Das Alphabet des Inspector Morse

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© Rowohlt

Am 21. März 2017 ist er im Alter von 86 Jahren gestorben: Colin Dexter. Der Brite, dessen Krimi-Reihe um den in Oxford und Umgebung ermittelnden Inspector Morse in den 70er und 80er Jahre zur Grundausstattung einer jeden gut sortierten Buchhandlung gehörte, hat in späteren Jahren nie mehr wirklich  vom aufkommenden Boom des Genres profitieren können und doch frühzeitig für dieses Maßstäbe gesetzt. Zu einer Zeit, in der der Krimi noch abfällig schnaubend als Toiletten-Lektüre abgetan wurde, hatte er bereits (nicht nur aufgrund des Schauplatzes) gezeigt, das Bildung und Gelehrsamkeit durchaus mit Mord und Totschlag in Einklang zu bringen sind. Grund genug für mich einen Blick zurück auf sein Debütwerk zu werfen und ihm die gebührende Ehre zu erweisen.

Ruhen Sie in Frieden, Mr. Dexter.

Als ich meinen ersten Roman aus der Reihe um Inspektor Morse von der Thames Valley Police durchgelesen hatte, zeichnete sich bereits damals ab, dass daraus eine langjährige Freundschaft erwachsen könnte. Colin Dexter, der inzwischen (leider) vielen gar kein Begriff mehr sein dürfte und unverständlicherweise seit Jahren bei Neuauflagen von Seiten der Verlage ignoriert wird, gehörte nicht nur zu den beliebtesten Kriminalautoren Großbritanniens, sondern diente auch vielen seiner Nachfolger als stilistisches Vorbild.

Aus einer gutbürgerlichen Familie stammend, unterrichtete Dexter bereits in frühen Jahren an der Universität von Cambridge und wechselte dann, nachdem bei ihm Anzeichen einer beginnenden Taubheit ausbrachen, auf einen Posten an einem College in Oxford. Und hier, im kultivierten Mileu von Oxfordshire, ließ er seit Mitte der 70er Jahre Inspector Morse an der Seite von Sergeant Lewis auf Verbrecherjagd gehen. Die Idee zu seinem Erstling „Der letzte Bus nach Woodstock“ soll ihm dabei während eines Familienurlaubs in Wales gekommen sein, als ihn Dauerregen für mehrere Tage im Hotel festsitzen ließ.

Der Krimi beginnt auf halber Strecke zwischen Oxford und Stratford-on-Avon im beschaulichen Woodstock, einem kleinen Ort, in dem unter anderem Sir Winston Churchill das Licht der Welt erblickt hat. Nicht nur wegen dieser Berühmtheit ist es ein beliebtes Ausflugsziel für die Bewohner der umliegenden Gemeinden, die besonders den Pub „Black Prince“ mit Freude frequentieren. Dort findet eines Abends der betrunkene John Saunders in der dunkelsten Ecke des Hinterhofparkplatzes die übel zugerichtete und vergewaltigte Leiche einer jungen Frau. Inspector Morse nimmt sich des Falles an und arbeitet dabei erstmals mit Sergeant Lewis zusammen. Gemeinsam wühlt man sich mithilfe von Befragungen durch das nähere Umfeld und findet bald heraus, dass die Tote namens Sylvia Kayes nach Woodstock getrampt ist. Und ihr Mörder scheint derjenige gewesen zu sein, der sie mitgenommen hat. Damit nicht genug: Eine Augenzeugin berichtet, dass Kayes zusammen mit einer anderen Frau war, mit welcher sie offensichtlich befreundet war. Doch wer war diese andere Unbekannte? Und warum meldet sie sich nicht bei der Polizei?…

Auf gerade mal knapp 220 Seiten gelingt es Dexter eine sehr dichte Atmosphäre auf Papier zu schmieden, die zwar durchaus immer wieder die Schwächen des Debütromans (u.a. viele unnötige Wiederholungen) aufweist, im Ganzen aber mit einer Reife überrascht, die bereits zu Beginn mehr als neugierig auf die Nachfolger macht. Morse zeigt sich als Urtypus des unkonventionell ermittelnden Polizeibeamten (Sherlock Holmes war ja Detektiv in „beratender Funktion“), der weniger dem Handbuch folgt, als vielmehr auf eigene Eingebungen setzt und es mit dem dienstlichen Ton nicht so genau nimmt. Lewis nimmt dabei eine Watson-ähnliche Rolle ein und muss, obwohl älter als Morse, stellvertretend für den oftmals in die Irre geführten Leser die blöden Fragen stellen, auf die sein Vorgesetzter zumeist schon die „offensichtliche“ Antwort kennt.

Überhaupt ist das miteinander der Beiden ein äußerst erfrischendes, komödiantisches Element, das für stetige Kurzweil in einem Plot sucht, der in erster Linie mit seinem intelligenten, wenn auch nicht übermäßig komplexen Aufbau und der typisch-englischen Kleinstadtstimmung überzeugt. Die Zeichnung der Hauptfiguren ist nicht weniger gelungen, bleibt aber im Erstling noch ziemlich grob und geht vor allem auf Morse ein, von dem wir erfahren, dass er nicht nur über ein umfassendes Allgemeinwissen verfügt, welches er im allmorgendlichen Kreuzworträtsel erprobt, sondern auch eine Schwäche für hübsche Verdächtige hat. Ein Element, das sich durch die ganze spätere Reihe ziehen soll. Die wurde übrigens über viele Jahre für das englische Fernsehen verfilmt und uns bisher in deutscher Übersetzung vorenthalten. Dafür hat es der Ableger „Lewis„, von dem ich persönlich weniger angetan bin, bereits vor einiger Zeit auf unsere Fernsehbildschirme geschafft.

Der letzte Bus nach Woodstock“ – das ist ein überzeugender, verblüffend gut geratener und spannender! Debütroman, der bei mir die Lust nach mehr weckte  und allen Freunden von melancholischen, aber gewitzten Ermittlern nur ans Herz gelegt werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass sich – nach Dexters Tod vor wenigen Tagen – endlich wieder ein Verlag findet, der diese richtungsweisende, ur-britische Krimi-Reihe neu, und vor allem auf gebührende Art und Weise, auflegt.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Colin Dexter
  • Titel: Der letzte Bus nach Woodstock
  • Originaltitel: Last Bus To Woodstock
  • Übersetzer: Marie S. Hammer
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 10.2000
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 216 Seiten
  • ISBN: 978-3499228209
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