„Die Güte des Menschen ist eine Flamme, die zwar versteckt, aber nicht ausgelöscht werden kann.“

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(c) Aufbau

Für mich war es in der Krimi-Szene die Nachricht des letzten Jahres: Ariadne/Argument führt die Veröffentlichung von Malla Nunns Reihe um den Detective Sergeant Emmanuel Cooper in Deutschland fort. Und anlässlich des Erscheinens von „Tal des Schweigens“ im vergangenen November, richte ich nochmal den Blick zurück auf Nunns Erstling „Ein schöner Ort zu sterben“, der nebenbei auch zum Besten gehört, was ich in diesem Genre bisher lesen durfte.

„Südafrika war nicht nur als Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft in aller Munde, sondern hat sich hierzulande in den letzten Jahren auch zu einer neuen Kriminalromanhochburg gemausert. Nach Deon Meyer, der in Deutschland äußerst erfolgreich den Anfang machte, folgten kurze Zeit später Autoren wie Roger Smith, Mike Nicol und nicht zuletzt auch, Malla Nunn. Ihr Debüt, „Ein schöner Ort zu sterben„, wurde sogleich für den Edgar Award als bestes Buch 2010 nominiert. Und wer die knapp über 400 Seiten umfassende Lektüre hinter sich hat, versteht sofort warum. Nunns Erstlingswerk führt den Leser in das Südafrika des Jahres 1952 und katapultiert ihn damit äußerst eindrücklich in eine Zeit, in welcher die Apartheid-Politik den Kurs des Landes bestimmte und Rassentrennungsgesetze jeglichen näheren Kontakt zwischen Weißen und Schwarzen unmöglich machen sollten:

Detective Sergeant Emmanuel Cooper von der Polizei aus Johannesburg wird in das kleine Dorf Jacobs Rest an der Grenze zu Mosambik beordert, um die dortigen Kräfte bei der Untersuchung eines Mordfalls zu unterstützen. Mitten im Grenzfluss treibt die Leiche des weißen Polizeicaptains Pretorius, der augenscheinlich hinterrücks erschossen wurde. Am Schauplatz des Verbrechens angekommen muss Cooper feststellen, dass es mit Unterstützung hier nicht weit her ist. Der blutjunge Constable Hansie ist ein ungeschickter Tölpel und zudem nicht der Hellste, der schwarze Constable Shabalala aufgrund seiner Hautfarbe gezwungen, sich im Hintergrund zu halten. Stattdessen haben drei der muskelbepackten Söhne des ermordeten Captains bereits den Tatort unter ihre Kontrolle gebracht. Für sie steht zweifelsfrei fest, dass es sich bei dem Täter nur um einen Schwarzen handeln kann. Und auch die restlichen Mitglieder der Pretorius-Familie, welche sich als „echte Buren“ und „weißes Volk Afrikas“ verstehen, legen Cooper wo es nur geht Steine in den Weg. Als dann auch noch die „Security Branch“, der südafrikanische Geheimdienst, auftaucht und kurzerhand die Ermittlungen übernimmt, scheint der Detective auf einem Abstellgleis angekommen zu sein.

Offiziell vom Mordfall entbunden, soll er stattdessen einem geheimnisvollen Sittenstrolch nachjagen, der seit einiger Zeit die Gegend unsicher macht. Doch Cooper bleibt stur, stellt heimlich weiter Nachforschungen an, was ihn schließlich selbst ins Visier des rücksichtslosen Geheimdiensts bringt. Allein Shabalala, der in Cooper einen möglichen Verbündeten erkennt, und ein jüdischer Arzt mit mysteriöser deutscher Vergangenheit, stehen dem englischen Ermittler nun noch zur Seite … Können sie den wahren Täter dingfest machen, bevor die „Security Branch“ sich wahllos einen Schwarzen als Schuldigen auswählt?

