Morde made by Müller

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(c) Ariadne

Während Joachim Körbers Facebook-Reihe über „zu Unrecht missachtete Bücher“ in Formvollendung das humoristische Element bedient, so ist in diesem Fall die Bezeichnung durchaus ernst zu verstehen, fliegt doch Monika Geier weiterhin unter dem Radar vieler Leser. Ein Zustand, der vor allem dann meinerseits für einen dicken Hals sorgt, wenn ich beim Besuch einer Buchhandlung mal wieder einen Blick auf die Bestseller-Liste geworfen habe und zur Kenntnis nehmen muss, zu welch sprachlichen „Höhenflügen“ en Masse gegriffen wird. Und weil auf dieser wenig aussagekräftigen Liste in Zukunft Bücher von Frau Geier (oder überhaupt vom Ariadne/Argument Verlag) wohl leider nicht zu erwarten sind, macht es gerade im Kreis der Literatur-Blogger umso mehr Spaß, solchen entdeckungswürdigen Titeln eine Plattform zu bieten.

Monika Geier ist, über die Grenzen von Rheinland-Pfalz hinaus, immer noch wenigen Krimi-Freunden in Deutschland ein Begriff. Eine Schande, sind doch ihre sprachlich raffinierten und herrlich leichtfüßigen Werke eine Wohltat inmitten der platten Genre-Konkurrenz. Gerade diese Alteingesessenen machen es neuen Talenten (zu denen Geier, welche bereits seit Ende der 90er als Krimischriftstellerin tätig ist, eigentlich gar nicht mehr gehört) ungewollt schwer, auf dem von Regio-Titeln überschwemmten Krimi-Buchmarkt Fuß zu fassen. Es scheint so, als würde der Griff nach der x-ten Neuhaus oder der gefühlten hundertsten Franz-Retorte für den Leser immer noch am einfachsten sein. Selbst wenn eine Serie schon vier Bände zuvor zu Tode geritten worden ist, bleibt man standhaft auf dem Pferd, in der Hoffnung es möge sich doch vielleicht irgendwann mal wieder erheben. Das Risiko abseits plakatierter Top-Titel und Bestsellerlisten sein Glück zu suchen, mögen viele erst gar nicht eingehen. Entgehen tun dem Krimi-Freund dabei Werke wie „Müllers Morde“, dem ersten Stand-Alone Geiers seit ihrer Reihe um Kommissarin Böll, welche allerdings auch ein kleinen, wenn auch für die Handlung nicht relevanten, Auftritt hat.

In deren Mittelpunkt stehen in erster Linie vor allem zwei Personen: Eine davon ist der titelgebende Mörder Müller, dem wir gleich zu Beginn bei seinem ersten Mord über die Schulter schauen dürfen. Dieser muss natürlich vertuscht werden, weshalb die Leiche kurzerhand zum Totenmaar verschafft wird. Ein kleiner See, in dessen Tiefe erloschene Vulkane Kohlendioxid ausdünsten, das sich nicht selten als schweren Gas in den Bodensenken der umliegenden Felder sammelt. So lautet dann auch die Todesursache des Opfers, ein Manager der ENERGIE namens Dr. Steenbergen, auf Kohlendioxidvergiftung. Weitere Ermittlungen werden erst gar nicht angestellt. Allein Steenbergens Freund, der Anwalt Peter Welsch-Ruinart, will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben und engagiert Richard Romanoff, um der Sache näher auf den Grund zu gehen. Romanoff, seines Zeichens Historiker, Antiquitätenhändler und Atlantis-Mythologe, sieht sich als Detektiv wenig geeignet, kann das Geld aber dringend gebrauchen und nimmt missmutig den Auftrag an.

Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem gewitzten Täter und dem unkonventionellen Ermittler, das schließlich bis in höchste Wirtschaftskreise führt und für beide Duellanten einige Überraschungen bereithält …

Jenseits von schablonenhaften Tatort-Klonen und konstruierten Allgäu-Klamauk erfrischt Monika Geier uns in „Müllers Morde“ mit einer scheinbar beiläufig erzählten Geschichte, welche sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss liest und in Punkto Humor genau die Balance bewahrt, an der Klüpfel, Kobr, Falk und Co. zumeist so kläglich scheitern. Trotz aller Leichtigkeit gleitet die Handlung nie in die Trivialität ab, bleibt Geier in der Ausarbeitung des stringenten und herrlich verwobenen roten Fadens überraschend kompromisslos. Hier greift flüssig jedes Rädchen ins andere, ist jedes Wort von Bedeutung und Aussagekraft. Trotzdem verschwendet Geier derer nicht viele. Kurz, knapp, knackig, präsentiert sich ihre scharf geschliffene Sprache, die eindrucksvoll die Möglichkeiten des Kriminalromans auslotet und zeigt, dass man mit wenig richtig viel unterhalten kann. Und unterhalten tut „Müllers Morde“, besonders hinsichtlich Stil und Sprache, auf allerhöchstem Niveau.

