„Dead men are heavier than broken hearts.“

978-3-257-20132-1

(c) Diogenes

Gerade erst vor ein paar Tagen habe ich mich mit Übersetzer Peter Torberg am Liebeskind-Stand auf der Büchermesse über ihn unterhalten. Es ging um Krimis, bei denen die Auflösung eigentlich egal ist, weil der Weg dorthin das Ziel darstellt, jeder Satz bis zum Finale genug Erlebnis bietet und es keiner künstlichen Überraschung am Schluss bedarf. Gemeint ist Raymond Chandler. Ein ewiger Klassiker und Wegbereiter des modernen Hardboiled-Genres.

„Kapitulation – eine Entscheidung, welche ich in meinem bisherigen Leben noch in keiner Situation als Alternative in Erwägung gezogen habe. Bei der Niederschrift meiner Rezension zu Raymond Chandlers Debütroman „Der große Schlaf“ kam mir zwischendurch aber tatsächlich mal der Gedanke, dass ich es besser lassen sollte, das Werk des Mannes einer Bewertung zu unterziehen, welcher zwar nicht das eigentliche Genre aus der Taufe gehoben – dafür zeichnet allgemein anerkannt Dashiell Hammett verantwortlich – aber wie kaum ein anderer den „Hardboiled“-Roman so nachhaltig geprägt und letztlich auch salonfähig gemacht hat. Oder um es bildlich auszudrücken: Die Tür zu einer neuen Art von Literatur wurde vielleicht von Hammett gezimmert, die Türklinke um sie zu öffnen und die Welt dahinter zu betreten, verdanken wir meines Erachtens jedoch Chandler. Sein Stil gilt bis heute für alle Schriftsteller, die sich im „Noir“-Bereich und deren Grenzgebiet tummeln als richtungsweisend und taktgebend. Kaum einer, der den 1888 in Chicago gebürtigen Autor nicht als Vorbild angibt, kaum ein Verlag, der den zugkräftigen Namen nicht an irgendeiner Stelle des Buchdeckels platziert, um die Relevanz und Größe des jeweiligen Werks zu unterstreichen. Wann immer man zu einem Buch von John Connolly, Dennis Lehane, Michael Connelly (oder gerade aktuell Ben Atkins „Die Stadt der Ertrinkenden“) und Co. greift – der Name Chandler fällt einem, meist schon auf dem Klappentext, direkt ins Auge. Und dass diese an Heldenverehrung grenzende Würdigung durchaus seine Berechtigung hat, wird man bereits nach der Lektüre von „Der große Schlaf“ feststellen.

1939 veröffentlicht, kehrt hier eine Figur zurück, welche bereits vier Jahre zuvor, genauer gesagt im Januar 1935, ihren ersten Auftritt in der Kurzgeschichte „Killer in the Rain“ (erschienen im Magazin „Black Mask“) gefeiert hatte und den sein schriftstellerischer Vater in „Der große Schlaf“ auf einer neuen Bühne präsentiert: Der Privatdetektiv Philip Marlowe. Seine erste literarische Ermittlung hat nicht nur die Grundfesten des damaligen Krimi-Genres erschüttert, sondern letztlich sogar die Entwicklung einer neuen Film-Gattung befeuert. Und die Verkörperung Marlowes durch Humphrey Bogart an der Seite von Lauren Bacall in der Leinwandumsetzung „Tote schlafen fest“ gilt bis heute gar als einer Höhepunkte des Film Noir. Mehr noch: Es fällt schwer Chandlers Marlowe Reihe zu lesen und dabei nicht wenigstens ab und zu Bogarts Antlitz vor Augen zu haben. Falls jemand jedoch weder das Buch gelesen, noch den (äußerst sehenswerten) Film gesehen hat, sei hier der Inhalt kurz angerissen:

Los Angeles in den 30er Jahren. Die ersten Regenfälle kündigen sich schon in den kalifornischen Vorbergen an, als der 33-jährige Philip Marlowe das Anwesen des steinreichen, aber auch sterbenskranken ehemaligen Ölmagnaten General Guy Sternwood betritt, welcher – mit zwei missratenen Töchtern geschlagen – den Privatdetektiv um Hilfe bittet. Vor wenigen Tagen erhielt der General mit der Post drei Schuldscheine über einige tausend Dollar. Alle unterschrieben von seiner jüngsten Tochter Carmen, die, wie ihre älter Schwester Vivian, verheiratetet mit einem vor kurzem verschollenen Schnapsschmuggler namens Terence „Rusty“ Regan, mit Freude dem Glücksspiel frönt. Der Hintergrund liegt auf der Hand: Erpressung. Marlowe soll die Sache nun näher aufklären und den Absender „zur Rede“ stellen. Dieser ist schnell gefunden. Arthur Gwynn Geiger, nach außen hin einfacher Inhaber eines Antiquariats, scheint unter der Theke noch ganz andere Geschäfte zu betreiben. Zumindest seine ihn verleugnende Angestellte legt diesen Verdacht nahe, welche augenscheinlich keinerlei Ahnung von Literatur, dafür aber ganz andere Reize in Petto hat. Marlowe folgt daraufhin kurzerhand Gwynns Spur zu dessen Haus im Laverne Terrace, wo seine nächtliche Observierung durch einen Schuss und einen darauffolgenden markerschütternden Schrei ein jähes Ende findet.

