Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie …

© Diogenes

Sehr geehrter Mr. Lehane – einmal mehr waren Sie dafür verantwortlich, dass ich meinen üblichen Leserhythmus über Bord geworfen und mir einem ihrer Werke zuliebe die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe, nur um am nächsten Morgen völlig übermüdet zur Arbeit zu taumeln. Und, war es das wert? Nun, das ist keine Frage, die sich bei diesem Autor stellt, der es sogar immer wieder und wieder schafft, mit elegant-wirkungsvoller Feder das familiäre Umfeld für die Dauer der Lektüre in den Rang der absoluten Nichtigkeit zu degradieren und dabei gleichzeitig eine dauerhaft präsente, aber eben nie fassbare Bedrohung im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, wie das selbst der Meister des Horror himself, Stephen King, nicht besser könnte.

„Nicht aus der Hand zu legen“ – Es gibt wohl kaum eine Phrase in Buchbesprechungen, welche mir persönlich mehr auf den Wecker geht. Und doch – im Falle von „Shutter Island“ trifft sie zu, ist sie die einzig bildlich korrekte Beschreibung für ein Buch, das selbst mein übliches Ausleseverfahren bezüglich konstruierter Thriller-Baustein-Literatur ganz einfach ausgehebelt hat. Denn, lieber Mr. Lehane, sind wir mal ehrlich: Sie wollten hier doch einfach mal die Sau rauslassen und ein bisschen mit den Klischees spielen, oder nicht?

Fakt ist jedenfalls: Ein kurzer Blick auf die Kurzbeschreibung der Geschichte reicht schon, um zu erkennen, dass Lehane sein gängiges Sujet komplett über Bord geworfen hat, um stattdessen den guten, alten Schauerroman wieder zu Leben zu erwecken und nebenbei Hollywoods klassischer schwarzer Serie die gebührende Ehre zu erweisen – mit allem was dazu gehört:

Im Sommer des Jahres 1954 führt ein seltsamer Fall die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Charles „Chuck“ Aule auf die kleine Insel Shutter Island, welche unweit des Hafens von Boston gelegen, das Ashecliffe Hospital beherbergt. Eine Hochsicherheits-Klinik für nervenkranke Straftäter. Hier soll die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando aus einer fest verschlossenen Zelle ausgebrochen und danach einfach verschwunden sein. Wo hält sie sich versteckt? Und wie konnte sie überhaupt fliehen? Hat ihr jemand geholfen? Teddy und Chuck müssen recht schnell erkennen, dass nichts auf der Insel so ist wie es scheint. Sicherheitsvorkehrungen werden nicht eingehalten, das Personal ist auffällig verschwiegen und auch Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Ermittlungen, indem er ihnen die Einsicht in die Personalakten der Patienten verwehrt. Ist die ganze Einrichtung vielleicht nur eine Fassade? Was geht wirklich auf Shutter Island vor?

Bald kommen den beiden Marshals Gerüchte von weiteren verschwundenen Patienten zu Ohren. Es sollen illegale Lobotomien durchgeführt, Nervenkranke zu Testzwecken unter Drogen gesetzt werden. Als einzige mögliche Spur dient ein kryptischer Abschiedsbrief Solandos, welcher, von Teddy entschlüsselt, zum streng bewachten und gesperrten Block C weist – der Teil der Klinik, der nur den besonders gefährlichen und als unheilbar eingestuften Insassen vorbehalten ist. Gemeinsam suchen die beiden Ermittler einen Weg, um hineinzugelangen, doch die Zeit ist knapp, denn ein gewaltiger Hurrikan schneidet Shutter Island vom Festland ab – und die Telefonleitung ist tot. Was Chuck noch nicht ahnt: Es ist kein Zufall, dass Teddy die Nachforschungen leitet, denn neben den registrierten 66 Patienten vermutet er noch einen weiteren auf der Insel. Und mit diesem hat er eine ganz persönliche Rechnung offen …

Der verschlossene Raum. (Ja, lieber John Dickson Carr, genau der) Die einsame Insel. Der Hochsicherheitstrakt für Schwerverbrecher (Wer „Batman: Arkham Asylum“ gezockt hat, hat gleich das passende Bild dazu) Der Sturm. Die Ratten. Die alte Festung. Die mysteriöse Botschaft. Der Friedhof. Die merkwürdigen Ärzte („Dr. Mabuse“, Dr. Moreau“, „Dr. No“ und „Dr. Caligari“ lassen grüßen). Der abgelegene Leuchtturm.

