Just a poor lonesome cowboy …

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(c) Heyne

Im Juni diesen Jahres erscheint mit „Die Gejagten“ bereits der 18. Band aus der (trotz einiger Durchhänger) genauso langlebigen wie hierzulande beliebten Krimi-Serie um den einsamen Wolf Jack Reacher. Ein ehemaliger Militärpolizist, jeglicher Ketten entledigt, der nur allzu gern Selbstjustiz zelebriert, wenn es heißt, Bösewichte aus dem Verkehr zu ziehen. Doch wo nahm diese Reihe ihren Anfang? CrimeAlley wirft einen Blick zurück auf den ersten Reacher-Roman „Größenwahn“ – und entdeckt bereits hier Gründe für den dauerhaften Erfolgs Childs.

„Hätte er sich nicht längst auf dem deutschen Büchermarkt etabliert, Lee Childs Werke würden wohl in der Masse des heutigen seichten Thriller-Mainstreams hoffnungslos untergehen. Die Cover ziemlich schlicht, Klappentext wie Titel meist wenig aussagekräftig und nach typisch amerikanischen Machwerk klingend. Umso interessanter die Tatsache, dass es sich bei Child um einen gebürtigen Engländer handelt, der zwar seine Geschichten innerhalb der USA angesiedelt, seine Meriten in Punkto Spannungsaufbau jedoch auf der britischen Insel erworben hat. Mehr als zwanzig Jahre war er dort für den Fernsehsender „Granada Television“ tätig, für den er zahlreiche Krimi- und Thrillerserien (u.a. „Ein Fall für Fitz“) betreute. Seine im Filmgeschäft gemachten Erfahrungen scheint er dann auf seine Romane übertragen zu haben, die, konstruiert und aufgebaut wie ein Drehbuch, pointierte Action vom Allerfeinsten bieten. Das gilt auch gleich für seinen Erstling „Größenwahn“, in dem Serienheld Jack Reacher sein Debüt gibt und mit seinem Auftritt Erinnerungen an längst vergessene Kinostreifen weckt.

Oben genannter Jack Reacher hat endgültig der Army den Rücken gekehrt. Nach vielen Jahren als Soldat und Militärpolizist in Stützpunkten auf der ganzen Welt, will er seine neu gewonnene Freiheit von den Pflichten in allen Zügen genießen. Plan- und ziellos wandert er von Ortschaft zu Ortschaft. Zahlt stets bar und reist ohne Dokumente, um möglichst anonym zu bleiben. Von Tampa in Florida zieht es ihn nach Norden, Richtung Georgia. Mitten im Nirgendwo lässt ihn schließlich eine Eingebung aus dem Greyhound-Bus aussteigen. Seine Füße tragen ihn in das kleine verschlafene Nest Margrave, in dem einst der berühmte Gitarrenspieler „Blind Blake“ gestorben sein soll. Jack will mehr über dessen Vergangenheit erfahren, gönnt sich vor seiner Spurensuche jedoch noch ein ausgiebiges Frühstück im Diner. Nur wenige Minuten nach seiner Ankunft stürmen bewaffnete Polizisten den Saal und verhaften Jack. Er wird angeklagt, an einem nahe gelegenen Lagerhaus einen Mann getötet zu haben.

Auf dem Revier beteuert Jack mehrfach seine Unschuld, obwohl er weiß, dass vieles gegen ihn spricht: Kein Ausweis, kein Bargeld, seine düstere Erscheinung und das Fehlen jeglichen nachvollziehbares Motivs, den Ort Margrave überhaupt aufzusuchen. Als dann auch noch der fette Chief der örtlichen Polizei behauptet, ihn in der vergangenen Nacht in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben, scheint ein längerer Gefängnisaufenthalt unausweichlich. Plötzlich kommt ihn jedoch unfreiwillig Paul Hubble zu Hilfe. Der Banker aus Margrave gesteht den Mord und wird sogleich festgenommen. Aufgrund der vielen Ungereimtheiten lässt der schwarze Detective Finlay Jack jedoch mit in U-Haft wandern. Dieser ist von der Aussicht auf ein Wochenende im Knast wenig begeistert, fügt sich aber in sein Schicksal. Gemeinsam mit Hubble wird er in eine Zelle gesperrt, wo er von dem Banker nicht nur einige pikante Details erfährt, sondern auch schnell unerwünschten Besuch bekommt … denn Jack ist nicht in der U-Haft, sondern im Trakt für die Schwerstverbrecher gelandet. Für den Ex-Soldaten beginnt die (bisher) schlimmste Woche seines Lebens …

Nein, sie haben richtig gelesen. Er heißt schon Jack Reacher und nicht Jack Bauer, wenngleich gewisse Ähnlichkeiten zum Serienhelden von „24“ nicht von der Hand zu weisen sind. Selbiges gilt übrigens auch für den 80er Jahre Filmheld John Rambo, mit dem Lee Childs Protagonist mehr als nur seine Initialen gemein hat. Wie dieser ist er wortkarg, verschlossen, und will eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Aber wie Rambo, der in seinem ersten Auftritt ja ebenfalls bei seiner ziellosen Umherwanderung von der Polizei aufgegriffen wird, so muss Reacher letztlich Taten sprechen lassen. Und da kann es dann schon mal ungemütlich werden.