Im Haus findet er den Antiquar – eindeutig tot – in einer Art Fotostudio. Vor der in einer maskenähnlichen Skulptur versteckten Linse räkelt sich die im Vollrausch befindliche, gänzlich nackte Carmen Sternwood. Von einem Täter oder der Mordwaffe fehlt jegliche Spur. Befindet sich die Pistole vielleicht unterhalb der Leiche? Marlowe, der glaubt nicht mehr viel Zeit zu haben, bis die Polizei am Tatort eintrifft, schleppt Carmen kurzerhand aus dem Haus und fährt diese nach Hause, wo sie von einem erleichterten Butler im Empfang genommen wird. Fall erledigt so scheint es. Doch bei seiner Rückkehr zum Tatort muss er feststellen, dass auch Geigers Leiche inzwischen durch Abwesenheit glänzt.

Wer hat sie dort weggeschafft? Und hat dieser jemand gesehen, wie er Carmen aus dem Haus geschafft hat? Als er am nächsten Morgen vom Tod des Chauffeurs der Familie Sternwood erfährt – er ist offensichtlich samt dem Dienstwagen ins Meer gerast – wird Marlowe klar, dass er mit seinen Ermittlungen in ein Wespennest gestochen hat, in dem Erpressung durch Pornografie nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Ein gefährlicher Spießrutenlauf beginnt …

Während auf der anderen Seite des Atlantiks die Morduntersuchung als fairer Sport unter Gentleman das „Golden Age“ der „Whodunits“ trug, stellte Philip Marlowe Ende der 30 Jahre eine gänzlich neue Art des Ermittlers dar. Er ist der Ur-Typus des unbestechlichen, harten und melancholischen Einzelgängers. Ein Privatdetektiv, dem der Auftrag wichtiger ist als das Geld, dass er dafür bekommt und der gnadenlos tötet, wenn es sein muss und sich doch zwischen all den korrupten und geschmierten Bullen des sonnigen Kaliforniens eine gewisse Moral bewahrt hat. Und diese ist nicht selten auch der Leitpfaden seiner Geschichten, da im Laufe der Ermittlungen der eigentliche Fall auch mal in den Hintergrund gerät. Zigarrenasche auf dem Teppichboden, Lippenstift auf dem Glas, Fußspuren im matschigen Untergrund – solch kleine Hinweise überlässt ein Marlowe lieber Detektiven wie Hercule Poirot, Gideon Fell oder Miss Marple.

(…) „Ich bin nicht Sherlock Holmes oder Philo Vance. Ich schnüffle nicht, nachdem die Polizei schon da war, noch mal am Tatort rum, um ’ne zerbrochene Füllfeder aufzulesen und ’nen Fall drauf aufzubauen. Wenn sie glauben, dass es einen im Detektivgeschäft gibt, der so seine Brötchen verdient, dann kennen sie die Polente schlecht.“ (…)

Philip Marlowe trifft Entscheidungen stattdessen aus dem Bauch, folgt den Menschen, welche er in die Enge treibt, umgarnt, bedroht oder einfach verhört. Je nachdem was die Situation gerade erfordert. Und statt Tee, Morphium oder Pfeife gönnt sich Marlowe auch lieber (mitunter etwas übertriebene) Unmengen an Alkohol. Raymond Chandlers Skizzierung von Philip Marlowe hebt sich hier nicht zufällig von den Figuren auf der anderen Seite des großen Teichs ab, sondern ist vielmehr als direkter Gegenentwurf zu verstehen, was das obige Zitat mehr als deutlich macht. Ohne Übertreibung darf man behaupten, dass Chandler die künstlichen Welten einer Christie (mit der er sogar einen barschen Briefwechsel geführt hat) oder einer Sayers regelrecht gehasst hat, da er den Wohlfühlfaktor dieser Rätselkrimis nie mit der brutalen Realität eines echten Mords in Einklang bringen konnte. Er wollte das stereotype Schema aufbrechen, dem Genre literarische Bedeutung verleihen, Realismus, Milieucharakter und Sozialkritik im Krimi Einzug halten lassen. Selbst auf die Gefahr hin, damit gänzlich gegen die damals populäre Form der Detektivgeschichte anzusteuern.

