Lehrer ist ein Beruf, Schüler ein Schicksal

Eine gute Schule von Richard Yates

© DVA

So, heute zur Abwechslung mal wieder etwas vom Belletristik-Gabentisch. Zwei Werke von Richard Yates habe ich hier ja bereits vorgestellt, nun folgt Nummer drei.

Dass ich wohl nicht umhin komme, sein ganzes Werk lesen zu „müssen“, kristallisierte sich bereits nach der Lektüre von „Easter Parade“ und „Elf Arten der Einsamkeit“ heraus. Nachdem ich nun „Eine gute Schule“ von Richard Yates genießen durfte, steht zudem fest: Auch die Biographie von Rainer Moritz (wie alle anderen Titel ebenfalls als Hardcover im DVA-Verlag erschienen) wird in mein Regal wandern müssen – allein um meine Vermutung, dass es sich beim vorliegenden Roman um das wohl am meisten autobiografische Buch handelt, zu bestätigen (Auch die Figur John Wilder in „Ruhestörung“ trägt Yates‘ Züge, lässt sich aber in ihrer Charakterisierung nicht so eins zu eins ihm zuordnen). Eine Feststellung, die allein schon insofern bemerkenswert ist, da in allen seiner Romane eine gehörige Portion von Yates‘ eigenen Erfahrungen und Erlebnissen steckt. Und diese waren in den seltensten Fällen positiv, weshalb Zynismus und Ironie beliebte Stilmittel seinerseits sind, was sich hier bereits im Titel zeigt. „Eine gute Schule“ – Kenner von Yates erkennen natürlich das süffisante Grinsen hinter dem Eigenschaftswort, wissend dass sich dahinter ganz sicher ein eher gegenteiliges Adjektiv verbirgt und der Autor dem Maskenball, den er in der Gesellschaft sieht, einmal mehr äußerst subtil seiner Verkleidung entledigt. Und das erneut im Rahmen einer gänzlich unspektakulären Handlung, die mir wahrscheinlich bei den meisten anderen Schriftstellern keinen Kauf wert gewesen wäre. Sie sei hier kurz angerissen:

William Grove ist ein Jedermann, sein Auftreten und seine Intelligenz von beinahe auffälliger Durchschnittlichkeit. Seit frühester Kindheit wächst er allein bei seiner Mutter auf, die mittels ihrer Bildhauerei darum bemüht ist, den Aufstieg in die höheren und damit ihres Erachtens auch besseren Kreise der Gesellschaft zu vollziehen und ihrem Kind auch eine dementsprechend gute Bildung zu ermöglichen. Ein Vorhaben, das allein schon an fehlenden finanziellen Mitteln scheitert, welche wiederum immer wieder Williams Vater zur Verfügung stellen muss, der mit seinem Sohn eine distanzierte, „ständig voneinander irritierte“ Beziehung pflegt und seine Gefühle in erster Linie auf dessen ältere Schwester konzentriert. Dennoch: Als der 15-jährige William Anfang der 40er Jahre wider Erwarten ein Stipendium an der Dorset Academy in Connecticut, Neuengland, erhält, bringt er die benötigte Summe auf, wenngleich niemand in seinem beruflichen Umfeld die so elitär anmutende Schule oder dessen Direktor, Alcott Knoedler, auch nur vom Namen her kennt.

Gegründet von der Millionärin Abigail Church Hooper, die in den 20er Jahren die Söhne der besseren Leute fördern wollte, steht die Dorset Academy stellvertretend für individuelles Lernen und Lehren, was durch ein aufgestocktes, qualifiziertes Personal sichergestellt werden soll. Die Realität sieht jedoch, insbesondere für William Grove, anders aus, der relativ schnell die Träume seiner Mutter vom sozialen Aufstieg abschreiben und auf täglicher Basis für seine proletarischen Wurzeln und die damit verbundene Aufmachung leiden muss. Verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung oder zumindest stillschweigender Missbilligung, muss William mehrmals schlimme Demütigungen ertragen, bevor er erst nach und nach seinen Platz – wenn auch am Rand – der schulischen Gemeinschaft findet. Als Ablenkung dient ihm die Mitarbeit an der Schülerzeitung „Dorseter Chronicle“, wo er auch die Liebe zum Schreiben entdeckt (spätestens hier dürften den meisten Lesern die Parallelen zu Yates‘ eigenem Werdegang ersichtlich werden).

Doch Grove ist auch nicht der einzige, der an der Dorset Academy mit Problemen zurechtkommen muss. Während Direktor Knoedler tagtäglich aufgrund des unrentablen Systems der Schule mit den Finanzen zu kämpfen hat, ist auch der Zusammenhalt und die Zufriedenheit innerhalb der Lehrerschaft empfindlich gestört. So befindet sich einer der Lehrer in der ungünstigen Situation, das Versagen des eigenen Sohns an der Academy sehen zu müssen, wohingegen der an Kinderlähmung leidende Mr. Draper hilflos die Affäre seiner Ehefrau mit dem Französischlehrer Frenchy La Prade verfolgt und seine Trauer im Alkohol ertränkt. Und über allem drohen nach Pearl Harbor zusätzlich die Schrecknisse des Zweiten Weltkrieges, wartet doch auf viele Schüler nach ihrem Abschluss der Dienst an der Front…