Die ersten 100 Seiten von „Größenwahn“ gehören wohl mit zum Besten, was ich bisher in diesem Genre gelesen habe. Dank Lee Childs Schreibstil ist man von Zeile eins an drin im Geschehen. Kurze knappe stakkatoartige Sätze, schnelle Szenenwechsel, eine Handlung mit durchgetretenem Gaspedal. Es ist als würde einem die Eindrücke nur so um die Ohren fliegen. Child schreibt in etwa so wie Regisseure mit der Handkamera filmen: Ruckelig, hastig, jeder Bewegung folgend. Wo andere Autoren erst lange die Umgebung beschreiben oder in Rückblicken die Vergangenheit ihres Protagonisten skizzieren, lässt Child uns hier alles durch die Augen des Ich-Erzählers Reacher miterleben. Und der ist, das ahnt man schon in diesen bedrohlich ruhigen Phasen auf dem Polizeirevier, ein Vollstrecker wie er im Buche steht. Durchdrungen von einem äußerst ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl kennt Reacher keine Freunde, wenn es darum geht, die Schuldigen zur Strecke zu bringen. Im Zweikampf ist er gewalttätig und erbarmungslos. Er tötet ohne große Gewissensbisse, hat seine moralischen Grenzen klar abgesteckt. Schon fast im Kontrast dazu steht seine übermenschliche Intelligenz und die Fähigkeit zu Deduktion. Wo andere – zumeist Polizei oder Geheimdienste – noch im Dunkeln tappen, hat Reacher stets bereits die Antwort und die Lösung. Wo andere zögern, handelt er ohne mit der Wimper zu zucken.

Mit Jack Reacher steht und fällt wohl jede Handlung eines Lee Child-Romans, denn wer sich mit dem testosterongeschwängerten Helden nicht anfreunden kann, wird auch nur schwer in die jeweilige Handlung reinfinden. Mir persönlich liegt dieser Typ Ermittler und Einzelkämpfer, der, wie auch seine Kollegen Charlie „Bird“ Parker oder Dave Robicheaux, zwar mit inneren Dämonen zu kämpfen hat, sich aber von den ja schon fast zum Krimi-Alltag gehörenden Depressionen und sozialen Problemen distanziert. Jack Reacher ist unkompliziert und geradlinig. Und weil sich Childs Bücher eben genauso lesen, sind sie wohl auch derart erfolgreich.

In gewissem Sinne hat Lee Child mit seiner Reihe den Western in die Neuzeit geholt und auf Papier gebracht. Diese Art Lonesome Cowboy mag zwar kein literarischer Meilenstein sein, aber sie unterhält. Wer nun näher analysieren will, findet sicher einige politisch und vor allem moralisch fragwürdige Momente. Vom Hang zur Selbstjustiz bis hin zur teilweise unnötig brutalen Gewalt. Ansätze zur Kritik gibt es einige. Nichts davon konnte letztlich meine Freude an „Größenwahn“ schmälern. Das taten dann nur die im Mittelteil arg langatmigen Passagen, welche den eigentlich auf Rasanz und Konfrontation ausgelegten Plot unnötig streckten.

Insgesamt ist „Größenwahn“ ein herrlich direkter, knallharter Actionthriller, der trotz einiger Unglaubwürdigkeiten mit einem äußerst intelligenten Plot aufwartet und Lust auf viel, viel mehr macht. Krimi-Couch-User hankhauser schrieb als Leserkommentar zu diesem Buch: „Nimmt man’s erstmal in die Hand, kann man im Bücherregal direkt Platz für die komplette Jack-Reacher-Reihe machen“. Recht hat er. Gesagt, getan.“

Wertung: 88 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Lee Child

  • Titel: Größenwahn
  • Originaltitel: Killing Floor
  • Übersetzer: Marie Rahn
  • Verlag: Heyne
  • Erschienen: 6.2004
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480
  • ISBN: 978-3453879577
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5 Gedanken zu “Just a poor lonesome cowboy …

  1. Zitat: „In gewissem Sinne hat Lee Child mit seiner Reihe den Western in die Neuzeit geholt und auf Papier gebracht. Diese Art Lonesome Cowboy mag zwar kein literarischer Meilenstein sein, aber sie unterhält.“
    Das ist die Essenz! Ich war nach der Lektüre meines zweiten Buches der Reihe zunächst über die Gleichartigkeit der Konzeption enttäuscht. Inzwischen verstehe ich die Reihe als pure Unterhaltungsliteratur für mich und werde sie komplett lesen. Der zuletzt auf deutsch erschienene Band „Der Anhalter“ hat mich allerdings nicht überzeugt. Hoffe, der neu angekündigte bringt mir mehr Vergnügen.

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    • @ Leseseiten
      Ja, das muss man erkennen bzw, auch akzeptieren, um längerfristig Gefallen an der Reihe zu finden. Ich hatte da anfangs ebenfalls etwas Schwierigkeiten mit, da ich diese gleichförmige Fließband-Literatur in der Regel nicht mag. Child ist da sowas wie die Ausnahme von der Regel. Auch weil man merkt, dass der Autor sich und die Figur – trotz drastischer Szenen und knallharter Action – nicht immer ganz ernst nimmt bzw. das Überzeichnen nutzt, um eben genau diesen „Reacher“-Effekt zu erzielen. Wie lange der Autor damit aber noch Erfolg hat, bleibt abzuwarten. Zuletzt konnte man ja schon sehen, dass er zumindest ein bisschen die Zutaten des Rezepts verändert hat (und verändern musste?). Wenn auch auf kleinstem Raum.

      Gefällt 1 Person

      • Leider gibt es in jedem Roman eine Szene, in der Reacher als Einmannarmee aufräumt und die anderen nur darauf warten, niedergemäht zu werden.

        In einem Buch sechs Gegner im Straßenkampf. Das erinnert mich immer an die Terence Hill / Bud Spencer – Filme, in denen die Gegner zuckend hinter dem Held darauf warteten, vermöbelt zu werden.

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