Der dunkle Kontinent

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Guten Tag. Ich komme aus einer Zeit, an die sich mancher hier noch erinnern mag, aber sie verblasst allmählich und es wird nicht mehr lange dauern, dass sie sich in die lange Reihe der Mythen einreiht. 2005. Ich beginne zu bloggen. Die Krimiwelt ist ein zögerlich aufblühendes Pflänzchen zwischen all den überdimensionierten Kunstblumen der Bestsellerei, es gibt ein paar zumeist kleinere Verlage, in deren Produkten nicht die Frage, ob der freundliche Herr Pfarrer den unfreundlichen Küster ermordet hat, im Mittelpunkt steht, es gibt ein paar Reihen, die uns aus aller Welt zusammensuchen, was Krimi ist oder sein könnte, es gibt – das Internet, das Web 2.0, den Blog, der auch das Blog genannt wird, es gibt – mich und ein paar andere Unverzagte, die dem Wahn verfallen sind, das Pflänzlein kritisch gärtnernd begleiten zu können, auf dass es blühe und gedeihe …
Und was gibt es heute? Immer noch die Kunstblumen, immer noch das Internet, immer noch Blogs, immer noch ein paar kleine Verlage und immer noch ein paar Unverzagte. Also hat sich doch nichts geändert? Oh doch. Aber ihr habt es wahrscheinlich noch nicht gemerkt. Und die, die in dieser veränderten Welt leben, haben es ebenfalls noch nicht bemerkt. Aber der Reihe nach.


