitel: The Historian
  • Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
  • Verlag: Berlin
  • Erschienen: 06.2006
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 848 Seiten
  • ISBN: 978-3833303944
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6 Gedanken zu ““I want you to believe…to believe in things that you cannot.”

  1. Sehr schön! Ich habe ihre beiden anderen Bücher „Die Schwanendiebe“ und „The Shadow Land“ gelesen. An den „Historiker“ hatte ich mich allerdings noch nicht herangewagt, weil meine beste Freundin meinte, der Schluss hätte sie so enttäuscht…
    Vielleicht muss ich mich doch mal ranwagen. Dann aber wohl besser im Winter? 😉

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    • „Die Schwandendiebe“ steht noch ungelesen im Regal. Und bei „The Shadow Land“ warte ich dann doch auf die Übersetzung. Mein Englisch ist zwar sehr gut, aber ich will aus Platzgründen nicht beide Ausgaben sammeln. – Ja, das Ende. Ich sag mal so, es kann die Erwartungen, die sich im Laufe der Lektüre steigern nicht gänzlich erfüllen, fällt aber auch nicht so ab, dass ich es kritisch bewerten müsste. – Kommt auf die Vorstellungskraft an. 😉 Dunkle Wolken, Regen an der Fensterscheibe und dagegen peitschende Äste können natürlich dafür sorgen, dass der wohlige Schauer noch etwas intensiver ausfällt. 🙂 Ich wünsch Dir in jedem Fall viel Spaß!

      Gefällt 1 Person

    • Danke lieber Frank! Dann werde ich mal Dein Urteil abwarten, denn an diesem Buch scheiden sich offensichtlich – liest man so die Rezensionen – die Geister. Bei Dir dürfte es aber den richtigen Nerv treffen. – Das Kompliment mit dem Blog und den Rezensionen gebe ich übrigens äußerst gerne zurück!

      Gefällt 1 Person

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