I seek to cure what’s deep inside, frightened of this thing that I’ve become

© Wagenbach

“Sie bekamen Afrika erst um halb zwölf zu Gesicht.”

So beginnt eines der empfehlenswertesten Bücher dieses Jahres.  Obwohl Lawrence Osborne bereits zahlreiche Reisebücher und diverse Romane verfasst hat, ist „Denen man vergibt“, unter dem Titel „The Forgiven“ im Original 2012 erschienen, die erste deutsche Übersetzung eines seiner Werke. Eine wohlgeratene dazu, Reiner Pfleiderer hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. 

Wenn es je Berechtigung gab, Afrika den „dunklen Kontinent“ zu nennen, dann liefert „Denen man vergibt“ den Beleg. Und das hat nichts mit dunklen, unbekannten Flecken auf der Landkarte zu tun. Obwohl sich der Arzt David Henninger und seine Frau Jo, die Kinderbuchautorin mit Schreibblockkade,  gleich zu Beginn in Marokko verirren. Auf dem Weg zu einer luxuriösen Party verlieren sie die Übersicht, Straße gleicht Straße, Kreuzungen rauschen vorbei und irgendwann, kurz vor dem Ziel, überfährt der angetrunkene David den jungen Fossilienverkäufer Driss.  Die genauen Umstände bleiben – vorerst –  im Zwielicht.

Mit einer Leiche im Fond auf einem ausgelassenen Fest innerhalb eines prächtigen Anwesens aufzutauchen, drückt die Stimmung. Ein wenig. Die Polizei ist mit etwas Bestechungsgeld schnell besänftigt, doch Driss‘ Vater samt einigen Dorfbewohnern taucht auf und möchte den Toten mitnehmen, um ihn in seinem Heimatort zu beerdigen. David soll ihn begleiten. Der auf Drängen aller seiner distanzierten Freunde darauf eingeht und von einer Ehe- nicht ganz unvermittelt in eine Lebenskrise katapultiert wird. Derweil seine Gattin ihre Probleme auf ganz eigene Art bewältigt.

Die Party geht weiter, während David seinen erzwungenen Trip in die Ungewissheit antritt. Er wird am weitesten in die fremde und vielfältige afrikanische Kultur eintauchen, wird etwas über das karge Leben im Herzen Marokkos erfahren, über Menschen, die sich ihren Unterhalt damit verdienen, Überbleibsel winziger Urzeittierchen freizuschlagen, zu bearbeiten und an Touristen zu verkaufen.  Ob er mit diesem Wissen noch etwas anfangen kann, bleibt im Ungefähren, ist David doch erfüllt von der Angst möglicherweise der tödlichen Rache des trauernden Vaters zum Opfer zu fallen.

Denen man vergibt“ pendelt zwischen den verschiedenen Handlungsorten, die Lawrence Osborne mit poetischer Genauigkeit – hier erkennt man den geübten Reiseschriftsteller – in Worte fasst. Dabei geht er nicht mit seinem Wissen hausieren, jeder Raum wird in Bezug gesetzt zu den Menschen, die ihn bevölkern.  Er erzählt von der Armut und den harten Lebensbedingungen der Fossiliensammler innerhalb einer verschworenen Dorfgemeinschaft, schildert den gedankenlosen, fast kolonialistischen  Hedonismus der Partygänger in ihrer Enklave und wechselt perspektivisch zum Hausangestellten Hamid, der stellvertretend für die muslimischen Bediensteten, den ignorant und ausschweifend  Feiernden höflich, aber mit Abscheu gegenübersteht. Der letzte Part gehört in Rückblenden den beiden jungen Straßenhändler Ismael und Driss, die an einer Kreuzung in der Wüste wilde Pläne schmieden, die mit Driss‘ Tod enden.

