No man is an island

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(c) Pendragon

Und weiter geht’s mit meiner Würdigung von Robert B. Parker Jesse-Stone-Reihe, deren TV-Umsetzung mit Tom Selleck in der Hauptrolle immer noch weit bekannter ist, als die literarische Vorlage, was wohl auch hier leider wieder an der Tatsache liegen wird, dass der Verlag Pendragon von viel zu vielen Buchhandlungen – und vor allem Buchhandelsketten – konsequent ignoriert wird. Ein Versäumnis, zumal Verlagsleiter Günther Butkus eine beeindruckend hohe Trefferquote aufweist, wenn es darum geht, literarische Perlen, vor allem aus dem Bereich Krimi, für den Leser zu entdecken. (Zuletzt in Gestalt von Wallace Strobys „Kalter Schuss ins Herz„.)

„Nein, zu Begeisterungsstürmen lädt „Terror auf Stiles Island“, der zweite Band aus der Reihe um Polizeichef Jesse Stone, nicht ein – dies liegt allerdings nicht unbedingt an mangelnder Qualität, als vielmehr an der Tatsache, dass Robert B. Parker, dessen lakonisch-unaufgeregter Stil ohnehin charakteristisch ist, hier in Punkto Tempo nochmals einen Gang zurückgeschaltet und dem rahmengebenden „Hardboiled“-Plot zu großen Teilen der Figurenzeichnung geopfert hat. Vom im Titel angekündigten Terror kann somit, trotz einer Reihe finsterer Gegenspieler, über weite Strecken nicht die Rede sein. Das als Info für diejenigen Leser vorangestellt, welche einen guten Spannungsroman in erster Linie an adrenalingeschwängerter Action oder bluttriefenden Folterszenen festmachen. Diese dürften an Parkers klassischer Erzählweise nur wenig Gefallen finden. Vielleicht auch ein Grund, warum der inzwischen verstorbene US-Autor auf dem deutschen Buchmarkt nie so recht Fuß fassen konnte. Parker-Fans wird es egal sein – „Terror auf Stiles Island“ bietet einmal mehr gute, weil altbewährte Kost.

Kurz zur Handlung: Jesse Stone, ehemals Polizist bei der Mordkommission in Downtown LA, hat mit seinem knallharten Durchgreifen gegen die instrumentalisierte Bürgermiliz (siehe „Das dunkle Paradies“) in der beschaulichen Kleinstadt Paradise für klare Verhältnisse gesorgt. Seine Kritiker sind größtenteils verstummt und die Bewohner mit Stones wortkarger Art inzwischen vertraut geworden. Dennoch gibt sein schroffes Verhalten immer noch Fragen auf. Insbesondere Abby Taylor, die attraktive Staatsanwältin, sucht Abstand, was Stone, der seine Beziehung zu der ebenfalls nach Paradise gezogenen Ex-Frau Jenn immer noch nicht geklärt hat, direkt in die Arme der heißblütigen Immobilienmaklerin Marcy Campbell treibt. Und als wären drei Frauen nicht schon Probleme genug, sieht er sich nun auch noch mit einem Fall von Brandstiftung konfrontiert. Die Opfer: Ein schwules Pärchen. Die vermeintlichen Täter: Drei stadtbekannte jugendliche Straftäter, welche dank einflussreicher Eltern dem Zugriff des Gesetzes schon desöfteren entgangen sind.

Unter Stone laufen die Dinge jedoch anders. Entgegen der Empfehlungen seiner Kollegen zerrt er die drei Verdächtigen aufs Revier, um sie in einem geschickten Verhör zu einem Geständnis zu bringen. Und während die Rufe nach seinem Rücktritt plötzlich schon wieder lauter werden, droht von anderer Seite weit größere Gefahr.

Eine Bande von Gangstern, angeführt vom gerade aus dem Knast entlassenen Adrenalinjunkie „Jimmy“ Macklin, plant einen gewagten Coup: Stiles Island, Rückzugsort der reichen High Society und nur durch eine Brücke mit dem Festland und der Stadt Paradise verbunden, soll komplett ausgeräumt werden. Doch da haben sie die Rechnung ohne Jesse Stone gemacht…

