Tougher than the Rest

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(c) Pendragon

Wie Elmore Leonard, so hatte es auch Robert B. Parker in den letzten Jahrzehnten schwer, wieder einen Fuß auf den deutschen Buchmarkt zu bekommen. Ironischerweise waren es in beiden Fällen eher die Verfilmungen (z.B. „Out of Sight“ und „Schnappt Shorty“ bei Leonard oder „Spenser: For Hire“ bei Parker), welche nachträglich in Erinnerung geblieben sind und weniger die Romane an sich. Beim Pendragon Verlag versucht man dies mit der Veröffentlichung von Parkers „Spenser“-Titeln schon seit einigen Jahren zu ändern. Nun stößt auch Jesse Stone – Polizeichef der fiktiven Kleinstadt Paradise – zum Verlagsprogramm dazu. Zeit also, das Wirken Pendragons zu würdigen und vor allem den Werken Parkers nähere Aufmerksamkeit zu widmen – zumal sich dies für den Leser mehr als lohnt.

Robert B. Parkers Roman „Das dunkle Paradies“, der Auftakt der Serie um den Kleinstadt-Polizeichef Jesse Stone, erschien erstmalig im Jahr 1997. Ein Jahr später folgte die deutsche Übersetzung durch Robert Brack im Rowohlt-Verlag, der kurz darauf die Herausgabe weiterer Werke des Autors einstellte. Nun nimmt Pendragon, welcher sich in der Vergangenheit vor allem auf die späten Titel um den Bostoner Privatdetektiv Spenser konzentriert und auch den Standalone „Wildnis“ neu veröffentlicht hat, den Faden wieder auf. Eine gute Nachricht, erlebt der Leser hier doch eine Rückbesinnung auf die klassischen Motive des „Hardboiled“-Novels durch Parker, der auf die für Spenser so typischen lakonischen Frotzeleien verzichtet und dessen offensiv ausgestellter Coolness er die eiskalte Zurückhaltung Stones entgegenhält. Herausgekommen ist ein rasiermesserscharf geschnittener Plot. Ohne Haken und Ösen, gerade und zielstrebig wie ein amerikanischer Highway und tiefgründig wie der Pazifische Ozean, an dessen Ufer der Roman seinen Anfang nimmt.

Jesse Stone steht vor den Scherben seines Lebens. Seine Frau ist mit einem anderen durchgebrannt, er selbst ist dem Alkohol verfallen und hat dadurch seinen Job als Polizist bei der Mordkommission in Downtown L.A. verloren. Die einstige Heimat hält nichts mehr für ihn bereit, was bleibt ist die Flucht. Die Möglichkeit dazu bietet ein Job-Angebot von der anderen Seite des Kontinents. Als Polizeichef in der ruhigen neuenglischen Kleinstadt Paradise soll er für Recht und Ordnung sorgen. Stone, der dies als Chance sieht, seine Probleme in den Griff zu bekommen, nimmt an und macht sich im Auto auf den Weg quer durch die USA. Doch bereits kurz nach seiner Ankunft muss er erfahren, dass die beschauliche Idylle von Paradise vor allem eine gut gepflegte Fassade ist, unter der Korruption, Waffenhandel und politischer Extremismus hervorragend gedeihen.

Als wenig später ein Streifenwagen beschmiert und die Revier-Katze tot vor der Wache aufgefunden wird, regt sich in Stone erstes Misstrauen. Warum hat man gerade ihn eingestellt, wo sein Alkoholproblem doch bereits im Vorstellungsgespräch deutlich zutage getreten ist? Steckt der muskelbepackte Schläger Jo Jo Genest wirklich allein hinter der Tat oder handelt er im Auftrag eines anderen? Und wem kann er hier in Paradise eigentlich überhaupt noch trauen?