Dennis Lehanes Darstellung des Settings ist so bizarr wie unwirklich, und doch für jeden aufmerksamen Leser eindeutig als Reminiszenz auf ein ganzes Genre zu erkennen. Eine Reminiszenz, die jedoch nie zum Selbstzweck verkommt, weil der Autor eben all die Elemente so zu verwenden weiß, dass sie trotz ihrer schon künstlichen Anhäufung innerhalb der Handlung – eben aufgrund ihrer zeitlosen Wirkung – funktionieren. Und das obwohl man „so etwas“ wohl schon in dutzenden Gruselfilmen auf ähnliche Art und Weise auf der Leinwand gesehen hat. Wo aber andere Schriftsteller einen lahmen Aufguss abgeliefert hätten, zeigt Lehane einmal mehr, warum er zu den Besten seiner Zunft zählt, in dem er alte Ideen so erfrischend neu verarbeitet, dass man, zuweilen schon abgestumpft von der Blut triefenden Konkurrenz und Splatter-Filmen der Moderne, die archaische Seite der Angst wieder für sich entdeckt. Man hat Spaß am Unwohlsein, genießt den Schauer, lugt um jede Seite herum, als wäre diese die dunkle Ecke in einem finsteren Korridor voller seltsamer Geräusche. Kurzum: Man ist mittendrin. So mittendrin, dass man gar nicht merkt, mit wie viel Spaß an der Freude und welchem Maß an Unverfrorenheit uns Lehane am Nasenring durch die Manege zieht, dem während der Arbeit an seinem Buch sicherlich zu jeder Zeit bewusst war, wie absurd das von ihm auf Papier gebrachte Konstrukt im Kern eigentlich ist. Ein Hauch von Ironie, ein schmunzelnder Unterton deutet das zwischendurch immer wieder an.

Und doch ist bei all dem Lob natürlich auch Kritik angebracht, denn so zielsicher Lehane die Spannung auch schürt, in dem er die finstere Präsenz mit steigender Tendenz auf seine Protagonisten und deren Geisteszustand wirken lässt: Diese angenehme Ungewissheit, sie muss sich irgendwie und vor allem irgendwann den Gesetzen der Unterhaltung beugen, will heißen, der Auflösung Vorschub leisten, welche wiederum das weiße Kaninchen aus dem Hut ziehen soll. All diejenigen, die aber gerade die Anspielungen und Zitate von „Shutter Island“ erkannt haben, werden wohl schon lange vor dem finalen Akt die Ohrenbüschel über die Krempe haben hängen sehen, da letztlich einfach zu viel in diese Richtung gedeutet hat. Darunter leidet natürlich der Überraschungseffekt, der, wäre er anders inszeniert worden, vielleicht den Roman in noch höhere Gefilde emporgehoben hätte. Am Lesevergnügen ändert dies nichts. Im Gegenteil: Lehane hat diese Abstriche ganz sicher bewusst gemacht, kannte den Preis („Shutter Island“ taugt für eine 2. Lektüre nur bedingt) und nahm ihn in Kauf, um uns Lesern über knapp 350 Seiten äußerst atmosphärisch (unbedingt zur Herbstzeit lesen!) an der Nase herum zu führen.

Die Leichtigkeit und Sicherheit mit der er das tut, der Esprit und Witz der Dialoge – sie sind, und ich muss erneut sagen „mal wieder“, ein Beweis der großen Klasse dieses hervorragenden Autors, der wohl nicht mal ein schlechtes Buch abliefern könnte, wenn er es müsste. „Shutter Island“ ist in jedem Fall ein richtig gutes geworden, neben dem viele Kollegen mit ähnlichen Ambitionen (man nehme z.B. Beckett mit seinen Hunter-Romanen) reumütig zu Boden blicken müssen. In diesem Sinne: Danke für viel zu wenig Schlaf und den steifen Nacken. Das war es wert.