Ein Risiko, dass sich letztlich auszahlte. Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre begann die heile Welt des „Golden Age“ – auch durch die Schrecknisse des Krieges – endgültig zu bröckeln. Aus diesen Trümmern erhob sich Philip Marlowe. Intelligent, mitunter charmant, aber vor allem bodenständig. Die Zeit des geistigen Superhirns, das am Ende dem Leser erklären musste, wie der Mord abgelaufen ist – sie war vorbei. Chandler und auf ihn folgende Schriftsteller wie z.B. James M. Cain oder Richard Stark interessierten sich nun weniger für die Identität des Mörders, als vielmehr für die Umstände, die ihn dazu verleiteten, einen Mord zu begehen. Und sie brachten noch ein Element mit, das meiner Ansicht nach sogar das wichtigste darstellt: Eine gehörige Portion Coolness. Man könnte fast behaupten: Vor Philip Marlowe war „Cool“ nur ein Begriff ohne Inhalt. Ein Begriff, den Marlowe mit Leben füllt, denn egal wie sich dieser oftmals sexistische und taktlose Chauvinist gegenüber anderen verhält – sein nur oberflächlicher Zynismus entlarvt ihn letztlich doch als Idealist. Ein Idealist, der sich aber keine Blöße gibt und sich auch für niemanden verbiegt:

(…) „Von mir aus können Sie die feine Dame markieren oder aus einer Whiskypulle frühstücken. Sie dürfen mir auch gern Ihre Beine zeigen. Es sind prima Beine, und es ist mir ein Vergnügen, ihre Bekanntschaft zu machen. Sie können meine Manieren kritisieren. Sie sind ja auch schlecht. Ich habe an langen Winterabenden schon manche Träne darüber vergossen. Aber versuchen Sie nicht, mich ins Kreuzverhör zu nehmen.“ (…)

Es sind Abschnitte wie dieser, welche nicht nur von der Intelligenz Marlowes künden, sondern die auch verdeutlichen, warum es bis heute keinen Schriftsteller gibt, der Chandler in seinem Fach wirklich das Wasser reichen kann. Sicher, es gibt einige Figuren, die Marlowe stark ähneln. Es gibt viele Krimi-Serien, die ein ähnlich atmosphärisches Setting aufweisen. Es gibt Bücher, deren Plot Parallelen zu Marlowes Fällen aufweist. Der Stil aber – er bleibt unnachahmlich, unkopierbar einzigartig. Chandler hat seine Gedanken mit einem lakonischem Witz, tiefschwarzem Sarkasmus und einer unerreichten Coolness aufs Papier gebracht. Eine Mischung, die bis heute beeindruckt und seinesgleichen sucht. Weit weg vom Glamour Hollywoods tauchen wir hier in düstere Gassen ein, harren in dunklen Ecken aus und treffen bildhübsche Frauen, deren Attraktivität aber letztlich nicht reicht, um uns von unserem Weg, der Aufklärung, abzubringen.

Über knapp 200 Seiten führt uns Chandler durch diese dennoch erstaunlich komplexe Geschichte aus Erpressung, Entführung, Mord und Prostitution – mit einer Sprache, die schnurrt wie ein Kätzchen, mit einer atmosphärischen Dichte, welche man mit dem Messer schneiden könnte, mit Twists and Turns, die uns mit den Ohren schlackern lassen. „Der große Schlaf“ ist nicht mehr und nicht weniger, als ein (auch sprachlich) herausragendes Kunstwerk. Ein kultiger Klassiker, der keinerlei Staub angesetzt hat, der in jeder Zeile vor Leben sprüht, und der alles, ja, aber auch alles bietet, was ich an dem „Hardboiled“-Genre so liebe. Und was das den finalen Showdown angeht – für mich eine der besten Szenen, die ich jemals in einem Krimi gelesen habe..“

Wertung: 98 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Raymond Chandler
  • Titel: Der große Schlaf
  • Originaltitel: The Big Sleep
  • Übersetzer: Gunar Ortlepp
  • Verlag: Diogenes
  • Erschienen: 03.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 208
  • ISBN: 978-3-257-20132-1
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2 Gedanken zu “„Dead men are heavier than broken hearts.“

    • @ Micha
      Danke schön! 🙂 Ah, wo du Declan Burke schreibst: „Absolute Zero Cool“ muss auch noch dringend in mein Bücherregal.

      Chandler ist für mich immer noch die Referenz, an der sich alle messen lassen müssen. So lässig cool und doch gleichzeitig so scharf wie ein Rasiermesser – ich finde die Marlowe-Romane einfach nur großartig.

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