Ich heiße Dieter Paul Rudolph. Die meisten von euch werden mich nicht kennen, obwohl ich auch Krimis schreibe und ihr doch alle so leidenschaftlich gerne Krimis lest. Aber sorry, meine letzte Verlagsveröffentlichung liegt jetzt auch schon fast sechs Jahre zurück, jedenfalls was Krimis angeht. Also habe ich die Flinte ins Korn geworfen? Mitnichten. Ich habe, unter eigenem Namen, vor allem jedoch unter diversen Pseudonymen inzwischen eine ganze Reihe von Kriminalromanen veröffentlicht, solche, die mit Versatzstücken spielen und solche, die Versatzstücke meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Oh … geschrieben hat er also … aber keinen Verlag gefunden, der Arme! Gemach. Spart euch euer Mitleid. Ich habe sehr wohl meine Krimis veröffentlicht, einige davon waren ziemlich erfolgreich, andere weniger, ich lebe seit zwei Jahren sogar davon. Richtig ist nur: Ich habe keinen Verlag gefunden, weil ich keinen mehr gesucht habe. Ich bin Selfpublisher und mein Beritt ist das eBook.
Ihr habt schon mal davon gehört? Bestimmt. Selfpublisher. Das sind diese gelangweilten kaufmännischen Angestellten und unbefriedigten Hausfrauen, die seit ihrem letzten Einser im Deutschaufsatz davon träumen, irgendwann einmal »ein Buch zu schreiben«. Und die jetzt die Chance haben, es auch tun. Es ist ganz einfach. Du schreibst einen Text. Du machst zwei Dateien daraus, eine .epub für das eBook und ein .pdf für die Printausgabe. Beides lädst du hoch, nachdem dir deine Nichte oder die freundliche Nachbarin ein Bombencover gezimmert hat. Und zack: Bist du Autor. Kostet nichts. Amazon ist dein Freund, Amazon ist überhaupt der Freund aller Literatur.
Spätestens jetzt bist du weg. Selfpublisher. Igitt. Ja, schon richtig. Solche Flaschen wie Lawrence Block mit seiner »Scudder«-Reihe oder in Deutschland dieser total unbekannte und erfolglose Horst Eckert mit seinen Kurzkrimis. Selfpublisher, das ist das Synonym für den dauerhaften Besitz einer Arschkarte, ach was, eines Logenplatzes im Theater der Versager.
So, Herr Rudolph, dann gestehen Sie mal. Keinen Verlag gesucht, aha? Löbliche Einsicht in die eigene Unfähigkeit, wa? Nee. Es ist nämlich so: Ich kenne das Metier. Ich habe es quasi von verschiedenen Seiten betreten, ich war (und bin) Autor, Herausgeber, Blogger, Herausgeber, Kritiker. Und irgendwann war mir die Luft in diesem »Betrieb« einfach zu dick, zu stark mit Egoismus und Intrigen parfümiert, zu sehr mit hohlen Worthülsen verpestet, dass ich ausgestiegen bin. Präziser werde ich nicht, sonst kommen die Jauchekübelschwinger wieder aus ihren Löchern. Sagen wir es so: Ich habe den dunklen Kontinent Selfpublishing entdeckt. Und siehe: Er ist aufregend und neu und vielversprechend. Aber: Er kann auch ganz schön deprimierend sein.
Die Möglichkeit zum Selfpublishing gibt es in Deutschland seit circa sechs Jahren, als Amazon mit seinem Programm Kindle Direct Publishing startete. Es war zunächst eine reine eBook-Kiste und blieb weitgehend unbeachtet, denn der Anteil der Besitzer eines eReaders am Lesemarkt lag unter fünf Prozent. Aber alles ist relativ – und fünf Prozent von zig Millionen können eine ganze Menge sein, und so war es auch. Die ersten »Bestseller« wurden geschrieben, Autoren, die kein Mensch in der interessierten Gemeinde kannte, mauserten sich zu vielgelesenen Autoren, manches davon war grottenschlecht, einiges jedoch mehr als respektabel, etwa die Krimis von David Gray, der inzwischen munter zwischen Selbstverlag und »richtigem Verlag« hin und her schreibt.
Da war es also, das neue Terrain. .Anarchistisch, unberechenbar, vielversprechend. Ein Stück brachliegendes Land mit manigfachen Möglichkeiten, fruchtbar gemacht zu werden. Gut, es ist natürlich zunächst passiert, was passieren musste. Aus dem Universum der unveröffentlichten Manuskripte schossen Horden von selbstpublizierten Krimiasteroiden durch die Atmosphäre und schlugen Krater der Peinlichkeit in die Erde des dunklen Kontinents. Von allen Seiten fiel das ein, was wir mal den Mainstreamkrimi nennen wollen. Ich meine das nicht abwertend, ich stelle nur fest. Und dann kam eine dritte Sorte von Kriminalromanen, solche, die endlich, von allen Fesseln der verlegerischen Zaghaftigkeit und Bedenkenträgerei losgelöst, neue Formen des Genres ausprobierten, auch neue Formen der Zusammenarbeit und der Aufarbeitung …
Nein. Sie kamen eben nicht. Irgendwie erinnerte das an die Auswilderung mit der Flasche aufgezogener Raubtiere. Man öffnet den Käfig – und sie wollen einfach nicht raus in die Freiheit. Und selbst wenn man ihnen in die Ärsche tritt, machen sie nur widerwillig ein paar Schritte und kehren dann in die Sicherheit ihres Käfigs zurück. Und schreiben. Entweder harmlose Krimis oder »literarisch wertvolle«, die aber nur so literarisch wertvoll sein dürfen, dass die Verlage, die so etwas überhaupt noch drucken, nicht vergrätzt werden und die Kritiker, deren Daumen immer so nervös zucken, sie schließlich nach oben strecken. Ja, das ist Krimikultur! So wie immer! Gut so!
Sagen wir es schlicht: Die Chancen, die das Selfpublishing naturgemäß bietet, sind nicht genutzt worden. Gehen wir die wichtigsten Möglichkeiten einmal durch.
1. Aufarbeitung der Geschichte. Selfpublishing ermöglicht es, die wichtigsten Kriminalromane seit etwa 1850 zugänglich zu machen. Nun, das ist sogar teilweise passiert. Aber: Die meisten sind lieblos eingescannte Texte, ohne kenntnisreiche Anmerkungen und Erklärungen, die allerdings dringend notwendig wären. Eine systematische Katalogisierung und Einordnung findet nicht statt, obwohl die Ausrede »Das finanziert ja kein Verlag« nicht mehr gilt.
2. Neue Formen der Dramaturgie. Alle Welt schwärmt von diesen tollen amerikanischen Krimiserien wie »Breaking Bad« und »suchtet« sie in langen Sitzungen weg. Komplexe, vielschichtige Stoffe, die man nicht mehr zwischen ZWEI Buchdeckel pressen kann, für die es mehr bräuchte. Verlage scheuen das Risiko, solche Reihen zu initiieren, wahrscheinlich auch, weil es kaum erfolgversprechende Manuskripte gibt. Projekte mit langem Atem, stark risikobehaftet, die Notwendigkeit, neue, bislang kaum getestete Erzählformen zu entwickeln … oh, sorry, ich habs glatt vergessen: Wir leben in Deutschland. Da schreit man zwar lauthals nach »Neuem«, aber wenn es sich mal regt, wenn das Pflänzchen vorsichtig aus dem Boden guckt, tritt sofort der große Fuß des gerade amtierenden Krimipapstes oder eines seiner Kardinäle und Kardinälinnen drauf. HIER, genau hier, wäre also ein ideales Einsatzfeld für unseren dunklen Kontinent Selfpublishing. Probiert! Traut euch was! Das große Geld werdet ihr damit nicht verdienen, aber hallo …
3. Neue Formen der Kooperation. Warum, zum Beispiel, arbeitet Autor A, der etwas Ähnliches plant wie Autor B und Autor C, nicht mit diesen gemeinsam an einem Projekt? Das geht. Das gibts schon. Man sehe nur nach Frankreich, wo sie das sogar mit einem normalen Verlag und ohne Selfpublishing hinkriegen. Und Gott ist mein Zeuge: Ich habe es versucht. Und es ist krachend gescheitert. Unterhaltsame Krimis, die politisch wach sind, zynisch und fantasiereich? Krimis, die ein nüchternes Bild der Gesellschaft zeichnen, ohne gleich in Betroffenheitskitsch zu versinken, die gegen alle Regeln agieren und offensiv um Publikum werben, indem sie es nicht von Anfang an mit ihren schwerliterarischen Grübeleien verkraulen? Zusammenrottungen Gleichgesinnter, die all die vielfältigen Aufgaben nach individuellen Präferenzen und Kenntnissen untereinander aufteilen, gemeinsam werben, gemeinsam Konzepte und Serien entwerfen … Vergiss es. Auch der Selfpublisher ist letztlich nur ein Einzelkämpfer, der entweder erfolgreich oder anerkannt sein will, am besten beides, der davon träumt, dass ihn eines Tages ein Verleger anruft und sagt: »Ich erlöse dich von deinem Amazon-eBook-Pariadasein und biete dir einen hübschen Verlagsvertrag, du wirst 500 Bücher verkaufen und mir deine Rechte bis 70 Jahre nach dem Tod abtreten. Und nun verneige dich vor mir und heule vor Glückseligkeit«

