+++ Der Vorschau-Ticker – Winter/Frühjahr 2016/2017 – Teil 5 +++

Jedes halbe Jahr geht mir beim Sichten der Verlagsvorschauen derselbe Gedanke durch den Kopf: „Diesmal sind aber nicht so viele interessante Bücher dabei.“ Bis mir dann aufgeht, dass ich dieses und jenes Verlagshaus wieder mal komplett vergessen habe. Und die anfänglich übersichtliche Liste wächst dann doch wieder langsam und stetig zu einem mehrseitigen Wunschzettel an, bei dem sich beinahe ein Besuch beim Buchbinder lohnen würde. Ein weiterer Grund, warum ich das Tempo hier etwas anziehen und den nächsten Vorschau-Ticker auf den Weg bringen muss. Wie versprochen dieses Mal wieder mit dem Hauptaugenmerk auf den weitläufigen Bereich des „Krimis“.

Den Anfang machen zwei Titel aus Frank Nowatzkis Verlag Pulp Master, der es seit Jahren immer wieder aufs Neue schafft, Autoren auszugraben, von denen man zumeist vorher nie etwas gehört hat und die doch jedes Mal auf ganzer Länge (und nicht selten in der Magengrube) einschlagen, so dass man sich unwillkürlich fragt: Verdammt, warum habe ich von dem eigentlich noch nie etwas gehört?  Franks goldenes Händchen für den besonderen „Hardboiled“ und „Pulp“ wird mir jedenfalls langsam unheimlich, denn auch die kommenden Titel hören sich stark danach, als müsste ich sie kaufen und lesen.

Mit „Hitze“ erscheint nach längerer Durststrecke endlich wieder ein Roman aus der „Wyatt“-Reihe. Das allein ist Kaufargument genug. Und wer die Reihe noch nicht kennt, sollte dies spätestens jetzt dringend nachholen, denn der australische „Parker“ ist immer eine Lektüre wert. Les Edgerton dagegen ist für mich bis jetzt ein unbeschriebenes Blatt. In diesem Juni soll bei Pulp Master mit „Der Vergewaltiger“ der erste Titel in deutscher Übersetzung erscheinen. Und wie bei diesem, so scheinen auch in „Primat des Überlebens“ Knackis eine größere Rolle zu spielen. Knast, Gangster, Lug und Betrug. Klingt großartig, klingt genau nach der Art schroff-kantiger Literatur, die ich gern lese. Die Veröffentlichungstermine sind allerdings – wie immer bei Pulp Master – mit Vorsicht zu genießen. Nowatzki nimmt sich bei seinem Ein-Mann-Projekt die Zeit, die er braucht. Und wie heißt es so schön: Gut Ding muss Weile haben.

Mit „No one rides free“ von Larry Beinhart feiert ein alter Bekannter (früher bei Rowohlt) sein Comeback auf dem deutschen Buchmarkt, was mich wiederum sehr freut. Wenngleich ich verwundert bin, dass Emons für die Wiederveröffentlichung unter dem originalen Titel verantwortlich zeichnet. Sonst eher für regionale Krimis ausgelegt, scheint man unter dem Schlagwort „Emons: Vintage Crime“ – so zumindest lässt der Name vermuten – nun auch ältere Krimi-Titel (Andrew Vachss, Derek Raymond und Stephen Greenleaf, wenn ich bitten darf!) ins Blickfeld zu nehmen. Überhaupt sieht es derzeit nach einer Retro-Welle aus: George V. Higgins, Donald E. Westlake, Lawrence Block und natürlich James Lee Burke. Die „alte Garde“ mischt seit ein paar Jahren wieder ordentlich im Krimi-Becken mit. Gut und weiter so!

Nun kommen zwei Titel, bei denen mir das Warten auf die Veröffentlichung noch schwerer fallen wird. „Zeit der Finsternis“ von Malla Nunn ist ein absoluter Muss-Kauf. Ihre Cooper-Serie im Südafrika der 50er Jahre gehört meines Erachtens zum Besten was der „Hardboiled“ derzeit bietet. Man kann der Autorin nur wünschen, dass sie hierzulande so viele Leser wie möglich findet, damit Argument/Ariadne – wie schon bei Manotti – am Drücker bleibt bzw. bleiben kann. Da ist sie jedenfalls in allerbesten Händen.

Auf die Übersetzung von Tom Boumans „Auf der Jagd“ hatte ich die ganze Zeit gehofft. Nicht nur weil der Autor aktueller Edgar-Award-Preisträger ist, sondern die bisherigen Kritiken in Verbund mit der Inhaltsbeschreibung große Krimi-Literatur erwarten lassen. Lassen wir uns überraschen, ob das Buch den Vorschusslorbeeren gerecht wird. Ich freue mich in jedem Fall drauf!

Und welcher Titel regt euer Interesse an?