Selten hat mich ein Erstlingswerk dermaßen beeindruckt wie Mala Nunns „Ein schöner Ort zu sterben„. Die aus Swasiland stammende Autorin verarbeitet hierin nicht nur einen Teil der eigenen Familiengeschichte (ihre Eltern haben sich ungefähr zum Zeitpunkt der Romanhandlung kennen gelernt), sondern bringt gleichzeitig eine Geschichte zu Papier, welche den Leser auch nach Beendigung der Lektüre mit Sicherheit noch beschäftigen wird. Von Seite eins an ist man unrettbar im Südafrika der 50er Jahre versunken, taucht man in die gottverlassene Gegend nahe Mosambik ein, welche Nunn meisterhaft in Bildern und Rhythmen zum Leben erweckt. Die Hitze, der Dreck, die Armut. Man meint es zu sehen, zu fühlen, zu schmecken. Und genauso nah steht man auch bald den Figuren. Während man sich sonst mit den konstruierten Schema-F-Typen des Krimigenres nur noch wenig identifizieren kann, sind der Autorin hier unvergessliche Protagonisten gelungen. Allen voran Emmanuel Cooper. Ein moralischer Cop, der nun in einem völlig amoralischen Umfeld der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen soll. Das Gesetz und Gerechtigkeit zwei Dinge sind: Hier wird es in all seiner Grausamkeit deutlich. Cooper ist eine machtlose Figur auf dem Schachbrett der Mächtigen, welche sich Beweise und Indizien nach eigenem Gutdünken zurechtbiegen und die „Wahrheit“ mit dem Schlagstock erprügeln. Von den posttraumatischen Halluzinationen aus seiner Zeit als Soldat gebeutelt, rennt er gegen unüberwindbare Hindernisse an, muss er körperlich und seelisch harte Schlage nehmen. Er ist der Spiegel in diese vergangene Zeit, in der der Rassenwahn das Fundament eines ganzes Staates darstellte und ein Nelson Mandela ein noch nicht mal gehegter Wunschtraum war.

Dennoch schimmert auch immer wieder zwischen die Zeilen die Hoffnung hindurch. In all der Düsternis deutet sich an, dass Folter und Unterdrückung auf den tönernen Füßen einer weißen Minderheit stehen und man mit der Trennung der Hautfarben den ersten Nagel in den eigenen Sarg geschlagen hat. Diese weiß Nunn übrigens sehr facettenreich zu beschreiben. Es gibt mehr als schwarz und weiß in diesem Buch. Ein jeder, unabhängig von Hautfarbe, Nationalität und Religion, hat Leichen im Keller. Grautöne lassen die Grenzen verschwimmen und neue Wege eröffnen. Bestes Beispiel dafür sind die Kaffernpfade, welche, von den Schwarzen benutzt, letztendlich auch dem ein oder anderen Weißen zum Vorteil gereichen. Schnell stellt man fest, dass hinter der Fassade mehr ist, als man anfangs erahnt hat. Gerade diese Vielschichtigkeit, diese Tiefe der Figuren, ist das Beeindruckende an diesem Buch, das mich gepackt, geschüttelt und bis zum Ende nicht losgelassen hat. Wenn man im letzten Drittel laut mitliest, fast den Ausstieg an der richtigen Bahnstation verpasst und abends vor dem Einschlafen das Buch nochmal gedanklich Revue passieren lässt, dann, ja dann, muss man ein äußerst guten Roman gelesen haben.

Ein schöner Ort zu sterben“ – Das ist für mich eine der größten Entdeckungen der letzten Jahre. Ein eindringlicher, kantiger und zuweilen auch sehr wütender Hardboiled-Kriminalroman und gleichzeitig Auftakt der Reihe um Detective Sergeant Emmanuel Cooper, die nun hoffentlich auch ein paar mehr Leser für sich entdecken werden.

Wertung: 96 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Malla Nunn

  • Titel: Ein schöner Ort zu sterben
  • Originaltitel: A Beautiful Place to Die
  • Übersetzer: Armin Gontermann
  • Verlag: Aufbau
  • Erschienen: 2.2011
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 415
  • ISBN: 978-3746626833
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