Völlig auf sich allein gestellt, beginnt Stone mit seinen Nachforschungen und sticht dabei in ein äußerst gefährliches Wespennest …

Zugegeben: Anhand des kurzen Inhaltsabrisses ragt Parkers „Das dunkle Paradies“ nicht wirklich aus der Masse der Kriminalliteratur heraus. Das Besondere offenbart sich auch erst im Detail, denn Parker präsentiert die allseits bekannte „Gebrochener-Cop-räumt-auf“-Story, die selbst „Rambo“-Darsteller Stallone zu höchsten schauspielerischen Leistungen beflügelte, in einem gänzlich anderen Gewand. Entgegen seiner Konkurrenz verzichtet der Autor auf die üblichen Rache-Effekte oder patronengeschwängerten Showdowns und überrascht stattdessen mit einem ruhigen, melancholischen Stil, der die stillen Momente weit mehr betont, als die durchaus auch vorhandenen Ausbrüche von Gewalt. Im Mittelpunkt des Ganzen steht dabei natürlich Jesse Stone, dessen wortkarge, introvertierte und vor allem undurchschaubare Art dem Leser sogleich ins Auge fällt und welche die Spannungsmomente des Romans mit seiner kühlen Gleichgültigkeit nochmals betont. Wo andere Cops mit großen Gesten, harten Sprüchen oder gar wohlgezielten Faustschlägen das kriminelle Gegenüber zu Fall bringen, genügt Jesse Stone meist ein langer, geduldiger Blick. Sein Verzicht auf viele Worte ist es, der seine Gegner zum Reden und damit letztlich auch zu Fall bringt. Ironischerweise ähnelt er dabei sehr einem weiteren Serienhelden, welcher sich jedoch auf der anderen Seite des Gesetzes aufhält: Richard Starks Parker. Gemein haben beide allerdings noch weit mehr.

Wie der Verbrecher, so weiht nämlich auch der Cop Stone niemanden in seine Pläne ein. Er ist ein Einzelgänger, trifft seine Entscheidungen allein und sieht auch keinerlei Notwendigkeit diese im Nachhinein anderen Personen zu erklären. Eine Eigenschaft, welche ihm neben Bewunderung auch später viel Kritik in Paradise einbringt, und schließlich dafür sorgt, dass der Leser gegen Ende um das Leben des pragmatischen Helden bangen muss. Bis dahin dreht Robert B. Parker die Schrauben am Plot immer enger, der sich, obwohl man in Perspektivwechseln stets über das Treiben der Gegenspieler informiert ist, in Sachen Spannung keinerlei Durchhänger erlaubt und vor allem „Noir“-Puristen aufs Beste unterhalten dürfte. Diesem Genre bleibt Parker in seiner altmodischen Erzählweise übrigens weitaus näher, als dem „Police Procedural“. Auch wenn sich ein Großteil des Romans in den vier Wänden des Polizeireviers abspielt, wird die eigentliche Arbeit der Gesetzeshüter nur wenig betont. Stone, abgehärtet durch seine Erfahrungen in Downtown L.A., agiert in erster Linie als Instinktermittler, der den Apparat lediglich zur Absicherung und möglichst wenig benutzt, da er bis zuletzt fürchten muss, den Feind in den eigenen Reihen zu haben.

Hierin unterscheidet sich der Roman auch von der (ebenfalls sehr empfehlenswerten) Verfilmung, in der Tom Selleck den gebrochenen Cop Jesse Stone mimt, und welcher Frank Göhre in der Pendragon-Ausgabe ein äußerst aufschlussreiches Nachwort gewidmet hat. Sellecks Stone ist zwar ebenso mundfaul, aber ein doch weit besserer Teamplayer als seine literarische Vorlage. Zudem gehen die Fernsehfilme in größerem Maße auf die Stellung der Polizei innerhalb der Kleinstadt ein. Diese Thematik reißt Robert B. Parker im Auftakt der Serie nur an, wobei es ihm mit wenigen Worten gelingt, die typische Szenerie der neuenglischen Provinz mit all ihren Facetten einzufangen bzw. den Kontrast zwischen West- und Ostküste zu unterstreichen. Überhaupt ist Stones Autofahrt von L.A. nach Paradise ganz zu Beginn eins der stilistischen Highlights des Romans, in dem Parker zwischen aktuellen Eindrücken und Rückblicken hin und her wechselt, und den Leser dabei gleichzeitig die verschiedenen Seiten der USA erleben lässt. Ob verschneite Berghänge, staubbedeckte Wüsten oder die kühle Gischt des tobenden Atlantiks – dank der bildreichen Sprache ist man stets mittendrin statt nur dabei.

