In London ist der Teufel los

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(c) Walde & Graf

Noch erstrahlen die Blätter in den Wäldern direkt vor meiner Haustür in den buntesten Farben, macht der „Goldene Oktober“ seinem Namen wahrlich Ehre. Doch der Winter steht vor der Tür. Und mit ihm hält dann farblich meist auch die grau-weiße Tristesse Einzug. Vielleicht ein Grund, warum ich gerade dann alte „Noir“-Filme oder Detektiv-Serien wie Sherlock Holmes mit Jeremy Brett, Rutherfords Miss Marple oder David Suchet als Poirot herauskrame. Neben den Aspekt der Gemütlichkeit, ist es vor allem die zeitliche Epoche, in der die genannten Geschichten spielen. Dicht gefolgt von Edgar Wallace oder den Hammer-Horrorfilmen, die mich ebenfalls schon früh geprägt haben.

Genau deshalb habe ich in den letzten Tagen zum zweiten Mal die Lektüre von Javier Márquez Sanchéz‘ „Das Fest des Monsieur Orphée“ genossen. Eine launige Kombination von klassischem Detektivroman und billig-gruseligen Effekten des 50er/60er Horrorfilms. Oder um es bildlicher zu sagen: Als ob Sir Arthur Conan Doyle, Edgar Wallace und Quentin Tarantino zusammen ein Drehbuch geschrieben hätten.

„Zugegeben: Es geschieht relativ selten, dass ich ein Buch allein aufgrund seiner Aufmachung gleich vom Fleck weg kaufe, da viele Jahre der Lektüre mich mittlerweile gelehrt haben, einen Titel tatsächlich nicht nach dem Cover zu beurteilen. Im Fall von Javier Márquez Sánchez‚ „Das Fest des Monsieur Orphée“ konnte ich aber ich schlichtweg nicht widerstehen, hat sich doch der herausgebende Walde+Graf Verlag, welcher bereits mit „Sick City“ für wohlwollendes Raunen unter den Bibliophilen gesorgt hat, in Punkto Ausstattung einmal mehr selbst übertroffen.

Schwarzer Einband mit gelber Schrift unter einem ebenso gelben Mond, eine Katze mit roten Augen und zwischen den Buchdeckeln auf dem Kopf stehende Seitenzahlen und die düsteren, atmosphärischen Illustrationen von Patric Sandri. Dazu gleich zu Beginn eine Leinwand im Stil eines Filmvorspanns, auf der die beteiligten Protagonisten der Wichtigkeit nach geordnet genannt werden – egal, wie man es dreht und wendet oder wo man es gerade aufschlägt, das Buch ist ein echter Eye-Catcher. Und natürlich eine literarische Reminiszenz an das Familienunternehmen Hammer-Films, das Mitte der 50er Jahre damals gelockerte Zensur-Gesetze in Großbritannien nutzte, um mittels viel künstlichem Nebel und noch mehr künstlichem Blut den guten alten Gothic-Horror des 19. Jahrhunderts im moderneren Gewand wieder salonfähig zu machen. Unvergesslich die Auftritte Christopher Lees als Dracula sowie das prägnante Gesicht von Peter Cushing, renommierter Schauspieler der BBC und Hauptakteur vieler Hammer-Produktionen  (u.a. ebenfalls „Dracula“ und „Frankensteins Fluch“), der heutzutage den meisten vielleicht noch aufgrund seiner Rolle als Großmoff Tarkin im allerersten Star Wars-Film bekannt sein dürfte.

Zu der Gestaltung des Buchs samt retrospektiven Setting gehört nun natürlich noch eine Handlung. Und es ist dann beinahe folgerichtig, dass auch hier Peter Cushing eine gewichtige Rolle zu spielen hat:

Longtown, ein kleines, beschauliches Dorf im ländlichen Nordengland. Für John Gilligan, Fahrer des Postlieferwagens, nur eine weitere Zwischenetappe auf seiner morgendlichen Route, welche sich nach einer harten Feier am Abend zuvor und dem damit verbundenen schweren Kater allerdings diesmal umso anstrengender gestaltet. Er kann nicht ahnen, dass er kurz davor steht schlagartig wieder gänzlich nüchtern zu werden. Als er die abgelegene Ortschaft erreicht bietet sich ihm ein schreckliches Bild. Etwa zweihundert Bewohner von Longtown – und damit die gesamte Bevölkerung – sind auf brutalste Art und Weise im Schlaf umgebracht worden. Schlimmer noch: Alles deutet daraufhin, dass die Kinder das Massaker selbst verübt haben. Nur um anschließend die Kirche zu stürmen, den Pfarrer mit dem Kopf nach unten zu kreuzen und sich selbst auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen.

Mit der Aufklärung dieser unbegreiflichen Tat wird der auf merkwürdige Kriminalfälle spezialisierte Inspektor Carmichael betraut, welcher, gemeinsam mit seinem Assistenten Harry Logan, bald auf weitere absonderliche und besonders grausame Todesfälle im Umfeld stößt. Allen Vorgängen haftet etwas Diabolisches an, dass sich nicht durch die üblichen polizeilichen Methoden einordnen lässt. Als die Ermittlungen fortschreiten, weisen alle Spuren auf einen als verschollen geltenden Hollywoodfilm aus den frühen 20er Jahren. „Das Fest des Monsieur Orphée“ gilt laut einer Legende als von Luzifer persönlich gedrehter Film und soll jeden seiner Betrachter zu Wahnsinnstaten verführen. So absonderlich und unwahrscheinlich die Theorie selbst für Carmichael klingt – die teuflischen Machenschaften scheinen selbst im modernen London der 50er zuzunehmen. Kanalisiert bei dem einflussreichen Lord Meinster, der in der Themse-Hauptstadt hohes gesellschaftliches und wirtschaftliches Ansehen genießt. Hat er tatsächlich seine Hand im Spiel?