Auch wenn aus diesem kurzen Inhaltsausschnitt eher das Gegenteil hervorgeht – im Vergleich mit seinen anderen Werken kommt „Eine gute Schule“ erstaunlich versöhnlich, der oftmals ätzende Sarkasmus auffällig verhalten daher. Fast so, als hätte der Autor mit einer gewissen Nostalgie den Blick zurück gerichtet, was ihn aber nicht davon abhält, die Vielzahl der Figuren mit spitzer, wissender Feder zu beschreiben und äußerst feinfühlig – aber auch ernüchternd klar – in deren Gedanken- und Gefühlswelt einzutauchen. Ob amouröse Verstrickungen in der Erwachsenenwelt oder die Begleiterscheinungen der Pubertät – einfach grandios wie Yates hier die Brücke zwischen seinen Charakteren und dem Leser schlägt, ohne dabei irgendein Klischee zu bedienen. Es ist diese tiefe Menschlichkeit, dieser für amerikanische Autoren der damaligen Zeit so seltene kritische Blick auf unsere Schwächen und Fehler, der Yates‘ Werk trotz vermeintlich alltäglicher Themen so vielschichtig – und vor allem so lesenswert macht. Freundschaften schließen, mit Mädchen flirten, Anerkennung suchen. Richard Yates skizziert all dies gestochen scharf und auch die jeweiligen tragischen Begleitumstände entwaffnend aufrichtig.

So ist „Eine gute Schule“ dann auch mehr als nur ein Porträt über eine akademische Einrichtung oder eine Zeitaufnahme der amerikanischen Vorkriegsjahre, sondern vor allem eine wahrheitsgetreue Abbildung über das menschliche Zusammenleben auf kleinstem Raum. Eine künstlich zusammengestellte Gemeinschaft, die vor allem das distanzierte Verhältnis zu ihrer Schule (mit ihrer ungewissen Zukunft) eint. Obwohl das Scheitern der Einrichtung unabwendbar scheint – die Tragik des Scheiterns ist Leitmotiv eigentlich aller Werke von Richard Yates – bricht doch niemand aus dieser Gemeinschaft aus, versuchen alle die Fassade einer „guten Schule“ mitzutragen und aufrechtzuerhalten. Und selbst Mr. Draper, der sich längst nicht mehr mit der Lehrerschaft zugehörig fühlt und sich in einem finalen Schritt seiner tief empfundenen Schande entziehen will, versagt dabei, muss die Rolle des gehörnten Ehemanns auf Gedeih und Verderb weiterspielen. Wie schwer dies allen fällt wird dann vor allem auf den letzten Seiten deutlich, wo die Abschlussfeier im Schatten einer für viele anstehenden Fahrt nach Übersee stattfindet. Besonders die Szene, in welcher der Lehrer Mr. Driscoll die nach der Feier ausgerissenen Schüler zurück zur Dorset Academy bringt, ist mir hier nachhaltig in Erinnerung geblieben.

(…) Auf diesem Pick-Up gab es keine Kriegsbereitschaft, keine ernste und übermütige Begrüßung von Herausforderungen. Sie klangen … Mutter Gottes – sie klangen wie Kinder.

Sing wu-hunderbar

Wu-hunderbar

Ein ganzes Fass Bier

Allein für uns vier …

Und Robert Driscoll wusste beim besten Willen nicht, wie man ihm das, was er dann tat, jemals vorwerfen konnte. Er ging sicherheitshalber auf vierzig Stundenkilometer herunter; er beugte sich übers Lenkrad und hielt es mit beiden Händen fest; er behielt ein Auge offen, richtete es fest auf die Straße, und alles andere in ihm ließ er zerbrechen, und er weinte und weinte. (…)

Wer jetzt fragt, wo hierin jetzt sonst noch Richard Yates zu finden ist, sollte vor allem Vor- und Nachwort seine Aufmerksamkeit schenken. Die anfänglich beschriebene Familiensituation ist eindeutig und bis hin zum Beruf von William Groves Vater autobiografisch. Und wenn am Ende Grove über die von ihm besuchte Schule konstatiert:

„Sie half mir durch die schlimmsten Momente meiner Adoleszenz, wie nur wenige Schulen es vermocht hätten, und sie hat mich die Grundzüge meines Gewerbes gelehrt. Ich lernte schreiben…“

Dann ist das eindeutig Yates, der da spricht.

Eine gute Schule“ mag der kürzeste Roman im Werk des Zeitlebens so schmählich missachteten Schriftstellers sein. Es ist möglicherweise aber auch sein persönlichster, da er wie kaum ein anderer Einblick in das Seelenleben seines Schöpfers gewährt, was wiederum seinen Widerhall beim Leser findet, dem es nur schwer möglich sein wird, angesichts des hier beschriebenen eine emotionale Distanz zu wahren.

Wertung: 88 von 100 Treffern

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  • Autor: Richard Yates
  • Titel: Eine gute Schule
  • Originaltitel: A Good School
  • Übersetzer: Eike Schönfeld
  • Verlag: DVA
  • Erschienen: 09.2012
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 240 Seiten
  • ISBN: 978-3421043948
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2 Gedanken zu “Lehrer ist ein Beruf, Schüler ein Schicksal

    • Die werde ich mir definitiv noch kaufen müssen. Bin bis dato von jedem Werk aus Yates‘ Feder mindestens überzeugt, meistens begeistert worden. Schön, dass der Autor so viele Jahre nach seinem Tod endlich – auch hierzulande – die wohlverdiente Anerkennung bekommt.

      Gefällt 1 Person

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