  • Garry Disher – Hitze (Taschenbuch, Juni 2017 – Pulp Master – 978-3927734951)
  • Inhalt: Wyatt sondiert mal wieder die Möglichkeiten. Eine Bank wäre toll oder ein Geldtransporter. Doch soll er sich deswegen mit dreisten, jungen Idioten und
    Meth-Köpfen einlassen? So groß ist seine Verzweiflung dann doch nicht, zumal ihm ein Broker in Queensland einen One-Man-Job anbietet. Ein flämisches Gemälde aus dem 16. Jahrhundert – von den Nazis während des Zweiten Weltkriegs erbeutet – sei
    im Erholungsort Noosa, in der sengenden Hitze der Sunshine Coast im Haus eines Pädophilen aufgetaucht und eine israelische Auftraggeberin biete viel Geld dafür. Ganz nach Wyatts Geschmack, denn er kann den Coup in Eigenregie ausbaldowern …
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(c) Pulp Master

  • Les Edgerton – Primat des Überlebens (Taschenbuch, November 2017 – Pulp Master – 978-3927734937)
  • Inhalt: Jake Bishop ist voll resozialisiert und träumt gemeinsam mit seiner Frau Paris den amerikanischen Traum, der sich als eigener Friseursalon materialisieren soll. Doch seine kriminelle Vergangenheit holt Bishop ein, und zwar in Gestalt seines ehemaligen Zellenkumpels Walker, der ihm im Knast das Leben rettete und nun, frisch entlassen, im Gegenzug etwas Starthilfe einfordert. Sich des über seinem Kopfe schwebenden Damoklesschwertes bewusst – einer bei der nächsten Verurteilung anstehenden lebenslangen Haftstrafe –, lehnt Jake entschlossen ab. Doch der Auftraggeber im Hintergrund hat Jakes Schwachstelle längst ausgemacht und zwingt ihn, den Einbruch bei einem lokalen Juwelier durchzuziehen …
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(c) Pulp Master

  • Larry Beinhart – No one rides free (Broschiert, Januar 2017 -Emons – 978-3954517718)
  • Inhalt: Privatdetektiv Tony Cassella soll die Aussage eines Anwalts aufnehmen, der über die miesen Machenschaften seines eigenen Berufsstands auspacken will. Doch dazu kommt es nicht, denn der Mann liegt tot auf einem Parkplatz. Tony muss die Lügen der Vergangenheit aufdecken und die ehrenwerten Männer, die jeden Preis zu zahlen bereit sind, um die Vergangenheit ruhen zu lassen, aus dem von ihnen bevorzugten Halbdunkel ans Licht der Öffentlichkeit zerren.
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(c) emons

  • Malla Nunn – Zeit der Finsternis (Broschiert, September 2016 – Ariadne/Argument – 978-3867542173)
  • Inhalt: Im zutiefst korrupten Apartheidstaat Südafrika geht das Jahr 1953 zu Ende. Fünf Tage vor Weihnachten wird im Johannesburger Villenviertel ein weißes Ehepaar überfallen und bewusstlos geprügelt. Dann verschwinden die Täter mit dem neuen Automobil der Familie Brewer. Die fünfzehnjährige Tochter Cassie hatte sich versteckt und blieb unversehrt. Der Vater erliegt noch in derselben Nacht seinen Verletzungen. Detective Sergeant Emmanuel Cooper hat sich nach Johannesburg versetzen lassen, um hier mit seiner heimlichen Familie ein Doppelleben zu führen, von dem keiner seiner Kollegen etwas ahnen darf, schon gar nicht sein argwöhnischer Vorgesetzter Lieutenant Walter Mason. Andernfalls droht Cooper Berufsverbot und Gefängnis, ganz zu schweigen von den Repressalien, die seine farbige Frau und ihre kleine Tochter zu erwarten hätten: Die assentrennungsgesetze sind gnadenlos. Er muss also extrem behutsam lavieren.Die traumatisierte Cassie Brewer sagt aus, für die Bluttat seien zwei Zulu-Jungs verantwortlich, die auf die Förderschule in Sophiatown gehen und von ihrem Vater zum Dinner eingeladen wurden. Zu Coopers Entsetzen ist einer davon Aaron Shabalala, der jüngste Sohn seines besten Freundes und Ermittlungskollegen Detective Constable Samuel Shabalala. Undenkbar! Als das vermisste Auto­mobil fast unversehrt im Slum von Sophiatown gefunden wird, im Kofferraum zusätzliches Belastungsmaterial gegen Aaron Shabalala, schwant Cooper, dass jemand den Jungen als Sündenbock benutzt. Dann zieht Lieutenant Mason ihn von der Ermittlung ab, schickt ihn vorzeitig in Urlaub. Cooper kann jetzt nur noch inoffiziell weitermachen, ein gewagtes Spiel, zumal offenbar jemand Mächtiges die Fäden in der Hand hält. Aber das ist er Shabalala schuldig – und seinem eigenen Gewissen.
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(c) Ariadne/Argument