Während Carmichael und sein Zögling die Fährte weiterverfolgen, befindet sich zeitgleich auch Peter Cushing auf dem Weg zu eben jenem Lord, um für seine kommende Rolle in einer Neuverfilmung von Frankenstein vorbereitende Recherchen zu betreiben. Und auch ihn beunruhigen die merkwürdigen Todesfälle und der geheimnisvolle Film ebenso wie der geistige Einfluss des Lords, dem man sich nur schwer entziehen kann. Als Cushing zum ersten Mal auf die beiden Ermittler trifft, schließen sich zu einem Bündnis gegen das Böse zusammen. Aber noch rechtzeitig?

Nachdem bereits genug Worte über das äußere Erscheinungsbild von „Das Fest des Monsieur Orpée“ gefallen sind, nun etwas zum Buch selbst, bei dem es sich übrigens um den Erstling vom Autor Márquez Sánchez handelt. Und daran seien auch die zahlreichen Kritiker erinnert, welche den Schriftsteller für Idee und Konzept loben, im selben Atemzug aber die mangelnde sprachliche Ausführung beklagen, was ich ehrlich gesagt nur bedingt bestätigen kann bzw. in den wenigen Fällen vielleicht, in Unkenntnis des Originals, eher der Übertragung ins Deutsche anlaste. Aber selbst diese Übersetzung kann unter meinem scharfen Auge durchaus bestehen. Zudem sollte man sich in Erinnerung bringen, dass Sánchez die Welt der Hammer-Horrorfilme mittels typischer Elemente des trashigen Pulps auf Papier gebannt hat. Ein Genre, welches nicht unbedingt für einen hochliterarischen Sprachstil oder kunstvolle Wortgebilde steht. Und gerade bei dieser Übertragung zwischen den Mediengattungen hat der Autor seine Arbeit hervorragend gemacht, was man wohlgemerkt nur dann erkennt, wenn man mit den genannten Leinwandklassikern vertraut ist bzw. ihnen überhaupt etwas abgewinnen kann.

Das Fest des Monsieur Orphée“ mag die typischen Ingredienzien eines Kriminalromans enthalten, mag die düstere Atmosphäre des Gothic Novels äußerst geschickt ins neblige London der 50er übertragen – es bleibt aber in erster Linie eine Filmhommage. Und das über die volle Distanz und auf ganzer Linie. Die schreiende „Maiden“ in Nöten, die mystischen Herrenhäuser, die verstaubten Kellergewölbe, die dunklen Parks, die dicken Samtteppiche und schweren Brokatvorhänge. All das ist untrennbar mit den Filmen (u.a. die hierzulande noch bekannteren Edgar-Wallace-Produktionen)  der damaligen Zeit verbunden und bildet das Grundgerüst, welches Sánchez durch das verweben alter (und manchmal auch erfundener) Hollywood-Legenden und einem typischen Rätsel-Krimi im Stile Sir Arthur Conan Doyle schließlich komplettiert. Es ist insofern vollkommen unpassend, dem Autor hier klischeehafte Figuren oder einen platten Plot vorzuwerfen – das ist schlichtweg der cineastischen Vorlage geschuldet. Der verwirrte Professor, der geniale Ermittler, bösartige Gegenspieler in seinem Geheimversteck. Sie waren in den damaligen Produktionen eben allgegenwärtig,

Wer sich darauf einlässt, er wird aufs Beste unterhalten. Der Spannungsbogen bleibt ebenso durchgängig hoch wie das schaurige Element, welches bei mir in Form dieses merkwürdigen Films tatsächlich für einen wohligen Schauder gesorgt hat. Hinzu kommen spritzige, witzige und nicht selten augenzwinkernde Dialoge, welche bei Kennern hier und dort zu Déjà-vu-Erlebnissen führen dürften, ohne aber dass Sánchez der Versuchung erliegt, an jeder Stelle Verweise oder Anspielungen einbauen zu wollen. Das Tempo bleibt ebenfalls hoch, was nicht zuletzt an den vielen Perspektivwechseln liegt, die, Schnitten im Film gleich, von Protagonist zu Protagonist schalten, bis am Ende alle Fäden zusammengeführt werden und der Kampf der wenigen Guten gegen die diabolische Armee der Londoner Widersacher beginnt. Unnötig zu erwähnen, dass hier auch der Ausgang den Vorbildern der Kinoleinwand nacheifert.

Unwirklich, gespenstisch, gruselig – und doch immer auf anregend andere Art und Weise unterhaltsam. „Das Fest des Monsieur Orphée“ ist ein vielfältiger Schmöker in äußerst stimmungsvollen Gewand, der unbedingt mehr Leser verdient hat und jedem Regal eines Bibliophilen zur Zierde gereicht. Dicke Empfehlung meinerseits!“

Wertung: 92 von 100 Trefferneinschuss2Autor: Javier Márquez Sánchez

  • Titel: Das Fest des Monsieur Orphée
  • Originaltitel: La fiesta de Orfeo
  • Übersetzer: Luis Ruby
  • Verlag: Metrolit (Walde + Graf)
  • Erschienen: 8/2011
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 406
  • ISBN: 9783849300142
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