Von Müller über Romanoff bis hin zu den Nebenfiguren. Allesamt zeichnet Geier mit detailgetreuer und doch feinfühliger Akribie, wodurch man sich sofort als Teil des Getümmels fühlt, das mit Kehren und Wendungen stets aufs Neue für Überraschungen gut ist. Der typische Reißblatt-Ermittler glänzt ebenso wie der überzeichnete Dialekt-Provinzler mit Abwesenheit. Stattdessen Charaktere wie du und ich, glaubhaft, lebensecht und den rechts und links von uns wohnenden Nachbarn auch irgendwie nicht unähnlich. Die große Bühne, den riesigen Aha-Effekt – all das braucht Monika Geier nicht, um den Leser bei Laune zu halten. Es ist die Alltäglichkeit des Verbrechens, dessen Versuchung überall lauert, welche das Fundament der Geschichte bildet, die zwar unkonventionell erzählt wird, dadurch aber nichts an Wirkung einbüßt.

Wie die Autorin die hochaktuelle Realität nimmt und benutzt, ohne sie großartig zu formen, das beeindruckt. Monika Geier ist ein Buch gelungen, das in Form und Inhalt weit über vielen ihrer Bestseller-Kollegen thront. Möge diese Rezension zumindest ein bisschen zu größerer Bekanntheit beitragen. Geier hat diese, nicht nur aufgrund von „Müllers Morde“, mehr als redlich verdient.“

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Monika Geier

  • Titel: Müllers Morde
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Argument/Ariadne
  • Erschienen: 08.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 320
  • ISBN: 978-3867542005
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3 Gedanken zu “Morde made by Müller

  1. Ah, die toten Pferde, die immer noch geritten werden. Ich erinnere mich an einen Beitrag von MyCrimeTime zu Elizabeth George, in der sie auch davon sprach. Schon komisch, dass ich bei Euch immer Verbindungen finde…
    Es gibt so ein paar Serien, die ich ganz gern verfolgt habe, aber ich merke mehr und mehr, dass diese mich langweilen. Einfach aus dem Grund, dass es – auch wenn die Serie anfangs erfrischend und neu war – jetzt wieder das gleiche Schema X ist.
    Ich frag mich da immer, ob es der Autor oder der Verleger/Verlag ist, der das tote Pferd bis auf den letzten Bissen aushöhlen will? Unverständlicherweise funktioniert das ja aber auch noch – die Leser kaufen. Sie kaufen weiterhin, so schlecht oder einfallslos die Serie wird, Hauptsache da steht der richige Autorenname drauf.
    Ich persönlich bin ja ein großer Verfechter der Argument/Ariadne Krimis und finde, jeder sollte sowieso mehr davon lesen. Von Monika Geier hab ich leider auch erst einen Krimi geschafft, dafür sieht meine Bilanz bei Christine Lehmann und Anne Goldmann besser aus. 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Naja, letztlich wird es eine Entscheidung sein, die Verlag und Autor – abhängig vom Einfluss des Letzteren – wohl gemeinsam treffen. Mit jedem Stand-Alone oder Roman außerhalb der bekannten Reihe geht man wahrscheinlich immer ein gewisses finanzielles Risiko ein. Frei nach dem Motto: „Warum etwas reparieren, wenn es nicht kaputt ist.“ – Wobei: In vielen Fällen ist es ja kaputt, aber es gibt nicht wenige Leser, die bei dem bleiben wollen, was sie kennen. Als Buchhändler habe ich da in der Vergangenheit einige Erfahrungen mit gemacht. Das geht stellenweise soweit, dass die sich im Gespräch mit mir selbst widersprochen haben. „Naja, dieser Beckett war jetzt nicht soo spannend, aber ich will auch wissen, wie es mit der Figur weitergeht.“ oder „Nee, muss sagen, hat mir gar nicht so gut gefallen. Obwohl es doch ein „Bestseller“ war. Vielleicht wird der nächste besser.“

      Es wird sicher viele Autoren geben, denen es entgegen kommt, dass sie ihre Komfortzone nicht verlassen müssen und ökonomisch schreiben können. Veränderungen nur auf kleinstem Raum, ansonsten das Grundrezept. Fertig ist der Krimi. Ob einem das auf Dauer gefällt, hängt dann vielleicht auch vom Anspruch ab, den man an dieses Genre stellt. Elizabeth George z.B. habe ich zu Beginn äußerst gerne gelesen. Was sie inzwischen schreibt ist alles mögliche, hat aber weniger mit dem Spannungsroman zu tun. Dafür schaffen es Autoren wie Ian Rankin, James Lee Burke oder auch Michael Connelly mich auch beim 20. Band ihrer Serien noch auf höchstem Niveau zu unterhalten, ohne allzu große Abnutzungserscheinungen aufzuweisen. Was in meinem Fall daran liegt, dass ich auch nie mehrere Bände einer Reihe hintereinander lese.

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      • Mehrere Bände einer Reihe kann ich auch nicht hintereinander lesen. Das habe ich mal ausprobiert. Ich brauche da doch mehr Abwechslung. Und Du hast natürlich recht – es gibt Reihen, die sind auch nach mehreren Bänden noch abwechslungsreich und bringen immer wieder neue Wendungen.
        Meines Erachtens ist das allerdings eher die Ausnahme.

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