Im Verbund mit dem temporeichen, geradlinigen Plot verzeiht man „Das dunkle Paradies“ dann sogar den ein oder anderen etwas zu tumben Bösewicht. Robert B. Parker ist mit Jesse Stone ein unheimlich interessanter Gegenpart zum lässigen Detektiv Spenser gelungen. (Auf den wird er in späteren Werken sogar persönlich treffen – Fans der Serie werden hier bereits Captain Healy wiedererkannt haben). Eine ganz dicke Empfehlung für alle Freunde des „Good-Old“-Noir und ein mehr als neugierig machender Auftakt einer Serie, bei deren Veröffentlichung der Pendragon Verlag hoffentlich langen Atem beweist. Mögen ihn möglichst viele Leser dabei unterstützen!“

Wertung: 86 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Robert B. Parker

  • Titel: Das dunkle Paradies
  • Originaltitel: Night Passage
  • Übersetzer: Robert Brack
  • Verlag: Pendragon
  • Erschienen: 2/2013
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-86532-355-2
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8 Gedanken zu “Tougher than the Rest

  1. Ach Mist, ich wollte diesen Krimi immer mal wieder lesen. Und immer ist mal wieder was dazwischen gekommen. Entweder das Leben oder ein anderes Buch. Deine Besprechung hat mich aber nun darin bestärkt, mir das Buch wirklich mal zur Lesebrust zu nehmen. Habe es eben in der Bücherei meines Vertrauens vorgemerkt und bestellt. Von nun an gibt es kein zurück …

    Übrigens mal ne Anmerkung off topic: Seitdem ich selbst die Bloggerei eingestellt habe, kam mir nur wenig Krimilesefutter unter die Augen. Ich hatte auf Spannungsliteratur einfach keinen Bock mehr. Und dann kamst du mit deinem neuen und wirklich, wirklich guten Blog und hast mich wieder so richtig angefixt. Ich kann derzeit meine Griffel einfach nicht von Krimis und Thrillern lassen. Ein herzliches Dankeschön dafür! 🙂

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    • Ach, ein schöneres Kompliment hättest du mir gar nicht machen können. Danke schön. 🙂 Da freut sich nicht nur mein Buchhändler-Herz (ich kann es also immer noch 🙂 ), sondern sicher auch der Pendragon Verlag, der in der Vergangenheit immer wieder finanzielle Risiken eingegangen und manchmal sogar (so weiß ich von Günther persönlich) kalkulatorisch unvernünftig gewesen ist, um uns hierzulande ein paar echte Perlen zu bescheren. Auch wenn ich Robert B. Parker nicht ganz oben in der Krimi-Liga einordnen würde – er hat weit mehr Aufmerksamkeit schlichtweg verdient. Diese schnurrende und gleichzeitig knarzig-trockene Schreibe ist eine herrliche-erfrischende Abwechslung im Mainstream-Allerlei.

      Bin gespannt, wie Dir „Das dunkle Paradies“ gefällt und werde weiterhin daran arbeiten Deine Sucht auf einem konstant hohen Level zu halten. 🙂

      Und nochmal – wirklich schade, dass du das Bloggen aufgegeben hast. Allein bei deinen Kommentaren hier merke ich wieder, wie viel der Bloggergemeinde und allen Krimi-Leseratten dadurch entgeht.

