Die Göttin des Todes

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© Edition Phantasia

Während sich viele Schriftsteller im Verlauf ihrer Karriere an einem gewissen Punkt für eine Stilrichtung entscheiden und dieser in der Regel schon aus marketingtechnischen Gründen durchgehend folgen müssen, gibt es doch auch immer wieder Autoren, welche sich zwischen den Grenzen der Genres so frei bewegen können, wie ein Fisch im Wasser. Dan Simmons ist so ein Jemand.

Ob Horror, Science-Fiction, Psycho-Thriller oder Hardboiled-Private-Eye – er scheint sich überall zuhause zu fühlen bzw. die sich ihm bietenden Möglichkeiten zu nutzen, um dem klassischen Stereotyp einer jeden Literaturgattung bloß keinerlei Angriffsflächen zu bieten. Andersartigkeit lautet das Credo, wodurch es dann mitunter auch schwer wird, Simmons Werke einzuordnen und zu interpretieren, denn den einen Ansatz zur Entschlüsselung, diesen sonst gängigen Weg zum Verständnis des Ganzen – er will sich hier zumeist partout nicht zeigen oder auftun. Und selbst dann wenn man während der Lektüre glaubt, die gewünschte Verbindung hergestellt zu haben, kann es vorkommen, dass Simmons blitzschnell seine Perspektive ändert oder der Handlung gleich zwei oder drei neue hinzufügt. Doch wo andere mit solchen Experimenten Schiffbruch erleiden, da stellen sie hier einen Gewinn dar.

Bereits Simmons Debütwerk „Göttin des Todes“, welches 1986 mit dem „World Fantasy Award“ ausgezeichnet wurde, kokettiert mit dieser Art des Surrealen und spielt mit der Wahrnehmung des Lesers. Und, soviel sei schon verraten, durchaus gekonnt, was in hohem Maße auch der äußerst gelungenen Übersetzung von Joachim Körber zu verdanken ist, der den Roman erst für den Heyne-Verlag ins Deutsche übertrug, um ihn dann einige Jahre später in seinem eigenen Verlag „Edition Phantasia“ im Rahmen der Paperback-Reihe unter dem originalen Titel „Song of Kali“ und in überarbeiteter Form nochmals neu zu veröffentlichen. Und darum geht es:

Robert Luczak, angesehener Experte für fernöstliche Dichtung bei der Zeitung von Abe Bronstein, spitzt die Ohren, als ihn eben dieser auf eine Reise nach Kalkutta schicken will, um ein angeblich neues Manuskript des vor Jahren verschwundenen und für tot erklärten indischen Dichters N. Das in Empfang zu nehmen, welches ein bisher unveröffentlichtes Gedicht enthalten soll. Ein Glücksfall für den kaufinteressierten Bronstein, der allein durch die Tatsache geschmälert wird, unter welch mysteriösen Umständen N. Das vor so langer Zeit verschwand. Nichtsdestotrotz bricht Luczak schon recht bald mit seiner indisch-stämmigen Frau Amrita, welche ihn als Übersetzerin unterstützen soll, auf. Mit an Bord ist auch ihr gemeinsames Baby Victoria.

Bereits bei der Ankunft klingen Zynismus und Häme seines Vorgesetzten nur noch hohl nach. Die Metropole Kalkutta scheint förmlich erdrückend und die fremdartigen Gerüche und Geräusche betäuben die Sinne. Unter der Smogwolke wird plötzlich jeder rationale Gedanke zur Anstrengung, schrumpft Idealismus im Angesicht der Realität zu schnödem Wunschdenken, das alsbald in eine Ablehnung umschlägt, welche von allen Seiten erwidert zu werden scheint. Insbesondere ihr Führer vor Ort, der junge M. T. Krishna, erweist sich als ungewöhnlich aggressiv und weckt das Misstrauen bei Luczak. Was steckt wirklich hinter dem Verschwinden von N. Das? Und welche Rolle spielt Krishna? Als Luczak die Antworten auf diese Fragen findet, befindet er sich schon mitten in einem äußerst realen Alptraum. Oder ist er etwa doch nicht real?

Auch wenn dem Leser die Handlung durch die Augen von Robert Luczak präsentiert wird, so macht Dan Simmons doch keinen Hehl daraus, wer die eigentliche Hauptfigur in „Song of Kali“ ist: Kalkutta. Ein beängstigender, in ständiges Zwielicht getauchter Moloch, dessen Straßenzüge tiefe Schatten werfen, in denen sich windschiefe Blechhütten gen Boden neigen und sich meterhohe Müll- und Fäkalhaufen auftürmen. Die Menschen, die hier leben, sind jenseits der Hoffnung, hungernd, bettelnd, verwahrlost und krank. Wo sonst eine Lektüre in erster Linie die bildliche Fantasie anregen will, wird Simmons Werk zum Schlachtfest für die Sinne, das Nase und Ohren gleichermaßen zu betäuben scheint. Es ist ein Ort des Todes, eine Deponie der Angst und der Gewalt. Beherrscht von der Kakofonie aus Motorenlärm und Menschenschreien. Zu Boden gedrückt von einer bleiernen, schwülen Hitze, die vom düster-grauen Himmel herunterbrennt und kaum Luft zum Atmen, ja, dem Leser kaum Luft zum Atmen lässt.