  • Tom Bouman – Auf der Jagd (Hardcover, Januar 2017 – ars vivendi – 978-3867542173)
  • Inhalt: „In der Nacht, bevor wir die Leiche fanden, konnte ich nicht schlafen.“ So beginnt die Geschichte des US-Dorfpolizisten Henry Farrell, Ex-Somalia-Kämpfer und Witwer, der sich auf einen gemütlichen Job in den gottverlassenen Wäldern im Nordwesten von Pennsylvania eingerichtet hat – und dort eine ganze Weile nicht zum Schlafen kommen wird. Die Einheimischen, dickschädelige, traditionsbewusste Nachkommen irischer Einwanderer, ernähren sich mehr schlecht als recht von dem, was das Land hergibt, ignorieren die Staatsmacht und pflegen ihre Waffen. Doch die Gemeinschaft wird nicht nur von mexikanischen Drogenkartellen und verborgenen Crystal-Meth-Küchen bedroht: Ein Fracking-Unternehmen setzt alles daran, die örtlichen Schiefergasvorkommen auszubeuten und lockt mit viel Geld für Grundstücke. Als einer der Einsiedler eine Leiche auf seinem Land findet, beginnt für Henry Farrell die Jagd nach dem Killer …
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(c) ars vivendi

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16 Gedanken zu “+++ Der Vorschau-Ticker – Winter/Frühjahr 2016/2017 – Teil 5 +++

  1. Wow, was für Aussichten! Ein neuer Wyatt, das freut mich besonders! Und ich staune eine Runde mit, emons vintage crime hat mich auch überrascht, muss ich mir in jedem Fall dann mal genauer anschauen. Ansonsten ist Malla Nunn ganz weit oben auf meiner Leseliste, wird Zeit, dass ich endlich mal dazu komme. Verflixt, es wird wirklich nicht weniger mit den spannenden Büchern!

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  2. Tja, Emons verkauft soviele „111 Orte“, da kann man sich neue Projekte locker leisten. Finde ich sehr interessant zu beobachten, wie sich dieser kleinere Verlag in kürzester Zeit weiterentwickelt hat.
    „Auf der Jagd“ klingt sehr vielversprechend; Disher habe ich noch gar nicht „kontaktiert“, es gibt so viel…
    Zum „Retro“-Trend: Diogenes setzt mit Neuübersetzungen von Macdonald und Lehane ebenfalls auf ältere Titel. Aber ich will nicht vorgreifen…

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    • Ja, das habe ich auch schon gesehen. „Streng vertraulich“ war schon in der letzten Vorschau angekündigt. Ich hatte gehofft, dass man nun mit dem nächsten Band weiter macht und die komplette Kenzie/Gennaro-Reihe wieder auflegt. Hintergrund ist der, dass sich Diogenes immer gut im Regal macht und da zudem meist auch weniger Platz wegnimmt als andere Verlage. Würde dann meine alten Ullsteins einfach mal umtauschen. 😉 Und die Wiederveröffentlichung von Ross MacDonald läuft ja auch schon etwas länger. Nur das in der aktuellen Vorschau jetzt endlich mal ein Titel dabei ist, dessen Rechte früher noch bei Scherz lagen. Mehr dazu dann aber in einem extra Ticker. 🙂

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  3. AUF DER JAGD klingt sehr interessant. Muss ich mir notieren.

    Momentan hinke ich etwa 1 1/2 Jahre mit den Büchern hinterher, aber Malla Nunn will ich unbedingt nachholen.

    Tja, und die Bücher aus dem Pulp Master Verlag haben es mir sowieso angetan. Noch hab ich nicht alle gelesen, aber doch schon einige. Besonders die Zeltserman-Reihe finde ich super. Aber es stimmt, man braucht etwas Geduld beim Vorbestellen und Warten. Auf Edgertons DER VERGEWALTIGER warte ich auch schon einige Zeit. Doch meist lohnt sich das Warten. 🙂

    Wie immer: hervorragende Auswahl!

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  4. Wyatt! Wyatt! Wyatt! Heißen Dank für diese gute Nachricht.
    Und natürlich für die ermutigende Vorfreude auf Malla Nunn.
    Super Auswahl. Was mich aber verblüfft: Keine Silbe zum Polar-Programm? So, wie ich die obige Begeisterung deute, dürften da jede Menge wunderbarer Entdeckungen warten. Mein persönlicher Favorit aus dem Hause Polar, weil er mich so überrascht und entzückt hat, ist Ken Bruen (Kaliber, Füchsin).

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    • Ein alter Mann ist kein D-Zug. 😀 Natürlich habe ich den Polar-Verlag meines alten KC-Kollegen Wolfgang nicht vergessen. Ebenso wenig wie den Unionsverlag, Pendragon, Suhrkamp, Diogenes etc. etc. Aber der Tag hat leider nur 24 Stunden. 😉 – Kann aber schon soviel verraten: Diese gesamte Verlagsvorschau wird es auch diesmal wieder in meinen Ticker schaffen. Die Auswahl ist einfach zu gut. – Bruen liebe ich seit seiner M.A.X.-Trilogie mit Jason Starr heiß und innig. Und auch Jack Taylor ist ne Wucht. Da wird blind jedes Buch gekauft. („Rilke on Black“ hat mir übrigens auch gut gefallen.)

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