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      • Na ja, dem Verlag an sich nützt es ja nun rein gar nichts, dass ich den Krimi lesen werde, denn immerhin beziehe ich ihn ja aus der Bücherei. 😉 Und ich blogge halt auch nicht mehr und kann dementsprechend auch nicht weiter auf das Buch aufmerksam machen. 😉 Ich danke dir aber für dein Kompliment. In solchen Momenten juckt es dann doch in den Fingern. Und dann kommen all die Abers: Zum einen ist es bei mir privat gerade etwas stressig (Heirat in gut zwei Wochen, dann ist für nächstes Jahr ein Umzug geplant), was ja fürs Bloggen auch nicht so optimal ist. Zum anderen ist es aber vor allem so, dass ich die Arroganz, die Überheblichkeit, die Hau-drauf-Mentalität gewisser Krimiszenemenschen nicht wirklich abkann. Mit den Bloggern ist es toll. Da habe ich immer eine Menge Input bekommen und viele tolle Diskussionen mit sehr viel gegenseitigem Respekt geführt. Deswegen bleibe ich der Krimibloggerszene auch treu – als Kommentatorin. Ich habe allerdings keinen Bock darauf, ständig befürhcten zu müssen, von einem „Krimiexperten“ an die Wand gestellt zu werden, nur weil man aus was auch immer gearteten persönlichen Befindlichkeiten ein Problem mit Bloggern hat, die aus reiner Spaß an der Freud Krimis lesen – und dementsprechend nicht das Wissen mitbringen. Von einem Profi nett drauf hingewiesen zu werden, oder gar von dem an die Hand genommen zu werden (schau mal, ich zeig dir mal was in Sachen Krimi), ist natürlich ein ganz anderes Kaliber. Doch das findet nicht statt. Stattdessen gab es dieses Jahr gerade für Krimiblogger ein paar Mal zu oft fiese Seitenhiebe oder gar den öffentlichen Pranger. Und diese Krimiwelt ist einfach nicht meine Krimiwelt. Wer aber gerne mal abseits des Mainstreams über Krimis bloggt, kommt zwangsläufig mit dieser Welt in Berührung. Und das möchte ich ganz einfach nicht mehr. Umso schöner finde ich es aber, dass es Menschen wie dich mit Blogs wie deinem gibt. Hier fühle ich mich wohl. Hier bleibe ich. Als fleißig kommentierende Leserin. 🙂

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  2. Nur eine kleine Anmerkung zu Parker: In den 1970er- und spätestens in den 1980er Jahren war Parker als eine der kommerziellen Säulen der gelben Ullstein-Krimi-Reihe durchaus erfolgreich in Deutschland. Damals war auch hier so eine Art Renaissance des Privatdetektiv-Romans (Estleman, Grafton, Greenleaf etc.)spürbar; und Parkers Spenser war die Speerspitze.

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    • Danke Herr Compart, für die Richtigstellung. Dann ist das von mir genutzte „Zeit seines Lebens“ dann natürlich nicht mehr adäquat und ich werde es dementsprechend ändern. Es war auch nicht meine Absicht Parkers Bedeutung herabzuwürdigen, aber wir können uns vllt. darauf einigen, dass er in den letzten 30 Jahren leider keine große Rolle mehr auf dem deutschen Buchmarkt gespielt hat. Auch wenn das für viele andere Autoren (u.a. Greenleaf, McBain (inzwischen auch dank Frau Beck wieder als eBook erhältlich) und Estleman – die ich in der erwähnten Ausgabe noch wartend im Regal stehen habe) ebenso gilt, schien mir das bei den „Spensers“ immer sehr auffällig. (Ob das allgemein mit einem zwischenzeitlichen Niedergang des Private-Eyes zusammenhing, kann ich (ohne Recherche) nicht beurteilen. Das war noch vor meiner Zeit. 😉 ) Und dass Günther Butkus die „Spensers“ seit Jahren veröffentlicht, ist dann – auch seinen eigenen Aussagen nach – mehr verlegerischer Trotz als wirklich gewinnbringendes Handeln. Was sich mit der „Stone“-Serie jetzt gottseidank aber langsam ändert.

      Wie dem auch sei: Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit darf diesem verdienten Autor in jedem Fall zuteil werden. Das gilt übrigens auch für die Cole-Hitch-Bände beim Europa Verlag Zürich.

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  3. Das stimmt ja: In den letzten Jahrzehnten hatte Parker auf dem deutschen Markt nicht mehr den Erfolg und die Durchschlagkraft (in den USA war er immer auf der Bestsellerliste). und das gilt leider für viele von mir geschätzte Autoren.
    Aber erstmal: Glückwunsch zum Blog! Sehr engagiert und für mich eine Informationsquelle.Dein Einverständnis vorausgesetzt, habe ich ihn in meine Blogroll aufgenommen.
    Grüsse,
    Martin

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  4. Pingback: No man is an island | crimealleyblog

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