Denen man vergibt“ legt Schicht um Schicht seiner Protagonisten bloß, „Stripped Down To The Soul“ wie es bei Depeche Mode heißt. Bereits die Oberfläche ist brüchig, doch was darunter zum Vorschein kommt ist weit unansehnlicher.   Betrug, Rachsucht, Zorn, Neid, Gier, Missgunst – ein geradezu biblisches Arsenal an dunkler emotionaler Materie wird entblättert.  Das geschieht nicht pathetisch im Großen, es sind kleine Nadelstiche fehlender oder versagender Mitmenschlichkeit. Hinterhältige Spitzen wie sie Richard, einer der Gastgeber, dem angstbehafteten David vor seiner Fahrt in die Wüste verpasst. Er könne ja mit dem Handy telefonieren, wenn etwas schieflaufen solle.  Ob die überhaupt funktionieren würden dort draußen, fragt David. „Klar. Wir benutzen unsere ständig“, erwidert Richard. Was natürlich eine Lüge ist. Wenige Autominuten nach der Abfahrt gibt es keinen Empfang mehr.

Es weht kein Hauch von Freundlichkeit und Empathie durch jene Party-Oase, die gefüllt ist mit Menschen, die lediglich sich selbst feiern. Und den Exzess, den sie sich leisten können. Fremde in einem fremden Land, deren Verhältnis zu den Einheimischen, ihrer Kultur und Religion von dem Glauben geprägt ist, das man mit Geld alles kaufen und bereinigen kann. Lediglich David gelingt aus einer Mischung aus Angst und Intuition eine Art sachte Annäherung. Aus der er aber keinen Nutzen schlagen kann. Im Gegenteil.  Er hat zwar ein gutes Gespür für die Einschätzung von Menschen und Situationen, doch misstraut er diesem so sehr, dass er lieber lügend in den Untergang geht, als sich seinen Dämonen zu stellen.

Nicht nur in diesen Momenten erinnert Lawrence Osbornes Roman an die Bücher Patricia  Highsmiths, insbesondere an ihr großartiges Nordafrika-Werk „Das Zittern des Fälschers“. Gutsituierte Durchschnittsbürger werden aus ihrer Blase der alltäglichen Illusionen gerissen und verstricken sich in einem stetig wachsenden Lügengeflecht. Das der Erzeugung gar nicht bedurft hätte. Nicht nur, was die Todesfahrt angeht, wäre die Wahrheit lediglich für einen Augenblick der schmerzhaftere Weg gewesen.

Glücklicherweise verzichtet Lawrence Osborne auf einfache Lösungen und schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Zwar erzählt „Denen man vergibt“ viel von post-kolonialer Überheblichkeit, Dekadenz und Ignoranz, doch verschweigt er nicht die Bigotterie und Ressentiments der Einheimischen. Im letzten Part der Geschichte von Driss und Ismael setzt der Roman sogar eine finstere Pointe, die viele der vorherigen Lügen, Rachepläne und Ränke nicht nur in Frage stellt, sondern komplett sinnlos werden lässt.

Geschliffen geschrieben, scharf beobachtend und von chirurgischer Akkuratesse erzählt „Denen man vergibt“ von Lebenslügen, dem Aufeinandertreffen von Kulturen, deren Vergangenheit geprägt ist von Ausbeutung, die in der Gegenwart zu einer neuen  Dimension gefunden hat. Und die aus Desinteresse auf der einen und Fassungslosigkeit auf der anderen Seite fußt. Bittere Armut trifft auf feierwütige Dekadenz, die direkt aus den goldenen Zwanzigern des Kolonialismus ins 21. Jahrhundert gebeamt wurde. Ausgefeilte Charaktere, untergründiges Drama mit vielen Noir-Elementen – „Denen man vergibt“ erzählt von vielfältigen Reisen ans Ende der Nacht. Die nicht in jedem Fall mit einem neuen Morgen, sondern oft in totaler Finsternis enden.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Lawrence Osborne
  • Titel: Denen man vergibt
  • Originaltitel: The Forgiven
  • Übersetzer: Rainer Pfleiderer
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach 
  • Erschienen: 02.2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 268 Seiten
  • ISBN: 978-3803132864
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3 Gedanken zu “I seek to cure what’s deep inside, frightened of this thing that I’ve become

  1. Mein liebster Highsmith-Roman. Sieh nur zu, dass du dir die Übersetzung von Dirk van Gunsteren aus dem Jahr 2002 besorgst. Die erste von Anne Uhde ist gekürzt. Ich habe mir das Buch nämlich auch gerade noch einmal in der neuen Version besorgt.

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