Wertung: 86 von 100 Treffern

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  • Autor: Dennis Lehane
  • Titel: Shutter Island
  • Originaltitel: Shutter Island
  • Übersetzer: Steffen Jacobs
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 11.2015
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 432 Seiten
  • ISBN: 978-3257243352

10 Gedanken zu “Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie …

  1. Soooo…. Nun habe ich endlich vor 2 Tagen „Shutter Island“ ausgelesen!

    Meistens mache ich einen ziemlichen Bogen um modernere amerikanische Schriftsteller, da ich deren „reißerische“ Art nicht besonders mag und ich „gemütlichere“ Krimis bevorzuge. Zu oft hatte ich den Eindruck, dass amerikanische Schriftsteller schon beim Schreiben den zukünftigen (Action-)Film vor Augen haben.

    Bisher habe ich mich standhaft gewehrt den Film mit Leonardo di Caprio anzusehen, aber – da ich bei meinem Sub-Abbau beim Buchstaben „L“ angekommen bin – habe ich mir endlich „Shutter Island“ von Dennis Lehane „gegönnt“.

    Wie schon gesagt, den Schreibstil finde ich typisch amerikanisch und man kann sich die teilweise wirklich „coolen“ Dialoge ganz gut in einem Film vorstellen.

    Trotzdem: die Story ist gut, sehr gut und Mr Lehane hat mich ganz schön auf’s Glatteis geführt: man merkt dass etwas mit Teddy nicht stimmt, man kann es fast greifen…. aber nur fast. Gegen Schluss wird dem Leser klar – wie Du treffend bemerkt hast – was wirklich hinter der Sache steckt und dies nimmt dem Ende etwas den Aha-Effekt.

    Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen, so dass der Herr Lehane mir wohl oder übel noch einige Bücher verkaufen muss – amerikanischer Stil hin oder her :-D.

    Meine nächste Lektüre ist aber wieder „very british“: John LeCarré – Empfindliche Wahrheit

    Gefällt 1 Person

    • Oh, du hast bisher anscheinend aber auch nicht die richtigen amerikanischen Krimi-Schriftsteller gelesen. Gerade Lehane (oder auch Burke oder Connelly) ist ein gutes Beispiel, wie durchlässig inzwischen die Genre-Grenzen geworden sind. Ich kann Dir nur seine anderen Bücher (und vor allem die grandiose Kenzie-Gennaro-Reihe) nur ans Herz legen und bin gespannt, wie Dir die weiteren Werke gefallen.

      Carré müsste ich auch mal wieder lesen. Das alte Problem mit den zu vielen Büchern und der zu wenigen Zeit. ;-)

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      • Ich habe mein Schreiben nicht umsonst mit „Meistens….“ angefangen ;-)

        Natürlich stehen einige Bücher von Herrn Connelly schon gelesen in meinem Regal – außerdem habe ich mir im Winter noch 2 Harry Bosch zugelegt. Er ist sogar einer meiner Lieblingsautoren.

        Burke habe ich noch keinen gelesen, weil mir das Südstaaten-Ambiente nicht so richtig gefällt. Trotzdem habe ich letzten Sommer „Unter Verschluss“ von Greg Iles gelesen und es hat mir richtig gut gefallen – so gut, dass ich mir auch die Folgebände schon gekauft habe bis hin zu „Natchez Burning“.

        Aber Du hast Recht….. es gibt einfach zu viel guten Lesestoff :-D

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        • Oh, Burke muss ich Dir wirklich nochmal eindringlich empfehlen. Seine Bücher sind gerade wieder erschreckend aktuell und sein literarisches Können muss sich hinter Steinbeck, Greene oder Flannery O’Connor nicht verstecken. Ganz, ganz große Literatur. Unbedingt mit „Neonregen“ anfangen. :-)

          Von Iles habe ich vor langer Zeit mal ein Buch gelesen, was ich eher meh fand, aber mit seinen neuen Werken werde ich es nochmal probieren.

          Komm gut durch die Woche!
          LG

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