Man kann ja von Robert B. Parker Geschichten halten was man will – literarisch war, ist und bleibt er eine Klasse für sich. In seinen Romanen ticken die Uhren weiterhin noch wie zu Chandlers Zeiten, sind Handys und Computer die einzigen Zugeständnisse an die Moderne. Unnötiges Beiwerk, zum Beispiel die heutzutage allgegenwärtigen forensische Untersuchungen, spart er sich genauso wie größere Ausschmückungen der emotionalen Befindlichkeiten seiner Protagonisten. Stattdessen lässt er die Figuren sich durch ihre Handlungen selbst erklären, geben kurze, knappe und haargenau getimte Dialoge kurze Einblick in ihre Gefühlswelt. Parker schabt aber lediglich an der Oberfläche, ordnet alles der schnörkellosen Federführung unter, mit der zielgerichtet und beinahe zwangsläufig der Plot vorangetrieben wird. Ohne Abzweigungen, Umwege oder Abkürzungen. Es ist diese „fettfreie“ Art des Schreibens, welche Parker zwar zu einem stilistischen Fossil im Genre des Kriminalromans macht, seinen Werken aber auch stets diese Aura der Souveränität verleiht. Ganz wie bei seinen Kollegen Richard Stark oder Elmore Leonard wird kein scharfkantiger, serpentinenartiger Spannungsbogen in die Handlung gezimmert, sondern stattdessen der Weg zum Ziel erklärt.

Herausgekommen ist ein kühler, lässiger „Hardboiled-Police-Procedural“-Mischling, dessen melancholische Atmosphäre vor allem vom Hauptprotagonisten aufrecht erhalten wird, der hier einmal mehr mit den Dämonen seiner Alkoholsucht und den Verlockungen des weiblichen Geschlechts zu kämpfen hat. Seine unerschütterliche Ruhe, die selbst in Zeiten großer Gefahr nicht ins Wanken gerät, bestimmt das Tempo des Romans, der sich, noch mehr als im Vorgänger, einen ziemlich langen Vorlauf genehmigt, bis es zum im Klappentext angedeuteten Aufeinandertreffen von Gut und Böse kommt. An diesem Punkt muss sich Parker auch etwas Kritik gefallen lassen. Wenngleich die prologartige Einleitung Neueinsteigern entgegen kommen dürfte – Kennern bzw. Viellesern des Genres verlangt es hier vielleicht ein bisschen zu viel der Geduld ab. Und auch das „Femme-Fatale“-Element hat der Autor angesichts der vielen schenkelschwenkenden Schönheiten vielleicht etwas überreizt.

Das man sich trotzdem nicht gähnend den Kiefer ausrenkt, liegt schlichtweg am Rhythmus des Buches, der wie ein gut geschmierter Acht-Zylinder voranschnurrt, ohne unnötig oft das Gas- oder Bremspedal zu treten. Am Ende geschieht dann wenig Überraschendes, bleibt ein Showdown mit Dauerfeuer aus. Stattdessen ein einziger Schuss, ein schneller Tod und ein Boot das sich im Dunkel der Nacht verliert.

Insgesamt ist „Terror auf Stiles Island“ ein typischer Robert B. Parker. Unspektakulär, unaufgeregt und doch seltsamerweise trotz fehlender Highlights fast unmöglich aus der Hand zu legen. Gute, solide, stimmige Unterhaltung und ein erfrischender Kontrast zum modernen Krimi-Angebot. Auch die weiteren Bände werden mit Sicherheit in mein überfülltes Bücherregal wandern.“

Wertung: 81 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Terror auf Stiles Island
  • Originaltitel: Trouble in Paradise
  • Übersetzer: Bernd Gockel
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 02.2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 312
  • ISBN: 978-3865323569
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4 Gedanken zu “No man is an island

  1. Ich hab den Teil auch erst vor ein paar Wochen gelesen – ich mag seinen Stil sehr. Auch bei mir wandern die anderen Jesse Stone Teile auf jeden Fall ins Regal.
    Wie ist denn mit seiner Spenser Reihe? Du als altbewährter Krimifuchs kennst die doch bestimmt und kannst diese empfehlen oder eher von abraten? Ich gehe ja davon aus, dass diese sich auch lohnt. Aber wo anfangen? Es gibt ja so viele Teile. Muss/Sollte man mit dem ersten beginnen?

    Gefällt 1 Person

    • Spenser ist vom Rhythmus her ähnlich, wenngleich der Protagonist dann doch ein ganz anderer Typ ist. Mehr „noiresk“ und näher an Chandlers Marlowe. Und das nicht nur, weil er auch Privatdetektiv ist. Zudem wirken sie zumindest auf mich etwas schärfer und kantiger, was vor allem an Hawk liegt, mit dem manch ein Spenser-Roman steht und fällt.

      Ich habe natürlich bei weitem nicht alle gelesen, kenne aber sowohl die ersten vier, fünf sowie die letzten (zuerst bei Pendragon) erschienenen Bände. Zwischendurch soll – wie ich öfter von verschiedenen Leuten gehört habe – Parker qualitativ abgebaut haben (ähnlich wie Stark bei seinen „Parker“-Romanen). Das kann ich aber noch nicht bestätigen, da ich soweit mit der Reihe noch nicht bin.

      Mein Rat: Mal „Spenser und das gestohlene Manuskript“ lesen sowie eins seiner späten Werke (hier bietet sich „Alte Wunden“ an).

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Paradise City … where the grass is green and the girls are pretty | crimealleyblog

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