Belassen wir es bei diesen drei Punkten, es ist deprimierend genug. Es bleibt vorläufig alles beim Alten, die großen Verlage verlegen Krimis für den spannenden Zeitvertreib, die kleinen Verlage beuten sich selbst mit »Noir« und anderen Putzigkeiten aus, die zumeist aus dem angloamerikanischen Raum auf uns niederkommen. Nein, das ist alles verdienstvoll.  Derweil man in Deutschland schon in Ekstase gerät, wenn ein Krimi nicht ganz so doof oder nicht ganz so nach den ausländischen Vorbildern gestrickt ist. Das Leben geht weiter, die innovativen Autoren versuchen unverdrossen, bei den »guten Verlagen« unterzukommen, der dunkle Kontinent Selfpublishing ist ihnen zu schmutzig, zu unzivilisiert, verspricht zu wenig Ehre. In Deutschland muss dir halt immer jemand sagen: »Hey, ein Verlag will dich! Du hast es geschafft! Du MUSST ja gut sein!«.
Nun ja, ganz ehrlich: Es wundert mich nicht. Das war schon damals so, als wir die Möglichkeiten des Netzes nutzen wollten, um so etwas wie eine neue Krimikultur zu etablieren, kritische Geister, die mit Verve und Engagement und Wissen die Krimiszene begleiten wollten. Was ist daraus geworden? Myriaden von Blogs, deren Betreiberinnen und Betreiber »auch gerne Krimis lesen« und Rezension bisweilen mit Rezession verwechseln – und auf der anderen Seite ein paar Idealisten, die sich einmal die Woche zum Im-eigenen-Saft-Schwimmen treffen, die übliche Gejammere, dass alles besser sein könnte, inklusive.
Und der dunkle Kontinent ist noch immer dunkel.

Dieter Paul Rudolph

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