An einem Buch zu ersticken mag eine weit hergeholte Metapher sein, beschreibt aber doch gut die Auswirkungen dieses Romans, der weniger die brutale Art des Horrors zelebriert, sondern nach und nach und auf äußerst subtile Weise die Finger über den Rücken Richtung Kehle wandern lässt. Simmons punktet mit einer Sprachgewalt, die einem Stephen King in nichts nahesteht, in einigen Passagen sogar noch konkreter wird. So konkret, dass man sich ab eines gewissen Punkts einer gewissen Paranoia nicht erwehren kann – derart plastisch das Grauen, derart unmittelbar das Gefühl der Bedrohung, welches Robert und seine Familie – und damit auch den Leser – umweht. Wie bei einer Fahrt durch die Geisterbahn birgt jede Kehre der Handlung eine mögliches Gefahrenmoment, werden wir tiefer in diese Geschichte um dunkle Kulte und dämonische Erscheinungen hineingesogen, die man ab einem gewissen Punkt nicht mehr nur als Träumereien des Protagonisten abtun kann und will.

Joachim Körber hat es hier bis auf das kleinste I-Tüpfelchen verstanden, die Essenz von „Song of Kali“ zu erfassen und auf Papier zu bannen. Und macht sich somit „mitschuldig“ am Auf und Ab der Gefühle, welches mich, insbesondere was die familiäre Tragödie betrifft, trotz subtropischer Temperaturen des Schauplatzes ziemlich kalt erwischt und verstört zurückgelassen hat. Simmons Gespür für den richtigen Zeitpunkt war dabei ausschlaggebend. Wo viele in Blut badende Thriller-Autoren der Moderne dutzende künstlicher Effekte in einem Buch sinnlos verschießen, steigt bei ihm das Spannungsmoment nach und nach wie aus sumpfigen Abgründen empor, um sich auf den letzten fünfzig Seiten zur erschütternden Bedrohung aufzutürmen, die alles Licht verdunkelt.

Alles Licht? Nun nicht ganz, denn Simmons lässt dann doch noch so etwas wie einen Ausweg aus der Nacht erkennen. Ein winziger, heller Strahl, der nicht von der Schwärze verschluckt wird und vielleicht für Luczak ausreicht um die erlittenen Verluste seelisch verarbeiten, irgendwie weitermachen zu können. Das Böse jedoch bleibt. Lauernd wie eine Spinne in ihrem feinen, klebrigen Netz. Einem Netz namens Kalkutta.

Song of Kali“ – das ist ein exotischer Horror-Trip in der Tradition klassischer Vorbilder wie H. P. Lovecraft und Algernon Blackwood, der diesem Anspruch trotz gerade mal knapp 250 Seiten auch durchgängig gerecht wird. Eine nachdrückliche Empfehlung für alle Freunde des wohlziselierten Grusels, welche so lange zugreifen sollten, wie der zumeist begrenzte Vorrat bei der Edition Phantasia noch reicht – und nebenbei bemerkt, das perfekte Einstiegswerk in die variablen und vielschichtigen Welten des Dan Simmons.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Dan Simmons
  • Titel: Song of Kali
  • Originaltitel: Song of Kali
  • Übersetzer: Joachim Körber
  • Verlag: Edition Phantasia
  • Erschienen: 05.2006
  • Einband: Kartoniertes Taschenbuch
  • Seiten: 252 Seiten
  • ISBN: 978-3937897011
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4 Gedanken zu “Die Göttin des Todes

  1. Moin!
    Da habt Ihr ja einen feinen Klassiker gefunden. Dan Simmons verführt uns regelrecht zum gruseligen Gotteskult! Ich lese Dan Simmons immer wieder gerne, denn er ist in vielen Genren Zuhause und für mich bleibt u.a. das Hyperion-Universum unvergessen.
    Danke für diese schöne Erinnerung an das schaurig, schöne Buch.
    Liebe Grüße, Hauke

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    • Moin!
      Gern geschehen. 😉 Die „Hyperion“-Gesänge sowie „Endymion“ möchte ich mir eines Tages auch nochmal vornehmen. Derzeit schreckt mich allerdings der schiere Umfang ab. Zudem möchte ich vorher erstmal Herberts „Dune“-Zyklus abschließen. Mir hat neben „Song of Kali“ vor allem „Terror“ hervorragend gefallen. Aber dazu dann eines Tages auch mehr hier. 😉 Liebe Grüße zurück, Stefan (der gestern wieder dick dreistellig bei euch bestellt hat 😀 )

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      • Hyperion/Endymion kommt bei mir gleich nach „Dune“.
        Der Wüstenplanet gehört wie „Die letzte Generation“ von Clarke einfach in jede gute Sammlung im Kopf 😉 Dann bin ich mal zu Deiner Meinung zum eisigen Monster gespannt!
        Danke für Deine liebe Dreistigkeit!

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        • Okay, das lässt natürlich die Erwartungen hochschnellen, denn insbesonderen die ersten beiden Dune-Bände finde ich überragend. Clarke steht wie so viele andere (wie z.B. Le Guin, Heinlein, Card oder Asimov) noch auf meiner To-Read-Liste. Vor kurzem habe ich dann auch noch die Strugatzkis für mich entdeckt. Mehr Zeit müsste man haben. 😉 – Gerne. Die dunkle Seite der Sucht war mal wieder stärker. 🙂

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